Ist die Wikipedia zitierfähig? » Der Umgang mit wissenschaftlichen Quellen | Werkstattnotiz 126
Wer heute länger als 15 Minuten mit einem Hochschuldozenten zusammensitzt und sich vielleicht sogar noch danach erkundigt, wie es ihm denn aktuell in den Seminaren ergehe, der bekommt garantiert folgendes zu hören: 1. Die Studenten werden immer frecher, kopieren dreist ganze Seminararbeiten aus dem Internet, wissen aber nicht einmal, wie man Plagiat schreibt, 2. Man muß schon froh sein, wenn in den Anfängerseminaren korrekt aus der Wikipedia zitiert wird.
Die Diskussion um die Wikipedia und ihre Bedeutung im wissenschaftlichen Kontext ist ein Dauerthema. In Zürich fand am vergangenen Dienstag ein Kolloqium unter dem Titel: “Nicht zitierfähig (?) – Wikipedia und die Wissenschaft” statt.
Die große Frage: Sind Wikipedia-Artikel zitierfähig?
Es ging, mal wieder, um die Frage, ob Wikipedia-Artikel zitierfähig sind, welches Wissenschafts- und Quellenverständnis man pflegen will und ob die Akzeptabilität von Wikipedia-Texten vielleicht doch sukzessive steigt.
Ich selbst habe mich bereits an verschiedenen Stellen zu diesen Fragen geäußert. Das Kernproblem resultiert m.E. aus diesen beiden Punkten:
Kann man auf Quellen verweisen, deren Autoren nicht adressierbar sind? Darf man als Wissenschaftler auf eine Quelle verweisen, an der buchstäblich “jedermann” mitwirken kann und deren Qualität nicht zuverlässig sichergestellt ist?
Denn im Gegensatz zu fast allen anderen schriftlichen oder in anderem Aggregatszustand vorliegenden Quellen, zeichnet sich die Wikipedia dadurch aus, daß die Autoren hinter dem Kollektiv der fleißigen Wiki-Wissensarbeiter verschwinden. Während ich beim Journalartikel oder bei der Monographie den konkreten Autor und selbst beim Zeitungstext den Redakteur benennen und auch verantwortlich adressieren kann, ist das bei Wikipedia nicht möglich. Da aber wissenschaftliche Aussagen immer auch vom Status (Reputation, Glaubwürdigkeit etc.) der jeweiligen Sprecher abhängen, hat die Wikipedia hier ein Problem.
Die Problemkreise: Qualitätssicherung, Anonymität & Versionsunterschiede
Der zweite problematische Aspekt kommt dadurch zustande, daß einerseits keine Zugangshürden für die Mitarbeit gegeben sind1, andererseits die Artikel selbst dynamisch sind.
Soll heißen: Wikipedia-Texte befinden sich im Fluß. Zwar kann prinzipiell über einen Permalink auf eine konkrete Version verwiesen werden, davon wissen aber viele Wissenschaftler nichts. Was also, das ein weit verbreiteter Einwand, nutzt eine Quelle, die morgen schon ganz anders aussehen kann?
Zusammengefasst hat die Wikipedia – so die häufigsten Reklamationen – drei Probleme: erstens die Qualitätssicherung, zweitens die Anonymität, drittens ihre Flüchtigkeit.2
Wie Jan Hodel aus Zürich berichtet, sind inzwischen durchaus viele Institutionen dazu übergegangen, alle Zitate aus der Wikipedia strikt zu untersagen:
Stattdessen gehen laut Berichten der Anwesenden viele Institutionen dazu über, Zitate aus Wikipedia einfach zu unterbieten: «Don’t Cite Wikipedia».
Das ist nun wirklich eine Reaktion, die in ihrer Hilflosigkeit kaum zu überbieten ist. Denn ich möchte – und hier stimme ich mit Jan Hodel und anderen überein – nochmal klar feststellen: natürlich ist die Wikipedia zitierfähig! Man muß aber wissen, wie und in welchen Kontexten.
Für alle (wissenschaftlichen) Zitate gilt:
- Zitierfähig sind alle (!) veröffentlichten und dauerhaft zugänglichen Quellen.3
- Wikipedia ist eine öffentliche (Online-)Quelle und dauerhaft verfügbar.4
- Jedes Zitat ist ein Verweis auf die Aussagen und Erkenntnisse von dritter Seite. Eine kritische Prüfung auf Plausibilität, Vollständigkeit und Objektivität ist immer erforderlich. Dies gilt für Informationen und Textstellen aus der Wikipedia, wie für alle anderen Quellen.
- Das Zitat muß hinreichend und gemäß den jeweiligen disziplinären Konventionen belegt und präzise bestimmt werden. Üblicherweise sind Autor, Jahr, Titel, Verlag etc. obligatorisch. Bei Onlinequellen ist der genaue Permalink und das Abrufdatum zwingend anzugeben. (Vgl. diesen Werkstattartikel)
Für Wikipedia-Artikel gelten folgende Einschränkungen und Besonderheiten:
- Der Autor muß begründen, weshalb er ein Wikipedia-Zitat verwendet. Stehen (konventionelle) Alternativen zur Verfügung,5 ist das Wiki-Zitat bloße Bequemlichkeit und nicht legitim. In vielen Fällen dürfte der Faktor Aktualität entscheidend sein.6 Außerdem darf und muß natürlich aus Wikipedia zitiert werden, wenn sie selbst Gegenstand der Arbeit ist.
Um ehrlich zu sein, verstehe ich teilweise die Aufregung nicht. Ein prinzipielles Verbot von Wikipedia-Zitaten oder gar der Benutzung des Mitmach-Lexikons ist genauso absurd, wie Jubelarien an dessen Adresse. So schwierig kann es doch nicht sein, den Studenten beizubringen, daß die Bezugnahme und der Verweis auf Quellen (egal welcher Provenienz) das Ergebnis eines nüchternen Abwägungsprozesses ist. Wenn an dessen Ende die Erkenntnis steht, daß eine Passage aus der Wikipedia zitiert werden muß – bitte sehr, warum nicht?
Das generelle Verbot von Zitaten aus der Wikipedia ist Blödsinn. Stattdessen wäre es die Aufgabe von Unis, die Sensibilität für diese besondere Quelle zu schärfen.
Wünschenswert wäre es natürlich, wenn es gelänge, die Sensibilität für diese durchaus besondere Quelle zu schärfen. Auf Seiten der Studenten und (!) der Dozenten. Wieso bieten die Unis nicht verpflichtend einen Wiki-Kurs an?
Einen Seminarkurs im ersten Semester, in dem Dozenten und Studenten gemeinsam in der “großen” Wikipedia editieren und die Entwicklung einzelner Artikel verfolgen. Die Lerneffekte dürften beträchtlich sein. Alternativ ist die Pflege eines eigenen, “kleinen” Themenwikis sicherlich ebenso geeignet, um den Studenten nahezubringen, daß Wikis tolle Werkzeuge sind, man aber nicht allzu naiv im Umgang mit ihnen sein sollte.
In diesem Sinne: für weniger Naivität, aber dennoch genug Offenheit für die Wikipedia im akademischen Kontext.
- Hodel, Jan: ZB-Kolloquium zur Zitierbarkeit von Wikipedia, weblog.hist.net, 31.10.2008
- Scheloske, Marc: Eine Wissenschaft für sich » Wie man Blogs wissenschaftlich korrekt zitiert, Wissenswerkstatt, 4.12.2007
- Lorenzen, Klaus F.: Zitieren und Belegen in wissenschaftlichen Arbeiten, PDF-Download
Technorati-Tags:
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Quellen
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- Ob der jeweilige Mitautor des Wikiartikels ein Studium im fraglichen Bereich aufzuweisen hat, ist vollkommen irrelevant. [↩]
- Die “Flüchtigkeit” im Sinne der verschiedenen Versionen, die aufeinanderfolgen. [↩]
- Mündliche Gespräche scheiden insofern aus. [↩]
- Dies ist durch den Verein Wikimedia hinreichend sichergestellt. [↩]
- Fachbücher, Nachschlagewerke, Fach- oder Zeitschriftenartikel. [↩]
- Eine Seminararbeit im WS 2008/2009 in politischer Wissenschaft zum US-Wahlkampf zwischen Barack Obama und John McCain darf natürlich auch auf Wikipedia verweisen. [↩]



In meinem Fachgebiet sind Wikipediazitate immer Ausdruck unzureichender Recherche und von Bequemlichkeit, da die Wikipedia immer schon Originalartikel zitiert. Das mag in den Geisteswissenschaften anders sein.
Nichts desto trotz ist Wikipedia ein hervorragendes Nachschlagewerk, zum Teil besser und aktueller als teureLehrbücher.
Ich finde es schade, dass webseiten wie Wikipedia oder auch manche Online-Zeitungen heutzutage der einzige Zugang zu Wissenschaften für junge Leute sind. Spiegelonline, spektrumdirekt, Handelsblatt, … oder blogs dienen den Leuten heute als Nachschlagewerke, eher als dafür vorgesehene Bücher. Das bringt nicht nur eine Senkung des Niveaus der Leser, sondern auch der Autoren mit sich, die sich dem Leserniveau anpassen oder schon aus der Leserschaft stammen und es nie anders kannten und konnten. Das ist mir beispielsweise auch bei der Berichterstattung zu den diesjährigen Nobelpreisen aufgefallen. Typisch oberflächlich bei spektrumdirekt.de berichtet Maike Pollmann, und lässt ein Schlagwort nach dem anderen fallen, ohne Sinnzusammenhänge herzustellen – genauso abgeschrieben von der Nobelpreisseite hat eine Judith Hartl auf dw-world.de, und den Artikel von Holger Dambeck bei spiegelonline möchte man gar nicht erst kommentieren, um nur einige zu nennen… Aber das ist eben die einzige Basis, auf der sich die heutigen Leser informieren… da möchte man sich beinahe noch freuen, wenn sie auf Wikipedia vorbeischauen….
Mir wurde beigebracht, dass es nicht nur moralisch sondern vor allem juristisch geboten und schon von daher selbstverständlich ist, beim Zitieren/Benutzen fremder Formulierungen den Autor (und sein Werk) korrekt anzugeben. Eine objektive inhaltliche Bewertung oder eine Art Qualitätsnachweis ist damit allerdings prinzipiell nicht verbunden. Jeder Leser kann doch selbst beurteilen, was er für richtig oder falsch hält – egal welche berühmten Namen auch zitiert werden.
Und auch jeder Schreiber darf zitieren, was er für richtig hält, er muß eben nur die Quelle nennen. Wieso sollte man da irgendwelche Einschränkungen erwägen, das wäre doch hanebüchen. Wollen die Schweizer durch ihre bünzlihaften Bedenken vielleicht ihr Land eventuell noch sauberer machen?
Die eigentlich spannende Frage ist doch, ob es einen Grund gibt Wikipedia zu zitiieren. In den allermeisten Fällen würde ich es verneinen. Selbst für aktuelle Ereignisse gibt es eine Flut von Zeitungsartikeln. Warum sollte ich also Wikipedia zitiieren und mich damit der möglichen Kritik aussetzen?
Die pauschale Ablehnung von Wikipedia beruht wohl oft auf dem Trugschluß, daß sich die Verläßlichkeit der Informationen in einem Wikipedia-Artikel nicht nachprüfen ließe. Klar ist, daß die traditionellen Bewertungs- und Vertrauenskriterien oft nicht anwendbar sind – z.B. einer Information deshalb zu vertrauen, weil sie von einem anerkannten Fachmann stammt. Doch auch die konventionellen Bewertungs- und Vertrauenskriterien haben ihre Grenzen, weshalb es keine Wissenschaft ohne Irrtümer und Fehlurteile gibt. Am besten wäre es wohl, wenn an Universitäten auch das methodische Rüstzeug für die Bewertung und Überprüfung von Informationen im Web 2.0 vermittelt würde und angehende Wissenschaftler sich ebenfalls als Wikipedia-Autoren einbringen. Damit bliebe dann auch Theoria cum Praxi an den Universitäten lebendig (vgl.
Wikipedia und Universitäten: Theorie und Praxis).
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