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Wikipedia: Und wir zitieren doch ::: Wissenschaftsblogs: Sendung mit der Maus für Große | Werkstatt-Ticker 45

8. Juli 2008 | 17:47 Gelesen: 13633 · heute: 4 · zuletzt: 19. September 2017 11 Reaktionen

Ticker.jpg» Sind Wikipedia-Artikel zitierfähig?

In den letzten Wochen habe ich kaum Artikel gelesen, die sich mit der Frage beschäftigt haben, ob es opportun ist, im wissenschaftlichen Kontext auf Wikipedia-Artikel zu verweisen. An dieser Frage hatten sich ja vor einiger Zeit regelrechte Glaubenskriege entzündet und die Protagonisten der einzelnen Fraktionen standen sich teilweise unversöhnlich gegenüber.

Zur Erinnerung: was in wissenschaftlichen (Fach-)Artikeln zitiert werden kann (und wie diese Zitate aussehen), ist keineswegs beliebig. Es haben sich hier in den einzelnen Disziplinen klare Konventionen etabliert, wobei solche Konventionen naturgemäß veränderlich sind. Der Umgang mit Wikipedia-Einträgen hatte jedenfalls zu heftigen Debatten geführt. Denn: kann man auf Quellen verweisen, deren Autoren nicht adressierbar sind? Darf man als Wissenschaftler auf eine Quelle verweisen, an der buchstäblich “jedermann” mitwirken kann und deren Qualität nicht zuverlässig sichergestellt ist?1

Schön, daß inzwischen auch etablierte und altgediente Wissenschaftler selbstverständlich aus Wikipedia zitieren.

Ich selbst bin ja der Meinung, daß man zweifellos auf Wikipedia verlinken darf! Dies unter der Bedingung, daß keine bessere Quelle zur Verfügung steht.2

Manchmal wird argumentiert, daß v.a. die ältere Wissenschaftlergeneration sich der Wikipedia verweigere. Daß es hier auch Ausnahmen gibt, zeigt ein aktueller Aufsatz von Michael Mitterauer. Nämlich:

Mitterauer, Michael: Schreibrohr und Druckerpresse. Transferprobleme einer Kommunikationstechnologie, in: Edelmayer, Friedrich u.a. (Hg.): Plus ultra. Die Welt der Neuzeit. Festschrift für Alfred Kohler zum 65. Geburtstag. Münster: Aschendorff, 2008, S. 383-406.

Anton Tantner hat den Essay gelesen und dabei festgestellt, daß Mitterauer gleich dreimal auf die Wikipedia verwiesen hat. Und: Michael Mitterauer ist emeritierter Professor für Wirtschafts- und Sozialgeschichte und derzeit 71 Jahre alt!

Wenn das kein Indiz dafür ist, daß die Vorbehalte gegenüber der Wikipedia so langsam schwinden?

» 17 Fragen an… Dominikus Herzberg

Gestern konnte ich das inzwischen elfte Interview im Wissenschafts-Café einstellen. Dieses Mal hat sich netterweise Dominikus Herzberg (denkspuren) bereiterklärt, meine Fragen zu beantworten. Und ich bin mal wieder ganz entzückt, was für bemerkenswerte Antworten ich so erhalte: denn könnte man es schöner formulieren, was Wissenschaftsblogs sind, als so?

Ein Wissenschaftsblog ist doch so etwas wie “Die Sendung mit der Maus” für Große, oder? Außerdem sind Wissenschaftsblogs von einer Qualität, die ein interessantes Gegengewicht darstellen zu den heutigen popularisierenden Wissenschaftssendungen im Fernsehen.

Klar, auch wissenschaftliche Blogs (siehe meine Werkstatt) neigen durchaus zur Popularisierung von Wissenschaft, aber dennoch findet man glücklicherweise viele Blogs und Artikel, die sich eben dezidiert von der Einheitskost der Wissenschaftsnews abheben. Und noch lauter wird mein Applaus, wenn ich folgendes lese:

Und sie [Wissenschaftsblogs, M.S.] sind auch ein Gegenentwurf zu dem ausgearbeiteten, wohl temperierten Beitrag in einer Wissenschaftszeitschrift. Wissenschaftsblogs leben für mich sehr von dem Moment, Gedankenauszüge eines Wissenschaftsjournalisten oder eines Wissenschaftlers zu präsentieren, die auch mal rauh, ungehobelt und unausgegoren daher kommen dürfen. In der Folge der Postings ist ein Prozess, ein Nachdenken, ein Streiten oder auch ein Ringen um eine Thematik erkennbar; ein Vorgang, den ich spannend und erkenntnisreich finde.

Genau das ist eines der Alleinstellungsmerkmale von wissenschaftlichen Blogs: die Authentizität wissenschaftlicher Anmerkungen, die eben nicht weichgespült oder nach Schema-F gestrickt sind. Wissenschaftliche Blogartikel sind häufig nicht so elegant formuliert, wie es “gelernte” Wissenschaftsjournalisten hinbekommen – aber dafür wird meist sicht- und spürbar, daß hier Autoren schreiben, die von (ihrer) Wissenschaft fasziniert sind.

So – aber bevor ich hier noch weitere spannende Passagen aus dem Interview mit Dominikus ausbreite, empfehle ich doch lieber die Lektüre des kompletten Interviews (wo man übrigens auch ein wenig mehr darüber erfährt, weshalb für ihn “Informatik auch angewandte Philosophie” ist).


  1. Wie man Blogs richtig zitiert, kann man übriges hier nachlesen. []
  2. Sowie selbstverständlich in Fällen, in denen Wikipedia bzw. deren Einträge selbst Untersuchungsgegenstand ist. []
Marc Scheloske
Marc Scheloske
Ich bin Sozialwissenschaftler und freier Journalist. Ich schreibe (Fach-)Artikel, blogge und führe Workshops und Schulungen zum Thema 'Wissenschaftskommunikation und Social Media' durch. → weitere Infos
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