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Tödliche Verwechslungen II » Ratespiele beim Lesen der Krankenakte: Mißverständliche Abkürzungen | Werkstattnotiz LV

8. Januar 2008 | 14:29 Gelesen: 11185 · heute: 4 · zuletzt: 23. September 2017 1 Reaktion

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  1. Tödliche Verwechslungen I » Schlamperei bei der Narkose: Anästhesierisiken | Werkstattnotiz LIV
  2. Tödliche Verwechslungen II » Ratespiele beim Lesen der Krankenakte: Mißverständliche Abkürzungen | Werkstattnotiz LV

Arzt.jpgBevor man sich auf den Operationstisch legt, sollte man sich vergewissern, daß die Anästhesisten die richtigen Schläuche bereitgelegt haben. Wem seine Gesundheit am Herzen liegt, der sollte sich aber zusätzlich seine Krankenakte zeigen lassen: wenn dort viele Abkürzungen zu finden sind, so wäre es ratsam sich bei den Ärzten zu erkundigen, ob diese überhaupt wissen, was mit den Kürzeln gemeint ist…

Wie eine aktuelle Studie zeigt, stellen auch die medizinischen Abkürzungen eine drastisch unterschätzte Gefahrenquelle dar. Denn wenn man sich über die schlampig arbeitenden Narkoseärzte wundert, so sollte man den anderen Fachärzten keinen Persilschein ausstellen: auch diese lassen es oft an der wünschenswerten Sorgfalt mangeln.

Die britische Medical Defence Union schätzt, daß 5% aller tödlichen Fehler auf simple Kommunikationsprobleme zurückgeführt werden müssen. Genauer: die ärztliche Angewohnheit schnell ein paar Hinweise und Abkürzungen in die Krankenakte zu schreiben bzw. zu schmieren, führt regelmäßig zu Mißverständnissen, die schließlich fatale Auswirkungen haben. Die sprichwörtliche Arztschrift, die nur Apotheker zu lesen imstande sind, ist eine erste Quelle von Mißverständnissen: die Notizen in den Krankenakten sind häufig schlicht nicht lesbar.

Ein weiterer Faktor, der das Problem verschärft: über die Bedeutung der Abkürzungen besteht keinesfalls Konsens. Was also der Kollege wirklich mit seinen kryptischen Kürzeln meinte, ist häufig – selbst wenn die Buchstaben lesbar sind – Interpretationssache. 

Zwei Fehlerquellen im Klinikalltag: 1. Die kaum leserliche Arztschrift, 2. Abkürzungen, die jeder so verwendet, wie er mag…

Wieso fragt niemand nach, wenn etwas unleserlich oder nicht verständlich ist?

Das Problem scheint freilich v.a. darin zu liegen, daß die jeweiligen Leser jeweils zu wissen glauben, was der Arzt mit den Abkürzungen meinte. Denn anstatt nachzufragen – und sich ggf. die Blöße zu geben kein Insider zu sein – wird von Pflegepersonal oder den Stationskollegen offensichtlich häufig stillschweigend das Naheliegendste vermutet: im Ergebnis werden Medikamente falsch dosiert, wichtige Hinweise ignoriert oder im Extremfall gar falsche Gliedmaße amputiert. Beispiel gefällig?

In one instance a diabetic patient was given a dose of 61 units of insulin because the notes say six international units – 6IU – were misinterpreted. [Quelle: bbc news]

Der Diabetespatient bekam also statt den 6 (Internationalen) Einheiten [= 6 IU], kurzerhand 61 Insulineinheiten [= 61 U] verabreicht. Dieser Fehler wurde noch bemerkt, oftmals ist es zur Korrekturen aber zu spät.

Richtlinien über den Gebrauch von Abkürzungen gibt es zwar, diese werden aber kaum beachtet

Zwar gibt es durchaus Konventionen über den Gebrauch bestimmter Abkürzungen, aber – wie Joanna Sheppard und ihre Kollegen feststellten – sind nur rund 15-20% aller Abkürzungen, die in Krankenakten und anderen Notizen zu finden sind, in diesen verbindlichen Dictionaries verzeichnet. Bei der Auswertung der Dokumente einer Kinderklinik in Birmingham fanden sie insgesamt 479 verschiedene Abkürzungen. Teilweise gab es mehrere Abkürzungsweisen für dieselben Sachverhalte, dann wieder fanden die Wissenschaftler identische Abkürzungen, die aber verschiedene Krankheiten bezeichnen sollten.

Rate- und Glücksspiel: Was ist wohl mit der Abkürzung gemeint?

Wenn man bedenkt, daß im Klinikalltag Schichtwechsel mehrmals am Tag vorkommen und die Krankenakte das zentrale Koordinationsdokument ist, dann wird deutlich, daß hier routinemäßig ein kleines Rate- und Glücksspielchen stattfindet. Bei Interviews stellte sich heraus, daß die Ärzte nur 54-94% der Abkürzungen richtig zuordnen bzw. interpretieren konnten. Das Pflegepersonal identifizierte gar nur in 31-63% der Fälle die Abkürzungen zutreffend. 

Das Pflegepersonal interpretierte die meisten Abkürzungen falsch. Aber auch die Ärzte selbst tippten oft verkehrt. Wieso gibt es keine verbindlichen Abkürzungsrichtlinien? Ist man sich in Kliniken dieses Problems überhaupt bewußt?

Und auch hier stellt sich die Frage, weshalb hier – Stichwort Qualitätssicherung und Fehlerkultur – keine Mechanismen etabliert sind, die einen verbindlichen Abkürzungskanon vorgeben. Daß jeder Azrt nach Lust und Laune verfährt und man im Zweifel darauf setzt, daß die Arbeitskollegen schon das Gemeinte "erraten", kann ja eigentlich nur ein schlechter Scherz sein…

Und noch eine Feststellung ist interessant: je älter die Ärzte werden bzw. je höher sie die Karriereleiter emporklettern, desto mehr Abkürzungen gebrauchen sie. Geschieht dies aus Zeitnot, weil man als Chefarzt ja so im Stress ist? Oder ist der Abkürzungswahn schlicht ein äußeres Zeichen der Überlegenheit und Hierarchieunterschiede, gemäß dem Motto "Sollen sich doch meine Assistenzärzte den Kopf zerbrechen, was ich mit den Hieroglyphen zum Ausdruck bringen wollte…"?

 

 


Studie:

Link:

Literaturempfehlungen:

Marc Scheloske
Marc Scheloske
Ich bin Sozialwissenschaftler und freier Journalist. Ich schreibe (Fach-)Artikel, blogge und führe Workshops und Schulungen zum Thema 'Wissenschaftskommunikation und Social Media' durch. → weitere Infos
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Kommentare

Eine Reaktion »

  • Fischer :

    Das kenn ich allerdings auch: Der Chef legt mir regelmäßig Sachen mit kryptischen Notizen hin, deren Bedeutung ich erstmal erfragen muss… Unsere CvD schreibt die Sachen immer noch aus. Scheint also tatsächlich ne Hierarchiegeschichte zu sein…

    [twort T]

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