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Behandlungsfehler, Komplikationen & Infektionen » Die Risiken von Klinikaufenthalten | Werkstattnotiz IIL

16. Dezember 2007 | 14:45 Gelesen: 7839 · heute: 2 · zuletzt: 15. December 2017 3 Reaktionen

Wenn es gilt, der Großtante einen Krankenhausbesuch abzustatten, erzählt man kleinen Kindern für gewöhnlich, daß die Tante in der Klinik sei, damit sie wieder gesund werde. Das ist natürlich Sinn und Zweck der Übung, allerdings ist häufig auch genau das Gegenteil der Fall: Patienten werden erst im Krankenhaus richtig krank. Behandlungsfehler und mangelnde Hygiene sind die Hauptursache für diese unerwünschten Effekte. Eine aktuelle Studie der Universität York hat diese Risiken von Klinikaufenthalten nun näher unter die Lupe genommen.

Auf den ersten Blick ist es natürlich überraschend, daß Krankenhäuser nicht nur ein Ort sind, an dem Krankheiten bekämpft werden, sondern gleichzeitig auch derjenige, an dem neue Krankheiten entstehen. Aber die unerwünschten Nebenfolgen des "Systems Krankenhaus" treffen Patienten, deren Gesundheitszustand ja eben geschwächt ist. Und insofern führen bspw. Infektionen häufig zu schwerwiegenden Komplikationen: der Klinikaufenthalt verlängert sich und in manchen Fällen führen sie auch zum Tod. 

Eine britische Studie zeigt: knapp 10% der Krankenhauspatienten sind von Komplikationen betroffen, die durch Behandlungsfehler oder (vermeidbare) Infektionen zustande kommen.

Die Ergebnisse einer englischen Studie1 zeigen, daß fast jeder zehnte Patient Opfer von Behandlungskomplikationen wird, die in 30%-50% aller Fälle vermeidbar wären. Das Team um Trevor Sheldon von der Universität York hatte 1.006 Krankenakten eines Lehrkrankenhauses im Norden Englands per Zufallsstichprobe ausgewählt und analyisiert. In 110 Akten fanden sich Indizien für Schäden, die auf Behandlungsfehler oder Infektionen während des Klinikaufenthalts hindeuteten.

In the light of the findings from this study and the previous UK study it is now clear that around 8–10% of patients in NHS hospitals may experience some kind of adverse events, of which between 30% and 55%are to some extent preventable. 

Am häufigsten stießen die Wissenschaftler auf OP-Komplikationen (19.9% aller Fälle) und Infektionen, die sich im Anschluß an Operationen ergaben (16.9%). Fast ebenso oft fanden sich Fälle von Medikamentennebenwirkungen (14.0%). Fehldiagnosen waren für 5.1% der Komplikationen verantwortlich und 8.8% gehen auf das Konto von Druckgeschwüren, die evtl. auf mangelhafte Pflege zurückzuführen sind. Und schließlich wurden weitere 14% von sog. Krankenhausinfektionen notiert, die besonders problematisch sind, da die Krankenhauskeime oftmals Multiresistenzen aufweisen und mit gängigen Antibiotika kaum mehr behandelbar sind.2

Die Folgen vermeidbarer Pannen: längere Klinikaufenthalte und Spätschäden. Und bei jedem zehnten betroffenen Patienten führen diese Krankenhauszwischenfälle zum Tod.

Der durchschnttliche Klinikaufenthalt verlängerte sich – so die Ergebnisse – um durchschnittlich 8 Tage durch diese Komplikationen. Etwa die Hälfte der Patienten war rund 4 Wochen nach dem unerwünschten Zwischenfall wieder vollständig gesund. Bei ca. 30% dauerte die Genesung bis zu einem Jahr. Rund 10% trug allerdings dauerhafte Schäden davon und bei ebenfalls ca. 10% der Patienten waren die Komplikationen für den Tod mitverantwortlich.

Flüchtigkeitsfehler, Organisationspannen, mangelnde Hygiene: viele der Komplikationen wären vermeidbar

Diese Folgen hätten aber, so die weitere Analyse der Forschergruppe, in etwa 30-50% aller Fälle vermieden werden können. Oftmals waren es Flüchtigkeitsfehler des Arzt- oder Pflegepersonals, womit man hier wieder die Frage nach den Dienst- und Arbeitszeiten stellen müßte. Und für die Infektionen ist, wie man aus anderen Studien weiß, oftmals der nachlässige Umgang mit Hygienevorschriften verantwortlich.

Regelmäßiges Händewaschen und das Abschaffen der Arztkittel, die sich als wahre Dreckschleudern erwiesen haben, könnte einen großen Teil der Infektionen verhindern.

Es klingt banal, aber das bloße Händewaschen des Pflegepersonals könnte nach Expertenmeinung viele der problematischen Krankenhausinfektionen verhindern. Und inzwischen ist eine weitere Infektionsquelle identifiziert: der Arztkittel. Denn selbst wenn sie blütenweiß erscheinen – hygienisch rein sind die Arztkittel fast nie, denn die Mediziner waschen ihre Arbeitskleidung viel zu selten und sammeln während ihres Arbeitstages die verschiedensten Keime, die sie dann zuverlässig wieder verteilen. Experten weisen seit längerem darauf hin, daß der einzige Zweck des Kittels darin besteht, das Namenschild daran zu befestigen. In England werden die Kittel zum 1.1.2008 abgeschafft.

Die Ergebnisse der Studie von Trevor Sheldon und Kollegen deckt sich in weiten Teilen mit Untersuchungen aus anderen Ländern (in Australien kam man bei einer ähnlichen Analyse auf ca. 16% der Patienten, die zusätzliche Komplikationen durch Behandlungsfehler oder Infektionen erleiden). Für das deutsche Krankenhaussystem darf man wohl von ähnlichen Zahlen ausgehen.

Die Zahl der Todesfälle, die auf die oben angeführten Ereignisse zurückgeführt werden müssen, ist der englischen Studie zufolge allerdings deutlich höher als bisher oft zu lesen war.3 Denn 8.7% aller Patienten (n=1.006) waren von Zwischenfällen betroffen, 10% (n=9) starben infolgedessen. Das hieße aber, daß knapp 1% aller Patienten infolge eines Klinikzwischenfalls verstirbt. Bislang war man – auch in Deutschland – davon ausgegangen, daß dieses Schicksal nur jeden Tausendsten Patienten trifft. Hier wären weitere Studien (mit größeren Fallzahlen) erforderlich, die klären, ob man letztlich als Sterberisiko infolge des Klinikaufenthalts nun die Wahrscheinlichkeit 1% oder 0.1% ansetzen muß. 

 


 
Links:

Weitere Informationen:

 

  1. vgl. Sari, Ali Baba-Akbari; Sheldon, Trevor A. et. al. (2007): Extent, nature and consequences of adverse events: results of a retrospective casenote review in a large NHS hospital, in: Quality and Safety in Health Care, 2007;16:434–439 []
  2. Die sog. MRSA-Keime (multiresistenter Staphylokokkus Aureus) sind seit einigen Jahren ein Brennpunkt der Krankenhaushygiene. Die Ausbreitung dieser lebensgefährlichen Erreger – in den USA starben 2006 ca. 19.000 Patienten an MRSA-Infektionen – stellt eine ernsthafte Bedrohung für die Patientengesundheit dar. []
  3. Das "Aktionsbündnis Patientensicherheit" hatte im Frühjahr eine eigene Metaanalyse publiziert und war auf schätzungsweise 0.1% Todesfälle gekommen. vgl. SZ-Artikel []
Marc Scheloske
Marc Scheloske
Ich bin Sozialwissenschaftler und freier Journalist. Ich schreibe (Fach-)Artikel, blogge und führe Workshops und Schulungen zum Thema 'Wissenschaftskommunikation und Social Media' durch. → weitere Infos
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Kommentare

3 Reaktionen »

  • Monika Armand :

    Schade, dass derartige Forschungsberichte keine Konsequenzen nach sich ziehen – im Gegenteil. Solange Kliniken, dem Sparzwang folgend, ständig das Personal reduzieren (müssen), werden diese Zustände immer schlimmer. Das Personal muß Sonderdienste leisten, es gibt kaum jemand der nicht am Burn-out-Syndrom leidet , oder gar den Arbeitsdruck mit Medikamenten und /oder Drogen bekämpft. Wer regelmässig stationäre Aufenthalte hat, weiß, dass diese Studie in Deutschland vielleicht noch viel schlechtere Ergebnisse hervorbringen würde. Es ist 5 vor 12 !!!

    [twort T]

  • Marc :

    Ja, obwohl die Gesundheitsausgaben immer weiter steigen, wird die personelle Ausstattung in den Kliniken eher ausgedünnt. Und etwa von den Arbeitszeiten der Klinikärzte (an den offiziellen Dienst schließt sich nahtlos die Bereitschaftszeit an etc.) haben wir ja alle in den letzten Jahren im Zshg. mit den EU-Prozessen gehört.

    Einerseits gibt es das Personal, das am Limit seiner Möglichkeiten arbeitet und dem unter diesen ungünstigen Randbedingungen mehr Fehler unterlaufen als notwendig. Andererseits (und da sind die obigen Studien bzgl. der Hygiene wohl zwischen den Ländern übertragbar) sind es organisatorische Mängel und auch mangelndes Bewußtsein der Mitarbeiter – das regelmäßige Händewaschen sollte eben nicht zuviel sein…

    p.s.: Zum Burn-Out von Ärzten und der Medikamenten- und Alkoholabhängigkeit unter Medizinern hatte ich bereits hier geschrieben:

  • Wissenswerkstatt (2007): Hilflose Heiler – Wie krank macht das Gesundheitssystem seine Mitglieder?
  • [twort T]

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