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Spurensuche » Über die Verlockungen des Internets und die Unvermeidlichkeit von Plagiaten

26. April 2007 | 15:52 Gelesen: 6839 · heute: 4 · zuletzt: 15. December 2017 5 Reaktionen

Über die Mühsal wissenschaftlicher Arbeit wurden vor nicht allzulanger Zeit lange und schweißgetränkte Abhandlungen geschrieben. Zwar ist die Anstrengung beim Verfertigen [wünschenswerterweise: eigener und eigenständiger] wissenschaftlicher Gedanken auch heute kein Stückchen kleiner geworden, die Möglichkeiten den Weg zu akademischer Anerkennung abzukürzen haben sich allerdings exponentiell vervielfacht.

Noch vor 10 Jahren gehörte der obligatorische Weg zu den jeweiligen Universitätsbibliotheken zum Alltag eines jeden Studenten; wo anders sollte das Fachwissen der eigenen Disziplin sonst in Erfahrung gebracht werden? Wo, wenn nicht in den papiernen Beständen, war das wissenschaftlich verbriefte Wissen versammelt? Schlicht undenkbar, auf andere Weise sich diesen Wissenschatz anzueigen, an ihm zu partizipieren oder sei es nur sich die Grundkenntisse für die Prüfung anzulesen. Heute freilich bietet das Internet eine unüberschaubare Menge an Materialien, Quellen und ganzen wissenschaftlichen Abhandlungen. Niemals war der Zugriff darauf schneller und komfortabler möglich und niemals war die Verlockung, vorgefundene Gedankengänge kurzerhand zu kopieren, größer als heute. Was also – so meine These – parallel zur atemberaubenden Entwicklung des Internets als Wissensarchiv stattgefunden hat, ist die Tendenz zum wissenschaftlichen Plagiat

Anhand eines konkreten Falls hat sich Stefan Weber auf Spurensuche begeben.1 Ein kleiner, aber entscheidender (Schreib-)Fehler in einer biographischen Notiz, die 1998 ins Netz gestellt wurde, ermöglichte es Stefan Weber2 nun den Plagiatoren nachzuspüren. Und tatsächlich, ein einziger nachlässig formulierter und somit verräterischer Satz zu Ernst von Glasersfeld und dessen Auseinandersetzung mit der Sapir-Whorf-Hypothese, führte zu etlichen Funden. Wie im heutigen Artikel in Telepolis nachzulesen ist, wurden in Seminararbeiten an den Universitäten Paderborn und Regensburg ganze Passagen per Copy&Paste eingefügt. Als Ergebnis seiner Recherchen schreibt Weber:

Auch in dieser Arbeit wird einem übrigens durchgängig schwindelig, was die "Zitierkultur" von Webquellen anbelangt. (…) Den bislang letzten und dreistesten Fall von Textklau leistete sich eine Studierende an der Universität Paderborn. Sie kopierte nahezu die gesamte Biographie samt Fußnoten in ihre Hausarbeit hinein, belegte keine einzige der üppigen Übernahmen… Der wissenschaftliche Fortschritt gegenüber 1998 liegt (…) in der Behauptung einer neuen Autorschaft. (…)
Früher galt das Diktum, die Suche wäre wichtiger als das eigentliche Informiert-Sein: Man müsse letztlich nicht über eine Sache großartig Bescheid wissen, man müsse nur wissen, wo man im Ernstfall suchen muss. Das hat sich mit Google ebenfalls erledigt. In der Ära des Google-Copy-Paste-Syndroms wird auch die Kulturtechnik des Recherchierens als genuine Leistung obsolet.

[Weber, Stefan: "Vom Wissensfortschritt mit stummem h", Telepolis, 25.4.2007]

Das Problem ist freilich, daß für die meisten Studenten die Übernahme von fremden Texten in eigene Arbeiten allenfalls als Kavaliersdelikt gilt. Aber wie sollte auch ein Unrechtsbewußtsein entstehen, wenn es doch – so eine häufige Ausrede – 1. jeder mache und 2. die Kennzeichnung und korrekte Quellenangabe so umständlich und zeitraubend sei. Und Zeit habe man – wie allenthalben nachzulesen sei – schließlich keine. Wer für ein normales Universitätsstudium heutzutage zehn Semester benötige, sei bestenfalls ein Träumer und habe schlicht die Zeichen der Zeit nicht verstanden. Ein zügig absolviertes Studium, Praxisbezug, Fremdsprachenkenntisse und eben Zielstrebigkeit, werde heute von Personalchefs3 verlangt. 

Und vermutlich haben all die Studenten, die durch kleine und große Schummeleien heute ihr Studium abzukürzen versuchen, verdammt recht damit. Denn ob man sich beim Anfertigen seiner Studien- und Examensarbeiten an die Kriterien wissenschaftlichen Arbeitens4 gehalten habe, wird zugegebenerweise in keinem Vorstellungsgespräch gefragt. Vielleicht sollte sich ja auch daran etwas ändern? ;-)

Weiterführende Links:

 Buchtipp:

  1. Bereits vor einigen Jahren hat die Berliner Professorin Debora Weber-Wulff in einer mehrteiligen Artikelserie bei Spiegel-Online auf diesen Mißstand hingewiesen; siehe hier und hier. Ihrer Erfahrung nach wird das Internet als Selbstbedienungsladen angesehen. Eine Quellenangabe werde als überflüssig erachtet. []
  2. Der Salzburger Medienwissenschaftler beschäftigt sich seit längerem intensiv mit Fragen der akademischen Redlichkeit und wurde auch selbst schon Opfer eines Plagiators. Rund 100 Seiten seiner eigenen Dissertation fand Weber Jahre später in einer Doktorarbeit, die an der Universität Tübingen im Jahr 2003 eingereicht wurde. Darüberhnaus hat er mehrere andere Plagiats-Fälle aufgedeckt. []
  3. Und möglicherweise ist in bestimmten Branchen ein etwas großzügigerer Umgang mit Quellen durchaus nicht von Nachteil; wenn erst die Steuerfahndung anrückt oder die Behörden den Schmiergeldzahlungen nachforschen, wünscht sich wohl mancher, er hätte es mit der Dokumentation der Vorgänge nicht so genau genommen. []
  4. Letzte Anmerkung: Schließlich lehrt schon der regelmäßige Blick in die Wissenschaftsseiten der Tageszeitungen, daß sich auch renommierte Wissenschaftler gerne mit falschen Federn schmücken. Grobe Fälschungen – wie etwa am Beispiel des Klonforschers Hwang – sind hier überhaupt nicht gemeint. Interessant dazu der Artikel von G. Fröhlich. []
Marc Scheloske
Marc Scheloske
Ich bin Sozialwissenschaftler und freier Journalist. Ich schreibe (Fach-)Artikel, blogge und führe Workshops und Schulungen zum Thema 'Wissenschaftskommunikation und Social Media' durch. → weitere Infos
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