Die Wissenschaft und die Blogosphäre » Liebesheirat oder Zweckgemeinschaft? Annäherungen an eine fruchtbare Liaison

Wissenschaft ist ihrem Wesen nach Kommunikation. Die Forschungsarbeit in den Laboratorien und Studierstuben, all die Experimente und Versuchsanordnungen wären sinnlos, wären sie nicht eingebettet in den Diskurs der »Scientific community«. Was geforscht, wie geforscht wird und welche Ergebnisse die wissenschaftlichen Bemühungen hervorbringen: darüber muß fortwährend kommuniziert werden. Und selbstverständlich verfügt das moderne Wissenschaftssystem über eine funktionale und erprobte Kommunikations-Infrastruktur. Wissenschaftliche Blogs zählen – mit wenigen Ausnahmen – bislang nicht dazu.

Ist die Zurückhaltung der Wissenschaft gegenüber den Möglichkeiten des Web 2.0 verständlich? Tut sie vielleicht sogar gut daran, den Bloghype zu ignorieren? Oder hat sie nur noch nicht begriffen, welche Chancen wissenschaftliche Blogs darstellen? Wie sieht sie aus, die Wissenschaftskommunikation 2.0?

Muß die Wissenschaft sich überhaupt für Blogs interessieren? Hat die Wissenschaft nicht andere Aufgaben?

Der Wissenschaft vorzuwerfen, sie befinde sich im Hinblick auf die Mediennutzung nicht auf der Höhe der Zeit, ist nicht schwer. Es gibt auch im Jahr 2008 noch dutzende Instituts-Webseiten, die den spröden Charme der frühen 90er Jahre versprühen. Und davon, daß man die bereitgestellten Inhalte regelmäßig aktualisieren sollte, hat man an vielen Universitäten und Forschungseinrichtungen auch noch nichts gehört.

Aber wer sich – wenig originell – über die verstaubten Webauftritte mancher Universitäten lustig macht, verkennt, daß eine schicke Homepage zwar wünschenswert sein mag, von wissenschaftlicher Relevanz ist der Internetauftritt (zunächst) aber nicht.1   

Weshalb also sollte Wissenschaft sich ausgerechnet des Mediums "Weblog" annehmen? Welcher Nutzen, welcher Mehrwert für die Wissenschaftskommunikation sind durch die Nutzung von Blogs überhaupt denkbar? Was zeichnet wissenschaftliche Blogs aus? Wo und wie wird gebloggt? Und ist es – wenn Blogs und Wissenschaft eine Verbindung eingehen – eine Liebesheirat oder ein Zweckbündnis? Und nicht zuletzt stellt sich die Frage: Wer profitiert? Profitieren die Blogs von der Wissenschaft2 oder die Wissenschaft von den Blogs? Oder kurz: wozu soll das alles gut sein?

Wissenschaft goes Web 2.0 - Annäherungen an ein ungleiches Paar

Wer zu der bislang exklusiven Minderheit bloggender Wissenschaftler zählt, der kennt die üblichen Reaktionen, sobald man unbedacht ausplaudert, daß man einen Blog mit Inhalten befülle. Und wenn man dann noch erwähnt, die Blogartikel hätten einen wissenschaftlichen Bezug, dann kann man sicher sein, daß die Zuhörer schlagartig die Stirn in Falten legen.

Weshalb sollten wissenschaftliche Themen ausgerechnet innerhalb der schlecht beleumundeten Blogosphäre behandelt werden? Das Feuilleton ist sich einig: Blogs sind »eine Bühne für das geistige Prekariat«. - Sollte die Wissenschaft nicht besser auf Distanz gehen, um sich nicht zu beschädigen?

Wobei das Stirnrunzeln zwei verschiedene Ursache haben kann: denn entweder hat der Gesprächspartner das Wort »Blog« noch nie zuvor gehört oder aber er gehört zur Fraktion derjenigen, denen Begriffe wie Web 2.0 und Blogosphäre durchaus geläufig sind – aber als gewissenhafter Feuilletonleser weiß das Gegenüber natürlich nur zu gut, daß man in Blogs bestenfalls seichtes Alltagsgewäsch und eitle Selbstdarstellungen, schlimmerenfalls menschenverachtende Parolen findet. Niveau – soviel steht für den FAZ- oder SZ-Leser fest – ist anderswo.

Wenn man dann beginnt, sich zu verteidigen und gar versucht ein Plädoyer für wissenschaftliche Blogs anzustimmen, hat man es nicht leicht. Denn weshalb zum Teufel, sollten wissenschaftliche Themen ausgerechnet innerhalb dieser denkbar schlecht beleumundeten Blogosphäre behandelt werden? Sollte man sich als Wissenschaftler nicht besser fernhalten, um sich selbst und seine Profession nicht zu beschädigen? Denn haben die journalistischen Kommentatoren nicht Recht, wenn sie auf all die unerfreulichen Aspekte des Mitmach-Web hinweisen? So wie Wolf Lotter, der letztes Jahr schrieb: 

"Blogs [...] sind mittlerweile der Tummelplatz anonymer Heckenschützen."
Wolf Lotter,  "Anonyme Hetzer und Spinner", Die Welt, 30.5.2007

Ist die Beobachtung von Alan Posener (seines Zeichens Kommentarchef der "Welt am Sonntag") etwa von der Hand zu weisen?

"Aber auch dort, wo die Blogosphäre nicht benutzt wird, um eine Kampagne zu führen, ist sie ein Ort der verlorenen Beißhemmung. [...] Die Utopie: ein Raum des herrschaftsfreien Diskurses, in dem endlich der Gegensatz zwischen Sender und Empfänger, Produzent und Konsument, oben und unten aufgehoben ist. Die Realität: eine Bühne für das geistige Prekariat."
Alan Posener, "Querulanten aller Lager, vereinigt euch!", Die Welt, 27. Januar 2008

Man hat sich also auf Gegenwind einzustellen, wenn man zu begründen versucht, daß ausgerechnet die Wissenschaft im Blogumfeld gut aufgehoben sein soll.  Mit welchen Argumenten soll man kontern, nachdem der Journalismus permanent ein wenig erfreuliches Bild der Blogosphäre beschwört, die wenig anderes als ein "Debattierklub von Anonymen, Ahnungslosen und Denunzianten"3 sei?

Wer also dafür plädiert, die Wissenschaft solle Blogs entdecken, ausprobieren und nutzen, der sollte gute Argumente bereithalten. Denn wenn man die Blogosphäre nur aus den Kommentarspalten der Zeitungen kennt, dann möchte man der Wissenschaft vermutlich raten, sich dieser Sphäre möglichst fernzuhalten… denn die "Klowände des Internets"4 sind ja vielleicht wirklich nicht der richtige Ort, um den wissenschaftlichen Diskurs auszutragen.

Die Hartnäckigkeit journalistischer Vorurteile 

Schluß mit den Pauschalurteilen: Blogs sind ein neutrales Kommunikationsmedium. Wie es genutzt wird, welche Inhalte plaziert werden, ist keineswegs durch das Format vorgegeben…

Wer sich freilich etwas eingehender mit den Möglichkeiten und der Logik des Web 2.0 befasst, der wird vermutlich schnell merken, daß die Kritik an der vermeintlichen Verderbtheit und Niveaulosigkeit der Blogs und ihrer Leser vor allem eines ist: nämlich pauschal und unzutreffend. Denn natürlich findet man auch innerhalb von Blogs unsägliche dumme Artikel – doch stellt jemand ernsthaft das Medium Fernsehen in Frage, nur weil es Sender wie "9live" gibt?

Hat einer der sog. Qualitätsjournalisten jemals einen Bahnhofskiosk besucht? Falls nein, dann lieber Herr Graff, liebe Herren Posener und Lotter, lassen Sie es sich gesagt sein: ein kurzer Blick in das bunte Kiosksortiment lehrt, daß bedrucktes Papier sich vorzüglich für verquere Gedanken und Schund eignet. Es ist – und ich sage es zum letzten Mal – nicht das Medium, das Inhalte  präformiert. Es sind immer noch die Autoren, die dafür verantwortlich sind, ob interessante Gedanken oder seichter Trash zu lesen ist. Punkt.

Jenseits journalistischer Betriebsblindheit: Was leisten Blogs wirklich

Blogs sind – deswegen die Erläuterungen der letzten Absätze – also keineswegs naturwüchsig auf Katzencontent oder IT-Tratsch abonniert. Eine übliche Definition von Weblogs liest sich deshalb auch folgendermaßen: 

"Weblogs (oder kurz Blogs) sind regelmäßig aktualisierte Webseiten, die bestimmte Inhalte in umgekehrt chronologischer Reihenfolge darstellen und üblicherweise durch Verweise und Kommentare untereinander sowie mit anderen Online-Quellen verbunden sind."5

Entscheidend an dieser Beschreibung ist m.E. zunächst, daß hier von "bestimmten Inhalten" die Rede ist. Und diese können zweifelsfrei wissenschaftlicher Natur sein. Der zweite Aspekt betrifft den Hinweis, daß Blogs "durch Verweise und Kommentare untereinander sowie mit anderen Online-Quellen verbunden sind" - klingt das nicht verlockend nach einem Instrument, das eben auch wissenschaftliche Diskussionen abbilden und transparent machen könnte?

Halten wir also fest: Blogs sind zunächst nur ein Kommunikationsinstrument, das die Infrastruktur liefert, um Diskussionsverläufe transparent zu machen. Durch Blogs könnte der Kommunikationsfluß – im Idealfall – sichtbar und lebendiger werden.

Im Einzelnen zeichnen sich Blogs also durch folgende drei Aspekte aus:

  1. Die Blogosphäre ist verteilte Kommunikation [Informationsaspekt]: durch Trackbacks und Pings, durch Kommentare und Verlinkungen entsteht ein Informations- und Diskursnetz. Entspricht diese Eigenschaft nicht in verblüffender Weise den Gepflogenheiten des Wissenschaftsbetriebs, wo Publikationen, Repliken, Kommentare und Kritik aneinander ankoppeln und auf diese Weise den wissenschaftlichen Diskurs bilden?
  2. Bloggen macht sichtbar [Identitätsaspekt]: jedem Autor und Blogger steht es frei, wieviel er in seinem Blog über sich verrät. Aber klar ist, daß die Texte, Anmerkungen und Thesen wahrgenommen und dem jeweiligen Blogger/Wissenschaftler zugerechnet werden. Wer bloggt, wird also ein bestimmtes „Profil“ von sich aufbauen und sich sukzessive eine wissenschaftliche Blogidentität zulegen.6
  3. Blogs sind "Mensch-Verbindungsmaschinen"7: [Beziehungsaspekt]: Blogger sind Menschen und verweisen auf andere Blogs, hinter denen wiederum Menschen stehen. Das ist banal, verweist aber auf die Tatsache, daß es bei Blogs nicht nur um die Verknüpfung von Informationen und Wissen geht, sondern ebenso um die Verknüpfung und soziale Vernetzung von Personen. Jeder Blogger – zumal wenn er sich wissenschaftlich äußert – wird schnell merken, daß es thematische Überschneidungen zu anderen Bloggern oder zumindest Kommentatoren gibt. Hier bieten sich wertvolle Anknüpfungspunkte für fachlichen Austausch und weiterführende Zusammenarbeit.8

Diese drei Punkte sind charakteristisch für "Soziale Netzwerke", wozu Blogs ja zu zählen sind.  Medienwissenschaftler bezeichnen die oben skizzierten Elemente übrigens als webbasiertes "Informations- , Identitäts- und Beziehungsmanagement".9

Die Blogosphäre ist ein Kommunikations- und Kooperationsnetz. Versteht es sich nicht von selbst, daß auch Wissenschaft(ler) davon profitieren könnten?

Wenn also Blogs die Infrastruktur bieten, um einerseits Informations- und Diskurszusammenhänge darzustellen, andererseits die beteiligten Akteure sich untereinander vernetzen können, wieso sollte die Wissenschaft also ausgerechnet dieses elegante Kommunikations- und Kooperationsinstrumentarium nicht nutzen?

Welche Vorteile wissenschaftliche Blogs konkret bieten, wie sich Wissenschaftskommunikation dadurch verändern könnte und welche unterschiedlichen Wissenschaftsblogs es gibt – das alles wird innerhalb eines weiteren Beitrags diskutiert.

 


Hinweis:

Dieser Artikel entspricht in weiten Teilen dem Vortrag, den ich vergangenen Samstag auf Einladung des Verlags "Spektrum der Wissenschaft" gehalten habe. Das Heidelberger Team hat ja mit den "SciLogs" zwischenzeitlich eine beachtliche Wissenschaftsblog-Community auf die Beine gestellt und hatte seine Blogger zu einem spannenden Diskussions- und Kennenlernwochenende eingeladen. [Eine erste Bildergalerie findet man hier.]

 


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  1. Denn erstens findet die wesentliche Arbeit, also die Forschungs- und Lehrtätigkeit, ziemlich unabhängig davon statt, ob der Instituts-Webmaster viel oder wenig Zeit in die Pflege des Webauftritts investiert. Und zweitens verfügt die Wissenschaft zweifelsfrei über ein durchaus leistungsfähiges Publikations- und Kommunikationssystem, das vorrangig über die etablierten Journals (mit Peer-Review) abläuft. []
  2. Quasi als Qualitätsfeigenblatt, das dann bei der nächsten Journalismus-Blog-Debatte als Argument bemüht werden kann; nach dem Motto: "Seht her, es gibt auch wissenschaftliche Blogs. Es gibt also nicht nur Müll…" []
  3. So schimpfte und polemisierte im Dezember Bernd Graff. In: "Die neuen Idiotae", Süddeutsche Zeitung, 7.12.2007 []
  4. So zeterte bekanntlich Jean-Remy von Matt im Januar 2006 []
  5. in: Schmidt et. al. (2005): Erkundungen von Weblog-Nutzungen. Anmerkungen zum Stand der Forschung. in: kommunikation@gesellschaft, Jg. 6. []
  6. Mit allen Vorteilen und Risiken. ;-) []
  7. Mit diesem - wie ich finde - treffenden Begriff beschrieb Robert Basic sein Verständnis von Blogs. []
  8. Erst vergangenes Wochenende berichtete der Religionswissenschaftler Michael Blume, daß er über seinen Blog einen kanadischen Kognitionspsychologen kennengelernt habe, mit dem er nun – wenn ich es recht verstanden habe – sogar ein gemeinsames Projekt plant. []
  9. vgl. Schmidt, Jan, 2006, Social Software: Onlinegestütztes Informations-, Identitäts- und Beziehungsmanagement. In: Forschungsjournal Neue Soziale Bewegungen, Nr. 2. S. 37-46. []




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