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Wissenschaftsblogs in Deutschland » Status quo und die Professionalisierung der wissenschaftlichen Blogszene

22. Januar 2008 | 15:46 Gelesen: 8104 · heute: 2 · zuletzt: 19. October 2017 13 Reaktionen

Innerhalb der Blogosphäre spielen wissenschaftliche Themen eher eine Nebenrolle. Die vielbeachteten Debatten finden (bislang) anderswo statt. Dennoch haben sich in der letzten Zeit immer mehr wissenschaftliche Blogs in ihrer Nische eingerichtet. Und seit wenigen Wochen ist mit Scienceblogs.de das Projekt am Start, das dem Aschenputteldasein der Wissenschaftsblogs ein Ende bereiten soll. Allerhöchste Zeit für einen neugierigen Blick nach nebenan…

Faustregel der Wissenschaftsblogs: je etablierter der Autor, desto seltener die Artikel, desto weniger Dialogbereitschaft.

Die deutschsprachige Wissenschaftsblogszene ist bis dato recht übersichtlich. Es gibt einige gestandene Wissenschaftler, Professoren gar, die gelegentlich einen kurzen Einblick in ihren Forschungsalltag gestatten. Mehr als 2-3 Artikel pro Monat sind dort allerdings selten zu lesen.1

Wissenschaftsblog-Avantgarde: Die "jungen Wilden" prägen die Szene

Die spannenderen Beiträge und Diskussionen sind da schon eher bei der Fraktion der Nachwuchswissenschaftler zu finden: meist sind es Doktoranden oder solche, die die Promotion gerade abgeschlossen haben. Hier ist die Lust an der Debatte, der Spaß an der Wissenschaftskommunikation und am Dialog mit den Lesern viel häufiger zu spüren. Kein Wunder, daß solche Blogs deutlich mehr Publikum anziehen…

Und schließlich gibt es Blogs, die eine eher wissenschaftsjournalistische Ausrichtung haben. Hier tummeln sich sowohl "gelernte" Journalisten, als auch Quereinsteiger. Das beste Beispiel für diese Gattung ist wohl der Fisch-Blog, den der Chemiker und Journalist Lars Fischer mit wunderbar aufbereiteten Geschichten, Hintergrundinfos und Querverweisen füllt.

Manko der Wissenschaftsblogs: Es gibt (fast) keine prominente Anlaufstelle

Das Problem an der Sache: die Blogs sind doch zu verstreut, zu uneinheitlich im (Erscheinungs-)Bild und sind schlicht keine etablierte "Adresse". Mit dem Wissenschafts-Café habe ich ja den Versuch gestartet, diesem Mißstand etwas entgegenzusetzen. Allerdings ist das Café – in dem inzwischen knapp 80 Wissenschaftsblogs verzeichnet sind – auch nur ein erster Ausgangspunkt für Streifzüge ins Gewirr der (wissenschaftlichen) Blogosphäre.2

Scienceblogs.de versucht ein US-Erfolgsmodell zu kopieren und muß auch kommerziell erfolgreich sein.

Vollkommen anders gelagert ist der Ansatz, den das Scienceblogs-Portal verfolgt:3 auf einer gemeinsamen Plattform soll eine breite Palette von Wissenschaftsbloggern versammelt werden, die unter dem gemeinsamen Dach eine tatsächliche Blogcommunity bilden, Synergieffekte herstellen und nutzen sollen und ganz nebenbei auf ein kleines professionelles Redaktionsteam zurückgreifen können.

Und es gibt noch einen weiteren Unterschied zu den üblichen Wissenschaftsblogs: das Motiv hinter Scienceblogs ist nicht idealistisch. Es sind – und das ist keineswegs verwerflich – kommerzielle Interessen, die den Medienkonzern Burda dazu bewogen haben, das US-Erfolgsrezept von ScienceBlogs.com zu adaptieren.

Seit September besteht die Kooperation zwischen Burda und SEED-Media, die sich der Münchner Konzern einen Millionenbetrag kosten ließ. Und seitdem wurde hinter den Kulissen fleißig gearbeitet, um das Portal an den Start zu bringen. Seit Anfang Dezember ist die Website online und der selbstformulierte Anspruch an das Projekt ist recht hoch: 

Auf ScienceBlogs schreiben Forscher, was sie bewegt. Journalisten veröffentlichen unredigiert. Das ist die Basis für einen neuen Dialog aus erster Hand über die Rolle der Wissenschaft in der Politik, Religion, Philosophie, Kunst und Wirtschaft.

ScienceBlogs ist das Portal für diesen weltweiten Dialog – der digitale Salon führender Blogger unterschiedlicher Fachbereiche. Sie präsentieren, kommentieren und diskutieren aktuelle Themen.

Die Rede vom "digitalen Salon führender Blogger" liest sich toll. Und: ich halte die Idee, die hinter dem Projekt steht, für ausgezeichnet, vielversprechend und zukunftsträchtig. Nicht von ungefähr haben die großen Tageszeitungen in den letzten Jahren ihre Wissenschaftsberichterstattung ausgeweitet; nicht umsonst sind Holtzbrinck und der Süddt. Verlag mit den Magazinen ZEIT-Wissen bzw. SZ-Wissen recht erfolgreich an den Markt gegangen. Denn das Interesse an wissenschaftlichen Debatten ist da. In einer Welt, die von technischen Innovationen und wissenschaftlichen Visionen geprägt ist, ist das kaum weiter verwunderlich.

Gut gemachte wissenschaftliche Blogs hätten eine riesengroße Chance wahrgenommen zu werden. Denn das Interesse an aktueller Information und der Möglichkeit zum Dialog ist da.

Und woran es den konventionellen (Print-)Formaten mangelt, das könnte die Chance von (professionellen) Wissenschaftsblogs sein. Die zwei wesentlichen Vorteile von Blogs sind 

  1. die Aktualität – denn während im journalistischen Alltagsgetriebe viele Prozeduren zu beachten sind, kann ein Blogger seinen Artikel unabhängig von Platz- und Redaktionsbeschränkungen einstellen – und wäre damit prinzipiell in der Lage, eine Geschichte vor allen anderen zu plazieren. Und der andere große Vorteil liegt in der
  2. Resonanzfähigkeit – die Blogs vor allen anderen Medien auszeichnet. Denn in Blogs können die Leser unmittelbar in den Dialog mit dem Autor treten, Anmerkungen machen, Fragen stellen oder einfach ihre Skepsis zum Ausdruck bringen. Blogs leben vom Dialog. Wissenschaftliche Blogs sind – wenn sie gut gemacht sind – Dialog- und Kommunikationsforen.

Wissenschaftsblogs könnten über die Blogosphäre hinauswirken. Und: sie könnten das schiefe Bild des Web2.0 korrigieren.

Was darf man vor diesem Hintergrund von Scienceblogs.de erwarten? Die Ausgangsposition ist – jedenfalls nach meiner Meinung – denkbar günstig. Das Feld ist – sieht man einmal von den SciLogs4 des Spektrum-Verlags ab – noch nicht bestellt; man könnte sich als Vorreiter in Szene setzen und sich dominant positionieren. Und unter einer "dominanten Position" verstehe ich eine Rolle, die über die Grenzen der Blogosphäre hinauswirkt.

Denn Wissenschaft ist ein Thema, das geeignet wäre, auch jenseits des Web2.0-Kosmos wahrgenommen zu werden. Und auf diese Weise könnte auch all den Skeptikern5 verdeutlicht werden, daß die pauschale Rede von "der" Blogosphäre fast immer falsch ist. Denn Blogs sind zunächst nichts anderes als ein Instrument. Blogs sind ein elegantes Content-Management-System (CMS). Und letztlich kommt es eben auf die Inhalte an.

"It’s the content, stupid!" – könnte man in Anlehnung an Bill Clintons Wahlkampfkampagne aus dem Jahr 1992 formulieren.

 


Wie es mit den Inhalten aussieht, welche Blogger man für das Projekt begeistern konnte, wie sich das Portal knapp zwei Monate nach dem Start präsentiert – dazu mehr im nächsten Beitrag.6

 

 

  1. Offenbar lassen es anderweitige Verpflichtungen – und das ist auch verständlich – nicht zu, daß regelmäßiger gebloggt wird. Außerdem ist in den meisten Disziplinen – so ehrlich muß man sein – jede Stunde, die für den Blog investiert wird, vertane Zeit. Die akademische Reputation wird – mit Ausnahme von universitärer PR- und Journalismus – anderswo erwirtschaftet. []
  2. Der beste Einstieg ist vermutlich der Newsticker der kontinuierlich aktualisiert wird. []
  3. Ich hätte auch schon füher auf die Seite hingewiesen, aber bis zum vergangenen Wochenende war dort nur eine vorläufige Website zu finden und auch die Permalink-Struktur war nur provisorisch. []
  4. Unter diesem Label sind die sog. Wissenslogs, Chronologs, Kosmologs und Brainlogs versammelt. []
  5. Die etwa von den Idiotae 0.0 schwadronieren. []
  6. Hinweis: Ich war selbst zu einem sog. "Sciencelunch & Talk" bei Burda eingeladen und es wurden auch Gespräche geführt, ob ich als Blogger bei Scienceblogs einsteige. Allerdings gibt es (bislang) einige (vertragliche) Randbedingungen, unter denen sich ein Engagement für mich verbietet. []
Marc Scheloske
Marc Scheloske
Ich bin Sozialwissenschaftler und freier Journalist. Ich schreibe (Fach-)Artikel, blogge und führe Workshops und Schulungen zum Thema 'Wissenschaftskommunikation und Social Media' durch. → weitere Infos
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Kommentare

13 Reaktionen »

  • Sebastian :

    Super Sache, dass es hier mal ein kleinen Überblick über die Szene gibt! Ich als solch einer Wissenschaftsblogger hab mich auch relativ schwer bis jetzt getan, Verbündete zu finden und kenne nur eine handvoll Blogs rund um Promotion und Wissenschaft. Ich würde mich auf alle Fälle freuen, wenn sich da noch mehr tut!

    [twort T]

  • Wolfgang Michal :

    Ein gemeinsamer Wissenschaftsblog, der über vernetzte Plauderei oder Promotionsfragen hinaus gehen möchte, hätte meines Erachtens drei Aufgaben zu erfüllen:

    1. Er müsste die öffentlich umstrittenen (Wissenschafts-)Themen aufgreifen und die diesen Themen zugrunde liegenden Gutachten/Expertisen diskutieren (pro & contra): von der Energieversorgung über die Pharmaforschung bis zur Bildungspolitik.
    2. Er müsste die vorgestellten/auf den Wissenschaftsmarkt geworfenen Studien, Experimente (die neue Erkenntnisse versprechen) auseinander nehmen/abklopfen (falsifizieren) – hinsichtlich des wissenschaftlichen (Aussage-)Werts, der „Seriosität“ der Messdaten, der Schlüssigkeit der Daten-Interpretation usw.
    3. Er müsste den (populistisch gefärbten) Wissenschaftsjournalismus kritisch unter die Lupe nehmen und – wo nötig – Fehler, verdeckte PR, ideologische Tendenzen aufdecken und kritisieren (sciencewatch).

    Erst als Nebenfolge könnte sich daraus eine Vernetzung von Wissenschaftlern entwickeln, die am gleichen Thema arbeiten. Ein Wissenschaftsblog, wie ich ihn mir vorstelle, wäre nicht in Fakultäten gesplittet (Archäologie-Blog, Geologie-Blog, Pschoneuroimmunologie-Blog, Entwicklungspsychologie-Blog), sondern Problem- oder Fragestellungs-zentriert (Wie viel Öl gibt es wirklich? Ist die MAB-Entwicklung in der Sackgasse? etc.).

    [twort T]

  • Marc :

    @Wolfgang Michal:

    Der skizzierte Wissenschaftsblog wäre natürlich wirklich ein Idealmodell, das unter den gegebenen Bedingungen kaum realisierbar sein dürfte. Aber man darf ja 1.) ein wenig träumen, 2.) in die Zukunft denken und 3.) ein normatives Konzept formulieren, das als Blaupause dazu dienen kann, die bestehenden Formate weiterzuentwickeln.

    Ich halte die genannten Punkte (von der kritischen Abwägung von wissenschaftlichen Ergebnissen bis zur Überprüfung/Diskussion der Seriösität und Solidität) für wichtig und – im Prinzip – auch umsetzbar.

    Und während ich mir eine solche Umsetzung durchdenke, fällt mir erneut auf, daß Blogs sich in zweifacher Weise durch eine Ressourcenbesonderheit auszeichnen.
    Erstens (in positiver Hinsicht) sind Blogs nicht durch Platz- und Zeitbeschränkungen gebunden: der Artikel kann erweitert, neue Links oder Diskussionen hinzugefügt werden; außerdem gibt es keinen Redaktionsschluß.
    Zweitens (negativ) ist es doch so, daß ein solcher Blog erhebliche Zeit- und Personalanforderungen stellen würde. Und solange (Wissenschafts-)Blogger das mehr oder minder für Gottes Lohn tun sollen, ist ein solches Projekt wohl nicht umsetzbar. :-(

    [twort T]

  • Wolfgang Michal :

    @Marc
    Natürlich braucht man für ein gutes Wissenschaftsblog Zeit, Personal (und sogar Geld). Aber hätte jemand vor zehn Jahren ein Gemeinschaftslexikon vom Ausmaß Wikipedia vorgeschlagen – er wäre für verrückt erklärt worden. Das kreative/wissenschaftliche Potential ist vorhanden, Sponsoren bzw. Stiftungsgelder gibt es auch. Nun muss man “nur noch” beide Seiten zusammen bringen.

    [twort T]

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