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„Vielleicht fragen sie das nächste mal jemanden, der sich damit auskennt…“ » Die Süddeutsche Zeitung steht immer noch auf Kriegsfuß mit dem Web 2.0

22. Oktober 2007 | 11:27 Gelesen: 30434 · heute: 2 · zuletzt: 21. August 2017 32 Reaktionen

Was sind Blogs? Wer betreibt Blogs und sind deren Inhalte relevant? Was verbirgt sich überhaupt hinter diesem ominösen Schlagwort "Web2.0"? Solche und ähnliche Fragen stellt sich sporadisch auch die Süddeutsche Zeitung. Aber während sich die Süddeutsche Zeitung gewöhnlich durch fundierte Recherchen und zumeist liberale Standpunkte auszeichnet, ist ihre Berichterstattung sobald Themen des Web 2.0 berührt sind, überwiegend von subtilem Argwohn und Herablassung geprägt.

Bisweilen erinnert die Haltung der SZ freilich an ein trotziges Kind. Akzeptieren, daß die anderen Kinder auch mit den tollen Buntstiften malen dürfen? Nein, niemals! Die Bilder der anderen Kinder sind häßlich und außerdem sind die Häuser auf deren Bildern schief! Und überhaupt: die anderen können das ja gar nicht, die haben das ja nie richtig gelernt…

Es wird noch lange dauern, bis der verwöhnte Rotzlöffel lernt, daß die Bilder der anderen Kinder vielleicht anders, aber deswegen nicht unbedingt schlechter sind. So lange wird man sich vermutlich auch in der SZ-Redaktion noch in der bequemen Bunkermentalität üben. Frei nach dem Motto: "Blogs sind doch doof! Die können das doch gar nicht richtig." Und alle nicken beifällig. Und irgendwann fällt einem Redakteur ein: "Also Blogs, das ist… das ist doch Kinderkram!" Genau! Wieder zustimmendes Gemurmel.1

»Blogs sind Kinderkram«

Nun hat die Süddeutsche freilich Schützenhilfe aus unverdächtiger Richtung erhalten. Das Marktforschungsinstitut TNS Infratest hat das Web 2.0 näher unter die Lupe genommen. Zunächst dessen Nutzer, aber auch die Produzenten der Inhalte. Also die Wikipedianer und Blogger selbst. Am 16. Oktober 2007 gingen die Ergebnisse der infratest-Studie "Web 2.0 – Wer sind die Nutzer des Mitmach-Web?" als Pressemitteilung an die Redaktionen und am 19. Oktober nahm man im Feuilleton der SZ auch prompt erfreut darauf Bezug. "Jugendlexikon" war der Artikel von Claudio Gutteck überschrieben und im Untertitel stand zu lesen "Ein Drittel der Wikipedia-Beiträge von unter 20-jährigen". 

Was gibt es schöneres, als wenn die eigenen Vorurteile wissenschaftliche Bestätigung finden?

Schön, wenn die eigenen Vorurteile von wissenschaftlicher Seite Bestätigung finden. Man mag sich kaum ausmalen, welche Erleichterung (oder gar Begeisterung?) durch die Redaktionsstuben in der Sendlingerstraße schwappte, als man die Kurzfassung der infratest-Studie las. "41 Prozent der Blogbesitzer sind jünger als 20 Jahre." Hatte man es nicht immer gesagt? Kinderkram, na also!

Da hatte man seit einigen Jahren regelmäßig gemeckert und immer wieder Artikel geschrieben, die das Phänomen "Web 2.0" skeptisch bis abfällig kommentierten und nun flattert einem eine solche Steilvorlage ins Haus. Ob ein Dankesbrief oder ein Blumenstrauß an die geschätzten Meinungsforscher von Infratest schon unterwegs ist?

Denn man erinnere sich: die Süddeutsche Zeitung hat genau einen Web2.0-Sympathisanten in ihren Reihen. Nämlich Dirk von Gehlen, seines Zeichens Chef von "jetzt.de". Und genau dort ist auch Platz für diesen Hype um Mitmachweb und Youtube und dergleichen, so die kaum verhohlene Meinung. Das Web 2.0 und die Blogosphäre ist eine Spielwiese für pubertierende Wohlstandskinder, also goldrichtig aufgehoben bzw. abgeschoben bei "jetzt".

Blogbeschimpfungen und die Dumpfheit des Kollektivs

Im "erwachsenen" Teil der Zeitung lassen sich dann ungestört andere Positionen abdrucken. Beispiele gefällig? Zwei besonders hübsche und typische Texte erschienen am 16.6.2006 und zuletzt am 13.8.2007. Vor gut einem Jahr räumte man Jaron Lanier breiten Raum für eine SchmähKritik der Wikipedia und allen weiteren kollektiv erzeugten Webinhalten ein. Unter der Überschrift: "Das so genannte Web 2.0 – Digitaler Maoismus"2 war (nach einem Rundumschlag gegen alle Versuche kollaborativ Inhalte zu generieren)3 u.a. zu lesen:

"Die Frage nach neuen Geschäftsmodellen für Inhaltsproduzenten ist ein schwieriges Thema, aber man sollte zumindest erwähnen, dass professionelles Schreiben Zeit braucht und dass die meisten Autoren dafür bezahlt werden müssen, dass sie sich diese Zeit nehmen. In diesem Zusammenhang kann man das Bloggen nicht als Schreiben gelten lassen. Als Blogger reicht es, dass man den Massen nach dem Mund redet oder Aufmerksamkeit erregt, indem man sie beschimpft."4

Standpunkte, die in ihrer Klarheit kaum zu wünschen übrig lassen. Und Jaron Lanier wiederholt damit das bekannte Mantra des konventionellen Journalismus: "Journalismus ist harte Arbeit, das Handwerk muß professionell betrieben und erlernt werden. Blogs aber sind ein Freizeitvergnügen und folglich per definitionem kein Journalismus…" Natürlich kann man sich fragen, wieso sich Herr Lanier einerseits über die angebliche Beschimpfungsmentalität in der Blogszene mokiert, andererseits gleichzeitig aber genau dasselbe tut: er beschimpft bzw. verunglimpft Blogger. Aber da man bei den verantwortlichen SZ-Redakteuren offenbar mit der These Laniers ("Bloggen kann man nicht als Schreiben gelten lassen.") übereinstimmt, stört sich auch niemand an seiner unsachlichen Polemik.

»Blogs sind irrelevant«

Das panische Insistieren darauf, daß Blogs kein Betätigungsfeld des Journalismus darstellen, kann als die eine Seite des SZ-Credos angesehen werden, wenn es um das Web 2.0 geht. Die andere Seite läuft immer wieder auf das gebetsmühlenhaft vorgetragene Argument hinaus: "Blogs sind irrelevant!" Besonders prägnant hat sich Johannes Boie am 13.8.2007 an einer Variation dieses Glaubenssatzes versucht – unter dem Titel "Online-Visionäre – Abgebloggt" wußte er:5

"Die deutsche Blog-Szene will eine Alternative zu den etablierten Medien werden. Doch zwischen Wunsch und Wirklichkeit klafft eine große Lücke."

Und weiter, nachdem er eine abstruse Friseurinnengeschichte anekdotisch persifliert hat:

"Gewiss, das ist nur ein Beispiel. Aber eines das zeigt, wo Weblogs einzuordnen sind. Knapp 100 der chronologisch geführten Netz-Tagebüchern prägen in Deutschland das Bild von Weblogs (…). Rund 100 000 (…) Weblogs sind bestenfalls öffentlich einsehbare und dennoch private geführte Tagebücher, denen jede gesellschaftliche Relevanz fehlt."6

Blogs sind irrelevant, weil sie Kinderkram sind 

Die Überzeugung der SZ, das wird deutlich, lautet: Als (journalistisches) Schreiben kann bloggen nicht bezeichnet werden und somit fehlt – das die knallharte Schlußfolgerung der Süddeutschen Zeitung – der Blogosphäre "jede gesellschaftliche Relevanz". Das Problem für die SZ war seither nur: man konnte diesen Standpunkt nicht anders als durch beharrliche Wiederholung von subjektiven Mutmaßungen in die Köpfe der verehrten Leserschaft hämmern. Seit letzter Woche hat man aber – wie oben angedeutet – eindeutige Argumente in der Hand. In der Pressemitteilung von TNS Infratest steht u.a.:7

"Web 2.0 ist in erster Linie eine Domäne der jungen Nutzer, insbesondere dann wenn es darum geht, das Internet tatsächlich selbst zu gestalten und aktiv mitzuwirken."

So wird Robert A. Wieland, Geschäftsführer von TNS Infratest, zitiert. Und man ahnt, mit welch strahlenden Augen, solche Passagen von SZ-Redakteuren gelesen werden. Und weiter lautet es in der Presseinfo, die darauf abstellt, daß das Web2.0 eben hauptsächlich von Jugendlichen (Altersgruppe 14-19) erstellt, aber auch von älteren Personen genutzt werde:

"Noch deutlicher wird dies bei den Nutzern von Weblogs, die in dieser Untersuchung genauer unter die Lupe genommen wurden: Hier sind 41 Prozent der Personen mit einem eigenen Blog unter 20 Jahre alt."

Und Infratest will auch folgendes herausgefunden haben:

"Am häufigsten werden Weblogs als persönliches Tagebuch genutzt (61 Prozent), … Personen, die einen eigenen Blog haben, sind eine generell äußerst aktive Gruppe im Internet, besonders was Web 2.0 Inhalte angeht: So nutzen 65 Prozent auch den Chat als Kommunikationsform, 58 Prozent einen Instant Messenger, 59 Prozent hören Online-Radio, 54 Prozent laden Musik aus dem Internet und 50 Prozent haben schon mal Videoportale wie YouTube genutzt. Darüber hinaus nutzen 49 Prozent VoIP und 53 Prozent Online Communities wie Stay Friends."

Haben wir es nicht alle schon immer gewußt? Blogs sind der nachmittägliche Tummelplatz der Teenager, die ansonsten lustig in der virtuellen Welt umherchatten, nebenbei Onlineradio hören und währenddessen illegal? Musik herunterladen. Und 53% der Blogger sind selbstverständlich bei StayFriends oder StudiVZ anzutreffen…

Wo bleiben die Tugenden des Journalismus 1.0?

Dem gutgläubigen Claudio Gutteck sind die vielversprechenden Informationen von Infratest u.a. Anlaß für folgende Zeilen:

"Schon 81 Prozent der Kinder zwischen sechs und dreizehn Jahren hocken heute vorm Computer. Folglich werden es immer seltener Oma und Opa sein, die den goldenen Schlüssel zu ihren Erfahrungsschätzen aushändigen, so ihnen nur aufmerksam zugehört wird. Vielmehr wird Wissen heute fix aus dem Internet gefischt. Genauer, aus dem Web 2.0, dem Mitmach- und Partizipativnetz. Für dessen Inhalte sorgen, wie sich denken lässt, viele Jugendliche."

Nun könnte man natürlich beginnen daran herumzukritteln, daß Wendungen wie "es werden immer seltener Oma und Opa sein, die den goldenen Schlüssel zu ihren Erfahrungsschätzen aushändigen" doch sehr angestaubt daherkommen.8 Und der Kulturpessimismus, der dezent zwischen den Zeilen anklingt, erinnert leider ziemlich unangenehm an Eva Herman. Aber das Bejammern der Aufgabenverschiebung zwischen den Generationen wird ja nun durch wissenschaftliche Studienergebnisse untermauert:

"Beispiel Wikipedia. Zwar hätte man angesichts der oft täppischen Ausdrucksweise in dieser Enzyklopädie schon etwas ahnen können – wer aber hat gewusst, dass ein Drittel der Beiträge dort von Schreibern stammt, die noch keine zwanzig Jahre alt sind? Die Hand der Jugend, sie hat mitgeschrieben, wo immer einer aus dem Web2.0-Quell geschöpft hat; also fast überall."

Das Lamento über die Unbedarftheit der neuen Wissensproduzenten, deren "täppische Ausdrucksweise" und die "Hand der Jugend", die den "Web2.0-Quell" speist, mündet schließlich in den Schlußsatz des Artikels:

"Was das für eine Bildung ist, wäre eine eigene Untersuchung wert, da die Blogs am häufigsten als Tagebuch geführt werden."9

Um ehrlich zu sein, glaube ich nicht, daß die SZ zur Beantwortung dieser Frage ("Was für eine Bildung…") noch eigens eine Studie benötigt. Denn insgeheim weiß man es bei der SZ doch schon längst: es ist eine Bildung, die nichts wert ist, weil sie auf schnell und unqualifiziert dahingeschriebene Blog- und Wiki-Inhalte rekurriert, die vorrangig von Jugendlichen stammen.

Jedenfalls wäre mit der Infratest-Studie – folgt man der Argumentation der SZ – ja bewiesen, was man im eigenen Haus schon so lange zu wissen glaubte: die unausgelastete Jugend tobt sich in diesem bunten, unregulierten Mitmachnetz aus und stellt so Inhalte zur Verfügung, die dann sogar in Blogs oder Wikipedia gelesen werden. Dabei handelt es sich doch in Wahrheit um nichts anderes als Tagebuchkritzeleien und nichts weiter.

Sag Infratest: Wie hältst Du’s mit der Repräsentativität?

Wie schön muß es sich anfühlen, wenn die eigenen verqueren Vorurteile so eindrucksvolle Bestätigung finden, wie nun in den Studienergebnissen von TNS Infratest. Das Dumme ist nur: wenn man genauer hinsieht, dann zeigt sich, daß diese Ergebnisse auf sehr wackligen Füßen stehen. Oder mehr noch: die gesamten Befunde, die die Infratest-Studie bezüglich der Merkmale von Wikipedia- und Blogautoren präsentiert, entbehren jeder wissenschaftlichen Grundlage. Denn – und das hätte auch SZ-Autor Claudio Gutteck herausfinden können – die gesamten Aussagen zu Altersstruktur, Motiven und inhaltlichen Schwerpunkten von Bloggern bzw. Wikipedianern beruht auf den Daten von 82 bzw. 91 Personen!

Fragwürdige Datenbasis: Sprechen 82 Blogger für die gesamte Blogszene?

Glaubt man bei der Süddeutschen Zeitung tatsächlich, daß eine zufällige Stichprobe und Befragung von 82 Personen Rückschlüsse auf die gesamte Blogszene zuläßt, die – wie man überall nachlesen kann – ca. 300.000-400.000 Personen umfaßt? Oder hat man hier ausnahmsweise nicht so genau hingesehen? Denn zugegeben, die Presseerklärung von Infratest kommt vollmundig mit 1.102 Personen daher, die angeblich zur Nutzung von Onlineinhalten befragt wurden. Aber, liebe SZ, liebe Forscher vom Infratest-Team: man sollte so redlich schon sein und hier nicht den falschen Eindruck erwecken, als seien somit alle Resultate der Studie auch nur annähernd repräsentativ.10

Wie reklamiert die Süddeutsche im Chor mit anderen etablierten Medien so gerne? Genau! "Das Wesensmerkmal des Journalismus ist kritische Recherche!" Hatte man diese Tugend (die man Bloggern so gerne abspricht) in diesem Fall an der Garderobe abgegeben? Denn eigentlich hätte man spätestens dann stutzen müssen, wenn man unter den bunten Schaubildern mit denen illustriert wird, daß bspw. 41 Prozent aller Bloger maximal 19 Jahre alt sind, als Datenbasis "n=82" liest.

Im Schrotschußverfahren zu plakativen Ergebnissen

Zur Verdeutlichung: von 82 einzelnen Bloggern auf die Gesamtheit aller Blogger zu schließen ist ungefähr genauso sinnvoll und seriös, wie wenn man durch die Befragung der ersten 80 Personen, die einem in der Fußgängerzone der Stadt Bochum begegnen, etwas über alle Einwohner der Ruhrgebietsstadt mit derzeit 380.000 Einwohnern erfahren wollte. Ist niemand bei der SZ auf die Idee gekommen, die Ergebnisse der Infratest-Studie nochmals mit anderen Daten abzugleichen?

Wo bleiben die angemahnten Tugenden der Recherche? Ist es zuviel verlangt, die seriösen Studien zur Kenntnis zu nehmen?

Wenn man schon selbst von jeder Sachkenntnis unbeleckt ist, dann hätte man wenigstens die Suchmaschine "Google" bemühen können. Und mit 2-3 Klicks wäre man dann etwa bei der immer noch maßgeblichsten Studie zur deutschen Blogosphäre gelandet. Nämlich bei der Umfrage "Wie ich blogge?!", die unter Leitung von Dr. Jan Schmidt von der Universität Bamberg entstanden ist. Und auf Seite 8 des Berichts steht dort beispielsweise, daß 82,3% aller Blogger 20 Jahre und älter sind. Und diese Zahlen beruhen auf der Befragungsbasis von 5.246 Bloggern! Wie war das noch mit der Behauptung der SZ, daß 41 Prozent der Blogger der Schülergeneration angehören? Wieso kam niemand auf die Idee, jemanden zu fragen, der sich mit der Materie auskennt?

Ebenfalls wäre es ein leichtes gewesen, gegenzuprüfen, ob die Aussage der Infratest-Studie im Bezug auf die Produzenten der Wikipediainhalte belastbar ist. Zur Erinnerung: die Überschrift der SZ-Artikels lautete "Jugendlexikon" und wartete mit der aufrüttelnden Information auf, daß ein Drittel aller Wikibeiträge von Usern erstellt wird, die ebenfalls das 20. Lebensjahr noch nicht erreicht haben. Aber auch hier bei näherem Hinsehen dasselbe traurige Bild: die Aussagen von Infratest beruhen auf den Daten von gerademal 91 Personen. Zur Fragwürdigkeit solcher Studien ist in den letzten Absätzen im Grunde alles gesagt. 

Weshalb druckt man Artikel mit grob verfälschenden Behauptungen? Verletzter Stolz, Frust, Inkompetenz? Woher rührt die Beharrlichkeit der Web2.0-Ignoranz der SZ?

Die Frage ist nur, weshalb man es auch hier bei der SZ nicht für nötig hielt, wenigstens kurz zu recherchieren, ob es mit den Infratest-Resultaten seine Richtigkeit haben kann? Nur als kleiner Hinweis für die Kollegen von der SZ: das renommierte "Institut für Demoskopie Allensbach" hat ebenfalls vergangene Woche die Werte seiner jährlichen "Allensbacher Computer- und Technik-Analyse (ACTA)" präsentiert. Ein Blick in diese Studie (übrigens auf der Basis von ca. 10.000 Interviews erstellt) hätte zutage gefördert, daß das Durchschnittsalter der Wikipediaproduzenten bei 35 Jahren liegt. Wollte man vor diesem Hintergrund allen Ernstes weiter behaupten, daß es sich bei der Wikipedia um ein Jugendlexikon handelt?

Liebe SZ, ich schätze Dich sehr und seit bald 12 Jahren finde ich dich jeden Morgen in meinem Briefkasten, bevor Du aber das nächste Mal glaubst, etwas über diese seltsame Blogosphäre oder das Web 2.0 schreiben zu müssen, dann frage doch bitte zuvor jemanden, der sich damit auskennt! Im Zweifel findet sich ein Kontakt auch auf dieser Website im Impressum, Danke!

 


Weitere Informationen, Quellen, Linkempfehlungen:

 



Literatur:

 

  • Fischer, Enrico (2007): Weblog & Co. Eine neue Mediengeneration und ihr Einfluss auf Wirtschaft und Journalismus. VDM-Verlag.
  • Wolff, Peter (2007): Die Macht der Blogs. Datakontext.
  • Schmidt, Jan (2006): Weblogs. Eine kommunikationssoziologische Studie. UvK.


 

 

  1. Einer der unbestritten verdienstvollsten Journalisten der Republik und SZ-Schlachtroß Hans Leyendecker offenbarte erst vor wenigen Tagen ebenfalls eine sehr subjektive Wahrnehmung der Blogszene: Er gab zu Protokoll, daß ein Großteil der von ihm beobachteten Blogs "antidemokratisch", "zynisch" und "verachtend" sei. Leyendecker sei diese verzerrende Wahrnehmung teilweise verziehen; sein Ausrutscher ist hier beim Literaturcafe per Podcast nachhörbar und wurde u.a. hier und hier kommentiert. []
  2. Der Untertitel lautete: "Kollektivismus im Internet, Weisheit der Massen, Fortschritt der Communities? Alles Trugschlüsse." []
  3. "Eine Grundüberzeugung der Wikiwelt ist es, dass im Verlauf des kollektiven kreativen Prozesses jedes nur erdenkliche Problem, das im Wiki auftaucht, Stück für Stück korrigiert werden wird. Das entspricht dem unumstößlichen Vertrauen, das Ultraliberale in die Unfehlbarkeit des Marktes und Ultralinke in die Gerechtigkeit von Konsensprozessen haben. In all diesen Fällen waren die Ergebnisse bisher eher fragwürdig." Und Lanier führt weiter aus: "Nun ist Wikipedia keinesfalls der einzige Fetisch für diesen stumpfen Kollektivismus." []
  4. Hervorhebungen von mir. []
  5. Sein Artikel wurde in der Blogszene entsprechend heiß diskutiert; u.a. hier, hier, hier und hier. []
  6. Hervorhebungen von mir, M.S. []
  7. Leider werden die Ergebnisse der Infratest-Studie nicht nur von der SZ etwas vorschnell und ohne kritische Nachprüfung verbreitet; sowohl hier bei Focus, als auch beim "Wortgefecht" wird übersehen, daß die Datenbasis der Studie zu dünn ist, um substantielle Aussagen über Blogger und Wikipedianer zu treffen… []
  8. Und ich persönlich würde zu gerne erfahren, welche Muse den guten Claudio Gutteck geküßt hat, als ihm "…den goldenen Schlüssel zu ihren Erfahrungsschätzen aushändigen…" in den Sinn kam… []
  9. Wann lernt der etablierte Journalismus endlich, daß Blogs zwar als Tagebuch geführt werden können, dies aber mehr und mehr zur Ausnahme wird? []
  10. Denn zwar wurden gut 1.000 Personen zu ihrem Nutzungs(!)verhalten von Onlinemedien befragt. Es waren also gut 1.000 Rezipienten/Leser von Blogs und Wikipedia, aber – und das ist entscheidend – eben nur unzureichende 82 resp. 91 Produzenten, also aktive Blogger bzw. Wikischreiber! []
Marc Scheloske
Marc Scheloske
Ich bin Sozialwissenschaftler und freier Journalist. Ich schreibe (Fach-)Artikel, blogge und führe Workshops und Schulungen zum Thema 'Wissenschaftskommunikation und Social Media' durch. → weitere Infos
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Kommentare

32 Reaktionen »

  • Fischer :

    „Kinderkram“… Pah. Ich hab das Gefühl, die klassischen Journalisten haben Angst, abgehängt zu werden. Kann sein, oder?

    Da müsste man am 5. November mal den Prof. Wormer fragen, der kommt auch nach München.

    [twort T]

  • gis :

    Danke für den Hinweis betreffend TNS Infratest-Studie. Diese Diskussion führe ich gerne auf dem Wortgefecht weiter.

    An dieser Stelle möchte ich aber einen Einwurf betreffend Lanier tätigen. Ich denke, Du hast meinen Beitrag dazu gelesen:

    http://www.wortgefecht.net/netzkultur/web-20-kollektivismus/

    Im Gegensatz zu Keen, der m.E. nichts weiter als ein adornoesker konservativer Kulturkritiker ist, spricht einiges für Laniers Thesen. Alleine die unsäglichen Löschdiskussionen auf der Wikipedia sprechen da Bände. Es ist in der Tat so, dass auch kollektive Beteiligungsmodelle ab einer kritischen Grösse dazu neigen, ihre Mitglieder unter Anwendung von Zwang „einzumitten“ – genauso, wie es auch hierarchisch aufgebaute Organisationen tun.

    Das „Web 2.0“ bietet zwar sehr geeignete Werkzeuge, um in einem ersten Schritt die Informations- und Wissensvermittlung – in einem zweiten vielleicht sogar die Gesellschaft als solches – in einem anarchistischen Sinn zu befreien. Sobald jedoch diese angesprochene kritische Grösse einer Gruppe (neudeutsch Community) erreicht wird, schlägt es in eine „Dummheit der Massen“ um, die eigentlich nicht minder gefährlich ist wie der Status quo. Mit einem entscheidenden Unterschied: Anders als in der realen Welt hat man im Netz jederzeit die Möglichkeit einer Sezession. Man geht einfach woanders hin.

    So gesehen findet sich tatsächlich ein „digitaler Maoismus“. Aber dies sind nur einige Gedanken eines Anarchisten am Rande ;)

    Über die Unwissenheit der MSM muss ich mich ja nicht äussern…

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  • Marc :

    @Fisch(blogger):

    Ich glaube ja auch, daß es eher psychologisch zu erklären ist, daß hier (bei manchen Medien) so eine Kindergartenmentalität vorherrscht. Nur nicht eingestehen, daß vereinzelt auch in den Blogs vernünftige Sachen stehen.
    Allerdings hielte es ehrlich gesagt nicht für angemessen, daß der Printjournalismus tatsächlich „Angst“ hätte – ich bin ja selbst überzeugter Zeitungsleser – aber ich würde mir doch eine ausgewogenere Betrachtung des Web2.0-Phänomens wünschen.

    @gis (Michael):

    Bitte, gern geschehen. Ich mußte den Hinweis darauf, daß die Infratest-Studie hier wenig Substanz aufweist einfach loswerden. Handwerklich ist sie einfach (was die Produzentenseite von Blogs und Wikis angeht) mangelhaft.

    Zum Lanier-Artikel: ja, ich wäre der Letzte, der blind alle Entwicklungen im Web (egal ob mit oder ohne Zusatz „2.0“) bejubeln würde. Und auch in Sachen Wikipedia gilt es kritisch zu sein. Und es stimmt sicherlich, daß einige Argumente für die These stark gemacht werden können, daß durch eine zu offensive Ausweitung des Produzenten- und Schreiberkreises auch eine Nivellierung der Qualität stattfindet…

    Daran (also an sachlichen Argumenten) habe ich auch gar nichts auszusetzen. Mir sind nur die polemischen Seitenhiebe (siehe oben) von Lanier unangenehm aufgefallen. Denn die Aussage: „Als Blogger reicht es, den Massen nach dem Mund zu reden…“ ist einfach Quark, denn sie beansprucht eine allgemeine Aussagekraft.

    Zur eigentlich spannenden Frage der „kollektiven Intelligenz“ gab es neulich bereits etwas in der Wissenswerkstatt zu lesen… und zwar hier

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  • Matthias :

    Eine „ausgewogene Betrachtung des Web 2.0-Phänomens“ wird es von Seiten der Zeitungen (nicht nur der Süddeutschen) so lange nicht geben, solange man es sich nicht selbst zu eigen macht.

    Meiner Auffassung nach stehen noch fast alle Zeitungen ratlos bis ablehnend dem Web 2.0 gegenüber. Man sieht es (nur) als Bedrohung, nicht aber als Chance. Im Ergebnis wird eben polemisiert wo es nur geht – oder totgeschwiegen.

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  • Francis, Infopirat :

    „First they ignore you, then they laugh at you, then they fight you, then you win.“ – Mahatma Gandhi (der in diesem Fall auch noch fürs Web 2.0 herhalten muss).

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  • Fischer :

    Ich denke schon, dass die klassischen Journalisten im Blogging eine Bedrohung sehen, sonst würden gewisse Leute da nicht so vehement gegen an schreiben.

    Erstaunlich finde ich, dass es so große Unterschiede zwischen den Zeitungen gibt.
    Die Zeit hält sich ja einige Blogger, wie ich kürzlich zu meinem Leidwesen feststellen durfte (ja, ich bin immer noch sauer über den schlecht getarnten Content-Klau), und einige andere renommierte Blätter treiben das Thema jetzt auch voran – ich bin da grad von einer Publikation angesprochen worden, von der ich das nicht erwartet hätte – andere gehen in Totalopposition.

    Das dürfte in Zukunft noch ziemlich interessant werden…

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  • Jan :

    Bis die Verlage verstehen, dass sie fürs Internet eigene Produkte und eigene Experten als Macher benötigen (wie sie es bspw. fürs Fernsehen ganz selbstverständlich verinnerlicht haben), haben Blogger und Podcaster ausreichend Zeit, viele Felder im Internet zu besetzen, Wissen und Kompetenzen anzuhäufen, Leser zu gewinnen. In der Zwischenzeit verhalten sich manche Qualitätsjournalisten wie die Suppenkasper und fühlen sich prima dabei. Sollen sie ruhig. Wir sprechen uns in zehn Jahren wieder.

    Es ist inzwischen über zwölf Jahre her, dass die erste deutsche Tageszeitung online ging. Kaum zu glauben.

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  • Herr Voß :

    Blogs funktionieren einfach ganz anders als die klassischen Massenmedien, die nur „senden“ können: Niemand maßt sich an, die absolute Wahrheit zu schreiben – wenn jemand einen Fehler in meinen Blogeinträgen findet, kann er in einem Kommentar oder in einem eigenen Blogeintrag eine Gegendarstellung veröffentlichen. So entsteht eine Diskussion. Und wer sich für ein Thema interessiert, kann die Diskussion verfolgen und sich sein eigenes Bild machen.

    Wenn es nicht um hochbrisante Artikel geht, schreiben die großen Zeitungen ihren Lesern auch nur nach dem Mund. Die wären ja dumm, wenn sie es nicht täten. Und von den ganzen Computerthemen hat der durchschnittliche FAZ/SZ/Zeit/../-Leser doch ohnehin keine Ahnung. Wenn die Seite noch gefüllt werden muss, darf halt nochmal jemand nen lau recherchierten Bericht reinschieben.

    Für mich haben die großen Zeitungen ziemlich verloren, als die FAZ sich nach dem Amok-Lauf in Erfurt von der Computerspiel-Szene nachweisen ließ, dass ein „kritischer“ Artikel voller sachlicher Fehler war und dass die dazugehörigen Fotos allesamt gestellt waren und nichts mit dem tatsächlichen Spielgeschehen zu tun hatten.

    Wie gut sind die wirklich wichtigen Artikel recherchiert, wenn schon die einfachen so schlecht sind?

    Außerdem vergessen diese elitären Kritiker, dass es im Bereich der professionellen Medien unglaublich viel Schrott gibt, der tatsächlich nur die Plätze zwischen den Werbeanzeigen füllen sollen.

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  • Daniel :

    Ich hab den Artikel nur kurz überflogen, aber gibt es irgendwelche Statistiken zur „Reichweite“? Ich meine, wer liest denn Blogs? Überwiegend Blogger? Das Argument der Irrelevanz kann sich ja auf die Zielgruppe beziehen (mich erinnert das gerade an einen Blogeintrag von Fritz B Simon: Man muss sich die eigene Zielgruppe anschauen), denn wenn Blogs nur von Bloggern gelesen würden, wäre das ganze System damit eher selbstreferenziell und hätte weniger „impact“ als bspw. klassische Medien. Aber wie gesagt, ich hab das Thema nicht intensiv verfolgt, aber mich würden hier schon irgendwelche fundierten Argumente und Gegenargumente interessieren…

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  • Joaquin :

    Unwissenheit, Angst, Bedrohung vor einer gefühlten Konkurrenz?

    Man weiß es nicht, aber selbst Schuld, wenn man sich erst spät und dann auch noch oberflächlich mit dem Thema Blog auseinander setzt und dabei den Blick für die Schreiber und den Bezug zur Realität verliert. Für einen guten, recherchierenden Journalismus steht es jedenfalls nicht.

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  • Daniel :

    Angst, Bedrohung und Konkurrenz kann ich mir nicht so recht vorstellen. Wenn, dann geht es vermutlich eher um die „interne“ Konkurrenz Online- versus Print-Ausgabe. Dass Blogger die nächsten Journalisten sind und „klassische“ Nachrichtenmedien ersetzen, sehe ich im Moment noch nicht.

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  • Fischer :

    Naja, ersetzen sicher nicht, aber so arg toll ist die Beschäftigungssituation im klassischen Journalismus nicht – die Redaktionen sind insgesamt schon ein bisschen unter Druck. Da kann man auch bei marginaler Konkurrenz schon nervös werden.

    Was die Reichweite angeht, die ist natürlich gerade in D noch sehr gering.
    Ich glaube aber gar nicht mal, dass es so sehr die derzeitige Situation hierzulande ist, um die sich die Leute Sorgen machen. Ich vermute, die gucken alle rüber nach Amiland und fürchten, dass das hier genauso passiert.

    Was ich persönlich aber nicht glaube.

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  • Tina :

    Selbstverständlich ist Web 2.0 für die etablierten Medien relevant, denn weshalb sonst würden sie so frustriert darauf reagieren, weshalb sonst würden sie sich so daran abarbeiten? Die soziologische Phänomenologie unterscheidet ja die Umzu-Motive, die auf eine bestimmte Zielsetzung gerichtet sind, von den Weil-Motiven, die durch der Situation und ihre Wahrnehmung durch die Akteure begründet sind. Bei der Motivationsrelevanz unterscheidet die Phänomenologie die thematische Relevanz, die Auslegungsrelevanz und die durch Interessen motivierte Relevanz. Wendet man das auf die Süddeutsche Zeitung an, wird klar, weshalb sie so ‚genervt‘ auf Web 2.0 reagieren. Das Weil-Motiv dürfte der Tatbestand sein, dass Aufmerksamkeit von Teilen ihrer Zielgruppe zu den Self-Made-Medien abwandert und sich dies mit Sicherheit in den harten Zahlen für sie niederschlägt (Auflagen, Anzeigenpreise usw.). Die Motivationsrelevanz liegt nicht nur in thematischen Relevanz (Berichterstattung über Veränderung der Medienlandschaft), sondern auch in der Auslegungsrelevanz (sie sind Verlierer der Entwicklung und das ist eine ganz bittere Erfahrung für sie) und der Interessenrelevanz (sie würden Web 2.0 am liebsten wegschreiben). Aber warum macht es die Süddeutsche nicht wie andere Anbieter?? Die Deutschen Medien glänzen hier wirklich nicht: Unsere Öffentlich-Rechtlichen, v.a. das ZDF mit seiner Mediathek tut alles, um die Rundfunkgebühren auch in Zukunft zu rechtfertigen – aber immerhin: es folgt den Zuschauern ins Netz. CNN bettelt die Zuschauer fast schon an, Beiträge zu liefern, aber bitte bei ihnen und bedankt sich auch ordentlich für die Beiträge. Vielleicht sind das nur zwei gegensätzliche Strategien, um auf dieselbe Entwicklung zu reagieren?

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