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Goldesel Marktforschung? » Das Web 2.0 als lukrativer Studiengegenstand | Werkstattnotiz XXIV

31. Oktober 2007 | 19:37 Gelesen: 9184 · heute: 2 · zuletzt: 23. September 2017 6 Reaktionen

Es ist gerade mal eine Woche her, daß ich mich über eine Studie von TNS Infratest ärgern mußte. Mit quietschbunten Schaubildern wurde in deren Präsentation suggeriert, die Inhalte des Web 2.0 würden zu einem großen Teil von Jugendlichen erstellt. Wenn dem so wäre, müßte man freilich das Schlagwort des "user generated content" dringend in "youth generated content" ändern.

Aufmerksam auf die Studie von Infratest wurde ich durch einen Artikel der Süddeutschen Zeitung, in dem eben nachzulesen war, daß angeblich über 40% aller Blogs von unter 19-jährigen betrieben werde und die Wikipedia sei fast ebenso in der Hand der Jugend. Ein genauer Blick auf die Studie hätte – freilich im Kleingedruckten – ergeben, daß die Datenbasis allzu mager war, als daß solche Rückschlüsse hätten gezogen werden können. Man sollte eben genau hinschauen, wenn man zitiert…

Nun entdecke ich vor 5 Minuten einen Artikel bei Thomas Knüwer in seinem Handelsblatt-Blog. Thomas ist – nebenbei bemerkt – auch so ein typischer (Berufs-)Jugendlicher, der vermutlich beim Infratest-Fragebogen angegeben hat, er sei 18 1/2. ;-)

Warum ist Fachkompetenz bei PR-Agenturen sekundäres Einstellungskriterium?

Aber ganz kurz zur Sache: Thomas echauffiert sich über eine Pressemitteilung zu einer weiteren Web 2.0-Studie, die wohlwissentlich? verschweigt, wieviele Menschen befragt wurden. Die Dame der PR-Agentur, die die Pressemitteilung verantwortete, war mehr als verwundert, daß hier noch Fragen unbeantwortet sind… Am Telefon offenbarte sich, Thomas zufolge, schiere Ahnungslosigkeit. Daß eine Studie möglicherweise ein Qualitätsmerkmal erfüllen sollte, das auf den komplizierten Namen "Repräsentativität" hört, war der Dame einigermaßen neu.

Wohlklingende Texte zu schreiben, die nicht mit Wortgeklingel sparen, scheint die PR-Dame aber zu können. Das liest sich dann wie folgt:

Ausschlaggebend für die Nutzung von Web 2.0- Anwendungen und Mitgliedschaften in Communities sind nicht die soziodemografischen Rahmenbedingungen, sondern Lebenseinstellungen und psychologische Grundmotive. Die repräsentative Studie web 2.0 offensiv! der Münchner PbS AG über die deutschen Onliner unterscheidet diese nach ihrem Charakter, ihren Nutzungsmotivationen und Bedürfnissen. Auf dieser Basis hat die PbS AG eine neuartige, psychologisch fundierte Web 2.0-Typologie entwickelt, mit der sich Marketingmaßnahmen im Kontext des Web 2.0 effektiver und effizienter konzipieren lassen als bisher.

Donnerwetter! Da entwickelt die PbS AG eine "neuartige, psychologisch fundierte Web 2.0-Typologie", Respekt! Was aber vor allem wichtig ist: die "Nutzungsmotivationen und Bedürfnisse" dieses Marktsegments werden angeblich auch entschlüsselt. Und das Ziel des Ganzen? Logo: Auf der Basis der PbS-Studie lassen sich "Marketingmaßnahmen im Kontext des Web 2.0 effektiver und effizienter" konzipieren. Darunter geht es wohl nicht. ;-) 

Die vollmundige Vermarktung der Studienergebnisse ist hochprofessionell. Ebenso der Preis…

Ich könnte mich jetzt darüber aufhalten, daß ich ehrlicherweise schon skeptisch werde, wenn jemand anpreist, daß durch seine Arbeit etwas "… effektiver und effizienter" werden soll. Aber nun gilt es abzuwarten, ob Thomas von der PR-Agentur mehr über die Studie erfährt.

Ich selbst bin kurz bei dieser PbS-Agentur vorbeigesurft und habe deren ebenso vollmundigen Versprechen im Original gelesen:

Die Basis für eine Entwicklung innovativer Marketingstrategien im Zeitalter des Web 2.0 ist durch das tiefgehende Verständnis der „neuen" Konsumenten gekennzeichnet: Ihr Nutzungsverhalten, ihre Motive, Wünsche und Bedürfnisse, ihre Akzeptanz von Vermarktungsansätzen im Web.
Mit dieser Kenntnis lassen sich vitale und reichweitenstarke Communities erfolgreich aufbauen und entwickeln.

Wenn hier nicht jedem Produktmanager das Wasser im Munde zusammenläuft?

Fest steht: die Studien werden zumindest professionell vermarktet, ob sie auch professionell erstellt wurden, muß sich noch zeigen. Und der Preis – darauf fiel mein zweiter Blick – stimmt ja auch: 1.300,- Euro gilt es zu überweisen, wenn man einen Blick in die ausführlichere Studie werfen will.1

Wobei, nein!, zu früh gefreut: 1.300,- Euro sind der Preis für die Basisversion. Hätte mich auch fast gewundert…2 

 

  1. Bei solchen Schnäppchenpreisen kann ich ja nur froh sein, daß ich mich nicht so ausbeuten lassen muß… []
  2. Mich würde ja brennend interessieren, wieviele Abnehmer eine solche Studie findet. Herr Köhler, Herr Schmidt, ist das kein Geschäft in das man einsteigen sollte? Wieso treiben sie sich noch in der Wissenschaft rum? 1.300,- BASISPREIS! Das sind Hausnummern! ;-) []
Marc Scheloske
Marc Scheloske
Ich bin Sozialwissenschaftler und freier Journalist. Ich schreibe (Fach-)Artikel, blogge und führe Workshops und Schulungen zum Thema 'Wissenschaftskommunikation und Social Media' durch. → weitere Infos
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Kommentare

6 Reaktionen »

  • Jan Schmidt :

    “Herr Köhler, Herr Schmidt, ist das kein Geschäft in das man einsteigen sollte? Wieso treiben sie sich noch in der Wissenschaft rum? 1.300,- BASISPREIS! Das sind Hausnummern!”

    Herr Scheloske, Sie haben völlig recht! Die Basisversion meiner nächsten “Wie ich blogge?!”-Studie werde ich zum Kampfpreis von 1.299,- Euro verkaufen. Und wer die Prozentangaben zu den einzelnen Fragen haben will, muss nochmal 999,- Euro für die “Premium Edition” zahlen. :-)

    [twort T]

  • Benedikt :

    Herr Schmidt, Sie vergessen das wichtigste: wer die Daten nutzen will, muss noch einmal 799,- Euro für die Nutzungsrechte überweisen. Vielleicht entgegenkommend noch die Möglichkeit der Subskription mit 5%igem Preisnachlass? Interessiert? Für den Hammerpreis von 1299,- Euro arbeite ich gerne ein detailliertes Preismodell für die Monetarisierung Ihrer Studien aus ;-)

    [twort T]

  • Benedikt :

    BTW: Danke für den Hinweis auf die Studie. Werde die in meinem Blog auch noch einmal gesondert zerpflücken. Besonders angetan hat es mir übrigens der adipöse Web 2.0-Sehnsüchtige mit Zauberwürfel auf dem Bauch.

    [twort T]

  • Tim :

    Das ist business. Warum die Aufregung? Werden alte Mütterchen über den Tisch gezogen?

    Alle die hier diskutieren sind wohl akademische Sozialwissenschaftler. Also: macht mal selber was, statt rumzujammmern. Das Ding wird sich verkaufen. Ist halt Angebot und Nachfrage.

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  • Jan Schmidt :

    Ui, den Kommentar von Tim seh ich ja jetzt erst.
    @Tim: Ja, wir drei sind akademische Sozialwissenschaftler.

    Ich will nur für mich sprechen – schau mal unter http://www.fonk-bamberg.de/?page_id=12 – jede Menge Working Paper, an denen ich mitgearbeitet habe und die frei erhältlich sind. Hinzu kommen meine “regulären” wissenschaftlichen Aufsätze, die in meinem Blog ebenfalls als preprint frei erhältlich sind. Also nix mit “macht selber mal was, statt rumzujammern”.

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  • Marcus :

    Haha – interessante Studie, klar ist das Business, ich denke aber generell wird web 2.0 eigentlich mehr gehyped und 40% der Blogs von unter 19 Jährigen? Hehe interessant!

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