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Kapitulation » Weshalb Schwäche nicht Schwäche, sondern Triumph ist. Tocotronic führen ihre Jugendbewegung in neues Licht

6. Juli 2007 | 18:47 Gelesen: 18047 · heute: 2 · zuletzt: 21. August 2017 19 Reaktionen

Es schließt sich ein Kreis. Als Tocotronic vor 13 Jahren begannen, ihren Weltekel, all die Frustration und Resignation des Heranwachsens in rotzig-subversive Slogans zu verpacken, war das genau eines: die artikulierte Abscheu vor jener Mittelmäßigkeit, deren Allgegenwart die eigene Existenz immer schon einschloß. Es war – und das zeichnete Tocotronic schon immer vor allen anderen aus – freilich die Artikulation eines Gegenstandpunkts im Bewußtsein, daß genau dieser Protest in seiner Hilflosigkeit im Grunde essentieller Bestandteil dieser jämmerlichen Kleinbürgerlichkeit ist, die man zu kritisieren vorgibt.

Heute sind Tocotronic mit ihrem Album "Kapitulation"1 wieder dort angekommen, wo sie einst ihren Weg begonnen hatten: Tocotronic formulieren einen expliziten Gegenentwurf, sie zelebrieren eine Protesthaltung, die sich all den Imperativen des herrschenden Zeitgeistes entgegenstellt. Doch der Weg, den Tocotronic zurückgelegt haben, hat Spuren der Ernüchterung und Läuterung hinterlassen: während man früher versuchte die Enttäuschungen des Außenseiterdaseins wenigstens durch ironische Brechung erträglich zu machen, so schöpfen die programmatischen Texte des neuen Albums ihre berauschende Kraft aus der Einsicht, daß das Eingeständnis von Schwäche und Scheitern richtig verstanden den größten denkbaren Triumph darstellt. Denn die Kapitulation meint nichts anderes als die bewußte Suspendierung der ungezählten Zumutungen des Gelingens und der Machbarkeit. Die zwölf Songs des heute erscheinenden Albums sind folgerichtig zwölf Variationen zu einem Thema: Dirk von Lowtzow besingt mit bislang ungehörter Klarheit das hohe Lied der Kapitulation, deren Kraft sich aus der Erkenntnis speist, daß der Mensch gerade im Scheitern seinem Wesen am nächsten kommt.

Scheitern – so ließe sich die Intention zunächst fassen – wird von Tocotronic endlich von all den Konnotationen gereinigt, die Scheitern stets als Mißlingen und als Defizit erscheinen ließen. Denn gerade die Unzulänglichkeiten und mehr noch: die freie Entscheidung, sich nicht den Systemzwängen zu beugen, zeichnen – so die wiederholte These – die menschliche Existenz aus. Die formelhaften Beschwörungen, die Aufrufe sich der Fähigkeit zur Kapitulation zu erinnern, durchziehen das gesamte Album.

Die Verabschiedung des bösen Buchs – Der Weg ins Licht 

Und schon nach den ersten Liedern wird offensichtlich: Tocotronic haben das 2002 besungene "böse Buch"2 zunächst wieder ins Regal zurückgelegt und auch die Flucht in den Obskurantismus einer raunend-mythischen Vernunftkritik ist vorläufig beendet. Der Antichrist ist im Jahr 2007 keine Option mehr, beim nun vorliegenden Album handelt es sich vielmehr um Versuche der Annäherung an das Licht. Und es ist vermutlich kein Zufall, daß an anderer Stelle das tocotronische Meisterwerk als das einzige Album bezeichnet wurde, das in seiner Bedeutung dem strahlend-schönen "Neon Bible" von Arcade Fire gleichkäme. Daß die Kanadier ihr vielschichtiges Album in einer Kirche eingespielt haben, ist insofern bezeichnend, als daß "Kapitulation" von Tocotronic auch weniger als musikalische Wortmeldung, sondern vielmehr als vertonte Erlösungsreligion verstanden werden kann. Die frohe Botschaft, so bringt es Dirk von Lowtzow immer wieder auf den Punkt, lautet schlicht: habe die Kraft zur Schwäche, erkenne, daß in der Kapitulation die menschliche Freiheit in ihrer reinsten Form zum Ausdruck kommt.

Die Erhabenheit auf den Gipfeln der Verzweiflung

Es war 1996, als Tocotronic wenig Zweifel an ihrer Absicht ließen: "Wir kommen, um uns zu beschweren", so war ihr drittes Album betitelt. Dort wurde in unübertrefflicher Weise demjenigen Gefühl Ausdruck verliehen, das den Heranwachsenden in einer Gesellschaft der bornierten Gleichgültigkeit an den Rande des Wahnsinns oder eben, wie der damals 25-jährige Lowtzow  mehr keifte als sang: "Auf die Gipfel der Verzweiflung" führt. Diese Verbeugung vor dem rumänisch-französischen Philosophen Émile Michel Cioran, der wie kaum ein anderer Kulturkritik, Abscheu und Pessimismus zu verbinden wußte, kam nicht von ungefähr: Tocotronic waren an einem Punkt angelangt, an dem man zwar hochreflektiert über den eigenen Außenseiterstatus nachdachte und auch lächeln konnte, aber die Signale der Restgesellschaft, die Signale all der selbstgefälligen Backgammonspieler, Tanztheater- und Kleinkunstfans, waren schmerzhafte Pfeile die fortwährend daran erinnerten, daß man – wenn man keine bunten Uhren trägt3 – schlicht nicht dazugehört.

Tocotronic bewegten sich zunächst in diesem ambivalenten Schattenreich, das immer wieder ein Wechselbad der Gefühle war: zwar lehnte man einerseits all die Gruppenzugehörigkeiten und stumpfsinnigen Freizeitbeschäftigungen der anderen ohnehin ab, andererseits aber empfand man die Tatsache, von vornherein davon ausgeschlossen zu werden, als ungerecht und demütigend. Diese Ambivalenz brach sich trotzige Bahn in wunderbar krakeeligen Songs, wie "Alles was ich will ist nichts mit Euch zu tun haben." Ungestüm und polternd wurde in diesen Anfangsjahren die Ablehnung derjenigen zelebriert, von denen man selbst abgelehnt wurde. Daß viele Germanistik- und Soziologiestudenten sich hier wiederfanden, kann kaum verwundern.

Semiotische Erkundungsfahrten: Der Wald aus Zeichen 

Nachdem Tocotronic mit den Jahren in dieser Hinsicht immer gelassener wurden und sich mit den unabweisbaren Gegebenheiten arrangierten, wurden immer wieder neue Pfade im tocotronischen Kosmos ausprobiert und erschlossen. Kurz vor der Jahrtausendwende veröffentlichte das damalige Trio Dirk von Lowtzow, Jan Müller und Arne Zank sein zauberhaftes Album "K.O.O.K.". Hier sind dann auch bereits diejenigen Fährten ausgelegt, die in den Folgejahren beschritten werden sollten. "Das Unglück muß zurückgeschlagen werden" – so lautete der selbstformulierte Anspruch. Im Lied "Die neue Seltsamkeit" fand sich dann der Hinweis auf den Weg, der als erstes begangen wurde. Ganz zum Schluß heißt es dort:

"Die Zeichen wären deutlich es sei soweit / Es komme nun eine Seltsamkeit (…) / Draußen wo sich die Nacht mit dem Tageslicht bricht / Scheint etwas vor sich zu gehen das auch mich betrifft."

Genau diese Seltsamkeit einer Welt, deren Umrisse zwar schemenhaft erkennbar werden, die aber außer ihren Konturen wenig preisgibt, wurde in den folgenden beiden Alben (2002: "Tocotronic", 2005: "Pure Vernunft darf niemals siegen") erkundet. Es waren semiotische Abenteuerfahrten hinein in einen "Wald aus Zeichen", die wunderschön waren, aber die dunklen Schatten der bösen Mächte waren stets spürbar. Wenig Klarheit, viel deutungsvolles Raunen wurde von Lowtzow verbreitet und so waren auch Sätze wie der folgende zu hören: "So will die Welt zu Grunde gehen / Wenn wir am Zauberwürfel drehen."4 Das Spiel mit dem Untergang, das Drehen am Zauberwürfel verströmte Angst und unheilvolle Faszination.

Das Geschenk des Lebens

2005 stieß Rick McPhail zur Band, bereicherte das musikalische Repertoire durch neue Facetten und Möglichkeiten. Und mit Kapitulation greifen die inzwischen zum Quartett erweiterten Tocotronic jenen Faden wieder auf, der genauso wie die Fahrt in die Unterwelt schon 1999 angedacht war; denn im Song "Das Geschenk" hieß es damals:

Man gab mir soeben / Das Geschenk meines Lebens / Das Wissen von einem Ende der Nacht.

Die Gipfel der Verzweiflung liegen also nun endgültig hinter der auch musikalisch gereiften Hamburger Band. Gleich das erste Lied, betitelt mit "Mein Ruin", zeigt, daß Tocotronic aus dem Schattenreich heraustreten. Die Nacht ist zu Ende. Kraftvoll, rumpelnd nimmt das Album seinen Anfang und wohldosierte verzerrte Gitarren weisen den Weg. Der Ruin, so wird deutlich, ist nur eine andere Chiffre, eine Facette derjenigen Lebenshaltung, die die Möglichkeit zur Kapitulation als ihren Wesenskern begreift. "Mein Ruin das ist mein Ziel", so besingt Lowtzow eindeutig diese Position und er läßt keinen Zweifel: "Mein Ruin ist mein Triumph / (…) Eine Befreiung / Eine Pracht".

Der Ausweglosigkeit die Stirn bieten: Kapitulation als Lebenshilfe

Nachdem dieser Gegentwurf also bezeichnet ist, schließt sich mit dem Titelsong "Kapitulation" ein kraftvoller Aufruf zur Schwäche an: Dirk von Lowtzow singt mit zerbrechlich-zarter Stimme Zeilen, die geeignet sind, all den Geschundenen und Entrechteten dieser Erde Trost zu spenden. Denn, so die Empfehlung "wenn Du kurz davor bist / kurz vor dem Fall (…) / Und wenn Du traurig bist / Und einsam und allein", dann hilft nur noch genau jener Akt, der die Befreiung aus all den alltäglichen Ausweglosigkeiten verspricht: der Akt der bewußten Kapitulation. Selten ist ein Aufruf zur Verweigerung schöner besungen worden und wenn sich das Lied gegen Ende immer mehr steigert, sich erhebt zu einer kollektiven Beschwörung all derjenigen, die endlich einsehen sollen, daß ihr Verhalten in tiefster Weise inhuman ist, so wird deutlich, daß Tocotronic hier auch ein gesellschaftlich-politisches Statement abgeben. Denn als was sonst sollte dieser Appell verstanden werden, der schließlich im Chor zur Kapitulation auffordert: "Alle die disziplinieren / Sie müssen kapitulieren / Alle die uns kontrollieren / Sie müssen kapitulieren". 

Die weiteren Lieder erfreuen einmal mehr durch den charakteristisch-holpernden Takt,5 den Arne Zank mit dem Schlagzeug vorgibt. Das sicher eine der großen Konstanten, die alle acht Alben dieser Band durchzieht. Ein Glück, daß niemand je auf die Idee kam, Arnes eigenwilliges Profil abzuschleifen. Genauso wäre es zu bedauern gewesen, wenn Dirk von Lowtzow seinen Gesang irgendwelchen externen Erfordernissen oder gar einer Chartkompatibilität preisgegeben hätte. Nun gut, das war vermutlich nicht zu befürchten und so erfreuen die zwölf Titel auf diesem neuen Werk durch einen zwar perfekten, aber nicht überproduzierten Klang. Man hat sogar das Gefühl, daß sich die Band im Einvernehmen mit ihrem Produzenten Moses Schneider sogar wieder stärker an einem unmittelbaren und weniger artifiziellen Livesound orientiert hat.

Schwäche wird nicht Schwäche sein: Die Botschaft der Bergpredigt

Der tocotronische Klangraum wird immer noch dominiert von jenem lärmigen Gestus, der allerdings niemals brachial daherkommt, sondern stets seine Fragilität im Subtext mit sich führt. Und wenn die Gitarren einmal beinahe dominant im Raum stehen, so wird dies stets wieder durch Dirk von Lowtzows Gesang ausbalanciert. Und überhaupt dieser Gesang: in keinem der Vorgängeralben war Lowtzows Stimme derart präsent, derart klar konturiert. Und doch kommt in seiner Stimme genau diese Haltung zum Ausdruck, die als Prinzip das gesamte Album bestimmt. Die Einsicht in die Stärke des Eingeständnisses von Schwäche, spiegelt sich im unaufdringlichen Gesang wieder, so daß am Klang jeder Silbe ablesbar wird, daß dem Sänger Dirk von Lowtzow Imperative ein Greuel sind. 

Wer den Texten nachlauscht, all den feinen Verweisungen und Anspielungen, wird schließlich erkennen, daß hier nicht nur das Manifest der Kapitulation ausbuchstabiert wird; hier auf Referenzen an andere Manifeste zu verweisen, wie etwa das wirkmächtigste, das 1848 erschien, ist recht offensichtlich und wurde hier bereits ausgeführt. Frappierender als die maschinenstürmerische Konnotation ist nämlich die Nähe zur neutestamentarischen Botschaft, wie sie etwa in der Bergpredigt innerhalb des Matthäusevangeliums formuliert ist.

Das Lob der Schwäche und der Schwachen, der versprochene Trost und die Aufrufe, sich mit Gleichgesinnten zu versammeln, sind immer wiederkehrende Motive; die Metaphern von Schmerz und Verwundung weisen ebenfalls eindeutig religiöse Bezüge auf.6 Tocotronic – so ließe sich ohne weiteres feststellen – rufen mit ihrem Album "Kapitulation" zur Messe: "Kommt alle mit, kommt alle her" heißt es nicht zufällig in "Aus meiner Festung". Und die empathische Grundhaltung ist dabei ebenso klar: "Du mußt nicht zeigen, was Du kannst / (…) Nimm all dies als Dein Geschenk / (…) Und Deine Schmerzen lindern sich."7

Hier wird auf tocotronische Weise jenes großartige Versprechen der großen Weltreligionen neu auf den Punkt gebracht: es wird unmißverständlich deutlich, daß alles Streben niemals darauf gerichtet sein kann, einem möglicherweise propagierten perfekten Ideal nahezukommen; es ist nicht die Leistungsfähigkeit und Effizienz, die den Wert eines Menschen ausmacht. Es ist vielmehr die Fähigkeit sich selbst zurückzunehmen, selbst zur Besinnung zu kommen. Und der Triumph auch des gedemütigsten Menschen besteht darin, den Imperativen der atemlosen Leistungsgesellschaft mit genau dieser unscheinbare Gegenthese entgegenzutreten, die da lautet: ich kapituliere. Die Kapitulation ist kein Ausdruck von Schwäche, sondern ist im Gegenteil der letzte Zufluchtsort von Würde und Selbstbestimmung. Und all die religiöse Symbolik findet ihre Bestätigung, wenn es letztlich in "Harmonie ist eine Strategie" heißt:

"Und jeder Zweifel / Jeder Zwang / Verschwand vor unseren Augen /
Und die Pforten des Himmels öffneten sich vor unseren Augen /
Und die Worte der Weisheit / Trugen uns so weit wie nie."

Die befreiende Kraft der Verweigerung

Wer freilich befürchtet, Tocotronic könnten beim nächsten Kirchentag auf der Hauptbühne spielen, der kann beruhigt werden. Noch immer beherzigen sie die Empfehlung, die einst der Journalist Hajo Friedrichs allen Berufskollegen mit auf den Weg gegeben hatte: "Mache Dich mit nichts gemein. Auch nicht mit einer guten Sache." Für Tocotronic heißt das, daß sie zwar eine Position beziehen, die gewisse Sympathien zum ein oder anderen Stichwortgeber erkennen läßt, das originäre tocotronische Profil bleibt allerdings erhalten. Die zahlreichen Interviews mit der Band, die in den letzten Tagen erschienen sind, hielten dann auch nicht allzu vieles Neues bereit, aber auf die immer wiederkehrende Frage, ob Tocotronic sich nicht wie die große Riege anderer Bands auch auf die Bühne der Anti-G-8-Konzerte oder der Benefizspektakel gegen die Klimaerwärmung stellen wolle, erklärte Dirk von Lowtzow erfreulicherweise ein ums andere Mal, daß dies nicht zu erwarten sei.

Es wäre auch der verkehrte Ort, wenn zuerst eine Band wie Juli mit ihrer "Perfekten Welle" das Publikum zu Begeisterungsstürmen hinrisse und dann die Herrschaften um den Grafen von Lowtzow auf die Bühne kämen. Es würde ohnehin kaum verstanden, wenn Lowtzow dann vom Ruin sänge, von einer Sache die "gewachsen ist, wie eine Welle die mich trägt, und mich dann unter sich begräbt." Es würde bei den Juli-Fans nur Stirnrunzeln hervorrufen.

Wind- und Wellensurfen ist die Sache von Tocotronic nicht. Was für ein Glück. Den Aufruf zur Kapitulation vor der neoliberalen Spaßgesellschaft in wunderschöne Lieder zu verpacken, ist ihnen Auftrag genug. Und diesen haben sie erfüllt. Versöhnlich also, daß nicht nur im Scheitern, sondern auch im Gelingen Größe und Erhabenheit verborgen liegen.

 


Linktipps:

Literatur- und CD-Empfehlungen:

 

Update – Linktipps:

 


 

 

  1. Das auch in der Blogosphäre voller Vorfreude erwartet wurde und interessiert zur Kenntnis genommen wird; so bspw. in der Spex und hier und hier. Und der Zeitblog äußert sich kritisch. []
  2. Damals hieß es im Album "Tocotronic" im Lied "Das böse Buch": "(…)  Das böse Buch wird noch gesucht / Wir lesen es gern (…) / Das Nekronomikon liegt schon bereit / Wir folgen dieser Spur… []
  3. So die Feststellung im Song "Digital ist besser", wo es heißt: "In einer Gesellschaft in der man bunte Uhren trägt, in einer Gesellschaft, wie dieser bin ich nur im weg. []
  4. So heißt es düster im Lied "Alles wird in Flammen stehen" []
  5. Besonders eindringlich im Song "Wir sind viele", der unscheinbar beginnt, sich dann aber immer weiter steigert und seine Titelzeile schließlich repetitiv immer eindringlicher umkreist. []
  6. Und auch im Lied "Wir sind viele" wird – allerdings in einem anderen Kontext – ganz eindeutig auf eine Passage des Markus-Evangeliums rekurriert. Die tocotronische Textzeile lautet: "Wir sind viele / Unser Name ist Legion." Bei Markus 5,9 lesen wir: "Jesus fragte ihn: Wie heißt du? Er antwortete: Mein Name ist Legion; denn wir sind viele." []
  7. So einige Zeilen aus "Verschwör Dich gegen Dich" []
Marc Scheloske
Marc Scheloske
Ich bin Sozialwissenschaftler und freier Journalist. Ich schreibe (Fach-)Artikel, blogge und führe Workshops und Schulungen zum Thema 'Wissenschaftskommunikation und Social Media' durch. → weitere Infos
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Kommentare

19 Reaktionen »

  • tja :

    ehrlich gesagt verdirbt mir das wissen um solche auffassungen den genuß an tocotonic. glücklicherweise hatte ich bis vor dem internet nie mit solchem aufgewuchteten schwachsinn zu tun. dieses zusprechen einer neo-religiösen funktion, das ist in grundidee und ausführung unglaublich ekelhaft, weil dabei diese eigene unfähigkeit zu leben, so deutlich wird, und vor allem das übersehen wird, was tocotronic im wesentlichen ausmacht: die distanz zu sich selbst und zum werk, die abscheu gegenüber jenem ich, das in solcher grütze wie dieser glorifiziert wird. da existiert scheinbar null kunstverständnis, und dafür umso mehr bestrebung. ganz, ganz schrecklich.

    die dinge über die man bei tocotronic reden könnte, die liegen doch eher in den kleinen gags, in den zwischentönen, im zwinkern, in der versteckten, geheimen kommunikation. und weniger im sozialpolitischen, und nun gar noch religiösen dunst, der sich um diese armen schweine gelegt hat. dafür hört sich mein ruin zu sehr nach pisse oder angst vor dreckigen spritzen an. es ist zwar alles irgendwo spaß, dafür aber vielleicht umso ernster. und der ernst ergibt sich auch aus solch blockierendem gesabbel.

    [twort T]

  • Benedikt :

    Auch wenn ich in einigen Punkten etwas anderer Meinung bin – das ist eine sehr lesenswerte und in sich stimmige Lesart der Tocotronischen Kapitulation. Besonders der Verweis auf die Bergpredigt ist eine spannende Fährte.

    [twort T]

  • Sebastian :

    Tja, Benedikt, zwar ist das in der Tat eine „in sich stimmige Lesart“, aber sie hat wenig mit ihrem gewählten Gegenstand zu tun und viel mit eben dieser Lesart. Das ist für sich natürlich OK. Ich würde es deswegen nicht ein ‚blockierendes Gesabbel‘ nennen wollen, mich stört in dem Text nur, dass er geneigt ist, Zitate als Belege zu verstehen und nicht als Zitate. Wenn man sich nämlich einmal z. B. tatsächlich das fünfte Kapitel des Markus-Evangeliums durchliest, kommt man doch sehr in Zweifel, ob die Zeile im Song von Tocotronic sich positiv auf den religiösen Text bezieht. Da hat denn eher Tja recht, dass das ein Spaß ist, wie das Zitat der Prinzen in „Luft“ etwa, aber ein sehr ernster. Immerhin geht es bei Markus um die Heilung eines Besessenen. Und ist die heute noch so einfach denkbar, indem die unreinen Geister in die Säue fahren? Oder ist nicht gerade der Wahnsinn schon „ein ganzes Lexikon“? Irgendeinen wie auch immer gearteten Missionierungseifer bei Tocotronic zu vermuten, halte ich schlicht für falsch.

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  • Alice :

    Hallo tja und Sebastian,
    eure Kritik bleibt mir ehrlich gesagt ziemlich unverständlich. Diese Interpretation weiss sehr genau darum, dass sie eben eine ‚Interpretation‘ ist, eine unter vielen möglichen, ohne Unterstellung, dass sie die einzig wahre sei. Genau so wird eben in der Literaturwissenschaft gearbeitet: hermeneutisch, Zitate als Belege für eine Deutung verwendend und ich sehe nicht, was daran falsch sein sollte, Tocotronic-Texte wie Literatur zu behandeln. So lange man – wie hier meiner Meinung nach der Fall – auf dem Teppich bleibt und nicht behauptet, man besäße den alleinigen Anspruch auf eine wahrhaftige Auslegung.
    Und Tocotronic fordern doch durchaus zu solchen und anderen Interpretationen heraus, indem sie Text- und Melodienschnipsel einarbeiten und damit intertextuell arbeiten. Ich verstehe nicht, wieso man kritisieren sollte, wenn ein Autor dies dann zu tun und vielleicht in ein etwas geschlosseneres Deutungsmodell einzuordnen versucht. Gerade ein ‚Konzeptalbum‘ wie ‚Kapitulation‘, das immer wieder um ähnliche Themen kreist, ruft ja quasi danach.
    Interessant ist das allemal und wen das nicht interessiert (dies zu tja’s beleidigenden Äußerungen), der braucht es schließlich nicht zu lesen, ist ja keine Pflichtlektüre! Von einer Interpretation eines Autors auf dessen ‚Lebensunfähigkeit‘ zu schließen, ist jedenfalls mehr als unterste Schublade und sehr bedauerlich bis peinlich! Das ist Talkshow-Niveau!
    Darüber hinaus beinhaltet diese Interpretation mehrmals ganz explizit den Hinweis auf die Distanz von Tocotronic zu ihrem Werk und ihren Texten, auf die Distanzierungen von möglichen Interpretationen und den Verbleib im Unentschiedenen und Spielerischen. Nicht umsonst verweist der Autor darauf, dass Tocotronic sicher niemals auf dem Kirchentag spielen werden und sich mit keiner Sache jemals gemein machen, auch mit keiner guten! Es wird also keineswegs ein ‚Missionierungseifer‘ bei Tocotronic vermutet, im Gegenteil!
    Man muss dieser Interpretation nicht zustimmen, aber man kann sich doch von ihr zum Nachdenken anregen lassen. Mag sein, dass manche Zitate (Bergpredigt) durchaus ironisch oder zumindest gebrochen lesbar sind, interessant ist aber doch erstmal, dass hier aus der Bergpredigt zitiert wird. Was man mit dieser Information macht, bleibt ja jedem selbst überlassen! Dass es sich hierbei um einen Zufall handelt, wird bei Tocotronic aber wohl niemand behaupten wollen.

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  • Benedikt :

    Fraglich ist allerdings, inwiefern Lesarten viel mit ihrem gewählten Gegenstand zu tun haben müssen. Böse Zungen sagen ja, dass eine Interpretation immer mehr mit dem Interpretierenden und seiner Zeit zu tun hat als mit dem interpretierten Gegenstand. Gerade Tocotronic sperren sich als Autoren immer wieder selbst gegen jegliche Versuche einer wahren Deutung ihrer Musik – siehe die Verzweifelten Versuche von Venker, Tocotronic eine politische Haltung zuzusprechen (anzudichten?). Daher hast du natürlich, was den Missionierungseifer angeht, recht. Obwohl ich schon denke, dass Dirk durchaus zuzutrauen ist, danach gefragt, seine Texte auf unreine Geister, die in die Säue fahren zu beziehen. „Lass uns doch in die Schweine hineinfahren“ – könnte das nicht ein Tocotronic-Textfragment sein? Okay, es ist billig, aber ich nehme in solchen Fällen gerne eine Beobachterperspektive ein und sehe zu, wie sie alle über die Platte reden: Ironie, Brechung, Späße, Ernsthaftigkeit, Mission, Marxismus, Scheitern, Benjamin, Jünger … Diese Deutungsversuche sagen doch eine Menge über das Denken zur Zeit aus. Vielleicht sogar mehr als die Platte. Aber die Tatsache, dass die Texte solche Interpretationen erlauben, ist ein Zeichen für die superben Fähigkeiten der Band. Und dass wir hier darüber diskutieren, ob man Tocotronic auf diese Weise „lesen“ darf/kann/sollte, ist meiner Meinung nach ein Beleg für die Qualität von Marcs Text.

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  • tja :

    Ich verabscheue Leute, die das Wort Niveau ernsthaft benutzen.

    Insgesamt ist es natürlich immer gut, wenn sich Stimmen zu etwas hören lassen, immerhin hab ich mir den Text ja auch grob durchgelesen. Allerdings ist es auch so, daß jeder Text ebenfalls voller versteckter Fragezeichen ist, die man in seiner Kritik vielleicht etwas weiter herauskitzeln möchte. Vor allem dieser biblische Bezug jedenfalls erscheint 1:1 genommen sehr anachronistisch, und sowas halte ich generell für unnütz und witzlos (das Wort Legionen bspw. ist sehr gebräuchlich als Synonym für Luzifers Horde. Und nun?). Zumal Tocotronic immer wieder vehement explizit darauf verweisen, man solle doch bitte dazu übergehen, Dinge/Kunst/Texte nicht nur auf dieser gefühlsgeplagten Aussage-interpretativen Ebene lesen, sondern eben auch strukturell, organisch. Tocotronic waren schon immer konzept-fixiert, hatten ein angenehm lose und scheinbar! unaufdringlich, aber dennoch gut organisiertes Spektrum an Themen auf jeder Platte. Jetzt immer wieder bei Null anzufangen ist halt extreman strengend. Da schreibt dann jemand 1000 Zeilen die sich auf ein Wort reduzieren lassen: fasziniert. „Faszinierend“ wäre mir einfach lieber ;-)

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  • Stefan :

    Obwohl ich die Platte wirklich eingehend gehört hab, und ich auch versucht habe, der einen oder anderen Referenz zu folgen, hat mir Deine Rezension eines doch noch sehr viel deutlicher gemacht. Die Hinwendung zum Licht und der Bogen von den Anfängen der Band ist eine angemessene Metapher, die mir sehr einleuchtet. Der Verweis auf das Markus-Evangelium ist sehr interessant. Danke für diese Rezension, ich habe selten so Innovatives über Tocotronic gehört. Dazu kommt die vollkommene Form des Essays, die viele einfach zu übersehen scheinen.

    [twort T]

  • Donatello :

    hallo alle zusammen,

    die texte von dirk von lowtzow sind, nach meinem dafürhalten, in erster linie lyrische gesamtkunstwerke und können nicht für diese pathologischen befunde oder lehrer geunke hier herhalten. weil ein nur zu schwer verstehender texter und liedermacher wie von lowtzow, vorallem aber ein mensch, eine gesellschaft in aufruhr versetzt, da die musik und die lyrik wohl gut miteinander harmonieren und ihr nich darauf kommt um was es geht… will ich es euch veraten!? um nichts, um garnichts. die fragen die ihr ihnen, ihm, stellt müsstest ihr euch im grunde selbst stellen. die art, wie ihr das werk siziert und nach kuriositäten sucht und keine findet und es euch nicht passt nur zu wenig zu wissen, worauf dann wieder überall dieser ganze quatsch geschrieben steht. wieder und wieder waaghalsige vermutungen anzustellen, welche schon im ansatz bösartig oder absolut ahnungslos erscheinen. diesen haufen **** nennt ihr dann „eure interpretation“ und macht euch gegenseitig heiß weitere lügen auf schon zuvor verlogenen worten vor euch aufzubauen. nur weil ihr nicht fähig seit die liebe und damit euch selbst darin zu finden und zu akzeptieren, müsst ihr nicht bereits gesagtes neu erzählen (ihr seit für mich kläglisch gescheitert einfach nur zuzuhören. éqouter – éqouter.

    wenn ihr ein zitat ernst nehmen solltet, dann „nimm all dies als dein geschenk“. fuck it all

    [twort T]

  • Rockgitarre :

    Die guten Texte, die frische und einzigartige Musik und das, was sie rüber bringen ist einfach genial. Tocotronic rocken einfach – und das schon so lange. Auf http://www.schule-der-rockgitarre.de/de/magazin/178 habe ich einen Artikel über die bisherige Geschichte der Band geschrieben – schau doch mal rein! :)

    [twort T]

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