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Ein kleiner Schritt für Harvard, ein großer Schritt für die freie Wissenschaft » Eine Harvard-Fakultät stellt Publikationen auf einem Open-Access-Server zur Verfügung | Werkstattnotiz LXVIII

19. Februar 2008 | 22:55 Gelesen: 7762 · heute: 2 · zuletzt: 14. October 2017 2 Reaktionen

In der Wissenschaft bahnt sich eine kleine Revolution an: die Fakultät "Arts and Sciences" der Harvard University wird künftig die Artikel ihrer Mitarbeiter zur freien Verfügung im Internet bereitstellen. Das ist ein wichtiger Etappensieg der Open-Access-Bewegung. Und die wissenschaftlichen Großverlage fürchten um ihre Pfründe.

Ist das der Anfang vom Ende der traditionsreichen Wissenschaftsverlage? Haben Springer, Elsevier, Wiley und Co. das Spiel überreizt?

Die Meldung ist tatsächlich sehr bemerkenswert: denn ab April sollen alle Fakultäts-Mitglieder der Geisteswissenschaften1 ihre wissenschaftlichen Arbeiten sofort nach Fertigstellung einem Open-Access Universitäts-Repositorium übergeben. Sollten einzelne Autoren mit dieser Praxis nicht einverstanden sein, müssen sie dies dem Dekan der Fakultät mitteilen.

Im Regelfall werden also die Publikationen sofort unentgeltlich und weltweit als PDF abrufbar sein. Genauso, wie es die Open-Access-Initiative seit vielen Jahren fordert.

Die Fakultät teilte vor wenigen Tagen mit:

In a move to disseminate faculty research and scholarship more broadly, the Harvard University Faculty of Arts and Sciences voted today to give the University a worldwide license to make each faculty member’s scholarly articles available and to exercise the copyright in the articles, provided that the articles are not sold for a profit.

Die Befürworter einer offenen, digitalisierten Wissenschaftskultur dürften frohlocken. Endlich macht ein relevanter Akteur im Wissenschaftsbetrieb den Schritt in die richtige Richtung. Die Presseerklärung von Harvard lautet weiter:

"This is a large and very important step for scholars throughout the country. It should be a very powerful message to the academic community that we want and should have more control over how our work is used and disseminated," added Shieber, James O. Welch, Jr. and Virginia B. Welch Professor of Computer Science.

Genau dieser Gedanke, daß die Wissenschaftler bzw. die Universitäten endlich die Autonomie über ihre eigenen Texte und Forschungsergebnisse zurückgewinnen, ist von zentraler Bedeutung. Wirklich schön! Denn die letzten Jahre haben gezeigt, daß das Verlagssystem stark dazu neigt, seine Machtposition recht einseitig in ökonomischer Richtung auszunutzen. Will sagen: die Tatsache, daß bestimmte Journals sich über die Jahre die höchsten Impact-Faktoren erarbeitet haben, führte dazu, daß die Abonnentenpreise dieser Journals teilweise in astronomische Höhen stiegen.

Befreiung aus dem Würgegriff der großen akademischen Fachverlage

Das führte zur paradoxen Situation, daß wissenschaftliche Erkenntnisse, die mit öffentlichen Mitteln finanziert wurden, unter das Copyright von privaten Fachverlagen fielen. Und diese verkauften die Nutzungslizenzen zu hohen Gebühren an die wiederrum öffentlich finanzierten Bibliotheken zurück.

Kein Wunder, daß sich nach der Ankündigung von Harvard sofort Widerspruch seitens der Verlage regte. Deren Argument: erst der Peer-Review-Prozeß werte die Arbeiten der einzelnen Autoren auf, so daß diese prominent plaziert und wahrgenommen werden könnten. Wie Alex Rühle heute in der Süddeutschen Zeitung schreibt, werden nun beiderseits scharfe argumentative Geschütze aufgefahren:

Ian Russel, Chef der Oxforder Association of Learned and Professional Society Publishers etwa, sprach von einem "unüberlegten Schritt", fehlerhaften Texten sei damit Tür und Tor geöffnet. Nicht umsonst gebe es in den Verlagen filigrane Lektoratsarbeit, wissenschaftliche Texte seien vor der Bearbeitung oftmals nicht mehr als "Rohmaterial".2

Es wird also spannend, ob dieser Schritt Nachahmer finden wird. Ganz von der Hand zu weisen, ist der Einwand, daß ohne Peer-Review und ohne Lektorat die Qualität nicht gewährleistet werden kann, sicher nicht. Dafür gäbe es m.E. aber andere Möglichkeiten. Stichwort: Open-Peer-Review. Die wissenschaftlichen Standards und Qualität kann auch auf andere Weise aufrechterhalten werden. Dazu aber bei anderer Gelegenheit mehr. 

 


 

Links:

Verwandter Wissenswerkstattartikel:

  1. Diese Fakultät macht den Anfang. Dem Vernehmen nach sollen weitere Fakultäten folgen. []
  2. Leider nur in der Printausgabe – Rühle, Alex: Harvard online, SZ, 19.2.2008, S. 13 []
Marc Scheloske
Marc Scheloske
Ich bin Sozialwissenschaftler und freier Journalist. Ich schreibe (Fach-)Artikel, blogge und führe Workshops und Schulungen zum Thema 'Wissenschaftskommunikation und Social Media' durch. → weitere Infos
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