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Der weite Weg von der Einstellungs- zur Verhaltensänderung » Hürden auf dem Weg zu Open Access | Werkstattnotiz XLI

30. November 2007 | 12:00 Gelesen: 18598 · heute: 5 · zuletzt: 17. July 2018 16 Reaktionen

Der Mensch ist ein Gewohnheitstier und meist überaus skeptisch gegenüber Neuem. Und  diese allgegenwärtige Trägheit und Risikoaversion, das bisweilen panische Festhalten an erprobten Lösungen ist selbstverständlich in fast allen Milieus anzutreffen, hier macht die Wissenschaft keine Ausnahme. Besonders deutlich wird die Zurückhaltung, wenn es um Innovationen im akademischen Betrieb geht, so etwa bei der Frage der wissenschaftlichen Publikationspraxen.

Denn die Art und Weise, wie und wo Wissenschaftler ihre Forschungsergebnisse publizieren, ist beileibe nicht zufällig und beliebig, sondern das Ergebnis einer langen Entwicklung. Über viele Wissenschaftlergenerationen hinweg hat man sich daran gewöhnt, daß es einerseits Monographien gibt, die meist als wissenschaftliche Qualifikationsschriften entstehen und daß andererseits das Tagesgeschäft über wissenschaftliche Fachartikel abgewickelt wird.

Alles wie immer: wer etwas in der Wissenschaft gelten will, muß in den renommierten Journals mit hohen Impact-Faktoren publizieren.

Und so stellen die Artikel in (möglichst renommierten) Fachzeitschriften das zentrale Medium dar. Sie sind erstens Medium für die Selbstverständigung der Wissenschaft: wer am Fachdiskurs teilnehmen will, hat sich auf die aktuellen Beiträge in den relevanten Journals zu beziehen. Und zweitens Medium und zentrale Währung für den Reputationserwerb: wer es in der Wissenschaft zu etwas bringen will, kommt nicht umhin, die Länge und Qualität seiner Publikationsliste zu optimieren.

Festgefahrene Strukturen, Macht der traditionellen Verlage 

Diese traditionellen Publikationsgepflogenheiten haben sich freilich auch (infra-)strukturell verfestigt: die wissenschaftlichen (Fach-)Verlage haben längst eine solch dominante Marktposition, so daß sie ihre Journals zu teilweise horrenden Preisen an die (wissenschaftlichen) Bibliotheken verkaufen können. Kein Wunder, daß die Inhaber dieser Gelddruckmaschinen höchst mißtrauisch alle Tendenzen beäugen, die eine Stärkung der Open-Access-Bewegung fördern.

Idealistische Open-Access-Pioniere werden bestraft: wer sich als Wegbereiter der Bewegung betätigt, geht Karriererisiken ein.

Open-Access – also der freie, unentgeltliche Online-Zugriff auf wissenschaftliche Publikationen – ist ein faszinierendes Konzept. Allein die Beharrungskräfte des wissenschaftlichen Publikationssystems und die Trägheit jedes einzelnen Wissenschaftlers stehen einem durchgreifenden Erfolg entgegen.1 Aber hier gilt wie anderswo: Pioniergeist wird selten belohnt.

Denn das schlagkräftigste und perfideste Argument gegen Open Access sind die bestehenden Strukturen. Und diese Strukturen belohnen derzeit eben eine "konservative" Publikationsstrategie, die gewinnmaximierend auf die etablierten Journals setzt. Kein Wunder: schließlich stabilisieren sich diese Strukturen wesentlich durch die Reputation konkreter Personen/Institutionen, die diese just über Veröffentlichung in den fraglichen Journals mit hohen Impact-Faktoren erworben haben. In Kurzform: man kann jedem Wissenschaftler nur raten, in den maximal hoch bewerten Zeitschriften zu publizieren und dazu gehören bislang eben kaum Open-Access-Zeitschriften. Und dies wird sich erst ändern, wenn ausreichend viele OA-Journals mit attraktiven ImpactFactoren glänzen könnten, die sie wiederum erst erreichen, wenn auch die relevanten Arbeiten dort erscheinen, was allerdings erst der Fall sein wird, wenn…

Eine Idee für gut befinden, heißt noch nicht, daß man sich auch für sie einsetzt 

Und so kann es kaum überraschen, daß man bei der Befragung einzelner Wissenschaftler zu ihrem Publikationverhalten feststellt, daß hier Einstellung und Verhalten nur sehr schwach miteinander korrelieren. D.h. konkret: auch wenn Forscher die Open-Access-Idee gutheißen, so bedeutet das keineswegs, daß sie selbst in Open-Access-Zeitschriften publizieren. Hier ist jedem einzelnen Wissenschaftler das Hemd näher als der Rock. 

2/3 der Wissenschaftler ist die Möglichkeit der Open-Access-Publikation zwar bewußt, genutzt wird sie allerdings nur von einem Bruchteil.

Eine Studie der University of California2 hat diese mißliche Situation nun wieder einmal bestätigt: denn während sich fast 2/3 der befragten Wissenschaftler zwar grundsätzlich offen für alternative Publikationsformen und Open-Access-Modelle zeigten, waren es nur rund 1/5, die bereits einmal in solchen Zeitschriften publiziert haben.

Faculty see their own and their peers’ publishing as the critical currency of scholarship and academic success, and in so doing overwhelmingly rely on traditional forms of publishing, such as peer-reviewed journals and monographs. Faculty also tend to believe in traditional measures such as citations and impact factor as proxies for the value of research. They also believe in peer review as an effective mechanism for maintaining the quality of published scholarship.  There is limited but significant use of alternative forms of scholarship, with 21% of faculty having published in open-access journals, and 14% having posted peer-reviewed articles in institutional repositories or disciplinary repositories.

Die grundsätzliche Bereitschaft bzw. die Einsicht, daß man alternativ in Open-Access-Journals veröffentlichen könnte, reicht alleine also noch lange nicht aus. Die Verhaltensänderung ist von weiteren Faktoren abhängig. Eines der Hauptargumente, das in diesem Zusammenhang leider immer wieder bemüht wird, ist das der angeblich geringeren Qualität von Online- bzw. OA-Journals. Und gar die Furcht vor einer Publikations-Inflation und einem Qualitätsverlust macht offenbar die Runde:

Consistently throughout the survey’s free-form comments, faculty indicated that they want to preserve the quality of published works, regardless of the form or venue.  Many respondents voiced concerns that new forms of scholarly communication, such as open-access journals or repositories, might produce a flood of low-quality output.   Faculty showed broad and strong loyalty to the current peer-review system as the primary means of ensuring the quality of published works now and in the future, regardless of form or venue.  

Genug Arbeit also für die Verfechter des OA-Modells, um hier aufzuklären. Denn daß Open-Access und Peer-Review durchaus zusammengehen, sollte man Wissenschaftlern doch plausibel machen können, oder? ;-)

Solange das nicht gelingt, wird Open Access weiterhin eine randständige Rolle spielen. Und insofern ist der Schlußfolgerung der US-Studie für den jetzigen Zeitpunkt auch vorbehaltlos zuzustimmen:

Such publishing appears to be seen as supplementing rather than substituting for traditional forms of publication. 

Es wäre dennoch schön, wenn Open Access in wenigen Jahren nicht nur ergänzend gesehen würde, sondern wirklich eine Alternative darstellt. Die Möglichkeiten dazu sind gegeben. Nun gilt es, nur noch die Vorbehalte auszuräumen… 

 

 


Link zur Studie:

Viele weitere Infos zu Open Access:

Aufsatzempfehlung:

 

  1. Die Lobbyarbeit der Wissenschaftsverlage ist zwar machtvoll, wäre aber zu vernachlässigen, wenn die Mehrheit der Forscher sich einig wäre und fortan in OA-Journals (bspw. mit Open-Peer-Review) veröffentlichte. []
  2. Dazu wurden die Publikationsgewohnheiten von über 1.100 wissenschaftlichen Mitarbeitern der UC an 10 verschiedenen Standorten abgefragt. Befragungszeitraum Ende 2006, Veröffentlichung der Ergebnisse August 2007. Link zur Website s. Linkempfehlung. []
Marc Scheloske
Marc Scheloske
Ich bin Sozialwissenschaftler und freier Journalist. Ich schreibe (Fach-)Artikel, blogge und führe Workshops und Schulungen zum Thema 'Wissenschaftskommunikation und Social Media' durch. → weitere Infos
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