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Zeitenwende: Der Brockhaus geht, SpiegelWissen kommt » Brauchen wir ein Lexikon der nächsten Generation? | Werkstattnotiz LXV

12. Februar 2008 | 18:02 Gelesen: 10268 · heute: 3 · zuletzt: 20. October 2017 7 Reaktionen

Buecher_01.jpgHeute kann man mit dem Statement: "Wir leben in einer Wissensgesellschaft!", fast nichts falsch machen. Egal in welcher Situation man diesen Satz fallen läßt, man erntet hochachtungsvolle Reaktionen und hat sich als jemand in Szene gesetzt, der weiß, was Sache ist. Klar: die Industriegesellschaft ist von vorvorgestern, die Dienstleistungen lassen wir vom Fußvolk aus Osteuropa erledigen, was zählt ist das Wissen.

Beweise gefällig? Tja, hat Günther Jauch mit seiner Show nicht seit vielen Jahren riesigen Erfolg? Na also, wenn das kein Indiz ist! Wissen hat Konjunktur, Wissen ist Macht, Wissen macht sexy…

Wer jetzt darauf wartet, daß ich diesen Standpunkt, dieses wichtigtuerische Wissensproletentum kritisiere, der hat sich geirrt. Wobei: klar, man müßte eigentlich zunächst einmal differenzieren – denn was verstehen wir denn überhaupt unter dem Begriff "Wissen"? Sind das, was bspw. bei Jauch im Ratesessel abgefragt wird, nicht allenfalls Informationshäppchen? Richtig, aber dieser Unterscheidung zwischen Wissen und Infomation widme ich mich ein anderes Mal.1

Vorläufig soll mir genügen, daß ich als Information die Kenntnis eines (einzelnen) Sachverhalts bezeichnen möchte, Wissen aber umfassender zu verstehen ist. Wissen ist mehr als die Summe von Informationen. Denn wenn wir von Wissen reden, dann müssen unbedingt die Komponenten "Verstehen" und "Urteilskraft" beinhaltet sein. 

Wissen ist viel mehr als die Summe von bloßen Informationen. Und das gilt auch nach dem Ende der Brockhaus-Ära.

Wieso die lange Vorrede? Weil heute zwei wirklich spannende Meldungen publik wurden, die mit der Wissensgesellschaft nicht wahnsinnig viel, mit den Transformationsprozessen der Informationsgesellschaft allerdings umso mehr zu tun haben. Und die Koinzidenz dieser beiden Nachrichten ist wirklich verblüffend.

Wovon die Rede ist? Heute wird bekannt, daß der Brockhaus-Verlag ab sofort alle Print-Projekte auf Eis legt, sich also aus dem Geschäft der gedruckten Enzyklopädien zurückzieht und stattdessen versucht, auf dem Onlinemarkt Fuß zu fassen. Und gleichzeitig startet der Spiegel-Verlag sein vielversprechendes Spiegel-Wissen-Portal. Wenn das keine Nachrichten sind? 

Ende einer Ära: Der Brockhaus verabschiedet sich…

Kurz der Reihe nach: der Brockhaus ist nicht nur das ledergebundene Statussymbol angegrauter Studienräte, sondern das 24-bändige-Flaggschiff unserer Bildungsgesellschaft. Wer etwas auf sich hält, hat das Lexikon der Brockhaus-Verlags im Regal stehen. Wobei, halt!: man muß richtiger formulieren: wer etwas auf sich hielt. Präteritum!

Der Brockhaus-Verlag hat die Zeichen der (digitalen) Zeit gründlich verschlafen. Und der Spiegel hat seine Chance offensichtlich richtig erkannt.

Denn, man muß es wohl so hart sagen: der ehrwürdige Verlag, der 1809 das "Conversations-Lexicon oder kurzgefaßtes Handwörterbuch für die in der gesellschaftlichen Unterhaltung aus den Wissenschaften und Künsten vorkommenden Gegenstände" in der ersten Auflage publiziert hat, dieser Verlag hat die Zeichen der Zeit gründlich verschlafen. Heute zahlt kein Mensch mehr für Informationen, die er schneller und aktueller aus der Wikipedia beziehen kann.2 

Das Handelsblatt meldet heute folgendes:

„Die Marktanalysen zeigen eindeutig, dass die Kunden künftig Sachinformationen in erster Linie online nachschlagen werden“, berichtete der Sprecher. „Die 21. Auflage der „Brockhaus Enzyklopädie“ war voraussichtlich die letzte – ab jetzt findet alles online statt.“ In dem Internet-Angebot sollen neben den erweiterten Inhalten der „Brockhaus Enzyklopädie“ auch zahlreiche weitere Lexika des Verlags abrufbar sein.

Im Jahr 2007 hatte man mehrere Millionen in den Sand gesetzt und nun versucht man sich durch ein Onlineprojekt irgendwie am Leben zu erhalten. Spannend: ab 15. April stehen die Brockhaus-Inhalte (so die Ankündigung) kostenlos im Netz.

Spiegel-Wissen geht an den Start

Zur zweiten Meldung des Tages. Der Spiegel startet ein Online-Info-Portal.3 Was die Nutzer dort erwartet? Eine Eingabemaske und sonst nicht viel Beiwerk, aber der Datenpool, der durchsucht wird, hat es in sich. Denn anhand des Suchbegriffs werden parallel verschiedene Datenbestände durchsucht, das sind im Einzelnen:

  1. Die 115.852-Artikel des sog. Spiegel-Lexikons (bereitgestellt durch die "Wissen Media Group" von Bertelsmann),
  2. für grammatische Fragen und mehr: "Stöhrig Deutsche Rechtschreibung" und "Bertelsmann Deutsches Wörterbuch",
  3. den aktuellen Bestand der deutschsprachigen Wikipedia mit aktuell 683.795 Begriffen,
  4. das Archiv des (gedruckten) Spiegel, das sind 311.500 Artikel!,
  5. das Archiv von SpiegelOnline mit aktuell 270.374 Texten.
  6. dazu werden noch Bilder, Videoschnipsel und Texte des Managermagazins verlinkt, die ich aber nicht wirklich brauche.

Wow!

Eine zentrale Anlaufstelle für (geprüfte) Lexikonartikel, schnelle und aktuelle Wikipediainfos und das Artikelarchiv des Spiegel. Eine Innovation, die den Alltag aller Wissensarbeiter verändern wird…

Ich habe eben einen kurzen Versuch gestartet und die Suche funktioniert tadellos. Für den Start ist das alles mehr als respekktabel. Die Suche dauert zwar (noch?) einen kleinen Moment, aber dann werden einem schön übersichtlich die relevanten Lexikon-, Spiegel- und Wikipedia-Artikel angezeigt. Man kann per elegantem Schieberegler noch über die Trefferanzahl vs. Artikellänge entscheiden und das war’s. Alles in allem eine runde Sache, die der Spiegel in Zusammenarbeit mit der WissenMediaGroup (einer Bertelsmann-Tochter) auf die Beine gestellt hat.

Ich vermute, daß ich zukünftig häufiger genau diese Seite ansteuern werde.4 Denn schon allein der Zugriff auf die Spiegeltexte der letzten Jahrzehnte ist was wert; diese liegen übrigens häufig auch als PDF-Scan vor.

Der Name "SpiegelWissen" ist zwar nicht wirklich treffend, es sind dann doch "nur" Informationen. Dafür wohlsortiert und solide. Und insofern mag ich am Slogan "Das Lexikon der nächsten Generation" nichts aussetzen. Wenn nach diesem Start noch das eine oder andere Feature folgt, dann ist das ein wunderbares Recherche-Instrument. 

 


 

Link:

 

[Update: 12.2.2008 | 18:45Uhr]

Beim weiteren Umherstöbern finde ich noch diese Mitteilung des Brockhausverlags – dort steht zwar etwas von einer strategischen Neuausrichtung und es wird der Online-Brockhaus angekündigt, gleichzeitig liest man aber auch folgenden Absatz:

Brockhaus wird seine Wissensangebote auch künftig für alle Trägermedien – vom Buch bis hin zu mobilen Anwendungen aller Art – anbieten und wird auch weiter die klassischen Buchkunden bedienen. Für die Zukunft rechnet der Verlag aber mit einer noch stärkeren Verlagerung der Kundennutzung in das Internet.

Das widerspricht sich natürlich ein wenig mit der Aussage des Brockhaus-Sprechers, wie ihn das Handelsblatt (s.o.) zitiert. Man darf also gespannt sein, ob man im Hause Brockhaus wirklich die Druckmaschinen abschafft oder es ein Ausstieg in Raten sein wird.

  1. Das Photo stammt übrigens von stockxchng (User: xlucas) []
  2. Auch andernorts wird die Information über das Brockhaus-Ende kommentiert; so z.B. hier und hier und auch Robert Basic schreibt: "Brockhaus goes online". []
  3. "Alle relevanten Informationen mit einem Klick", so das Versprechen der Website "Spiegel Wissen". []
  4. Auch die bloggenden Kollegen sind angetan: bei turi2 hat die Seite auch den Test überstanden und auch im Handelsblatt-Blog liest man positives und ganz aktuell zeigt sich auch die medienlese angetan. []
Marc Scheloske
Marc Scheloske
Ich bin Sozialwissenschaftler und freier Journalist. Ich schreibe (Fach-)Artikel, blogge und führe Workshops und Schulungen zum Thema 'Wissenschaftskommunikation und Social Media' durch. → weitere Infos
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Kommentare

7 Reaktionen »

  • Stefan Jacobasch :

    Du scheinst ja den Brockhaus als eine wichtige Institution wahrzunehmen. Aber ist er das wirklich?
    Wer auf die Wikipedia zur schnellen kurzen Orientierung zugreift, der bekommt in der Regel schon ausreichend Informationen für den ersten Überblick. Wer mehr wissen will, sucht sich dann speziellere Literatur. Ich sehe da nicht viel Spielraum für mehrere konkurrierende Lexika.
    “Spiegel Wissen” hat sicher Potenzial, schon allein wegen der Einbindung in SpiegelOnline. Aber der Brockhaus steht ziemlich isoliert in der Landschaft. Ob allein der etwas angestaubte Name reicht, ausreichend Publikum zu locken und genügend Werbeumsatz zu generieren?

    [twort T]

  • Marc :

    @Stefan:

    Ich denke schon, daß der Brockhaus im Bezug auf die Mentalitätsgeschichte des deutschen Bildungsbürgertums eine große Bedeutung hatte. Es kommt ja nicht von ungefähr, daß wir alle “den” Brockhaus kennen. Es ist fast so wie mit dem Duden: man kann auch in anderen Wörterbüchern nachschlagen, aber den Duden umgibt dann doch noch eine andere “Aura” der Seriösität.

    Ich wollte den Brockhaus aber gar nicht als unverzichtbare Institution darstellen. Und ich habe ja selbst geschrieben, daß die total das digitale Zeitalter und das Konkurrenzunternehmen Wikipedia unterschätzt haben. Und in meiner Rede von “…Ausstieg auf Raten” kommt ja auch ein wenig zum Ausdruck, daß ich Zweifel hege, ob für konkurrierende Online-Lexika Platz ist.

    Und das Spiegel-Portal, ja, das beurteilen wir ja offenbar ganz ähnlich. :-)

    [twort T]

  • Stefan Jacobasch :

    Zu dieser Art deutschen Bildungsbürgertums kann ich wenig sagen. In meinem Elternhaus gab es nur ein dreibändiges Taschenbuch-Lexikon (neben anderen Büchern). Immerhin, den Duden haben wir auch gehabt. ;-)

    Der Duden ist übrigens ein schönes Beispiel für einen überschätzten Namen. Andere preiswertere Wörterbücher stehen ihm in Nichts nach. Und für die “Aura der Seriösität” sollte man keinen Aufschlag bezahlen. Ich wünsche mir etwas weniger Respekt vor großen Namen und etwas mehr Experimentierfreude in sprachlichen Dingen.

    [twort T]

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