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»Free Burma« – oder: Die universale Verstrickung und das Ende der Gleichgültigkeit » Brecht revisited | Werkstattnotiz XIII

3. Oktober 2007 | 23:56 Gelesen: 5362 · heute: 2 · zuletzt: 13. December 2017 3 Reaktionen

Der UN-Sonderermittler Gambari ist aus Burma abgereist und schon erreichen uns wieder neue Meldungen, die bei jedem Zeitungsleser und jedem Nachrichtenkonsumenten vermutlich Zorn, Frustration und Wut hervorrufen. Den Medienberichten zufolge rollt derzeit eine Welle von Massenverhaftungen durch das südostasiatische Land.

Die Stoßrichtung dieser Strategie scheint klar: einerseits gilt es, die bekannten Kritiker und Oppositionellen mundtot zu machen und zumindest vorläufig in Gewahrsam zu nehmen, andererseits wird der großen Zahl der Sympathisanten verdeutlicht: wer Regimekritik übt oder gar lautstark und öffentlichkeitswirksam Menschenrechte einfordert, der hat dafür mit allen Konsequenzen einzustehen. Einschüchterung und Abschreckung nennt man diese leider allzu bewährte Methode, um aufkeimende Unruhen zu ersticken.

Die unterschätzte Macht freier Rede und unkontrollierbarer Kommunikation

Hier in Europa kann man wohl kaum ermessen, wie zermürbend ein solches Klima der Angst sein kann, das nicht umsonst gezielt von der Militärjunta hergestellt wird. Es wäre zu schön gewesen, wenn nach der Eskalation von letzter Woche wenigstens zarte Zeichen der Entspannung sichtbar geworden wären. Allem Anschein nach setzen die Militärs in Rangun auf die erprobte Strategie, wie so viele Unrechtsregime vor ihnen. Und leider beweisen sie damit, daß die Machtverhältnisse zunächst leider wie zementiert scheinen.

Allerdings sträubt sich in mir etwas, wenn es gilt anzuerkennen, daß alle Macht der Welt aus den Gewehrläufen kommt. Haben wir nicht gerade den 17. Tag der Deutschen Einheit hinter uns? Und ist dieser Tag nicht der beste Beweis dafür, daß es möglich ist, ein restriktives System mit friedlichen Mitteln aus den Angeln zu heben?

Internationale Blogaktion »Free Burma« als Aufstand der Anständigen?

Es bleibt also dabei: es gilt den Aufstand der Anständigen zu unterstützen. Das Blogprojekt »Free Burma« könnte dafür ein Anfang sein. Denn klar ist: mit einem einzelnen Blogartikel wird sich kaum etwas nachhaltig in der Welt verändern. Es ist ein Signal, nicht mehr, nicht weniger. Aber es ist die Natur von Signalen, daß sie "verstanden" werden können und in der Lage sind, etwas "anzustoßen". In uns, in anderen. 

Die Blogaktion ist ein Signal: ein Zeichen dafür, daß es nicht egal ist, unter welchen Bedingungen Menschen heute leben. Gleichgültigkeit ist immer unausgesprochenes Einverständnis mit den Unterdrückern!

Wahr ist freilich, daß an so unzählig vielen Stellen dieser Welt die grundlegendsten Menschen- und Bürgerrechte nicht in vollem Umfang verwirklicht sind. Ich habe versucht darzulegen, daß das jeweilige Engagement nicht dadurch diskreditierbar ist, daß es möglicherweise das erste Mal ist, daß man in diesem Sinne seine Stimme erhebt. Die Beteiligung am Blogprojekt1 ist nicht verwerflich oder illegitim, weil man hier etwa die burmesische Bewegung bevorzugen würde und andere Mißstände (in Darfur und anderswo) somit ausblende oder gar leugne.

Das Gegenteil ist der Fall: Wer heute erklärt, daß er sich mit der Demokratiebewegung in Burma solidarisch erklärt, zeigt sich gleichzeitig auch solidarisch mit all den zigtausend anderen Unterdrückten an all den anderen Orten dieser Erde. Denn es ist wahr, wie schon Bertolt Brecht feststellt: Wir leben in finsteren Zeiten. Aber genau deshalb gibt es keinen Grund zu Schweigen!2

 


Bertolt Brecht 

An die Nachgeborenen 

Wirklich, ich lebe in finsteren Zeiten!

Das arglose Wort ist töricht. Eine glatte Stirn.
Deutet auf Unempfindlichkeit hin. Der Lachende
Hat die furchtbare Nachricht
Nur noch nicht empfangen.

Was sind das für Zeiten, wo
Ein Gespräch über Bäume fast ein Verbrechen ist.
Weil es ein Schweigen über so viele Untaten einschließt!

Der dort ruhig über die Straße geht
Ist wohl nicht mehr erreichbar für seine Freunde
Die in Not sind?

Es ist wahr: Ich verdiene noch meinen Unterhalt.
Aber glaubt mir: das ist nur ein Zufall. Nichts
Von dem, was ich tue, berechtigt mich dazu, mich sattzuessen.
Zufällig bin ich verschont.
Man sagt mir: iß und trink du! Sei froh, daß du hast!

Aber wie kann ich essen und trinken, wenn
ich dem Hungernden entreiße, was ich esse, und
Mein Glas Wasser einem Verdurstenden fehlt?
Und doch esse und trinke ich.

Ich wäre gern auch weise.
In den alten Büchern steht, was weise ist:
Sich aus dem Streit der Welt halten und die kurze Zeit
Ohne Furcht verbringen.

Auch ohne Gewalt auskommen
Böses mit Gutem vergelten
Seine Wünsche nicht erfüllen, sondern vergessen
Gilt für weise.
Alles das kann ich nicht:
Wirklich, ich lebe in finsteren Zeiten!


Technorati: free-burma

  1. Das inzwischen an einigen Orten bereits begonnen hat. Wie hier bei Robert mitverfolgt werden kann… []
  2. Vielmehr gilt es weiterzumachen: die eigene Sensibilität für Menschenrechtsverletzungen noch weiter zu schärfen und dann ggf. auch konkreter zu handeln. Die Möglichkeiten sind vielfältig, die Blog-Aktion könnte ja ein erster Schritt sein. Weitere Denkanstöße und Links im nächsten Blogposting. []
Marc Scheloske
Marc Scheloske
Ich bin Sozialwissenschaftler und freier Journalist. Ich schreibe (Fach-)Artikel, blogge und führe Workshops und Schulungen zum Thema 'Wissenschaftskommunikation und Social Media' durch. → weitere Infos
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