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Placeboeffekt bei Tieren: Wenn Ratten den Schmerz vergessen

» Oder: Bessere Argumente für die nächste Homöopathiediskussion

27. Januar 2013 | 23:50 Gelesen: 40127 · heute: 2 · zuletzt: 29. September 2016 3 Reaktionen

Placeboeffekt und TiereFrüher oder später endet jede Diskussion über Sinn und Unsinn der Homöopathie mit dem Hinweis darauf, daß Homöopathie ja schließlich auch bei Tieren wirke. Und das – so die bizarre Argumentation der Homöopathiefans – sei ja wohl der Beweis, daß die homöopathische Behandlung tatsächlich effektiv sei und nichts mit Einbildung zu tun habe und natürlich auch nicht mit dem Placeboeffekt.1

Ich versuche dann immer das Mißverständnis aufzuklären und erinnere daran, daß Tiere so blöd ja eben nicht sind und sehr wohl auf Fürsorge und Behandlungsmaßnahmen „reagieren“ und wir wir alle wissen auch lernfähig sind. Konditionierungseffekte und so.2 Jetzt bin ich zufällig über eine US-Studie gestolpert, die den Placeboeffekt bei Tieren nochmal bestätigt.

Placebos bei Tieren

Mechanismen des Placeboeffekts sind bei Tieren und Menschen vergleichbar.Eigentlich ist das ja alles nichts Neues. Welche Mechanismen beim Placeboeffekt eine Rolle spielen, ist seit Jahrzehnten bekannt. Und dabei spielt es – wie die Untersuchungen zeigen – gar keine große Rolle, ob jetzt Menschen oder Tiere behandelt werden. Wichtig sind einfach die Zuwendung, die Fürsorge und das „Kümmern“ des Arztes oder einer anderen Person, die ggf. ein (Placebo-)Medikament verabreicht. Und dazu die positive Erwartungshaltung des Patienten, daß die ganze Sache zur Linderung der Schmerzen führen wird.3

Wir haben einfach „gelernt“, daß eine Aspirin die Kopfschmerzen bekämpft. Und so wird es auch beim nächsten Mal sein – selbst wenn wir versehentlich statt einer Aspirin ein wirkstofffreies Zuckerdragee runterschlucken. Konditionierung! Und so läuft das auch bei Tieren.

Schmerz laß nach…: Auch Ratten lassen sich durch Placebos kurieren

Das haben Forscher von der University of Florida jetzt nochmal belegt. Todd Nolan und sein Team haben ihren Versuchsratten süße Milch zum Trinken gegeben. Allerdings war das Trinkröhrchen erhitzt und so verbrannten sich die Ratten. Also spritzten die Forscher den durstigen Ratten etwas Morphin, woraufhin die Tiere wieder länger am heißen Röhrchen nuckelten.

Nach zweimaliger Morphingabe erhielten die Ratten nach einer Pause eine weitere Spritze. Diesmal allerdings ohne schmerzlindernden Wirkstoff – die Ratten hielten es dennoch deutlich länger am heißen Milchröhrchen aus, als ihre Kollegen aus einer Vergleichsgruppe. Die hatten von Anfang an in ihren Spritzen „nur“ Kochsalzlösung gehabt und insofern niemals die kausale Verknüpfung zwischen Spritze und Schmerzlinderung herstellen können…

Bei der Gelegenheit sei nochmals auf das aus vielen Gründen empfehlenswerte Buch „Die Homöopathie-Lüge“ von Christian Weymayr und Nicole Heißmann verwiesen:

Rattenfoto: Quelle – stock..xchng, User: lockstockb

  1. Wobei ich mich an der Stelle sowieso immer wundere, warum man sich so vehement gegen den Placeboeffekt wehrt. Ich finde den klasse. ;-) []
  2. Ganz davon abgesehen, daß auch bei Tieren Krankheiten zum Glück häufig ganz von alleine wieder verschwinden. Und es insofern immer eine ziemlich hypothetische Frage ist, ob das Tier nun wegen der verabreichten Medikamente wieder fit ist oder das auch unabhängig davon passiert wäre. []
  3. Seit rund 30 Jahren weiß man, daß es auf physiologischer Ebene die Ausschüttung körpereigener Opioide ist, die quasi hinter dem Placeboeffekt steht. []
Marc Scheloske
Marc Scheloske
Ich bin Sozialwissenschaftler und freier Journalist. Ich schreibe (Fach-)Artikel, blogge und führe Workshops und Schulungen zum Thema 'Wissenschaftskommunikation und Social Media' durch. → weitere Infos
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