Saft sells » Mangostan - Wundermittel oder Kundennepp? Die fragwürdige Gesundheits-PR für Mangostan-Saft
Der Saft der verführerischen Mangostanfrucht ist hierzulande eher noch ein Geheimtipp. Das soll sich aber ändern, zumindest wenn es nach den beiden Unternehmensgründern Ulrich Jannert und Norman Thier geht.
Um den Mangostan-Saft an den gesundheitsbewußten Kunden zu bringen, jubelt man das Produkt zum Nonplusultra der Nahrungsergänzungsmittel hoch. Mit höchst fragwürdigen Botschaften…
Die PR-Kampagne für ihren Mangostan-Gold-Saft, der durch weitere Zutaten1 aufgepeppt ist, läuft derzeit auf Hochtouren.
Anti-Aging, Healthy Lifestyle, Radikalfänger, Krebsprophylaxe, Cholesterinsenker… - Wer bietet mehr?
Und die Werbekampagne ist wirklich ein Paradebeispiel dafür, wie man ein unverdächtiges Produkt zum Wundermittel hochjubeln kann. Der Saft ist angeblich so einzigartig und revolutionär, daß man auf der Website von “Mangostangold” die Worte “einzigartig” und “revolutionär” in dutzendfacher Ausfertigung aufmarschieren lässt.
Es wird das gesamte Arsenal an Schlagwörtern aufgefahren, das man aus der Gesundheits- und Wellnessbranche kennt. So etwa, wenn man unter “Mangostan-Gold. Das Elixier des Lebens” liest:
Mangostan-Gold besitzt eine klare Alleinstellung durch eine revolutionäre Wirkstoffkombination!
Damit hat Mangostan-Gold eine völlig neue Produktkategorie geschaffen, von der Sie jetzt aktiv profitieren können. Diese auf den Körper abgestimmte bioverfügbare Formel ist eine einzigartige flüssige antioxidanzhaltige Produktkombination.
Das bedeutet, dass Ihr Körper mit jedem Trunk Mangostan-Gold eine wertvolle Konzentration von Xanthonen und Radikalfängern erhält.
Wie wunderbar! Antioxidantien, Radikalfänger - und die “revolutionäre Wirkstoffkombination” darf natürlich nicht vergessen werden. Und natürlich geht es noch besser, wenn man etwa auf den Seiten des offensichtlich eigens gegründeten “Deutschen Instituts für Mangostan & natürliche Antioxidantien” lesen darf:2
Mangostan [...] bietet erstaunlich hervorragende Nährwert- und Radikalfängereigenschaften.
Die moderne Wissenschaft hat erst vor kurzem die unglaublichen, nährstoffreichen Vorteile der Mangostan und ihre weitreichenden gesundheitsfördernden Merkmale erkannt. Neben diversen Vitaminen und Mineralstoffen enthält Mangostan insbesondere Xanthone (aktive Anti-aging-Phenole),3 Polysaccharide, Cathechine, Polysaccharide, Enzyme, Quinone, Stilbene, leistungsfähige Antioxidantien, Phytonutrients sowie ernährungsphysiologisch wertvolle sekundäre Pflanzenstoffe. Diese Kombination von pflanzlichen Verbindungen ist einzigartig.
Diese Nährstoffe aktivieren die Drüsen und Organe des Körpers. Sie fördern die Verdauung, stärken das Immunsystem, schützen vor Freien Radikalen und fördern gesunde Stoffwechselprozesse. Der Alterungsprozess wird verlangsamt, die körperliche und geistige Leistungsfähigkeit steigt. Das Risiko, an altersabhängigen Krankheiten zu erkranken, sinkt.
Wie man sieht, wird das gesamte Spektrum der Anti-Aging-Klaviatur bespielt. Denn daß man sich vor “Freien Radikalen” schützen muß, weiß nicht nur Wolfgang Schäuble, sondern auch der um seine Gesundheit besorgte Normalbürger.
Und von Gesundheits- und Pflanzenheilkunde-Aposteln, wie dem gestolperten Hademar Bankhofer, wurde dem Fernsehvolk ja schließlich erfolgreich eingetrichtert, daß es ohne sekundäre Pflanzenstoffe und Antioxidantien heutzutage einfach nicht mehr geht.
Mangostan-Saft sei Dank: So viel Gesundheit war nie
Bei so vielen tollen und einzigartigen Wirkstoffen, ist es dann auch wenig verwunderlich, gegen welche Gebrechen man sich mit dem täglichen Schluck Mangostansaft angeblich wappnen kann. Die Informationen Werbetexte des zweifellos unabhängigen Instituts lassen jedenfalls aufhorchen - gemäß des “aktuellen wissenschaftlichen Stands” (so die Formulierung auf der Website und den verfügbaren Infodokumenten) wirke Mangostan “nachweislich” (!):
Mangostan das Allheilmittel für alle Fälle? - Zu schön, um wahr zu sein…
- fiebersenkend
- schmerzlindernd
- entzündungshemmend
- cholesterinsenkend
- tumorhemmend
Damit natürlich keineswegs genug, denn Mangostan wirkt natürlich auch - “nachweislich” (!) - bei:
- Allergien
- Migräne / Kopfschmerzen
- Menstruationsbeschwerden
- Depressionen / Angstzuständen
- Geschwüren in Magen, Mund und Darm (u.a. Morbus Crohn)
- Arthritis
- Psoriasis
- Akne
- Pilzerkrankungen, Haut und Fußpilz
- Zahnfleischerkrankungen
- Schuppenbildung
- grauem Star (Glaukom)
- Alzheimer4
- Parkinson5
Müßig zu erwähnen, daß die Einnahme von Mangostan vorbeugend gegen Osteoporose und Nierenerkrankungen wirke, die Bildung von Blutkörperchen anrege, Virusinfektionen minimiere oder verhindere und insgesamt das Immunsystem stärke. (Schließlich ist es - nachweislich! - ein “Immunomodulator!)
Verkaufsfördernde Anekdoten: Überzeugen mit Patienten- und Leidensgeschichten
Wirklich gruselig wird es allerdings, wenn man sich die Patientenberichte durchliest. Dort haben Kunden ihre begeisterten Erfahrungen dem unabhängigen Institut mitgeteilt. Nicht weiter verwunderlich, daß es in den Texten der Patienten vor Superoxidantien und sonstigen Superlativen nur so wimmelt.
Mangostan als Wunderwaffe bei Asthma, Diabetes oder gar Bandscheibenvorfällen? - Seriöse Studien liegen dazu nicht vor!
Hier liest man über sagenhafte WunderHeilungserfolge, wenn Asthmapatienten oder Diabetiker berichten, daß sie ihre früheren Medikamente nicht mehr oder nur noch minimal benötigen.
Und der Wundersaft muß wirklich magische Kräfte haben: es wird von Bandscheibenvorfällen berichtet, die sich dank Mangostan-Saft in Wohlgefallen auflösen. Schlafstörungen, Schmerzzustände und Erschöpfungszustände gehörten nach Einnahme von Mangostan natürlich ebenso der Vergangenheit an.
Was aber spricht gegen die Mangostan, dieses “Kraftwerk an Nährstoffen”?
Hätte die Mangostan auch nur einen Bruchteil dieser beschriebenen Wirkungen, so wäre das wahrlich revolutionär. Kaum auszudenken, welche Einspareffekte im Gesundheitssystem möglich wären, wenn die ganze Republik dank Mangostan bis ins hohe Alter fit, vital und zellgeschützt bliebe.
Allein: abgesehen von solchen anekdotischen Storys fehlt für die aufgezählten gesundheitlichen Effekte bislang jeder Nachweis. Zwar gibt es durchaus Studien, die etwa Xanthonen attestieren, daß es antioxidativ wirkt. Allerdings handelt es sich hierbei um Versuchsreihen, die lediglich in vitro durchgeführt wurden!
Wie letztes Jahr der WDR recherchierte:
Es gibt allerdings keinen klinischen Nachweis am Menschen. Das bestätigte uns Dr. Bernhard Watzel von der Bundesforschungsanstalt für Lebensmittel. Auch eine umfassende Literaturrecherche der Oecotrophologen an der Uni Bonn im Auftrag des WDR ergab keine wissenschaftlich nachgewiesene positive Wirkung – weder von Xanthonen noch von anderen Inhaltsstoffen der Mangostan-Frucht.
Solche Aussagen - zumal von einem seriösen Institut wie der Bundesforschungsanstalt - sind natürlichetwas ärgerlich, wenn man doch ein Produkt verkaufen will, das den Markt der Nahrungsergänzungsmittel aufrollen soll.
Nochmal konkret: es gibt tatsächlich Studien, die v.a. den antioxidativen Xanthonen eine hohe Effektivität bescheinigen. Auch die antibakterielle und die prinzipiell tumorhemmende Wirkung lässt sich im Reagenzglas nachweisen. Allerdings gibt es keine (randomisierten doppelt-blinden) klinischen Studien, die die behaupteten Effekte - egal ob man die cholesterinsenkende Wirkung oder andere Parameter heranzieht - zeigen würden.
Überwältigungstaktik: Lange Listen mit seltsamen Studien - Ergebnisse, die vor Mangostan-Saft warnen, werden verschwiegen…
Die langen Listen mit Studien, die die Heilkraft der Mangostanfrucht belegen sollen, dienen ziemlich offensichtlich allein dem Zweck, den potentiellen Kunden zu suggerieren, die behaupteten Aussagen seien wissenschaftlich-medizinisch abgesichert.
Davon (s.o.) jedoch keine Spur - stattdessen sucht man nach einer anderen Studie vergeblich, die zur Abwechslung tatsächlich den Genuß von Mangostansaft zum Gegenstand hatte.
Nun gut - ist ja auch nicht wirklich verkaufsförderlich, was Leslie P. Wong und Philip J. Klemmer herausfanden: in ihrem Artikel geht es nämlich darum, daß der übermäßige Genuß von Mangostan-Saft zu einer Laktatazidose, einer Übersäuerung des Blutes führen kann.6
Wie man Kunden für dumm verkauft
Aber die fehlenden Belege scheinen den Ehrgeiz der Marketingmannschaft nur noch weiter anzustacheln. So kann man in einer aktuellen Pressemitteilung, mit der man am 31.8.2008 das Internet vollkleisterte, nachlesen:
“Aus dem synergetischen Verbund der Xanthonereichen MANGOSTAN-Frucht mit starken antioxidativen Naturkräften aus verschiedenen Kontinenten resultiert eine innovative Formel, auf deren Basis Mangostan-Gold als echtes und neuartiges Breitband-Antioxidans fungiert. Das orthomolekulare Nahrungsergänzungsmittel Mangostan-Gold stärkt das Immunsystem nachhaltig. [...]
Getestet an der Sporthochschule Köln und eingetragen in die Kölner Liste, so dass gerade bzw. insbesondere Hoch-Leistungsportler durch die Verringerung der Ausfallzeiten davon profitieren.”
Klingt nicht schlecht - immerhin eine Hochschule, die diesem sagenhaften “orthomolekularen Nahrungsergänzungsmittel” eine tolle Wirkung bescheinigt. So möchte man meinen. Allerdings ist es - man hätte es sich denken können - keineswegs so, daß die Sporthochschule in Köln tatsächlich den Mangostansaft hinsichtlich seiner Wirkung getestet hat.
Mogelpackung: Die Kölner Sportwissenschaftler haben Mangostansaft gar nicht auf leistungsfördernde Effekte getestet.
Der Test und die Aufnahme in die erwähnte “Kölner Liste” meint nämlich nur eines: Leistungssportler können diese Produkte gefahrlos konsumieren, ohne ins Visier der Dopingfahnder zu geraten. Die Kölner Wissenschaftler haben lediglich getestet, ob im Mangostan-Saft anabole Substanzen zu finden sind. Nicht mehr, nicht weniger.
Aber so genau will man das den Kunden, denen man den tollen Saft andrehen will, natürlich vermutlich nicht sagen. Da lässt man - wie Marcus Anhäuser dankenswerterweise recherchiert hat - lieber seine Agenten bzw. Produktberater an allen möglichen Orten das einzigartige Potential dieser Wunderfrucht anpreisen.
Teurer Durst nach Gesundheit: 4 Flaschen Mangostansaft - 119,- Euro!
In der Hoffnung, daß sich ein paar Dumme finden, die bereit sind, für 4 Flaschen des wunderbaren und doch so heuchlerisch vermarkteten Saftes einen stolzen Preis zu zahlen.
Denn ein Schnäppchenpreis ist es ja nicht gerade: 4 Flaschen à 0,75 Liter schlagen mit 119,- Euro zu Buche. Süße, teure Medizin also…
Aber teuer muß der Mangostan-Saft vermutlich sein. Schließlich will man daran verdienen - und dies versucht man mit einem Vertriebsmodell, das seinerseits mehr als obskur ist: denn Mangostan-Saft gibt es ja nicht einfach so beim Händler - Mangostan wird über ein sog. Multi-Level-Marketing (MLM) vertrieben.
Zu diesem Aspekt dieser saftig-unerfreulichen Geschäftsidee folgen in einem letzten Beitrag noch einige Anmerkungen…
- Bednarek, Marcus: Xango - Eine saftige Masche, WDR-Servicezeit, 30.3.2007
Und hier die ominöse Institutswebsite:
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- Saft sells » Das tropische Wunderelixier aus der Mangostan. Über echte Antioxidantien und obszöne Wellness-PR
- Saft sells » Mangostan - Wundermittel oder Kundennepp? Die fragwürdige Gesundheits-PR für Mangostan-Saft
- Zusätzlich enthalten sind etwa die unvermeidliche Acerola-Kirsche oder die exotisch-vielversprechende Longan (asiatische Drachenaugenfrucht), sowie Granatapfel und andere Zutaten. [↩]
- Von kaum zu überbietender Frechheit ist übrigens, daß sich das besagte Institut an verschiedenen Stellen als “neutrales und unabhängiges Institut” bezeichnet. [↩]
- Und Xanthone werden im Mangostan-PR-Sprech natürlich als “antioxidativ, antiviral, entzündungs-, schmerz- und tumorhemmend” angepriesen. Quelle [↩]
- Da Mangostan entzündliche Reaktionen minimiere. [↩]
- Da es die Neuronen schütze. [↩]
- vgl. Leslie P. Wong, Philip J. Klemmer: „Severe Lactic Acidosis Associated With Juice of the Mangosteen Fruit Garcinia mangostana“. American Journal of Kidney Diseases 2008; Vol. 51, Issue 5: s. 829-833 Abstract. [↩]
Über diesen Artikel
Sie lesen gerade »Saft sells » Mangostan - Wundermittel oder Kundennepp? Die fragwürdige Gesundheits-PR für Mangostan-Saft«, einen Artikel der Wissenswerkstatt.
- Veröffentlicht am
- 3. September 2008 | 17:17
- Autor:
- Marc
- Abgelegt unter:
- Gesellschaft, Wissenschaft
- Schlagworte:
-
Gesundheit, Marketing
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- Gelesen: 1743 · heute: 5 · zuletzt: 8. January 2009
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