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Informationsverweigerung » Die Pharmakonzerne Merck und Schering-Plough halten Studienergebnisse zu Cholesterinpräparaten zurück | Werkstattnotiz LI

2. Januar 2008 | 15:39 Gelesen: 10538 · heute: 2 · zuletzt: 20. October 2017 1 Reaktion

Daß Medikamente auch unerwünschte Nebenwirkungen haben können, ist allgemein bekannt. Ebenso selbstverständlich erscheint die Tatsache, daß diese Risiken gewissenhaft in Studien überprüft werden und auf dieser Grundlage Ärzte und mündige Patienten den möglichen Nutzen gegenüber den zur Debatte stehenden Schäden abwägen können.

Das Problem ist nur, daß genau die Studien, die auf negative Begleiterscheinungen eines Medikaments hinweisen, den Herstellern natürlich nicht gefallen. Und so versuchen die Pharmakonzerne, diese Studienergebnisse mit allen zur Verfügung stehenden Methoden zu beschönigen und zu relativieren. Oder man versucht – wie ein aktuelles Beispiel zeigt – die Publikation der Ergebnisse gleich ganz zu verhindern oder hinauszuzögern. In einem Artikel der heute in telepolis erschienen ist,1 habe ich die fragwürdige Kommunikations- und Informationspolitik der US-Konzerne Merck und Schering-Plough dargestellt, die mit teilweise haarsträubenden Argumenten die Veröffentlichung einer Studie zu ihren Cholesterinpräparaten "Zetia" und "Vytorin" (Wirkstoff: Ezetimib)2 zu verhindern bzw. zu verzögern versuchen.

Je lukrativer die Medikamente, desto größer die Versuchung, unliebsame Studienergebnisse zu manipulieren 

Am Fall der ENHANCE-Studie, an der von Juni 2002 – Juni 2006 rund 720 Patienten mit einer sog. "familären Hypercholesterinämie" teilgenommen hatten, wird erneut deutlich, daß eine transparente Informationspolitik der Pharma-Konzerne umso unwahrscheinlicher wird, je umsatzstärker das jeweilige Medikament ist. Man könnte fast eine Gesetzmäßigkeit postulieren, die einen direkten Zusammenhang zwischen Umsatzentwicklung und der Bereitschaft zu Ausreden, Tricks und Manipulationen zu greifen, herstellt.

Die Cholesterinpräparate sind hochlukrativ: die Präparate Zetia und Vytorin brachten allein im 2. Quartal 2007 knapp 3,2 Milliarden US-Dollar Umsatz.

Und diese traurige Logik des Pharmageschäfts ist auch in diesem Fall ein mehrfaches Ärgernis: denn zur Cholesterinsenkung3 stünden die wirksamen und deutlich besser erprobten Statine zur Verfügung, die zudem deutlich günstiger sind. Schering-Plough durfte sich aber 2007 über neue Rekordzahlen freuen und allein mit den Ezetimib-Präparaten erwirtschaftete man im 2. Quartal 2007 knapp 3,2 Milliarden US-Dollar. 

Das alles wäre ein weniger großes Problem, wenn die Überlegenheit des Wirkstoffs Ezetimib tatsächlich erwiesen wäre. Allerdings liegen bislang keine seriösen Langzeitstudien vor, die einerseits die Unbedenklichkeit, andererseits den Mehrwert einer Ezetimib-Therapie belegen könnten. Und während für die erprobten Statine sowohl positive Effekte im Bezug auf koronare Krankheiten als auch eine entzündungshemmende Wirkung bekannt sind, steht ein solcher Nachweis für Zetia bzw. Vytorin bislang aus.

Allerhöchste Zeit also, daß man die Überlegenheit dieser neuen Medikamentenklasse belegt, oder? Denn während die Statine die Cholesterinbildung in der Leber hemmen, setzt Ezetimib im Dünndarm an, wo die Cholesterinresorption gemindert wird. Die Enhance-Studie sollte v.a. klären, ob die Arteriosklerose4 gemindert wird und somit die Therapie koronare Erkrankungen günstig beeinflußt.

Zunächst wurden die Studienresultate für das Jahresende 2006 angekündigt. Nachdem dieser Termin verstrichen war, rechneten die Fachleute damit, dass spätestens zum Amerikanischen Kardiologen-Kongress im März 2007 die Ergebnisse vorliegen sollten.
Aber weit gefehlt: Schering und Merck vertrösteten die interessierte Fachöffentlichkeit abermals und verwiesen auf die langwierige Datenauswertung.

Zweifel an diesen Erklärungen sind allerdings angebracht. Denn entgegen den Bestimmungen war die Studie bspw. nicht im klinischen Studienregister eingetragen. Erst auf Nachfrage von US-Journalisten wurde im November 2007 nachträglich dieser Pflicht Genüge getan. Ebenso erklärungsbedürftig ist die Tatsache, daß die Verzögerung zwischenzeitlich damit begründet wurde, daß man die klinischen Endpunkte5 verändert habe. Und ebenfalls erst auf kritische Nachfrage wurde nun eingeräumt, daß man einige Patienten aus der Studie genommen habe, da sich bei diesen die Leberenzymwerte bedenklich erhöht hatten.

Salamitaktik der Öffentlichkeitsarbeit: nur auf Nachfrage räumt man Versäumnisse ein 

Es sind also bedeutend mehr Fragen offen, als bislang geklärt. Aber die Hersteller spielen weiter auf Zeit. Nun hat sich sogar der US-Kongreß eingeschaltet und um eine schnellstmögliche Publikation der Studie gebeten. Unterdessen mußte Schering einräumen, daß es bereits aus den Jahren 2000-2003 einige Studien zu Ezetimib gibt, die bislang ebenfalls nicht publiziert wurden. Man habe – so teilte man mit, die Ergebnisse für nicht relevant gehalten. Und ganz offenbar hielt man die Studien insgesamt von vornherein für so irrelevant, daß man sie ebenfalls erst gar nicht in die Studienregister eingetragen hatte.

Es bleibt also spannend, wann und mit welchen Ergebnissen wenigstens die ENHANCE-Studie öffentlich gemacht wird. Kleinere unabhängige Untersuchungen haben freilich mehrmals Indizien dafür geliefert, daß der Mehrwert von Zetia und Vytorin fraglich, die leberschädigenden Effekte aber problematisch sein können. Erst 2006 hatte Mark Stolk im Fachjournal "Clinical Gastroenterology and Hepatology" von einigen Hepatitisfällen berichtet.6

Meine Versuche bei EssexPharma, der deutschen Tochter von Schering, eine Stellungnahme zu erhalten, waren bislang nicht erfolgreich. Seit immerhin 2002 gibt es Ezetimib nämlich auch in Deutschland und ist hier unter dem Markennamen "Ezetrol" erhältlich. Mit der Website gibt man sich offensichtlich große Mühe, die Informationspolitik bzgl. kritischer Fragen wird allerdings eher stiefmütterlich gehandhabt. Und auch bei BayerHealthCare, die "Zetia" zusammen mit Schering seit April 2007 in Japan vertreiben, ist man zwar immerhin nett, allerdings bislang auch nicht in der Lage gewesen, mir einige Fragen zu beantworten. Sollte sich das ändern, werde ich zu gegebener Zeit auf den Fall zurückkommen.   

 


Mein Artikel bei telepolis:

Weitere Artikel: 

 

 

  1. Dort ist der Fall noch ein wenig ausführlicher skizziert. []
  2. "Vytorin" ist ein Kombinationspräparat, das den Wirkstoff Ezetimib mit einem Statin (Simvastatin) kombiniert. []
  3. Egal ob die Indikation durch eine primäre Fettstoffwechselerkrankung (ca. 10% der Bevölkerung sind betroffen) oder durch sekundäre Fettstoffwechselerkrankungen (sehr häufig im Zshg. mit Diabetes) begründet ist. []
  4. Konkret sollte die Intima-Media-Dicke an den Karotiden gemessen werden; die klinischen Endpunkte wurden angeblich aber im nachhinein korrigiert. []
  5. Also die Zielgrößen/Parameter, auf die man innerhalb der Studie fokussiert. []
  6. Severe Hepatic Side Effects of Ezetimibe: Clinical Gastroenterology and Hepatology, Volume 4, Issue 7, July 2006, Pages 908-911, Mark F.J. Stolk, Marco C.J.M. Becx, Karel C. Kuypers and Cees A. Seldenrijk []
Marc Scheloske
Marc Scheloske
Ich bin Sozialwissenschaftler und freier Journalist. Ich schreibe (Fach-)Artikel, blogge und führe Workshops und Schulungen zum Thema 'Wissenschaftskommunikation und Social Media' durch. → weitere Infos
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