Elektronische Publikationen als Totengräber akademischer Vielfalt? | Werkstattnotiz 105
In den letzten Jahren durchläuft das wissenschaftliche Publikationssystem eine kleine Revolution. All die Fachartikel, die über viele Forschergenerationen ganz selbstverständlich auf Papier gedruckt wurden, werden inzwischen (auch) online publiziert.
Und diese digitale Verfügbarkeit von wissenschaftlichen Artikeln verändert selbstverständlich auch die Art und Weise des Umgangs mit ihnen.
Die Effekte der Allzeit-Verfügbarkeit von wissenschaftlichen Publikationen
Doch wie verändert sich die wissenschaftliche Arbeits- und Publikationspraxis, wenn man online in sekundenschnelle in riesigen Datenbanken recherchieren kann, anstatt mühsam in Bibliotheken nach den gewünschten Quellen zu suchen? Klar ist, daß inzwischen Online-Artikel mit einer höheren Wahrscheinlichkeit rechnen dürfen zitiert zu werden, als Artikel, die nicht digital verfügbar sind.
Befinden wir uns auf dem Weg hin zu einer Schmalspurwissenschaft?
Aber welche Effekte bringt diese digitale Publikationskultur außerdem mit sich? Der Wissenschaftssoziologe James A. Evans hat in der letzten Ausgabe von Science die spannenden Ergebnisse einer Untersuchung präsentiert, die den Veränderungen der akademischen Zitierkultur nachspürt.
Und sein Fazit ist erstaunlich:
Searching online is more efficient and following hyperlinks quickly puts researchers in touch with prevailing opinion, but this may accelerate consensus and narrow the range of findings and ideas built upon.
Führt die verführerische Allzeitverfügbarkeit von Onlinequellen, die Volltextsuche und das Springen von Link zu Link, tatsächlich dazu, daß immer weniger Artikel rezipiert und zitiert werden? Wie ist es - sollte Evans rechthaben - zu erklären, daß Autoren noch stärker als in früheren Tagen dazu neigen, sich auf immer dieselben Quellen zu beziehen? Wäre es nicht erstaunlich, daß ausgerechnet das angeblich so egalitäre Medium Internet durch die Hintertür doch nur wieder neue Autoritäten und gegenseitige Verstärkungseffekte nach sich zöge?
Über die Frage, wer, wen, wann zitiert
Alle, die diese Frage für nebensächlich halten, seien daran erinnert, daß die Publikations- und Zitierkultur für die Wissenschaft absolut maßgeblich ist. Denn schließlich ist die Rezeption eines wissenschaftlichen Beitrags ein wesentliches Qualitätsmoment der jeweiligen Fachdisziplin. Und die Rezeption ist am Citationsindex ablesbar - der neben dem Peer-Review-Verfahren insofern tatsächlich zur Absicherung von Standards dient.
Führt die elektronische Verfügbarkeit von Publikationen dazu, daß immer nur dieselben Artikel rezipiert werden?
Wenn aber allein die Tatsache, daß immer mehr Publikationen online verfügbar sind, dazu führt, daß wir die oben skizzierten Verzerrungseffekte haben, ist das sicher eine Entwicklung, die nicht unbedingt wünschenswert ist.
Denn gerade in Disziplinen, in denen die “Halbwertzeit” von Publikationen recht gering ist und schon nach kurzer Frist der einzelnen Publikation kaum mehr Beachtung geschenkt wird, sinkt die “Chance” von spannenden Publikationen überhaupt wahrgenommen zu werden, noch stärker. Wenn alle nur noch dieselben Artikel lesen und zitieren, ist das jedenfalls nicht im Sinne einer vielfältigen und v.a. innovativen wissenschaftlichen Kultur.
Dem Herdentrieb entgegenwirken?
Wie gesagt: die Ergebnisse von Evans sind irritierend - wenn sie zutreffen, sollte man sich ernsthaft überlegen, ob man hier geeignete Strategien ergreifen kann, um diesem “Herdentrieb” entgegenzuwirken.
Bei Markus von “Relativ einfach” und Bora Zivkovic von “Blog around the clock” wird auch über diese Fragen diskutiert:
- Zivkovic, Bora: Electronic Publication and the Narrowing of Science and Scholarship. Really?, Blog around the clock, 19.7.2008
- Pössel, Markus: Wissenschaftliches Zitieren: Elektronischer Herdentrieb, Relativ einfach, 21.7.2008
- James A. Evans: Electronic Publication and the Narrowing of Science and Scholarship, Science 18 July 2008, Vol. 321. no. 5887, pp. 395 - 399, DOI: 10.1126/science.1150473
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Über diesen Artikel
Sie lesen gerade »Elektronische Publikationen als Totengräber akademischer Vielfalt? | Werkstattnotiz 105«, einen Artikel der Wissenswerkstatt.
- Veröffentlicht am
- 23. Juli 2008 | 12:35
- Autor:
- Marc
- Abgelegt unter:
- Werkstattnotizen, Wissenschaft
- Schlagworte:
-
Open Access, Publikationswesen, Wissenschaft, Wissenschaftssoziologie
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