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Wie wir die Welt sehen » Optische Täuschungen und die visuelle Logik | Werkstattnotiz LXXXXV

9. Juni 2008 | 09:40 Gelesen: 21898 · heute: 2 · zuletzt: 21. July 2017 2 Reaktionen

Eigentlich glauben wir ja nur, was wir mit eigenen Augen gesehen haben. Aber ist es nicht erstaunlich, daß wir unserem optischen Apparat soviel Vertrauen entgegenbringen, obwohl doch jedes Kind das Phänomen optischer Täuschungen kennt? Da erscheinen Linien gekrümmt, obwohl sie gerade sind und parallele Linien scheinen schief zueinander zu verlaufen. Nur gut, daß in unserer alltäglichen Umgebung so trickreiche geometrische Arrangements eher selten sind – oder wir es nur selten merken, daß wir etwas sehen, was in Wahrheit gar nicht der Wirklichkeit entspricht.1

Aber spannend sind sie doch, all die raffinierten Abbildungen, die illustrieren, wie leicht wir uns – zumindest in optischer Hinsicht – täuschen lassen. Thilo Kuessner vom Mathlog hat vor einigen Tagen die siegreiche Animation des jährlichen Wettbewerbs ‚Best Visual Illusion of the Year‘ präsentiert. Im Grunde ist es eine sehr simple „Versuchsanordnung“ – die Sternmuster werden ein- und ausgeblendet und dazwischen erscheint jeweils noch der Umriß eines der „zu ergänzenden“ Sterne:

Siegeranimation

Wenn man jedoch einige Sekunden konzentriert auf den schwarzen Punkt blickt, so zeigt sich das interessante Phänomen, daß wir ein grünliches bzw. rotes Nachbild zu sehen glauben. Das freilich in der jeweiligen Komplementärfarbe. Allerdings ist sehr interessant,2 daß wir ganz offenbar gleichzeitig (!) verschiedenfarbige Nachbilder sehen können, was wohl durch die Formwahrnehmung induziert wird.

Der schiefe Turm

Noch ein wenig verblüffender finde ich allerdings das Phänomen, das 2007 den ersten Preis erhielt. Verblüffend deshalb, weil es deutlich alltagsnäher ist – denn wieviele Photos des totgeknipsten schiefen Turms haben wir alle schon gesehen? Aber haben wir diese Photos immer nur einzeln bzw. nacheinander betrachtet?

Das Team um Frederick Kingdom, Ali Yoonessi und Elena Gheorghiu der McGill University hat jedenfalls eine interessante Kombination erstellt – und die sieht zunächst unspektakulär aus:

Pisa-Illusion

Einfach zwei ordinäre Photos des schiefen Turms, oder?

Das erstaunliche: es handelt sich nicht um zwei verschiedene, sondern zweimal um dieselbe Aufnahme! Allerdings scheint sich der rechte Turm weiter nach rechts zu neigen.3

Die Erklärung für diesen interessanten Effekt liegt allem Anschein nach in der Tendenz unseres visuellen Systems zwei direkt nebeneinanderliegende Photos als gemeinsame Szene bzw. Panoramaaufnahme zu „lesen“.
D.h. wenn wir üblicherweise vor einem Bauwerk stehen, dann verlaufen die Fluchtlinien eines benachbarten Bauwerks (gemäß der Perspektive) nicht parallel, sondern sind „geneigt“. Und wenn wir eben auf Photomontagen zwei identische Aufnahmen sehen, dann denken wir uns die Perspektive einfach dazu. Die „Entdecker“ der sog. „Leaning Tower Illusion“ schreiben:

„What the illusion reveals is not a failure of perspective per se, but the tendency of the visual system to treat two side-by-side images as if part of the same scene.“

Und in ihrem kurzen Paper haben sie noch ein weiteres Beispiel parat, das noch etwas beeindruckender ist, als mein oben schnell zusammengebasteltes Bild:

Trambahnlinien - Optische Täuschung

Und auch dabei handelt es sich zu 100% um zweimal die identische Aufnahme! (Das Anklicken der Photos öffnet jeweils eine größere Version.)

Ich bin jedenfalls erstaunt und werde in Zukunft meinen eigenen Augen noch weniger trauen. ;-)



  1. Wobei wir bei der Frage wären, ob nicht sowieso die Wahrheit immer genau das ist, was wir sehen. Aber das wäre eine eigene Diskussion… []
  2. Und deswegen heimste diese Animation wohl auch den ersten Preis ein. []
  3. Ich habe diese Kombination oben selbst kurz erstellt. Photogrundlage das Wikimedia-Photo von G. Jansoone. []
Marc Scheloske
Marc Scheloske
Ich bin Sozialwissenschaftler und freier Journalist. Ich schreibe (Fach-)Artikel, blogge und führe Workshops und Schulungen zum Thema 'Wissenschaftskommunikation und Social Media' durch. → weitere Infos
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