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Enzyklopädie des Lebens » Mit der „Encyclopedia of Life“ startet ein faszinierendes Online-Lexikon | Werkstattnotiz LXX

27. Februar 2008 | 17:36 Gelesen: 11118 · heute: 2 · zuletzt: 27. June 2017 5 Reaktionen

Startschuß für ein weiteres lexikalisches Online-Projekt: die "Encyclopedia of Life" will eine lückenlose Datenbank aller Organismen erstellen. Egal ob das Paarungsverhalten des bengalischen Tigers oder die Ernährungsgewohnheiten des schottischen Schneehasen – ab sofort finden sich seriöse Informationen zu all diesen Fragen auf der Website eol.org. Ein wahre Fundgrube für alle Natur- und Tierfreunde und ein hochambitioniertes Projekt. Es geht wieder einmal um die Vermessung der Natur. Diesmal jedoch digital.

Beinahe gewinnt man den Endruck, als sei in der Online-Wissenswelt eine Art Goldgräberstimmung ausgebrochen. Fast wöchentlich gibt es Meldungen über Online-Lexika, Wissensportale und Projekte, die der Wikipedia den Kampf ansagen. Mit der ganz aktuell startenden "Encyclopedia of Life" verhält es sich aber ein wenig anders: denn erstens besetzt das Online-Lexikon die biologisch-zoologische Nische, will also die Wikipedia gar nicht auf der ganzen Breite übertrumpfen, zweitens ist es kein kommerzielles Projekt, wie etwa knol1 oder SpiegelWissen. Und drittens blickt das Vorhaben auf eine lange Tradition zurück. 

Auf den Spuren von Carl von Linné: Die "Encyclopedia of Life" will alle 1.8 Millionen bekannten Arten mit ausführlichen Artikeln würdigen

Denn hätte die "Encyclopedia of Life" nicht schon einen so herrlichen Titel, dann hätte man den neuen Katalog vielleicht "Linne 2.0" taufen können. Denn Carl von Linné war es, der im frühen 18. Jahrhundert die Grundlagen für eine systematische Klassifikation der Arten legte. Der schwedische Naturforscher etablierte die moderne Nomenklatur und unterteilte die Lebewesen in die fünf Kategorien: Reich, Klasse, Ordnung, Gattung und Art. Auf dieser Grundlage wurden im Anschluß alle Tiere, Pflanzen und weiteren Organismen klassifiziert, benannt und zugeordnet.

Wie lange dauert alleine die Dateneingabe für das Mammutprojekt?

Das ist natürlich eine ungeheure Fleißarbeit, die von den Taxonomen geleistet wird und in tausenden von gelehrten Lexika niedergeschrieben ist. Heute sind rund 1.8 Millionen Arten bekannt. Fachleute schätzen aber, daß damit aber nur 10% alle lebenden Organismen bezeichnet sind, alle anderen warten noch auf ihre Entdeckung…

Vorläufig sind es aber die 1.8 Millionen Lebewesen und Pflanzen, die das Online-Archiv "EoL" ordnen und aufzeichnen will. Jede Art, jeder Käfer, jedes Bakterium bekommt einen eigenen Eintrag. Eine Seite, auf der neben den taxonomischen Daten alle weiteren relevanten Informationen zu der Spezies versammelt sind. Das Projekt, dessen erste Phase 100 Millionen Dollar kosten wird, startete vergangenes Frühjahr und jetzt stehen die ersten 30.000 Datensätze zur Einsicht bereit. Zunächst sind v.a. Fische, Amphibien und einige Pflanzenarten gelistet.

"Die Datenbank wird alle bekannten Informationen versammeln und alle neuen Erkenntnisse werden kontinuierlich ergänzt",

erklärte der Harvard-Biologe Edward O. Wilson gegenüber der New York Times.

Wilson ist einer der Initiatoren des Projekts und hatte erfolgreich bei Stiftungen um finanzielle Unterstützung für das Mammutprojekt geworben. Denn in 10 Jahren sollen die ausstehenden 1.77 Millionen Arten jeweils mit einem eigenen Artikel dargestellt sein – dazu gilt es eine unvorstellbare Informationsmenge (von Video- und Bildmaterial, Karten, Stammbäumen bis hin zu DNA-Sequenzen oder eingescannten Seiten aus dem Archiv der "Biodiversity heritage library") zu sichten und zusammenzuführen. 

Neben detaillierten Infos gibt es Photos, Karten, Stammbäume etc. Und alles wird von Fachleuten geprüft!

Die Tatsache, daß heute 30.000 Datensätze fertiggestellt sind, ist sicher als Erfolg zu bewerten. Denn hinter dem Projekt stehen zwar seriöse Forschungseinrichtungen, aber es handelt sich um kein Modell, das sich das Prinzip des user-generated-content zu nutze macht. Sämtliche Artikel werden von Fachleuten recherchiert und überprüft.

Das ist sicherlich ein Grund dafür, daß in der Fachwelt die EoL teilweise euphorische Reaktionen auslöste. Manche Skeptiker spotten freilich, daß es weltweit überhaupt nicht genügend Taxonomen gäbe, um die anstehende Arbeit zu bewältigen.

EOL_burying_beetle_02b.jpgAllerdings machte James Edwards, der Geschäftsführende Direktor von EoL, jüngst Andeutungen, daß man zumindest die wissenschaftliche Community stärker einbinden wolle. Für alle Biologen und Zoologen ist das Lexikon sicher ein spannendes Recherchetool. Die ersten Eindrücke sind jedenfalls vielversprechend und man merkt, daß die Darstellungsform der Wikipedia nicht der Weisheit letzter Schluß ist. Die EoL geht andere Wege, das Design ist ansprechend und man findet sich schnell zurecht.

Durchdachtes Webdesign

Besonders durchdacht erscheint ein Schieberegler, mit dem man zwischen einer Expertenansicht, einer für Studenten oder einer (reduzierten) Version für Laien wählen kann. Der Fachmann bekommt alle Infos, der Passant wird nicht mit einem zuviel an Details verschreckt.2

Daß das Angebot angenommen wird, zeigte sich gleich beim gestrigen Start: binnen knapp 6 Stunden verzeichnete die Website 11,5 Millionen Seitenabrufe. Mit einem solchen Ansturm hatte man nicht gerechnet und die Server quittierten (vorerst) den Dienst. Wenn die Technik wieder auf Vordermann gebracht ist, lohnt ein Blick in dieses neue "Lexikon des Lebens"…

 


Link:

 

  1. Unter diesem Namen versucht Google mittels eines Online-Lexikons der Wikipedia Konkurrenz zu machen. Derzeit befindet sich das Projekt aber noch in einer geschlossenen Beta-Phase. []
  2. Es gibt natürlich auch kritische Stimmen, denn bislang ist die Wikipedia sicher umfangreicher. Auch andere Lücken sind zu finden… Ich bin auf dem Gebiet aber kein Experte, um einschätzen zu können, ob das Gemecker berechtigt ist. Kritik bspw. hier und hier. []
Marc Scheloske
Marc Scheloske
Ich bin Sozialwissenschaftler und freier Journalist. Ich schreibe (Fach-)Artikel, blogge und führe Workshops und Schulungen zum Thema 'Wissenschaftskommunikation und Social Media' durch. → weitere Infos
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