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Die Zukunft der Menschheit » Herausforderungen des 21. Jahrhunderts | Werkstattnotiz LXVII

19. Februar 2008 | 11:59 Gelesen: 24675 · heute: 2 · zuletzt: 27. June 2017 6 Reaktionen

Befragt man hundert Menschen, welche Wünsche, Träume, Visionen sie für die kommenden Jahrzehnte haben, dann erhält man vermutlich höchst disparate Antworten. Wenn wir etwas speziellere Wünsche wie "Deutschland soll Fußball-Europameister werden" oder "Nie mehr Volksmusik im Fernsehen" einmal streichen, so vermute ich, daß wieder einmal der Weltfrieden an oberster Stelle stünde. Dahinter folgten voraussichtlich der Klimaschutz und dann die medizinischen Hoffnungen, allen voran der Kampf gegen Krebs.

Grand Challenges for Engineering_2008.jpg

Was ist aber, wenn man Wissenschaftler, Ingenieure und Zukunftsforscher an einer Liste arbeiten läßt, die die wichtigsten Herausforderungen des noch jungen Jahrhunderts konkretisiert? Die "National Academy of Engineering" der USA hat ein Expertengremium damit beauftragt, die zentralen Aufgaben zu benennen. Die Liste, die dabei herausgekommen ist, wurde letzte Woche vorgestellt. Sie ist hochinteressant und diskussionswürdig.

Welche Menschheitsprobleme sind am dringlichsten? Welche Prioritäten sollen Wissenschaft und Politik setzen? Welche Innovationen versprechen den meisten Nutzen?

Das 18-köpfige Gremium unter dem Vorsitz des früheren Verteidigungsministers William Perry vereint einige illustre Namen. Es sind renommierte Biologen, Meeresforschers und Nanotechnologen mit dabei, die prominentesten Namen dürften wohl der Zukunftsforscher Ray Kurzweil, der Chemienobelpreisträger Mario Molina, Gen-Guru Craig Venter und Larry Page von Google sein.

Zum Prozedere schreibt Robert Mühlbauer in telepolis:

Das Gremium traf sich seit 2006 mehrmals, um die Liste zu entwickeln und zu diskutieren. Über eine Website war ein Jahr lang auch eine Beteiligung anderer Wissenschaftler möglich. Anschließend erstellten sie den Bericht "Grand Challenges for Engineering" in dem sie jene 14 Herausforderungen auflisten, denen sie das größte Potential für die Verbesserung der menschlichen Lebensbedingungen im 21. Jahrhundert zumessen.

Ich hatte neulich ja eine Zusammenstellung von Zukunftsprognosen eingestellt und muß nun doch schmunzeln, da einige Felder deckungsgleich sind oder zumindest eine gewisse Verwandtschaft aufweisen. Welches sind die Herausforderungen, die identifiziert wurden denn nun im Einzelnen? Ich habe mir jeweils erlaubt, einige persönliche Anmerkungen zu ergänzen…

 

 

Die 14 wichtigsten Herausforderungen für das 21. Jahrhundert

+1. Optimierung der Solarenergie

Hier steht die Effizenzsteigerung und somit eine wirtschaftliche Rentabilität auf der Agenda.
Die Autoren schreiben:

"As a source of energy, nothing matches the sun."

Kein Widerspruch meinerseits. Gleichzeitig gilt es natürlich auch die Techniken zu optimieren, die eine Speicherung der Energie sicherstellen.

+2. Durchbruch in der Kernfusion

Dieser jahrzehntealte Traum der Physiker wird also weiterverfolgt. Klar, nicht umsonst investiert man Milliarden in den ITER-Forschungsreaktor. Die Idee ist bestechend: statt der Abwärme durch Kernspaltung, die Fusionsenergie zu nutzen. Tun wir es doch der Sonne nach. ;-) Tja, es wird noch Jahrzehnte dauern…

+3. Entwicklung von Methoden zur Speicherung von CO2

Solange wir fossile Energieträger verheizen, haben wir das Problem des Kohlendioxids. Energiesparen wäre zwar auch eine Variante, um das Problem abzufedern, aber an der Speicherung bzw. Sequestrierung von CO2 führt sicher kaum ein Weg vorbei. Ich bin überfragt, ob das in realistischem Zeitrahmen gelingen kann.

+4. Kontrolle des Stickstoffkreislaufs

Auch ein Problem, das durch die wachsende Weltbevölkerung und den steigenden Nahrungsmittelbedarf verschärft wird. Wie gestalten wir den Stickstoffeinsatz effizienter und nachhaltiger? Sicher wichtig, aber ebenso knifflig.

+5. Sicherstellung des Zugangs zu sauberem Wasser

Eine Aufgabe, die ähnlich ambitioniert ist. Denn schon heute haben wir im Bereich mancher Mega-Cities und in manchen Schwellenländern massive Probleme, die Bevölkerung mit einigermaßen sauberem Trinkwasser zu versorgen. Nach der Ansicht von Stefan Jacobasch von Scienceblogs ist diese Aufgabe am dringlichsten.

+6. Verbesserung städtischer Infrastrukturen

Hängt mit dem oben genannten Problemkreis zusammen, geht aber weiter zur Verkehrsproblematik und zu Sicherheitsaspekten. Wir werden intelligentere und leistungsfähigere Transporttechnologien brauchen. Und "gated communities" (Stichwort: Kriminalität) sind auf Dauer keine Lösung. Hier ist also Stadtplanung und die (Sozial-)Politik gefragt.

+7. Fortschritte in der Gesundheitsinformatik

Über diesen Punkt bin ich ehrlicherweise etwas überrascht, denn zunächst meint dies tatsächlich die bloße effizientere Verwaltung und Nutzung von Patientendaten etc. Darüberhinaus stellen sich die Experten sowas wie einen "Tele-"Doktor vor, also die Konsultation von Fachleuten über Distanzen hinweg. Irgendwo im hinteren Teil der Informationen zu diesem Punkt steht dann auch noch was zu Verbesserung der Seuchenbekämpfung. Insoweit bin ich dann wieder versöhnt…

+8. Medizinischer Fortschritt, bessere Medikamente

Klar, kein Widerspruch. Nett wäre es, wenn nicht nur an Medikamente für Zivilisationskrankheiten der industrialisierten Hemisphäre gedacht würde. Und natürlich schweben den Autoren (Venter & Co.) maßgeschneiderte Therapien auf der Grundlage genetischen Wissens vor. Hier besteht dann wieder eine Nähe zu "7".

+9. Kopplung der Hirnforschung und der KI-Technologien

Einerseits sollen die Bemühungen der Neurowissenschaften forciert werden (von den medizinischen Aspekten bis zum "Enhancement"), andererseits erhoffen die Autoren Fortschritte in die Richtung "denkender" Maschinen. ScienceFiction pur, oder?

+10. Nuklearsicherheit und Terrorabwehr

Eine Aufgabe, bei der Ingenieure nur eine Nebenrolle spielen, oder? Hier ist v.a. die Politik gefordert. Die Proliferation von Atomwaffen, der unkontrollierte Handel mit atomwaffenfähigem Material ist definitiv ein Problem.

+11. Absicherung des Cyberspace

Auch eine Aufgabe, die ich bislang nicht unbedingt so hoch auf der Agenda eingestuft hätte. Aber ich gestehe, wenn die weltweiten Datenströme gekappt werden, wenn die Infrastruktur unserer digitalen Kultur angegriffen und beschädigt wird, dann bedeutete das einen Kollaps unserer (technisierten) Gesellschaften. Dagegen wären Vorkehrungen durchaus wünschenswert.

+12. Optimierung der VirtualRealityAnwendungen

Wer denkt hier nicht an die Matrix? Gut, soweit gehen die Autoren noch nicht, aber die Interaktion mit virtuellen Akteuren steht auf deren Agenda. Halte ich nicht für dringlich. Für welche Zwecke? Mir überwiegt hier zu stark der Entertainment-Faktor.

+13. Fortschritte im personalisierten Lernen

Gut, einverstanden. "Lebenslanges Lernen" wäre ein verwandtes Schlagwort. Wobei ich generell den Zugang zu Wissen (Stichwort: Open Access) für ebenso wichtig erachte und v.a. auch die Sicherstellung, daß in Schwellen- und Entwicklungsländern die Kinder tatsächlich beschult werden können…

+14. Entwicklung besserer Instrumente für wissenschaftliche Entdeckungen

Das klingt reichlich vage. Es wird im Begleittext etwas konkreter: v.a. die biologischen Wissenschaften sollen enger mit ingenieurwissenschaftlichem Know-How vernetzt werden und die Erforschung des Weltraums gelte es voranzutreiben. Weitere Marsexpeditionen werden also folgen… Aber, das meine grundsätzliche Frage: Läßt sich wissenschaftlicher Fortschritt wirklich planen, kontrollieren oder gar durch geeignete Technologien erzwingen?

 


So, das ist die Liste. Sicher sind viele relevante Punkte dabei. Man merkt natürlich deutlich den "US-Bias". Hätte man ähnlich renommierte Experten aus skandinavischen oder Drittweltländern zusammengerufen, sähe die Liste vermutlich anders aus.

Welche Problembereiche wurden vergessen oder geht das schon in Ordnung? Sind die Prioritäten richtig gesetzt? Hat jemand andere Wünsche und Favoriten?1

Auf der Website kann man übrigens seine eigene Präferenz angeben…

 


Links:

Zur Frage von Zukunftsvisionen und technologischen Innovationen:

 


 

Literaturempfehlungen: 

 

  1. Ich werde mich ggf. bemühen, die "Änderungswünsche" an die Herrschaften weiterzuleiten. ;-) []
Marc Scheloske
Marc Scheloske
Ich bin Sozialwissenschaftler und freier Journalist. Ich schreibe (Fach-)Artikel, blogge und führe Workshops und Schulungen zum Thema 'Wissenschaftskommunikation und Social Media' durch. → weitere Infos
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Kommentare

6 Reaktionen »

  • Fischer :

    Meiner Ansicht nach ist das alles ein bisschen kurz gedacht, im wahrsten Sinne des Wortes. Das ist weitgehend Gimmickologie für Nerds mit den aufgewärmten Zukunftsvisionen von vorgestern. Tech-Porno.

    Die setzen ja auch implizit voraus, dass irgendwie im Großen und Ganzen alles so bleiben wird wie es heute ist. Davon würde ich aber nicht ausgehen.

    Wie wär’s, wenn jemand sich stattdessen mal drüber Gedanken macht, ob und wie demokratische Gesellschaften vor dem Hintergrund allgemeiner Ressourcenverknappung dastehen? Oder Was mit unserer Industriegesellschaft passiert, wenn Öl kontinuierlich teurer wird? Wir brauchen das Zeug ja nicht nur zum Autofahren.

    Und was wird überhaupt mit unserem Wirtschaftssystem, wenn irgendwo eine physische Grenze des Wachstums erreicht ist? Die heutige Plünder-Ökonomie kann nun mal nicht für immer so weiter gehen. Wie sieht ne Wirtschaft aus, die auch mit systemischem Nullwachstum Wohlstand erzeugt?

    Das nur mal so in den Ring geworfen. Wir haben Dutzende Probleme derartiger Tragweite, zum Beispiel was eigentlich mit Afrika wird, wie wir mit neuen Infektionskrankheiten fertig werden, wenn die Bevölkerungsdichte noch mal um 50% steigt, sowas in der Art.

    Lernen, VirtualReality und KI-Kram sind sowas von gar nicht unsere Probleme…

    Im neuen Spektrum der Wissenschaft ist übrigens ein netter Beitrag von drei Wissenschaftlern, die einen ziemlich ambitionierten Solar-Plan haben. Die wollen bis 2050 die komplette Energieversorgung auf Solar umstellen.
    Den Artikel gibt’s dort:
    http://www.spektrum.de/artikel/940406

    [twort T]

  • Marc :

    @Lars Fischer:

    Ja, prinzipiell triffst Du natürlich einen Punkt, den man den Jungs (Frauen waren nur 2-3 im Gremium vertreten) ankreiden muß: es sind doch vorrangig technische Innovationen, die im Rahmen unseres gewohnten industriezivilisatorischen Fortschrittsmodells denkbar sind. Soll heißen: das Primat des ökonomischen Wachstums und die Notwendigkeit des immer mehr, immer schneller, immer leistungsfähiger wird nicht in Frage gestellt.

    Und die Tatsache, daß Infektionskrankheiten und weltweite Epidemien irgendwo unter ferner liefen rangieren, wunderte mich auch.

    Naja, dennoch sind m.E. richtige Punkte dabei, aber was die KI und VirtualReality-Sache anlangt, so hatte ich oben ja auch notiert: „Mir überwiegt der Entertainment-Faktor…“ – „Tech-Porno“ hätte ich natürlich auch sagen können. ;-)

    [twort T]

  • Fischer :

    Es ist in der Tat nicht alles völlig abwegig, was die da verhandeln, aber was mir halt an der Sache negativ auffält ist, wie altbacken und un-visionär das alles bei näherer Betrachtung wirkt…

    [twort T]

  • xcvb :

    Ich finde die viele Punkte zutreffend, aber auch ein paar sehr weit hergeholt. Was ich zum Beispiel toll finde, ist die Wasserversorgung. Heute hat man sogar eine Methode reines Wasser efficient herzustellen, mit einer semipaliablen Wand, wie es die Menschliche Zellen machen.

    [twort T]

  • helder yurén :

    Die Kritik an den Vorschlägen der US-Träumer sind nur zu berechtigt, meine ich auch.
    Die Alte Organisation der hierarchisch strukturierten Gesellschaft ist noch verschwenderischer als die traditionelle Wirtschaftsweise, ihre Grundvoraussetzung.
    Wahn und Gewalt dominieren seit mehr als 6000 Jahren in den zivilisierten Gesellschaften. Folge der Herrschaftsstrukturen. Wenn die nicht bald in humane und vernünftigere Organisationsformen umgewandelt werden, sehe ich schwarz für dieses Jahrhundert.
    Mir wäre schon fürs erste damit gedient, wenn wenigstens die einfachsten Lehren aus dem Milgram-Experiment gezogen und umgesetzt würden.

    [twort T]

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