Hippokrates 2.0 » Die Szene der Medizin- und Arztblogs | Werkstattnotiz LXI
Einer der aktuellen Trends in der Blogosphäre ist die Spezialisierung: bloggende Anwälte gehören mittlerweile zu den heimlichen Stars des Web 2.0, aber auch so ehrenwerte Berufsgruppen wie Buchhändler oder Bestatter, haben ihre Nische besetzt und sich eine treue Fangemeinde erobert.
Eine Profession, deren Berufsalltag sich in hervorragender Weise für einen Blog eignen würde, ist aber bislang überhaupt nicht nennenswert in Erscheinung getreten: die Medizin. Wo sind die bloggenden Ärzte und Apotheker?
Wollte man sich anhand der Blogosphäre ein Bild1 von die Gesellschaft machen, wollte man also anhand der Blogautoren auf die Arbeits- und Berufswelt rückschließen, so käme ein groteskes Zerrbild heraus. Man müßte glatt annehmen, wir seien ein Volk von Medienschaffenden, Suchmaschinenoptimierern und Freizeitliteraten. Und, wie wunderbar: Krankheiten scheinen keine große Rolle zu spielen, denn Ärzte gäbe es in dieser Gesellschaft kaum…
Wo sind die bloggenden Ärzte oder Apotheker? Am Berufsgeheimnis kann die Zurückhaltung nicht liegen - die bloggenden Anwälte machen es vor…
Wieso aber gibt es in Deutschland so gut wie keinen bloggenden Arzt? Frust und Lust des medizinischen Geschäfts würden sich doch sicher hervorragend eignen, um einen lesenswerten Blog zu füllen? Kuriositäten aus der Praxis oder nette Wartezimmergeschichten warten doch nur darauf, um hübsch verpackt die Blogosphäre zu bereichern? Genausogut könnten Apotheker aus dem Nähkästchen bzw. Pillendöschen plaudern - am Berufsgeheimnis kann die Zurückhaltung nicht liegen, denn was Rechtsanwälte können, sollten Ärzte ebenso hinbekommen.
Was ist es dann? Ist es der aufreibende Arbeitstag und die überlangen Dienstzeiten, die nicht einmal 1-2x pro Woche eine kleine Notiz erlauben? Oder ist es die Befürchtung, sich "angreifbar" zu machen, wenn man Kollegen und Patienten hinter die Kulissen blicken ließe? Das wäre immerhin eine Erklärung, denn kaum eine andere Berufsgruppe weist ähnliche Inszenierungsleistungen auf wie die Ärzteschaft. Und die Trennung zwischen "Vorder- und Hinterbühne"2 ist in der Medizin besonders strikt.
Die Medizin-Blog-Nische wartet darauf, besetzt zu werden. Special-Interest-Blogs haben Konjunktur. Wann startet das erste Ärzteblog durch?
Dennoch ist es erstaunlich, daß man bloggende Ärzte bislang mit der Lupe suchen muß. Denn Themen- bzw. Special-Interest-Blogs hätten Konjunktur. Und das Thema Gesundheit ist tatsächlich ein Megathema, mit dem man viele Stammleser an sich binden könnte. Ob man den Blog eher anekdotisch ausrichten, also die konkreten Erfahrungen aus dem Arbeitsalltag in den Vordergrund rücken wollte oder einen medizinischen Themenblog aufziehen, in dem man sich allerlei medizinischen Fragen aus der Sicht eines Praktikers nähern würde, bliebe ja jedem selbst überlassen.
Ein Streifzug durch die aktuelle Blogosphäre zeigt jedenfalls, daß man bislang nicht allzuviel Konkurrenz zu fürchten bräuchte. Abgesehen von einigen zweifelhaften Blogs zu medizinischen Themen, die eher als Pharma-PR daherkommen, halte ich derzeit folgende deutschsprachige Blogs aus dem Medizin- und Gesundheitsbereich für erwähnenswert:
Bloggende Ärzte:
Günter Schütte, echter Landarzt aus Ostfriesland, bloggt seit einem Jahr zu Gesundheitspolitik, Neuigkeiten aus der medizinischen Forschung und anderen gesundheitlichen Themen. Ab und zu gibt es auch Informationen und Einblicke aus der ärztlichen Praxis. Ein buntes ärztliches Themengemisch - zuletzt gab es verständliche Anmerkungen zu einer britischen Studie, die zeigte, daß zuckrige Limonaden das Gichtrisiko erhöhen ("Fruchtzucker erhöht das Risiko für Gicht")
Dem Bloguntertitel "Ein Allgemeinarzt vom Land denkt über Gesundheit und Krankheit nach" ist wenig hinzuzufügen - ein seriöser, lesenswerter Medizinblog. Diesem Blog wäre größere Popularität zu wünschen.
- Assistenzarzt | Alltägliches aus dem Ärzteleben
Ein Medizin- und Arztblog wie er sein soll: informativ, fachbezogen und humorvoll. Aus all den schrägen Erlebnissen des Klinikalltags, all den ganz normalen Verrücktheiten des Arztberufs und den sozialen Deformationen, die der Arztberuf mit sich bringt, werden hier lesenswerte Blogposts gebastelt.
Leider bleibt der Autor3 anonym, aber das schadet dem positiven Gesamteindruck nur marginal. Wer etwa wissen will, wie man sich als kleiner Assistenzarzt zwischen den leitenden Alpha-Tieren des Klinikbetriebs bewegt, wie man deren Sozialverhalten imitiert und welche Namen Chefärzte ihren Kindern geben, der ist hier gut aufgehoben. Zur Namensgebung:
"Wichtig ist, dass der 2. Vorname so ist wie der des Großvaters, damit die akademische Geschichte der Familie jedem unter die Nase gerieben werden kann, sobald die Frage nach der Namenswahl für den Sprößling kommt. Auf Verirrungen wie Angelina Julie Schmidt wird man in diesen Kreisen eher nicht stoßen."
Prädikat: lesenswert!
- Die Hypnosekröte | Wer Visionen hat sollte zum Arzt gehen…
Der Blog, der unbedingt den Sonderpreis für den besten Blognamen verdient, ist die Hypnosekröte. Zugegeben: jeder, der ein Helmut-Schmidt-Zitat als Bloguntertitel führt, genießt bei mir einen gewissen Sympathievorschuß. Allerdings ist dieser Blog auch bei genauerem Hinsehen ein Lichtblick. Ein Medizinstudent, der gerade seine PJ-Stationen durchläuft, berichtet über die ersten Gehversuche als Arzt in der klinischen Ausbildung.
Hier werden nette kleine Erlebnisse erzählt, die wohl so mancher junge Arzt aus eigener Erfahrung allzu gut kennt. Arbeitsfrust und -lust wechseln sich ab und dann erfährt man auch, daß im OP bisweilen Wetten darüber abgeschlossen werden, wie hoch das Gewicht des soeben rausoperierten Organs ist. Vergangene Woche, bei einer Schilddrüse, lag die Hypnosekröte am nächsten…
- Blogmed.de - Medizinische Nachrichten und News
Dr. Georg Mekras aus Frankfurt hat schon im November 2005 mit dem Blog begonnen und ist insofern schon ein alter Bloghase. Gepostet wird eher unregelmäßig, dafür zu einem breiten Themenspektrum aus Medizin und Gesundheit. Selbstauskunft: "Das Ziel ist die Archivierung von (für mich) interessanten medizinischen Informationen und News."
- ebm-Anwender | Blog für angewandte evidenzbasierte Medizin
Es bloggt der Arzt Martin Gerken, der z.Z. an der Uni Bremen u.a. an der Abteilung für klinische Pharmakologie arbeitet. Der Blog besteht erst seit zwei Monaten und richtet sich wohl eher an Fachkollegen, Medizinstudenten und fachlich-interessierte Laien. Es wird kein Klinikflurtratsch ausgebreitet, sondern fachbezogene Hinweise und Anmerkungen gepostet.
- Dr. Zehnle-Mediblog | Infos aus der Hausarzt-Praxis
Übersichtlich, fachlich fundiert und informativ präsentiert sich der Blog von Frau Dr. Sieglind Zehnle. Die Allgemeinmedizinerin und Hausärztin aus Ostfildern-Scharnhausen ist noch nicht lange bloggend unterwegs, aber die ersten Artikel sind sehr vielversprechend.
Man findet keine Plaudereien aus dem Arztleben, dafür allgemeinverständlich aufbereitete Infos zu allen möglichen Fragen. Da werden Tipps zu Kopfläusen genauso präsentiert, wie eine Liste zu den geläufigsten Reise-Impfungen. Oder es werden - ganz aktuell - Fragen zur Laktoseintoleranz beantwortet ("Wenn Milchzucker krank macht – Oft gestellte Fragen zur Laktose-Intoleranz"). Insgesamt ein ansprechender Medizinblog.
- On the move | Erfreuliches, Sarkastisches und Nachdenkliches aus Umfeld und Leben einer jüdischen Ärztin
Wie man anhand des Blogtitels schon sehen kann: hier handelt es sich quasi um einen Hybrid-Blog. Einerseits drehen sich die Blogthemen um die Arbeit einer Ärztin, andererseits werden auch die Erfahrungen einer zum Judentum konvertierten Frau reflektiert.
Unter dem Pseudonym "Medbrain2001" bloggt hier eine überlegte Medizinerin, die immer wieder auch Gedanken zur medizinischen Ethik postet. Die Artikelfrequenz ist nicht sonderlich hoch, aber auch wenn zwischen den Artikeln mitunter einige Wochen Pause liegen, so sind sie doch lesenswert.
Ein junges Blogprojekt, das sich durch verständlich aufbereitete medizinische Infos auszeichnet. Zuletzt war unter dem Titel "Medikamente einnehmen: Aber richtig" u.a. zu lesen, daß Grapefruitsaft nie zusammen mit Medikamenten eingenommen werden soll, da ansonsten sogar Vergiftungen drohen.
Leider schweigt sich das Blog über die Identität der Autoren aus (bislang treten eine Christina und ein Michael in Erscheinung). Betreiber des Blogs ist eine "SEOmetrie Gmbh", die in Berlin ansässig ist. Weshalb man nicht erläutert, ob die Autoren Journalisten oder Ärzte sind, weiß ich nicht. Welche Zwecke die SEOMetrie-GmbH mit diesem Blog verfolgt, weiß ich auch nicht, allerdings macht das Angebot einen seriösen Eindruck.
So, das sind diejenigen Blogs, die man (meines Erachtens) guten Gewissens empfehlen kann. Möglicherweise habe ich auch einen Ärzteblog übersehen - in den Kommentaren bin ich für weitere Hinweise dankbar. Allerdings habe ich einige Blogs zweifelhaften Charakters auch aus dieser Zusammenstellung herausgelassen.
Warum finden sich ausgerechnet bei Ärzteblogs so viele fragwürdige Angebote? Und: Weshalb bloggt kaum ein Arzt unter seinem richtigen Namen?
Weshalb sich gerade im medizinischen Bereich auffallend viele zwielichtige Akteure tummeln, wäre eine andere Frage. Auffallend ist übrigens auch, daß (bis auf 3 Ausnahmen) die ärztlichen Blogger nicht mit Klarnamen aktiv sind. Auch das Impressum weist bestenfalls ein Kontaktformular auf. Auch darüber ließe sich vermutlich bestens spekulieren…
Es gibt natürlich noch weitere Blogs, deren Fokus auf Gesundheitsthemen liegt. Allerdings werden diese vorrangig von Medizinjournalisten betrieben. Und an die sind doch andere Maßstäbe zu legen - außerdem ist die thematische Ausrichtung eines Medizinjournalismusblogs von dem eines Arztblogs unterschiedlich.
Den Gesundheits- und Medizinblogs mit journalistischem Background widme ich mich in einem Folgebeitrag.
- Das Symbolphoto stammt übrigens von Stock.xchng (User: lusi) [↩]
- Der Soziologe Erving Goffmann beschrieb die Unterschiede der alltäglichen Selbstdarstellung von Personen und/oder Institutionen, die zwischen der "offiziellen" und für jedermann sichtbaren Darstellung (=Vorderbühne) und der "inoffiziellen", nur für Eingeweihte zugänglichen Darstellung (=Hinterbühne) eine Trennlinie einziehen. [↩]
- Jedenfalls entdecke ich weder ein handfestes Impressum, noch andere belastbare Infos. [↩]
Über diesen Artikel
Sie lesen gerade »Hippokrates 2.0 » Die Szene der Medizin- und Arztblogs | Werkstattnotiz LXI«, einen Artikel der Wissenswerkstatt.
- Veröffentlicht am
- 5. Februar 2008 | 15:25
- Autor:
- Marc
- Abgelegt unter:
- Blogosophie, Werkstattnotizen
- Schlagworte:
-
Blogosphäre, Medizin
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[Diesen Artikel zitieren?]
- Gelesen: 2515 · heute: 2 · zuletzt: 24. July 2008, 2:59
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