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Ich werde mich nie verändern! » Gute Vorsätze, die Macht der Gewohnheit, die Plastizität unseres Gehirns und der Preis der Selbstkontrolle

21. Januar 2008 | 17:11 Gelesen: 11664 · heute: 2 · zuletzt: 27. July 2017 4 Reaktionen

Und wieviele Ihrer guten Vorsätze für das Jahr 2008 haben Sie bereits gebrochen? Sind Sie doch wieder schwach geworden und haben zugegriffen, als Ihnen der Plätzchenduft um die Nase strömte? Und wie sieht es mit der Absicht aus das Rauchen aufzugeben? Immer noch auf gutem Wege oder sind Sie bereits eingeknickt? Haben wir wirklich eine Chance im Kampf gegen die ÜberMacht der Gewohnheit?

Worauf zielt die Flut der Ratgeberliteratur? Gibt es überhaupt plausible Anleitungen dafür, wie wir unseren inneren Schweinehund an die Kette legen können? Und welchen Preis bezahlen wir für diese Art der Selbstkontrolle?

Egal ob die Story im Fitneßmagazin, die allgegenwärtige Ratgeberliteratur oder lächelnde Moderatoren in TV-Magazinen: Sie wollen uns weismachen, daß wir es alle schaffen können. Wenn wir nur wollen und die richtigen Tricks und Kniffe anwenden, dann können wir es erreichen: wir werden fit, leistungsfähig, dünn und erfolgreich.

Wen besiegen wir, wenn wir gegen unsere (Sehn-)Süchte arbeiten?

Wer nur die richtigen Ratschläge befolgt oder die richtigen Diät-Tipps, der wird den inneren Schweinehund an die Kette legen und am Ende triumphieren. Aber wen besiegen wir da? Gut: unsere schlechten Angewohnheiten. Aber besiegen wir uns damit nicht auch selbst? Gehören all die Schwächen und Unzulänglichkeiten nicht auch zu uns? Und welchen Preis bezahlten wir, wenn es uns wirklich gelänge, uns selbst zu disziplinieren?

Wäre es nicht wünschenswert, wenn wir akzeptieren könnten, daß wir nicht alles zu 100% kontrollieren können – am Ende nicht einmal uns selbst?

Im Grunde ist – jedenfalls nach meinem Dafürhalten – die Erkenntnis von Sigmund Freud, daß wir eben nicht Herr im eigenen Haus sind, doch ein gewisser Trost. Man kann es bedauern, es als Kränkung erleben, wenn man mit den eigenen Schwächen konfrontiert wird. Zu akzeptieren, daß man limitiert ist, daß man nicht alles zu 100% kontrollieren kann, nicht einmal sich selbst, wäre vermutlich aber ein erster Schritt, um glücklich zu sein.

Denn "man braucht nicht viel davon, um glücklich zu sein" – so sangen Tocotronic bereits 1999.1 3 Jahre zuvor hieß es freilich noch trotzig: "Ich werde mich nie verändern!"2 Sollte man sich also nicht besser arrangieren mit all den seltsamen Angewohnheiten, etwa der Prokrastination, die hier so hübsch beschrieben ist?

Können wir anders, wenn wir nur wollen?

Aber, zurück zur Ausgangsfrage: Könnten wir uns denn überhaupt verändern? Also Verhaltenseigenschaften in einer solchen Weise modifizieren, so daß wir dauerhaft anders handeln? Im Prinzip sollte doch wenig dagegen sprechen, denn – so wissen wir aus der jüngeren Hirnforschung – das Gehirn ist schließlich prinzipiell in der Lage stets neue Verknüpfungen herzustellen. Die Plastizität des Gehirns – und nirgendwo sonst ist unser Verhalten lokalisiert – ist unbeschränkt.

Unsere Erfahrung und die Erkenntnisse der (Neuro-)Psychologie lehren freilich, daß das Verhältnis zwischen dem "Ich und sein(em) Gehirn"3 doch komplexer ist. Einerseits wäre das Erlernen neuer Verhaltensmuster problemlos möglich, andererseits gibt es doch recht enge Grenzen innerhalb derer das möglich ist. In einem aktuellen Artikel in ZEIT-Wissen wird wieder einmal der Hirnforscher Gerhard Roth zitiert, der die These vertritt,   

Allein 20 bis 50 Prozent der typischen Merkmale eines Menschen seien genetisch oder auch schon vor­geburtlich beeinflusst.4

Die Frage ist also, welchen Anteil unsere Veranlagungen an unserem späteren So-Sein tragen, welche Bedeutung frühkindliche Prägungen haben und was – das ist der Bereich, den wir beeinflussen könnten – wir später durch guten Willen in die eine oder andere Richtung lenken könnten. Die Arbeiten Gerhard Roths zeigen, daß die Erfahrungen, die wir in den ersten 3 Lebensjahren machen, einen Großteil unserer Persönlichkeitsmerkmale bestimmen. Denn:

In dieser Zeit ist das limbische System, der Hauptsitz der Gefühle und des emotionalen Gedächtnisses, noch stark formbar.

Und diese Grundzüge unseres Verhaltens und Erlebens können später eben nur noch sehr begrenzt variiert werden. Denn wenn sich solche grundsätzlichen Verhaltensmuster erst verfestigt haben und erst ein integraler Bestandteil unseres Verhaltensrepertoires geworden sind, so kommen wir nur noch schwer gegen diese an. Jeder Wunsch, sich zu verändern, muß sich also gegen diese erlernten, erprobten, internalisierten Muster – die Gewohnheit – durchsetzen:

Ihre Macht hat sie einem tief im Gehirn verankerten Mechanismus zu verdanken, der jeden Schritt auf alten, ausgetretenen Pfaden belohnt. Wer bei seinen Gewohnheiten bleibt, fühlt sich dank dieses neuronalen Belohnungssystems fast immer sicher, geborgen – einfach wohl. »So können sich viele Verhaltensweisen verselbstständigen und der bewussten Steuerung entziehen«, sagt Gerhard Roth.

Aber prinzipiell können wir uns verändern. Falls Sie sich bereits gefreut haben, daß Sie nun eine tolle Entschuldigung dafür haben, daß Sie ihre Vorsätze gebrochen haben, dann muß ich Sie doch enttäuschen. Wir können – wenngleich in Grenzen – immer anders. Interessant ist aber die Frage, welche Nebeneffekte damit einhergehen, wenn wir uns ständig disziplinieren müssen. Oder anders gefragt: Hat es negative Begleitumstände, wenn wir ein hohes Maß an Selbstkontrolle ausüben müssen oder wollen?

Cookies_02.jpgErschöpfung durch Selbstkontrolle?

Katharina Kluin schildert einen hochspannenden Versuch:5

Der Psychologe Roy Baumeister von der Florida State University hat mit ganz unterschiedlichen Experimenten gezeigt, dass es für das Gehirn ein regelrechter Kraftakt ist, Gewohnheiten oder Verlockungen zu widerstehen.

Bei einer dieser Untersuchungen bat er Versuchspersonen in einen Raum, in dem frisch gebackene, duftende Kekse auf dem Tisch standen. Allerdings durfte nur die eine Hälfte der Probanden davon kosten. Die andere sollte wegen eines angeblichen Geschmackstests Rettich essen, der daneben lag. Sie blieben standhaft, auch wenn sie noch so gierig nach den Plätzchen schielten.

Im Anschluß an diese kleine "Probe" an die Willenskraft – und jetzt kommt der entscheidende Punkt – wurde den Probanden noch eine Denkaufgabe präsentiert. Diese Aufgabe war aber nicht lösbar. Nun zeigte sich, daß diejenigen Versuchsteilnehmer, die die Plätzchen "ignorieren" und stattdessen den Rettich essen mußten, im Schnitt nach 8 Minuten die Tüftelei an der Aufgabe beendeten. Die anderen, denen zuvor keine Übung in Selbstbeherrschung abverlangt wurde, knobelten durchschnittlich fast 20 Minuten, also mehr als doppelt so lange, bevor sie kapitulierten.6

Roy F. Baumeister leitete aus diesen Befunden die These ab, daß solche Formen der Selbstkontrolle – also die bewußte Steuerung unseres Willens – eine (mentale) Kraftanstrengung darstellt. Und diese Kraftanstrengung verlangt Ressourcen, die limitiert sind. Mit dieser These widerspricht Baumeister anderen Ansätzen, die Selbstkontrolle als bloße Fähigkeit und/oder Begabung ansehen, die erlernt werden könne und deren Gebrauch keine weiteren (negativen) Begleiteffekte habe. 

Selbstkontrolle ist eine Willensanstrengung und als solche eine begrenzte Ressource, die zu Lasten von Konzentration und (mentaler) Leistungsfähigkeit geht.

Die interessanten Studienergebnisse von Baumeister lehren zweierlei: erstens zeigen sie, daß die Kontrolle unseres Verhaltens – also die bewußte Entscheidung sich auf eine bestimmte Weise zu verhalten und andere Verhaltensweisen zu unterdrücken7 – eine hohe Leistung darstellt. Und zweitens illustrieren die Versuche, daß Selbstkontrolle eine harte Arbeit ist, die andere Fähigkeiten in Mitleidenschaft ziehen kann.8

Die Techniken des Selbst: Kontrolle wozu?

Michel Foucault wäre über diese Befunde wohl kaum erstaunt gewesen; denn die Tatsache, daß wir mittels verschiedenster Körper- und Selbsttechnologien uns selbst – d.h. unseren Körper und unsere Wünsche – permanent disziplinieren und unterwerfen, hatte er spätestens 1975 in "Überwachen und Strafen" detailliert beschrieben. 

Foucault skizzierte damals die subtilen Strategien, die auf eine Disziplinierung des Körpers abzielen, "der unterworfen werden kann, der ausgenutzt werden kann, der umgeformt und vervollkommnet werden kann".9

Es stellt sich also – im Lichte der jüngeren psychologischen Forschungen auf diesem Gebiet – die Frage, ob wir uns wirklich einen Gefallen damit tun, wenn wir uns ständig kontrollieren, konditionieren und zähmen. Vielleicht sollten wir uns den Griff zu den Keksen oder zur verlockenden Schokolade einfach gönnen – und fröhlich darauf pfeifen, was uns die fit-for-fun-Ratgeberindustrie glauben machen will…
 

 


Links:

  • Kluin, Katharina: Geht’s auch anders?, ZEIT-Wissen, 01/2008
  • Baumeister, Roy F. (2003): Ego Depletion and Self-Regulation Failure: A Resource Model of Self-Control. in: Alcoholism: Clinical & Experimental Research. 27(2): 281-284. [Abstract]

Literaturempfehlungen:

 

 

  1. Um genau zu sein in "Die Grenzen des guten Geschmacks I" auf der meisterhaften Platte "K.O.O.K." []
  2. Im Lied desselben Titels auf der Platte "Wir kommen um uns zu beschweren". []
  3. So der Titel des Buchs von Popper und Eccles, die sich vor 30 Jahren dem Leib-Seele-Problem aus interdisziplinärer Sicht annahmen. []
  4. Alle folgenden Zitate stammen aus dem ZEIT-Artikel von K. Kluin. []
  5. Die Studie hier veröffentlicht: Baumeister, Roy F. (2003): Ego Depletion and Self-Regulation
    Failure: A Resource Model of Self-Control. in: Alcoholism: Clinical
    & Experimental Research. 27(2): 281-284. []
  6. Innerhalb einer Kontrollgruppe – denen im Vorfeld weder Plätzchen, noch Rettich angeboten wurde – wurde durchschnittlich 18 Minuten an der Rechenaufgabe gearbeitet. []
  7. Also bspw. sich den Griff zur Zigarette zu verkneifen und stattdessen einen Apfel zu essen… []
  8. Es wäre ja sogar zu fragen, ob es volkswirtschaftlich sinnvoll ist, wenn man bspw. die Millionen nikotinsüchtiger Raucher fortwährend dazu zwingt, gegen ihr Verlangen anzukämpfen: wieviel weniger Leistung bringen all die zwangsmissionierten Büromenschen, die sich ihre Kaffeepausenzigarette nicht mehr gönnen dürfen? []
  9. Foucault, Michel: Überwachen und Strafen, S. 175. []
Marc Scheloske
Marc Scheloske
Ich bin Sozialwissenschaftler und freier Journalist. Ich schreibe (Fach-)Artikel, blogge und führe Workshops und Schulungen zum Thema 'Wissenschaftskommunikation und Social Media' durch. → weitere Infos
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Kommentare

4 Reaktionen »

  • Monika Armand :

    Baumeisters Studienergebnisse könnte man auch anders interpretieren:
    Da die Aufgabe nicht lösbar war, verschwendeten die Rettich essenden Probanden weniger Zeit mit ineffektiver Tätigkeit, während die von Keksen „eingelullten“ Probanden sich in einem Zustand des Wohlgefühls und der Langsamkeit mit ineffektiver Probiererei ganze 12 Minuten länger die unlösbaren Aufgaben bearbeiteten ;-))

    Klingt doch auch plausibel, oder? Insbesondere, wenn man Gaumenfreuden mit „faulenzen“ und „Gemütlichkeit“ verbindet. Interessant wäre hier zu wissen, ob Baumeister seine Probanden über die Hintergründe ihrer Abbrüche befragt hat.

    Für mich zeigt sich an solchen Beispielen, dass Forschungsergebnisse und ihre Interpretationen des öfteren zwar plausibel, jedoch genauso willkürlich sein können.

    Gerade Gerhard Roth, welcher gern mit weitreichenden Schlußfolgerungen aus neurowissenschaftlichen Grundlagenstudien aufwartet, ist ein schönes Beispiel für eine solche „willkürliche Plausibilität“.

    [twort T]

  • Frank Eric Stockmann :

    Ich kann allen Lesern, die Interesse daran haben, negative Gewohnheiten zu verändern, nur empfehlen, das Buch von Dr. Maja Storch zu lesen: „Machen Sie doch was Sie wollen“. Hier wird mit einer neuen Methode, die aktuellste Ergebnisse aus der Neuroforschung umsetzt, wie man oder frau es schaffen kann, aus Vorsätzen langfristige Handlungen werden zu lassen. Maja Storch verspricht keine Wunder oder Instandsofortabhilfe und sie hat auch keine Lösung für jedes Problem. Das gefällt mir an diesem Buch so besonders. Tatsache ist, was wir alle vermutlich eine falsche Vorstellung davon haben, was Willenskraft ist und in welchen Situationen sie sinnvoll ist und in welchen nicht. Ich habe in diesem Buch viele Anregungen gefunden, die mir geholfen haben, meine Absichten besser umzusetzen. Frank Eric Stockmann

    [twort T]

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