Getrennt marschieren, vereint schlagen » Die FAZ leistet der Süddeutschen Zeitung Schützenhilfe bei der Web2.0-Polemik
Wie schön ist es doch, wenn man noch Freunde hat. Nach seiner polemischen Web2.0-Schmähkritik vom vergangenen Freitag mußte SZ-Redakteur Bernd Graff heftige Prügel einstecken. Als gleichzeitig publik wurde, daß die Süddeutsche Zeitung die Kommentarfreude ihrer eigenen Leser künftig nicht anders zu bändigen weiß, als daß sie die Kommentarmöglichkeit nach Dienstschluß und an den Wochenenden abschaltet, war das Kopfschütteln angesichts solcher Hilfs- und Ahnungslosigkeit umso größer. Aber gerade als man der SZ den Ehrenpreis für die erbärmlichste Web2.0-Berichterstattung überreichen will, eilt Jürgen Kaube von der FAZ herbei und springt Bernd Graff zur Seite.
Zur Erinnerung: Die Süddeutsche Zeitung, die sich gern als liberales Leitmedium inszeniert, ist schon des öfteren aufgrund ihrer haarsträubenden Blog-Inkompetenz aktenkundig geworden. Zwar läßt man weiterhin die Fahne des hehren Qualitätsjournalismus lustig im Wind flattern, die Mühe sorgfältig zu recherchieren und die Argumente genau abzuwägen, macht man sich aber in der Sendlinger Straße in München immer seltener.
Es ist ja legitim keine Ahnung zu haben, wieso aber müssen SZ und FAZ ihre traurige Inkompetenz lautstark in die Welt hinausposaunen?
Aber woher rührt diese gehässig-hochnäsige Haltung gegenüber den verschiedene Aspekten des Web2.0? Ist es Frustration, weil man erkannte, daß man das populäre Print-Jugendmagazin "jetzt" doch nicht hätte verabschieden sollen? Ist es enttäuschte Liebe, weil die eigenen Blogprojekte - für die übrigens Bernd Graff an vorderster Front mitverantwortlich zeichnete - als Rohrkrepierer endeten?
Ein Erregungskünstler bei der Arbeit: Bernd Graff kotzt sich aus
Egal - das jüngste Erzeugnis der SZ-Serie polemischer, unsachlicher Web2.0-Texte stammt aus der Feder1 von Bernd Graff. Bernd Graff ist ein Erregungskünstler. Und hat mit viel Schaum vorm Mund einen Rundumschlag gegen alle Facetten des sog. "Web 2.0" zusammengedichtet, in dem er genau das mustergültig vorexerziert, was er all den vermeintlichen Laienjournalisten vorwirft: wenn man sich mit allzu viel Adrenalin2 im Blut an den Schreibtisch setzt, sich weigert zu differenzieren und stattdessen einen bunten Kessel abgestandener Vorurteile zusammenrührt, dann kommt am Ende eben doch nur unsäglicher Quark dabei heraus.
Für Bernd Graff ist das Web2.0 ein »Debattierklub von Anonymen, Ahnungslosen und Denunzianten«
Graff ätzte gegen den "Pöbel" des neuen Netzes, er wand sich mit Grausen vor "Sabotage, Verschwörung, Häme, Denunziation, Verächtlichmachung, Hohn, Spott", denn das sind - Graffs Meinung zufolge - die Hauptzutaten des "loser generated content". Es wäre verkehrt, wenn man Graffs Tiraden damit rechtfertigen wollte, daß man schriebe, Graff habe eben keine richtige Meinung von all den Bloggern. Er hat nämlich sehr wohl eine Meinung und diese kotzt er mit großer Lust aus sich heraus. Beispiele gefällig?
Sie zerfleddern [...] jedes Thema. Sie tun dies aber oft anonym und noch öfter von keiner Sachkenntnis getrübt. Sie zetteln Debattenquickies an, pöbeln nach Gutsherrenart und rauschen dann zeternd weiter. Sie erschaffen wenig und machen vieles runter. Diese Diskutanten des Netzes sind der Diskurstod, getrieben von der Lust an Entrüstung.
Für Graff sind Blogger nichts anderes als:
[...] Inquisitoren in eigener Sache, das sind halt Querulanten und Leute mit seltsamen Präferenzen. Freizeitaktivisten mit ein bisschen Schaum vor dem Mund.
Und er schließt mit der Frage:
Warum aber sollten Menschen, die lediglich neue technische Möglichkeiten nutzen, etwa um ihre Poesie-Alben zu veröffentlichen oder um ihrer Trauer über kaputte Computer Ausdruck zu verleihen, warum sollten diese Menschen Produktionsbedingungen für Medien diktieren und Meinungsführerschaft beanspruchen?
Die FAZ kommt zu Hilfe: Jürgen Kaube leistet Beistand
Aber wer glaubte, Graff habe seine Schmähungen in einer Laune hingeschrieben und seine Standpunkte würden durch Redakteurskollegen nicht geteilt, wird nun eines Besseren belehrt. Die Solidarisierung kommt heute aber nicht von den SZ-Kollegen, sondern Jürgen Kaube - einer von Frank Schirrmachers Buben - übt den Schulterschluß der Kampfesbrüder für den Qualitätsjournalismus.
Jürgen Kaube sieht sich bestätigt: die Reaktionen der Blogger auf Graffs Artikel sind der Beweis für dessen These. Aber es geht ja auch tatsächlich ein bißchen weit, wenn man eine »Beschimpfung« eine »Beschimpfung« nennt…
In seinem FAZ-Text ("Immer schön sachlich bleiben")3 nimmt sich Kaube dezidiert den Graff-Artikel vor und sieht dessen Position durch die Reaktionen der Webgemeinde in hervorragendster Weise bestätigt.4 Fast ein bißchen weinerlich stellt Kaube fest:
Und man wirft dem Journalisten Graff Publikumsbeschimpfung vor.
Das ist natürlich, ich gebe es zu, ein dicker Hund. Da fährt der Polemiker Graff unsachlich-diffamierende Argumentationsgeschütze auf und tunkt seine Feder in ein stinkendes Jauchefaß und die solchermaßen angegriffene Webgemeinde nimmt sich das Recht der Widerrede? Das ist ja unfaßbar. Wo kämen wir denn hin, wenn jeder seine Meinung sagen würde?
Aber "jeder" ist es ja nicht. Denn Kaube stellt glasklar analytisch fest:
Man – das heißt hier allerdings noch immer: ein paar Dutzend Leute, die im Verhältnis zu den Millionen von Nutzern einzelner Websites von Zeitungen, Zeitschriften, Rundfunk- und Fernsehanstalten noch nicht als neue Öffentlichkeit ins Gewicht fallen.
Seltsam freilich, daß man sich dann - wenn die Blogger doch eine marginale Größe ["ein paar Dutzend" (!)] sein sollen5 - überhaupt in Frankfurt und München damit befaßt. Zur Ehrenrettung sei gesagt, daß Kaube in seinem Artikel immerhin 2-3 bedenkenswerte Argumente mit einfließen läßt und mit weniger Erregungseifer schreibt als sein Kollege. Zu bedenken ist meiner Meinung nach wirklich, in welche Richtung sich das Web2.0 entwickeln wird und ob hier in Zukunft nicht auch Hierarchien und selektive Portale zu erwarten sind:
Aber solche Seiten im Internet, die es besser machen wollen, werden sich ihrerseits zu einem klassischen Medium mit hoher Selektivität entwickeln müssen, wollen sie nicht die Spezialisierungsvorteile verschenken, die mit Professionalisierung einhergehen.
Damit hat es sich aber auch schon mit den sachlichen Argumenten. Weiter geht es mit der Verächtlichmachung der Blogs:
Bemerkenswert sind die gereizten Reaktionen derjenigen, die sich offenbar als Internet-Elite und Mandatsträger der Zukunft verstehen, dennoch. [...]
Die entsprechenden Formen der Schimpf- und Beschwerderede im Internet, die Bernd Graff festgehalten hat, folgen insofern einem alten Schema: Wer zu allen spricht, neigt zur Übertreibung, weil er, um alle zu interessieren, oft der Gefahr erliegt, den Allgemeinheitsgrad dessen, was ihn beschäftigt, rhetorisch zu steigern.
Im Ergebnis ist Kaubes Text auch wieder nur ein hilfloser Versuch, mit dem Finger auf all die vorgeblichen Schwächen der Bürgerjournalisten hinzuweisen, die doch so amateurhaft, ungefiltert und hoffnungslos subjektiv die Wirklichkeit mehr verzerren denn beschreiben. Für Kaube hat offenbar so etwas wie der Endkampf um die Meinungsführerschaft begonnen und er betont:
Wir publizieren nicht die Mitteilung jedweder ungewaschenen Subjektivität.
Und zuletzt tröstet er sich, daß die konventionellen Medien ja doch immer noch ihre Daeinsberechtigung reklamieren dürften, denn ohne deren miese Texte - so offensichtlich Kaubes Hoffnung - hätten die Blogger ja kaum Themen genug, um sich zu erregen.6
Und wohinein nur Meinung investiert wurde, das verspricht auch keinen Ertrag darüber hinaus. Wie hoch wohl die Klickraten der Schmähkommentare auf Bernd Graffs Artikel selber sind? Man hat den Eindruck, dass sie unterschätzen, wie abhängig ihre eigene Beachtlichkeit davon ist, dass es das Objekt ihrer Schmähung, einen klassischen Artikel, auf den sie sich alle beziehen können, überhaupt gibt.
So weit, so falsch, so lächerlich.
Links:
- Graff, Bernd: Web 0.0. Die neuen Idiotae. Süddeutsche Zeitung, 8.12.2007
- Kaube, Jürgen: Immer schön sachlich bleiben, FAZ, 12.12.2007
- Wobei die Rede, daß Graff diesen Artikel geschrieben habe, wohl nicht ganz zutreffend ist. "Erbrochen" wäre richtiger… [↩]
- Ich hoffe doch, es befand sich nichts anderes darin. [↩]
- Ist das nun Selbstironie? [↩]
- Auch eine Art und Weise die These der "self-fulfilling-prophecy" zu testen: man reize den Gegner mit provokanten Thesen und reagiere empört darauf, wenn sich dieser verteidigt. [↩]
- Daß Kaube so offensichtlich seine mathematische Schwäche unter Beweis stellt, verwundert. Denn unter ein paar Dutzend verstünde ich so 30-50 Personen? Ist das die Größenordnung der Blogcommunity? [↩]
- Seiner Meinung nach, sollte man FAZ, SZ & Co. wohl noch dankbar dafür sein, daß man sich über ihre unsäglichen Texte empören darf? [↩]
Über diesen Artikel
Sie lesen gerade »Getrennt marschieren, vereint schlagen » Die FAZ leistet der Süddeutschen Zeitung Schützenhilfe bei der Web2.0-Polemik«, einen Artikel der Wissenswerkstatt.
- Veröffentlicht am
- 12. Dezember 2007 | 12:50
- Autor:
- Marc
- Abgelegt unter:
- Blogosophie, Medien
- Schlagworte:
-
Blogkritik, Blogosphäre, Feuilleton, Journalismus, Web 2.0
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- Gelesen: 3014 · heute: 4 · zuletzt: 20. November 2008, 10:12
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