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Der weite Weg von der Einstellungs- zur Verhaltensänderung » Hürden auf dem Weg zu Open Access | Werkstattnotiz XLI

30. November 2007 | 12:00 Gelesen: 13016 · heute: 3 · zuletzt: 31. July 2014 16 Reaktionen

Der Mensch ist ein Gewohnheitstier und meist überaus skeptisch gegenüber Neuem. Und  diese allgegenwärtige Trägheit und Risikoaversion, das bisweilen panische Festhalten an erprobten Lösungen ist selbstverständlich in fast allen Milieus anzutreffen, hier macht die Wissenschaft keine Ausnahme. Besonders deutlich wird die Zurückhaltung, wenn es um Innovationen im akademischen Betrieb geht, so etwa bei der Frage der wissenschaftlichen Publikationspraxen.

Denn die Art und Weise, wie und wo Wissenschaftler ihre Forschungsergebnisse publizieren, ist beileibe nicht zufällig und beliebig, sondern das Ergebnis einer langen Entwicklung. Über viele Wissenschaftlergenerationen hinweg hat man sich daran gewöhnt, daß es einerseits Monographien gibt, die meist als wissenschaftliche Qualifikationsschriften entstehen und daß andererseits das Tagesgeschäft über wissenschaftliche Fachartikel abgewickelt wird.

Alles wie immer: wer etwas in der Wissenschaft gelten will, muß in den renommierten Journals mit hohen Impact-Faktoren publizieren.

Und so stellen die Artikel in (möglichst renommierten) Fachzeitschriften das zentrale Medium dar. Sie sind erstens Medium für die Selbstverständigung der Wissenschaft: wer am Fachdiskurs teilnehmen will, hat sich auf die aktuellen Beiträge in den relevanten Journals zu beziehen. Und zweitens Medium und zentrale Währung für den Reputationserwerb: wer es in der Wissenschaft zu etwas bringen will, kommt nicht umhin, die Länge und Qualität seiner Publikationsliste zu optimieren.

Festgefahrene Strukturen, Macht der traditionellen Verlage 

Diese traditionellen Publikationsgepflogenheiten haben sich freilich auch (infra-)strukturell verfestigt: die wissenschaftlichen (Fach-)Verlage haben längst eine solch dominante Marktposition, so daß sie ihre Journals zu teilweise horrenden Preisen an die (wissenschaftlichen) Bibliotheken verkaufen können. Kein Wunder, daß die Inhaber dieser Gelddruckmaschinen höchst mißtrauisch alle Tendenzen beäugen, die eine Stärkung der Open-Access-Bewegung fördern.

Idealistische Open-Access-Pioniere werden bestraft: wer sich als Wegbereiter der Bewegung betätigt, geht Karriererisiken ein.

Open-Access – also der freie, unentgeltliche Online-Zugriff auf wissenschaftliche Publikationen – ist ein faszinierendes Konzept. Allein die Beharrungskräfte des wissenschaftlichen Publikationssystems und die Trägheit jedes einzelnen Wissenschaftlers stehen einem durchgreifenden Erfolg entgegen.1 Aber hier gilt wie anderswo: Pioniergeist wird selten belohnt.

Denn das schlagkräftigste und perfideste Argument gegen Open Access sind die bestehenden Strukturen. Und diese Strukturen belohnen derzeit eben eine "konservative" Publikationsstrategie, die gewinnmaximierend auf die etablierten Journals setzt. Kein Wunder: schließlich stabilisieren sich diese Strukturen wesentlich durch die Reputation konkreter Personen/Institutionen, die diese just über Veröffentlichung in den fraglichen Journals mit hohen Impact-Faktoren erworben haben. In Kurzform: man kann jedem Wissenschaftler nur raten, in den maximal hoch bewerten Zeitschriften zu publizieren und dazu gehören bislang eben kaum Open-Access-Zeitschriften. Und dies wird sich erst ändern, wenn ausreichend viele OA-Journals mit attraktiven ImpactFactoren glänzen könnten, die sie wiederum erst erreichen, wenn auch die relevanten Arbeiten dort erscheinen, was allerdings erst der Fall sein wird, wenn…

Eine Idee für gut befinden, heißt noch nicht, daß man sich auch für sie einsetzt 

Und so kann es kaum überraschen, daß man bei der Befragung einzelner Wissenschaftler zu ihrem Publikationverhalten feststellt, daß hier Einstellung und Verhalten nur sehr schwach miteinander korrelieren. D.h. konkret: auch wenn Forscher die Open-Access-Idee gutheißen, so bedeutet das keineswegs, daß sie selbst in Open-Access-Zeitschriften publizieren. Hier ist jedem einzelnen Wissenschaftler das Hemd näher als der Rock. 

2/3 der Wissenschaftler ist die Möglichkeit der Open-Access-Publikation zwar bewußt, genutzt wird sie allerdings nur von einem Bruchteil.

Eine Studie der University of California2 hat diese mißliche Situation nun wieder einmal bestätigt: denn während sich fast 2/3 der befragten Wissenschaftler zwar grundsätzlich offen für alternative Publikationsformen und Open-Access-Modelle zeigten, waren es nur rund 1/5, die bereits einmal in solchen Zeitschriften publiziert haben.

Faculty see their own and their peers’ publishing as the critical currency of scholarship and academic success, and in so doing overwhelmingly rely on traditional forms of publishing, such as peer-reviewed journals and monographs. Faculty also tend to believe in traditional measures such as citations and impact factor as proxies for the value of research. They also believe in peer review as an effective mechanism for maintaining the quality of published scholarship.  There is limited but significant use of alternative forms of scholarship, with 21% of faculty having published in open-access journals, and 14% having posted peer-reviewed articles in institutional repositories or disciplinary repositories.

Die grundsätzliche Bereitschaft bzw. die Einsicht, daß man alternativ in Open-Access-Journals veröffentlichen könnte, reicht alleine also noch lange nicht aus. Die Verhaltensänderung ist von weiteren Faktoren abhängig. Eines der Hauptargumente, das in diesem Zusammenhang leider immer wieder bemüht wird, ist das der angeblich geringeren Qualität von Online- bzw. OA-Journals. Und gar die Furcht vor einer Publikations-Inflation und einem Qualitätsverlust macht offenbar die Runde:

Consistently throughout the survey’s free-form comments, faculty indicated that they want to preserve the quality of published works, regardless of the form or venue.  Many respondents voiced concerns that new forms of scholarly communication, such as open-access journals or repositories, might produce a flood of low-quality output.   Faculty showed broad and strong loyalty to the current peer-review system as the primary means of ensuring the quality of published works now and in the future, regardless of form or venue.  

Genug Arbeit also für die Verfechter des OA-Modells, um hier aufzuklären. Denn daß Open-Access und Peer-Review durchaus zusammengehen, sollte man Wissenschaftlern doch plausibel machen können, oder? ;-)

Solange das nicht gelingt, wird Open Access weiterhin eine randständige Rolle spielen. Und insofern ist der Schlußfolgerung der US-Studie für den jetzigen Zeitpunkt auch vorbehaltlos zuzustimmen:

Such publishing appears to be seen as supplementing rather than substituting for traditional forms of publication. 

Es wäre dennoch schön, wenn Open Access in wenigen Jahren nicht nur ergänzend gesehen würde, sondern wirklich eine Alternative darstellt. Die Möglichkeiten dazu sind gegeben. Nun gilt es, nur noch die Vorbehalte auszuräumen… 

 

 


Link zur Studie:

Viele weitere Infos zu Open Access:

Aufsatzempfehlung:

 


  1. Die Lobbyarbeit der Wissenschaftsverlage ist zwar machtvoll, wäre aber zu vernachlässigen, wenn die Mehrheit der Forscher sich einig wäre und fortan in OA-Journals (bspw. mit Open-Peer-Review) veröffentlichte. []
  2. Dazu wurden die Publikationsgewohnheiten von über 1.100 wissenschaftlichen Mitarbeitern der UC an 10 verschiedenen Standorten abgefragt. Befragungszeitraum Ende 2006, Veröffentlichung der Ergebnisse August 2007. Link zur Website s. Linkempfehlung. []
Marc Scheloske
Marc Scheloske
Ich bin Sozialwissenschaftler und freier Journalist. Ich schreibe (Fach-)Artikel, blogge und führe Workshops und Schulungen zum Thema 'Wissenschaftskommunikation und Social Media' durch. → weitere Infos
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Kommentare

16 Reaktionen »

  • Joerg :

    Nahtlos in den Teufelskreis bindet sich natürlich auch noch das Problem ein, dass es zu wenig Open Acess-Journals gibt, gerade für etwas speziellere Arbeistbereiche, die dennoch durch zahlreiche Journals abgedeckt sind.
    Von meinen drei Papern zur Diss werde ich eins versuchen in ein OpenAcess-Journal zu bringen (dass bereits einen halboffenen Review-Prozess bietet), aber auch da passt das Thema nur mit etwas gutem Willen.

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  • Marc :

    @Joerg:

    Ja, genau auf dieses Dilemma wollte ich hinweisen: solange die kritische Masse an OA-Journals (mit einigermaßen attraktiven ImpactFaktoren) fehlt, werden viele Wissenschaftler diesen Schritt scheuen. Aber genau diese spannenden Veröffentlichungen wären die notwendige Bedingung, damit ausreichend viele OA-Journals genug Prestige sammeln könnten, um schließlich mit den konventionellen Journals zu konkurrieren. Hier beißt sich die Katze freilich in den Schwanz.

    Aber viel Erfolg deine Papers in den Journals zu plazieren!

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  • Fischer :

    *Und gar die Furcht vor einer Publikations-Inflation und einem Qualitätsverlust macht offenbar die Runde:*

    Das ist doch wohl ein Scherz, oder? Publikationsinflation und rapider Qualitätsverlust haben schon ohne Mithilfe von Open Access längst stattgefunden.

    Nur ein Beispiel, was heutzutage durch den Peer-Review durchkommt:
    Link

    [Edit: Ich habe den Link inzwischen korrigiert, es lag an den Umlauten.]

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  • Marc :

    @Fischer:

    Wie ich oben geschrieben habe, halte ich diese Befürchtungen auch für wenig begründet und sehe sie eher als Indiz der Unkenntnis.

    Du hattest ja für das Feld der Naturwissenschaften schon einige Male die Tendenz bemängelt, daß Veröffentlichungen in immer kleinere Häppchen aufgeteilt werden und allein deshalb die pure Menge an Publikationen ansteigt. Das ist dann eben ein Nebeneffekt, wenn häufig die bloße Länge der Publikationsliste ein (erstes) Kriterium für wiss. Exzellenz ist, wobei sie ja lediglich die Produktivität markieren kann.

    Die Sorge um die Qualität kann ich einerseits nachvollziehen (denn es müssen zweifelsfrei auch im OA-Bereich geeignete Sicherungsinstrumente integriert sein), allerdings sind geeignete Maßnahmen problemlos auch für OA-Journals denkbar und es gibt einige Beispiele, in denen das auch schon sehr gut läuft. Und abgesehen davon gäbe es in der schönen, neuen Online-Science-Welt ja auch die Möglichkeit eines Open-Peer-Review, das ich (wenn man es richtig anfängt) für sehr effektiv hielte…

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  • CH :

    @Joerg: Du könntest Deine Papers auch in konventionellen Zeitschriften veröffentlichen und textidentische Preprints in OA-Servern hinterlassen. Die meisten größeren Bibliotheken bieten inzwischen solche Server, es gibt aber auch größere, fachlich ausgerichtete Server. Dann wäre zumindest Dein Dokument frei zugänglich. Auch die Green Road führt zum Ziel

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  • Joerg :

    Nun, ich will meine Diss hauptsächlich diese drei Papers beinhalten lassen, und unser Universitätsverlag stellt alle Dissertationen als PDF online. Wie das mit den Copyright-Verhandlungen dann aussehen wird, muss sich rausstellen, aber da das Paperdiss-Modell zwar für Deutschland neu ist, aber nicht für andere Länder muss das Problem grundsätzlich lösbar sein.
    Mal sehen, wird sich bald zeigen, wie es klappen wird.

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  • CH :

    IANAL, aber das sollte bei Preprints eigentlich problemlos möglich sein.

    Siehe auch hier:
    http://open-access.net/de/allgemeines/rechtsfragen/veroeffentlichung_im_repository/

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  • Henry :

    Dazu gibt es auch ein – meiner Meinung nach – gutes Buch: “Freie Netze. Freies Wissen” (Beschreibung hier: http://ooe.orf.at/magazin/treffpunkt/kultur/stories/216937/). Ob sich die Konzepte jemals durchsetzten werden, wage ich zu bezweifeln (dafür kenne ich zu viele Uni-Profs., die in ihrer kleinen Welt festsitzen). Aber das Konzept des freien Wissens wäre schon verlockend…

    Das Buch kann man auch als pdf downloaden, so wie es sich gehört ;)

    Habe übrigens nichts mit dem Buch zu tun, sondern nur im Urlaub gelesen und als interessant befunden.

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  • Monika Armand :

    Eigentlich ziemlich traurig……….

    Universitäten und Forschung wird größtenteils mit öffentlichen Mitteln, d.h. mit unseren Steuergeldern und Sudiengebühren finanziert. Medien sichern sich die alleinigen Rechte an Berichten aus jener Forschung und dieser “Wissenstransport” kostet dann Geld. Die Wissenschaftler verdienen sich auf diesem Weg ein gutes Zubrot. In der freien Wirtschaft gehören dem Arbeitgeber die Rechte an den Erfindungen der Arbeitnehmer, welche i.d.R. höchstens mit Tantiemen abgegolten werden.

    Mein FAZIT: Solange das Geld lockt und Wissenschaft nicht eigene moralisch-ethische Grundsätze für ihr Handeln entwickelt, sind jene, die ihr Wissen um der “Wissenschaft willen” und aus reiner Freude daran weiter geben, absolut rar.

    Als ich 2001 meine Homepage eingerichtet habe, konnte ich noch enorm viele Linkverweise auf wissenschaftliche Arbeiten – insbesondere im englischem Sprachraum setzen. Auch meine Diplomarbeit war gespickt mit Verweisen auf topaktuelle wissenschaftliche Arbeiten im Internet…….Von vorher 3 !!! Seiten interessanter Links zum Thema Neurowissenschaften schrumpften diese innerhalb von 3 Jahren auf eine Seite und in den nächsten 3 Jahren quasi auf Null.

    Zwischenzeitlich lohnt es sich kaum noch, Linkverweise einzurichten……

    6 Jahre später hat sich dies völlig gewandelt. Wer einen wissenschaftlichen Artikel im Internet lesen will, hat in der Regel Pech gehabt. Ohne Moos – nichts los………

    Und sog. Topdomains wissenschaftlicher Art werden zwischenzeitlich ebenfalls zunehmend von Instituten und Unternehmen im kommerziellen Bereich genutzt……

    Meine Befürchtung….dass auch wissenschaftlich orientierte Blogs, wenn diese sich dann gut etabliert haben, zunehmend der Kommerzialität anheim fallen……(gehören die Rechte an den Beiträgen lt. AGBs bei manchen Blogbetreibern nicht mehr den Schreibern, sondern dem (kommerziell orientierten) Blogbetreiber)…….. Man wird also sehen…

    Solange der schnöde Mammon und die persönliche Eitelkeit über anderen Zielen steht……….

    kann man sich freuen, wenn Fischblogs, Wissenswerkstatt und Co. dem mit großem Erfolg Paroli bieten.

    Weiter so!!

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  • Joerg :

    Hab gestern gelesen (und den Link verloren), dass die NIH in den USA es jetzt zur Voraussetzung für Funding macht, dass Forschungsergebnisse spätestens 12 Monate nach Veröffentlichung öffentlich zugänglich gemacht werden. Immerhin ein Anfang.

    /edit: Link gesucht und gefunden
    http://www.taxpayeraccess.org/media/release07-1226.html
    Da es um medizinische Artikel geht, müssen diese in einer zentralen Datenbank verfügbar gemacht werden. Guter Ansatz, da scheint eine zentrale Datenbank ausnahmsweise mal Sinn zu machen, auch wenn eine Linksammlung es tun würde.

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  • Marc :

    @Joerg:

    Ja, besten Dank für den Link, ich hatte ihn mir selbst notiert, aber zu einer eigenen Meldung/Notiz war es mir zu wenig. Aber bemerkenswert und sehr erfreulich ist es natürlich schon, daß Bush am 26.12. den “Consolidated Appropriations Act” unterzeichnet hat, der die National Institutes of Health (NIH) dazu verpflichtet alle öffentlich finanzierten Studien binnen eines Jahres kostenlos online zu publizieren.

    Das gibt auf alle Fälle einen weiteren Schub für Open Access.

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