Kränkungen, Blindheit und Traditionen im Zeitalter der digitalisierten Wissenschaft » Der schwierige Weg zur Wissenschaft 2.0

Erinnert sich heute noch jemand an die großen Karteikästen in den Bibliotheken, in denen man von fleißigen Bibliothekarenhänden beschriftete Kärtchen duchblätterte, bis man endlich auf das gewünschte Buch stieß, wenn es denn an der ihm zugesehenen, also alphabetisch korrekten Stelle eingeordnet war? Kann man es sich heute noch vorstellen, eine wissenschaftliche Qualifizierungsarbeit manuell an der Schreibmaschine zu erstellen? Ohne die bequemen Möglichkeiten moderner Textverarbeitungsprogramme? 

Ganz zu Beginn meiner Studienzeiten gab es sie jedenfalls noch: die Karteikästen, in denen der gesamte Bestand der kompletten Bibliothek erfaßt war. Aber zum Glück war der OPAC, der Onlinekatalog, bereits im Aufbau und schon bald war es möglich die gesuchten Artikel bequemer zu recherchieren und bald sogar online zu bestellen. Heute freilich ist wissenschaftliches Arbeiten ohne Nutzung von E-Mails oder den Abruf von PDF-Dokumenten in Online-Textarchiven gar nicht mehr denkbar. Wie sollte es auch anders sein?

Schließlich haben die sich stetig verändernden Formen und Möglichkeiten der Kommunikation in vielen gesellschaftlichen Bereichen in den letzten Jahren zu massiven Veränderungen geführt. Wer seine E-Mails nicht mehrmals täglich abruft, sieht sich nicht selten mit Nachfragen konfrontiert, ob er etwa erkrankt sei. Wer den Brockhaus aus dem Regal zieht, anstatt flugs die Wikipedia zu konsultieren, gilt in manchen Kreisen als antiquiert und bisweilen gar als hoffnungsloser Fall.

Wer seine Informationen heute noch aus Büchern oder Tageszeitungen bezieht, gilt als verstaubt und ist ein Auslaufmodell

Die schnelle, effiziente Kommunikation und der Zugriff auf digitale Wissensarchive verheißen – wie man allenthalben nachlesen kann – eine schöne, neue, digitale Wissenswelt. Der einsame Denker, der seine Informationen aus Büchern oder der gedruckten Tageszeitung1 bezieht, ist offenbar ein Auslaufmodell. Wenn sich also binnen weniger Jahre der Wissenszugriff im Alltagsleben massiv verändert, wie stark müssen dann erst die Umwälzungen in dem Bereich sein, der sich professionell mit der Herstellung und Darstellung von Wissen beschäftigt? Die Formen wissenschaftlichen Publizierens müssen sich doch geradezu revolutioniert haben, sollte man meinen. Aber ist dem tatsächlich so?

Ausgehend von dieser Frage, in welchen Bereichen die Wissenschaft die Möglichkeiten des Internet - und insbesondere diejenigen des Web2.0 - nutzt und wo Nachholfbedarf besteht, bin ich gerade dabei einen kleinen Vortrag zusammenzustellen, den ich innerhalb des Workshop "Das neue Netz? Bestandaufnahme & Perspektiven" am 22. September an der Universität Bamberg halten werde.

Im Web 2.0 wird beispielhaft illustriert, wohin sich auch wissenschaftliche Journale verändern könnten. Es wäre heute möglich, die akademische Publikations- und Diskurskultur auf eine neue Qualitätsstufe zu heben. Denn bislang wird von der Wissenschaft Diskurs oftmals nur simuliert.

Gestern habe ich die grundlegenden Überlegungen und Thesen meinem Münchner Doktorandenkreis vorgestellt; gleich mit meiner einleitenden und zugegebenerweise etwas provokanten These, daß die Wissenschaft noch lange nicht im Web2.0 angekommen sei, habe ich heftigen Widerspruch geerntet. Und klar, sicher gibt es Ausnahmen - die allerdings bekanntlich die Regel bestätigen - und genauso muß ich zugestehen, daß sich die Publikationsgepflogenheiten nur allmählich entwickeln und anpassen können. Allerdings bin ich auch nach nochmaliger Überlegung dennoch der Ansicht, daß die Tatsache, daß es seit vielen Jahren bspw. fachlich-akademische Diskussionsforen gibt, nichts an meinem grundsätzlichen Befund ändert: es sind heute längst die technischen, infrastrukturellen Voraussetzungen geschaffen, um die wissenschaftliche Publikationskultur auf eine neue Entwicklungsstufe zu heben. Die Wissenschaft agiert2 mehr als zurückhaltend und verkennt die Optionen, die eine wohlverstandene Cyberscience bieten könnte. 

Ich werde also die Kritik und Einwände von Nina, Mirko, Matthias, Marc, Daniela und Wiebke nochmal überdenken und dann - wie sie angeregt haben - verstärkt die Potentiale der heute bereits denkbaren "Wissenschaft 2.0" skizzieren.

Diese weiterführenden Präzisierungen und Konkretisierungen werde ich dann in 10 Tagen in Bamberg vorstellen und dann auch nochmals hier ausführlich dokumentieren. Bis dahin sei hier mein vorläufiger (!) "Abstract" eingestellt, den ich im April/Mai geschrieben habe - der Vortragstext wird hinsichtlich mancher Aspekte davon abweichen:

Der schwierige Weg zur Wissenschaft 2.0 

Wissen und Wissenschaft sind populärer als je zuvor. Und inzwischen muß man für diesen Befund nicht einmal mehr auf die Einschaltquoten der Quiz- und Gameshows des Vorabendprogramms rekurrieren. Es sind vielmehr die Entwicklungen – allen voran Wikipedia – , die unter dem Etikett »Web 2.0« subsumiert werden und illustrieren, daß sich das Internet zum gesellschaftlichen Wissensarchiv emanzipiert hat.
Und tatsächlich: niemals zuvor in der Geschichte ist der Zugang zu Informationen und Wissen so leicht gewesen, niemals zuvor die Chance zur Partizipation am kollektiven Wissensschatz so groß. Doch nimmt man die institutionalisierte Wissenschaft in den Blick, so zeigt sich, daß diese bislang fast unbeteiligt ist.

Im Web 2.0 ist der Diskurs der ’scientific community’ bislang nicht angekommen. Die akademische Publikationskultur hinkt den Möglichkeiten hinterher.

Auf die Frage, wo sich der wissenschaftliche Diskurs abspielt, mag es viele stichhaltige Antworten geben. Im Web 2.0 – dafür sprechen genügend Indizien – ist der Diskurs der "scientific community" bislang nicht angekommen.
Was aber steckt hinter dieser offensichtlichen Skepsis? Welche Vorbehalte bestehen seitens der Wissenschaft gegenüber einer Öffnung hin zum Web 2.0? Sind es lediglich vorläufige Abwehr­haltungen? Handelt es sich nur um Reflexe eines verkrusteten Systems, das sich noch jedem Ver­such, frischen Wind in die Gemäuer des wissenschaftlichen Elfenbeinturms zu pusten, entgegen­gestellt hat?

Wenn man versucht, den offenen Fragen mit systemtheoretisch informierten Beobachtungsroutinen nachzuspüren, wird zunächst folgendes deutlich: so wie sich das Internet gerade in der Spielart des Web 2.0 präsentiert und konstituiert, stellt es eine Provokation und gleichzeitig eine Heraus­forderung für das etablierte Wissenschaftssystem und seine tradierten Publikationspraxen dar.

Im Rückgriff auf die Luhmannsche Terminologie können, wie sich zeigen wird, folgende Fragen beantwortet werden: (1) Wie ist es möglich, daß der wissenschaftliche Diskurs in einem derart eklatanten Ausmaß hinter den avancierten Kommunikations- und Darstellungsmöglichkeiten des Web 2.0 hinterherhinkt? Und wie ist die Zurückhaltung der akademisch-institutionalisierten Wissenschaften gegenüber alter­nativer Formen der Wissensrepräsentation und -archivierung (Wikis und Blogs) zu erklären? (2) Welche Veränderungen sind notwendig, welche Blockaden müssen überwunden werden, um den Weg hin zu einer Wissenschaft 2.0 zu öffnen? (3) Welche innovativen Konfigurationen wissen­schaftlicher Diskurse sind auf der Basis einer Cyberinfrastructure möglich und denkbar?

Im Hintergrund der Analyse stehen zwei Leitfragen: erstens, welche Strukturprinzipien prägen den wissenschaftlichen Diskurs?, zweitens, in welcher Weise und mit welchen Kriterien beobachtet Wissenschaft die Entwicklungen des Web 2.0? Davon ausgehend lassen sich insgesamt vier Problemkreise identifizieren.

Erstens wird deutlich, daß jede Form der Onlinepublikation sich der Herausforderung gegenüber sieht, eine stabile System/Umwelt-Grenze zu etablieren. Wie sich systemtheoretisch argumentieren läßt, ist Wissenschaft dazu verdammt, fortwährend zu markieren, daß sie allein an wahrheitsfähigen Aussagen interessiert ist. Und genau dieser (intern generierte und von außen beobachtbare) System­code, wird durch bestimmte Randbedingungen, die dem Medium Internet zu eigen sind, fortlaufend unterminiert und in Frage gestellt. Die fehlende Trennschärfe zwischen der Sphäre wissenschaft­licher Publikationen und anderer Bereiche schlägt sich u.a. in Glaubwürdigkeits- und Reputations­problemen nieder.

Zweitens lässt sich skizzieren, wie alle bisherigen Publikationspraxen die kategoriale Trennung zwischen Herstellung und Darstellung wissenschaftlicher Ergebnisse sicherstellten. Durch die Möglichkeiten des Web 2.0 (v.a. im Sinne kollaborativer Wissensproduktion und/oder kommentierender Bezugnahme) wird diese Grenzziehung allerdings aufgehoben. Die Verschmelzung kann wahlweise als Affront oder als Chance wahrgenommen werden.

Der dritte Problemkreis gruppiert sich um die disziplinären Konzepte von Autor- und Urheber­schaft, die durch die Praktiken des Web 2.0 bedroht sind. Die Unterschiede zwischen Natur- und Geisteswissenschaften im Hinblick auf Akzeptanz und Nutzung elektronischer Publikationen sind, wie rekonstruiert werden kann, genau darauf zurückzuführen. Die bisher dominierende Kopplung von Text und Urheberschaft wird freilich angesichts der Möglichkeiten einer kollaborativen Texter­stellung fragwürdig.

Abschließend und viertens werden diejenigen Effekte thematisiert, die sich aus der kommunikativen Asymmetrie konventioneller Publikationspraxen ergeben. Ihre grundsätzlich statische Struktur zwingt den üblichen wissenschaftlichen Diskurs in Warteschleifen, die bislang erstaunlicherweise kaum problematisiert wurden. Die Vorteile einer Wissenschaft 2.0 liegen demgegenüber genau in der Dynamisierung der Diskurse. Die ausschließlich lineare Chronologie wird durch zirkuläre, hypertextuelle Verweisungskontexte abgelöst und könnte im Ergebnis zu einer modularen, dezentralisierten Publikationsweise führen.

Die Diskussion um Open Access greift zu kurz: die Konzentration auf unentgeltliche und freizugängliche Onlineartikel bleibt im Denken einer Wissenschaft 1.0 gefangen. Die Chance kollaborative Elemente einzubauen, die Diskursdynamik sichtbar zu machen, Wissenschaft(ler) zu vernetzen und den Diskurs zu dynamisieren, wird  innerhalb der Open Access-Diskussion übersehen.

In einem letzten Schritt können, auf der Grundlage der bisher gewonnenen Einsichten, die Perspektiven für eine Wissenschaft 2.0 skizziert werden. Zunächst wird deutlich, daß die momentane Diskussion der Erweiterung bzw. Ergänzung gängiger Publikationsgepflogenheiten durch Open-Access-Modelle zu kurz greift. Die Diskussion bleibt – solange sie lediglich die unent­geltliche und freizugängliche Bereitstellung der bisherigen Printartikel thematisiert – blind für weiterreichende Veränderungen des wissenschaftlichen Diskurses, die durch die Infrastruktur des Web 2.0 denkbar und möglich geworden sind. Denn auch das Open-Access-Konzept fokussiert ein­seitig auf die Archiv- und Darstellungsfunktion von wissenschaftlichen Resultaten; unbeachtet bleibt somit die andere Seite des Diskurses, nämlich die auf Anschlüsse ausgerichtete Kommunikation.

Erst eine wohlverstandene Cyberinfrastrukur des Wissens (wie sie in bestimmten Praktiken des Web 2.0 bereits vorzufinden ist) könnte der Herstellung symmetrischer Kommunikationsräume dienen, die primär an der Herstellung von Resonanzfähigkeit orientiert wären. Als Vorteile seien nur eine schnellere Reaktions- und Anschlußmöglichkeit, die erhöhte Wahrscheinlichkeit von Anschlußkommunikationen und die Verbesserung der Diskurstransparenz genannt.
Kennzeichen einer Wissenschaft 2.0 wären (1) die Dynamisierung der Publikationsroutinen, (2) die innovative Nutzung von Rekombinationsmöglichkeiten, (3) die Auflösung der kategorialen Trennung zwischen Herstellung und Darstellung, (4) die teilweise Verabschiedung des Ideals einer eigenständigen Autorschaft, (5) die Etablierung einer Meso-Diskursebene, die unter Nutzung von Social-Web-Anwendungen einen zusätzlichen Vernetzungs- und Kommunikationsrahmen darstellt, der auch informelle Kommunikationselemente beinhaltet.

Erst dadurch wäre das Versprechen eines zeitgemäßen wissenschaftlichen Diskurses eingelöst. Wissenschaft 2.0 funktioniert nämlich genau dann, wenn Argumentationsketten wechselseitig aufeinander verweisen, aneinander anschließen und aufeinander aufbauen.
Heute sehen wir uns wissenschaftlichen Diskursgepflogenheiten gegenüber, die sich weiterhin statisch organisieren und Kommunikationsanschlüsse eher erschweren, als erleichtern. Es ließe sich sogar argumentieren, daß die seitherige Praxis Diskurs lediglich simuliert, anstatt ihn tatsächlich zu führen. Eine Umstellung auf webgestützte Diskurspraxen, könnte demgegenüber die Basis für eine Vernetzungs- und Kommunikationssphäre bilden, die ein weitaus höheres Maß an Lernfähigkeit und Flexibilität aufweisen würde. Das setzte freilich die Durchsetzung und Anerkennung einer modularen wissenschaftlichen Arbeits- und Publikationskultur voraus. Der Weg zur Wissenschaft 2.0 hält also noch einige Hürden bereit.

 

Interessante Literatur:

  • Riehm, Ulrich (2006): Elektronisches Publizieren revisited!, Anmerkungen zur Verbreitung elektronischer Publikationen, zur Konkurrenz gedruckter und elektronischer Medien sowie zu den strukturellen Veränderungen im Publikationswesen, in: zeitenblicke 5 (2006), Nr. 3, URL: http://www.zeitenblicke.de/2006/3/Riehm.
  • AmericanCouncil of Learned Societies (2006): Our cultural commonwealth, The Report of
    the American Council of Learned Societies’ Commission on Cyberinfrastructure for Humanities and Social Sciences, URL: http://www.acls.org/cyberinfrastructure/acls.ci.report.pdf

 

Technorati: dnn2007


  1. Inzwischen gerne mit dem Etikett "Holzmedien" versehen. []
  2. Sicher auch weil das wirtschaftliche Interesse etablierter Fach- und Wissenschaftsverlage und deren Lobby schnelle Veränderungen blockiert. []




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