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Kränkungen, Blindheit und Traditionen im Zeitalter der digitalisierten Wissenschaft » Der schwierige Weg zur Wissenschaft 2.0

12. September 2007 | 19:21 Gelesen: 7705 · heute: 2 · zuletzt: 22. September 2014 27 Reaktionen

Erinnert sich heute noch jemand an die großen Karteikästen in den Bibliotheken, in denen man von fleißigen Bibliothekarenhänden beschriftete Kärtchen duchblätterte, bis man endlich auf das gewünschte Buch stieß, wenn es denn an der ihm zugesehenen, also alphabetisch korrekten Stelle eingeordnet war? Kann man es sich heute noch vorstellen, eine wissenschaftliche Qualifizierungsarbeit manuell an der Schreibmaschine zu erstellen? Ohne die bequemen Möglichkeiten moderner Textverarbeitungsprogramme? 

Ganz zu Beginn meiner Studienzeiten gab es sie jedenfalls noch: die Karteikästen, in denen der gesamte Bestand der kompletten Bibliothek erfaßt war. Aber zum Glück war der OPAC, der Onlinekatalog, bereits im Aufbau und schon bald war es möglich die gesuchten Artikel bequemer zu recherchieren und bald sogar online zu bestellen. Heute freilich ist wissenschaftliches Arbeiten ohne Nutzung von E-Mails oder den Abruf von PDF-Dokumenten in Online-Textarchiven gar nicht mehr denkbar. Wie sollte es auch anders sein?

Schließlich haben die sich stetig verändernden Formen und Möglichkeiten der Kommunikation in vielen gesellschaftlichen Bereichen in den letzten Jahren zu massiven Veränderungen geführt. Wer seine E-Mails nicht mehrmals täglich abruft, sieht sich nicht selten mit Nachfragen konfrontiert, ob er etwa erkrankt sei. Wer den Brockhaus aus dem Regal zieht, anstatt flugs die Wikipedia zu konsultieren, gilt in manchen Kreisen als antiquiert und bisweilen gar als hoffnungsloser Fall.

Wer seine Informationen heute noch aus Büchern oder Tageszeitungen bezieht, gilt als verstaubt und ist ein Auslaufmodell

Die schnelle, effiziente Kommunikation und der Zugriff auf digitale Wissensarchive verheißen – wie man allenthalben nachlesen kann – eine schöne, neue, digitale Wissenswelt. Der einsame Denker, der seine Informationen aus Büchern oder der gedruckten Tageszeitung1 bezieht, ist offenbar ein Auslaufmodell. Wenn sich also binnen weniger Jahre der Wissenszugriff im Alltagsleben massiv verändert, wie stark müssen dann erst die Umwälzungen in dem Bereich sein, der sich professionell mit der Herstellung und Darstellung von Wissen beschäftigt? Die Formen wissenschaftlichen Publizierens müssen sich doch geradezu revolutioniert haben, sollte man meinen. Aber ist dem tatsächlich so?

Ausgehend von dieser Frage, in welchen Bereichen die Wissenschaft die Möglichkeiten des Internet – und insbesondere diejenigen des Web2.0 – nutzt und wo Nachholfbedarf besteht, bin ich gerade dabei einen kleinen Vortrag zusammenzustellen, den ich innerhalb des Workshop "Das neue Netz? Bestandaufnahme & Perspektiven" am 22. September an der Universität Bamberg halten werde.

Im Web 2.0 wird beispielhaft illustriert, wohin sich auch wissenschaftliche Journale verändern könnten. Es wäre heute möglich, die akademische Publikations- und Diskurskultur auf eine neue Qualitätsstufe zu heben. Denn bislang wird von der Wissenschaft Diskurs oftmals nur simuliert.

Gestern habe ich die grundlegenden Überlegungen und Thesen meinem Münchner Doktorandenkreis vorgestellt; gleich mit meiner einleitenden und zugegebenerweise etwas provokanten These, daß die Wissenschaft noch lange nicht im Web2.0 angekommen sei, habe ich heftigen Widerspruch geerntet. Und klar, sicher gibt es Ausnahmen – die allerdings bekanntlich die Regel bestätigen – und genauso muß ich zugestehen, daß sich die Publikationsgepflogenheiten nur allmählich entwickeln und anpassen können. Allerdings bin ich auch nach nochmaliger Überlegung dennoch der Ansicht, daß die Tatsache, daß es seit vielen Jahren bspw. fachlich-akademische Diskussionsforen gibt, nichts an meinem grundsätzlichen Befund ändert: es sind heute längst die technischen, infrastrukturellen Voraussetzungen geschaffen, um die wissenschaftliche Publikationskultur auf eine neue Entwicklungsstufe zu heben. Die Wissenschaft agiert2 mehr als zurückhaltend und verkennt die Optionen, die eine wohlverstandene Cyberscience bieten könnte. 

Ich werde also die Kritik und Einwände von Nina, Mirko, Matthias, Marc, Daniela und Wiebke nochmal überdenken und dann – wie sie angeregt haben – verstärkt die Potentiale der heute bereits denkbaren "Wissenschaft 2.0" skizzieren.

Diese weiterführenden Präzisierungen und Konkretisierungen werde ich dann in 10 Tagen in Bamberg vorstellen und dann auch nochmals hier ausführlich dokumentieren. Bis dahin sei hier mein vorläufiger (!) "Abstract" eingestellt, den ich im April/Mai geschrieben habe – der Vortragstext wird hinsichtlich mancher Aspekte davon abweichen:

Der schwierige Weg zur Wissenschaft 2.0 

Wissen und Wissenschaft sind populärer als je zuvor. Und inzwischen muß man für diesen Befund nicht einmal mehr auf die Einschaltquoten der Quiz- und Gameshows des Vorabendprogramms rekurrieren. Es sind vielmehr die Entwicklungen – allen voran Wikipedia – , die unter dem Etikett »Web 2.0« subsumiert werden und illustrieren, daß sich das Internet zum gesellschaftlichen Wissensarchiv emanzipiert hat.
Und tatsächlich: niemals zuvor in der Geschichte ist der Zugang zu Informationen und Wissen so leicht gewesen, niemals zuvor die Chance zur Partizipation am kollektiven Wissensschatz so groß. Doch nimmt man die institutionalisierte Wissenschaft in den Blick, so zeigt sich, daß diese bislang fast unbeteiligt ist.

Im Web 2.0 ist der Diskurs der ‘scientific community’ bislang nicht angekommen. Die akademische Publikationskultur hinkt den Möglichkeiten hinterher.

Auf die Frage, wo sich der wissenschaftliche Diskurs abspielt, mag es viele stichhaltige Antworten geben. Im Web 2.0 – dafür sprechen genügend Indizien – ist der Diskurs der "scientific community" bislang nicht angekommen.
Was aber steckt hinter dieser offensichtlichen Skepsis? Welche Vorbehalte bestehen seitens der Wissenschaft gegenüber einer Öffnung hin zum Web 2.0? Sind es lediglich vorläufige Abwehr­haltungen? Handelt es sich nur um Reflexe eines verkrusteten Systems, das sich noch jedem Ver­such, frischen Wind in die Gemäuer des wissenschaftlichen Elfenbeinturms zu pusten, entgegen­gestellt hat?

Wenn man versucht, den offenen Fragen mit systemtheoretisch informierten Beobachtungsroutinen nachzuspüren, wird zunächst folgendes deutlich: so wie sich das Internet gerade in der Spielart des Web 2.0 präsentiert und konstituiert, stellt es eine Provokation und gleichzeitig eine Heraus­forderung für das etablierte Wissenschaftssystem und seine tradierten Publikationspraxen dar.

Im Rückgriff auf die Luhmannsche Terminologie können, wie sich zeigen wird, folgende Fragen beantwortet werden: (1) Wie ist es möglich, daß der wissenschaftliche Diskurs in einem derart eklatanten Ausmaß hinter den avancierten Kommunikations- und Darstellungsmöglichkeiten des Web 2.0 hinterherhinkt? Und wie ist die Zurückhaltung der akademisch-institutionalisierten Wissenschaften gegenüber alter­nativer Formen der Wissensrepräsentation und -archivierung (Wikis und Blogs) zu erklären? (2) Welche Veränderungen sind notwendig, welche Blockaden müssen überwunden werden, um den Weg hin zu einer Wissenschaft 2.0 zu öffnen? (3) Welche innovativen Konfigurationen wissen­schaftlicher Diskurse sind auf der Basis einer Cyberinfrastructure möglich und denkbar?

Im Hintergrund der Analyse stehen zwei Leitfragen: erstens, welche Strukturprinzipien prägen den wissenschaftlichen Diskurs?, zweitens, in welcher Weise und mit welchen Kriterien beobachtet Wissenschaft die Entwicklungen des Web 2.0? Davon ausgehend lassen sich insgesamt vier Problemkreise identifizieren.

Erstens wird deutlich, daß jede Form der Onlinepublikation sich der Herausforderung gegenüber sieht, eine stabile System/Umwelt-Grenze zu etablieren. Wie sich systemtheoretisch argumentieren läßt, ist Wissenschaft dazu verdammt, fortwährend zu markieren, daß sie allein an wahrheitsfähigen Aussagen interessiert ist. Und genau dieser (intern generierte und von außen beobachtbare) System­code, wird durch bestimmte Randbedingungen, die dem Medium Internet zu eigen sind, fortlaufend unterminiert und in Frage gestellt. Die fehlende Trennschärfe zwischen der Sphäre wissenschaft­licher Publikationen und anderer Bereiche schlägt sich u.a. in Glaubwürdigkeits- und Reputations­problemen nieder.

Zweitens lässt sich skizzieren, wie alle bisherigen Publikationspraxen die kategoriale Trennung zwischen Herstellung und Darstellung wissenschaftlicher Ergebnisse sicherstellten. Durch die Möglichkeiten des Web 2.0 (v.a. im Sinne kollaborativer Wissensproduktion und/oder kommentierender Bezugnahme) wird diese Grenzziehung allerdings aufgehoben. Die Verschmelzung kann wahlweise als Affront oder als Chance wahrgenommen werden.

Der dritte Problemkreis gruppiert sich um die disziplinären Konzepte von Autor- und Urheber­schaft, die durch die Praktiken des Web 2.0 bedroht sind. Die Unterschiede zwischen Natur- und Geisteswissenschaften im Hinblick auf Akzeptanz und Nutzung elektronischer Publikationen sind, wie rekonstruiert werden kann, genau darauf zurückzuführen. Die bisher dominierende Kopplung von Text und Urheberschaft wird freilich angesichts der Möglichkeiten einer kollaborativen Texter­stellung fragwürdig.

Abschließend und viertens werden diejenigen Effekte thematisiert, die sich aus der kommunikativen Asymmetrie konventioneller Publikationspraxen ergeben. Ihre grundsätzlich statische Struktur zwingt den üblichen wissenschaftlichen Diskurs in Warteschleifen, die bislang erstaunlicherweise kaum problematisiert wurden. Die Vorteile einer Wissenschaft 2.0 liegen demgegenüber genau in der Dynamisierung der Diskurse. Die ausschließlich lineare Chronologie wird durch zirkuläre, hypertextuelle Verweisungskontexte abgelöst und könnte im Ergebnis zu einer modularen, dezentralisierten Publikationsweise führen.

Die Diskussion um Open Access greift zu kurz: die Konzentration auf unentgeltliche und freizugängliche Onlineartikel bleibt im Denken einer Wissenschaft 1.0 gefangen. Die Chance kollaborative Elemente einzubauen, die Diskursdynamik sichtbar zu machen, Wissenschaft(ler) zu vernetzen und den Diskurs zu dynamisieren, wird  innerhalb der Open Access-Diskussion übersehen.

In einem letzten Schritt können, auf der Grundlage der bisher gewonnenen Einsichten, die Perspektiven für eine Wissenschaft 2.0 skizziert werden. Zunächst wird deutlich, daß die momentane Diskussion der Erweiterung bzw. Ergänzung gängiger Publikationsgepflogenheiten durch Open-Access-Modelle zu kurz greift. Die Diskussion bleibt – solange sie lediglich die unent­geltliche und freizugängliche Bereitstellung der bisherigen Printartikel thematisiert – blind für weiterreichende Veränderungen des wissenschaftlichen Diskurses, die durch die Infrastruktur des Web 2.0 denkbar und möglich geworden sind. Denn auch das Open-Access-Konzept fokussiert ein­seitig auf die Archiv- und Darstellungsfunktion von wissenschaftlichen Resultaten; unbeachtet bleibt somit die andere Seite des Diskurses, nämlich die auf Anschlüsse ausgerichtete Kommunikation.

Erst eine wohlverstandene Cyberinfrastrukur des Wissens (wie sie in bestimmten Praktiken des Web 2.0 bereits vorzufinden ist) könnte der Herstellung symmetrischer Kommunikationsräume dienen, die primär an der Herstellung von Resonanzfähigkeit orientiert wären. Als Vorteile seien nur eine schnellere Reaktions- und Anschlußmöglichkeit, die erhöhte Wahrscheinlichkeit von Anschlußkommunikationen und die Verbesserung der Diskurstransparenz genannt.
Kennzeichen einer Wissenschaft 2.0 wären (1) die Dynamisierung der Publikationsroutinen, (2) die innovative Nutzung von Rekombinationsmöglichkeiten, (3) die Auflösung der kategorialen Trennung zwischen Herstellung und Darstellung, (4) die teilweise Verabschiedung des Ideals einer eigenständigen Autorschaft, (5) die Etablierung einer Meso-Diskursebene, die unter Nutzung von Social-Web-Anwendungen einen zusätzlichen Vernetzungs- und Kommunikationsrahmen darstellt, der auch informelle Kommunikationselemente beinhaltet.

Erst dadurch wäre das Versprechen eines zeitgemäßen wissenschaftlichen Diskurses eingelöst. Wissenschaft 2.0 funktioniert nämlich genau dann, wenn Argumentationsketten wechselseitig aufeinander verweisen, aneinander anschließen und aufeinander aufbauen.
Heute sehen wir uns wissenschaftlichen Diskursgepflogenheiten gegenüber, die sich weiterhin statisch organisieren und Kommunikationsanschlüsse eher erschweren, als erleichtern. Es ließe sich sogar argumentieren, daß die seitherige Praxis Diskurs lediglich simuliert, anstatt ihn tatsächlich zu führen. Eine Umstellung auf webgestützte Diskurspraxen, könnte demgegenüber die Basis für eine Vernetzungs- und Kommunikationssphäre bilden, die ein weitaus höheres Maß an Lernfähigkeit und Flexibilität aufweisen würde. Das setzte freilich die Durchsetzung und Anerkennung einer modularen wissenschaftlichen Arbeits- und Publikationskultur voraus. Der Weg zur Wissenschaft 2.0 hält also noch einige Hürden bereit.

 

Interessante Literatur:

  • Riehm, Ulrich (2006): Elektronisches Publizieren revisited!, Anmerkungen zur Verbreitung elektronischer Publikationen, zur Konkurrenz gedruckter und elektronischer Medien sowie zu den strukturellen Veränderungen im Publikationswesen, in: zeitenblicke 5 (2006), Nr. 3, URL: http://www.zeitenblicke.de/2006/3/Riehm.
  • AmericanCouncil of Learned Societies (2006): Our cultural commonwealth, The Report of
    the American Council of Learned Societies’ Commission on Cyberinfrastructure for Humanities and Social Sciences, URL: http://www.acls.org/cyberinfrastructure/acls.ci.report.pdf

 

Technorati: dnn2007


  1. Inzwischen gerne mit dem Etikett "Holzmedien" versehen. []
  2. Sicher auch weil das wirtschaftliche Interesse etablierter Fach- und Wissenschaftsverlage und deren Lobby schnelle Veränderungen blockiert. []
Marc Scheloske
Marc Scheloske
Ich bin Sozialwissenschaftler und freier Journalist. Ich schreibe (Fach-)Artikel, blogge und führe Workshops und Schulungen zum Thema 'Wissenschaftskommunikation und Social Media' durch. → weitere Infos
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Kommentare

27 Reaktionen »

  • amazeman :

    Klingt ja sehr interessant – da bin ich sehr gespannt, was es hier demnächst, hoffentlich in aller Ausführlichkeit, zu lesen gibt.

    Als ich mein Studium begann, war eine Suche in der Bibliothek schon nur noch über den Computer möglich – das war vor 3 Jahren. Schon damals war diese Suche, im Vergleich zur gewohnten WebSuche ein jämmerliches Unterfangen – ein Update gab es bisher nicht.

    Als fleissiger Webnutzer nervt es mich, wahrscheinlcih wie dich, das so ziemlich alles im wissenschaftlichen Umfeld nicht so klappt wie es funktionieren sollte. Kontakt mit den Professoren ist langwierig und umständlich, das Buch-Suchen ist umständlich, Stundenplanbauen ist auch viel zu kompliziert…

    Also Web 2.0 fehlt überall in der Wissenschaft, nicht nur beim Diskurs.

    ABER

    wie sollte wissenschaftliches Web 2.0 aussehen? Web 2.0 lebt doch von der kurzen, knackigen Mitteilung. Vom Aufwerfen einzelner Fragen, der kurzen Meinungskundgebung – dem Teilen von Freuden und Nettigkeiten…

    Wissenschaft dagegen ist das Stöbern in 80000 Zeichen langen Texten, dem wochenlangen Grübeln, das direkte Gespräch unter Fachidioten… Das kann man noch gar nicht ins heutige Web übertragen – wie sollte es funktionieren?

    Das jetzige Internet hällt viele Möglichkeiten parat – aber dass nur wenige davon einige Wissenschaftler begeistern ist für mich nachvollziehbar. Manches Internetunwissen, Angst vorm Neuen und Ablehnung “dieser Kultur” von Seiten einzelnen, gestandenen Wissenschaftlern ist als blöd einzustufen, aber alles in allem – wie sollte man sein wissenschaftliches Tun ins Web übertragen. Wie und warum?

    So lange das Internet im Computer gefangen ist, von einzelnen Diensten anstelle echter standardisierter, vertrauenswürdiger Dezentralität geprägt ist und noch nicht bequem im Sessel ohne Augenermüdung wie ein Buch gelesen werden kann – wird es im Internet nur spassiges Web 2.0 und Markenpräsentationen geben…

    Daher – finde ich deine hier angeführten Thesen im Sinne der Luhmannschen Systemgrenzen, Urherber-Idee-Verbindung, Herrstellung/Darstellung – alle einen Schritt zu weit.

    Deine Fragestellung liest sich so als ob du dich Fragst: ‘Warum veröffentlicht ein Geisteswissenschaftler seinen Text nicht in einem Blog und macht es möglich, dass man ihn Abschnittsweise oder ganz kommentieren kann? Es ist doch schließlich möglich!’

    Vielleicht sollte man das alles von Grund auf Denken.

    Viel Erfolg mit deinem Vortrag. Ich bin sehr gespannt.

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  • amazeman :

    Nachtrag: meine Gedanken beziehen sich nur auf den einen Teilbereich. Ich will noch hinzufügen, dass ich es für absolut zustimmungswürdig halte, dass man sich auch über das Verlagswesen, Pseudodebatten bei Kongressen, usw. Gedanken macht. Auch wenn es wohl nicht so hochstilisiert einzuschätzen ist wie bei diesem fragwürdigen Journalisten-Blogger-Battle der immer mal aufflammt…

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  • Daniel :

    Erstens … schlägt sich u.a. in Glaubwürdigkeits- und Reputations­problemen nieder.

    Das Problem ist ja das der Zurechenbarkeit auf Autoritäten bzw. Quellen. Und dieses Problem tritt eben besonders hervor, wenn der Computer zunehmend als Verbreitungsmedium eingesetzt wird (habe ich kurz an dieser Stelle skizziert, siehe genauer dazu die Stelle in Luhmann: GdG). Aber vielleicht würde ich an deiner Stelle noch in eine weitere Richtung schauen: Zweitcode. Reputation ist der Zweitcode des Wissenschaftssystems. Und wird auf diesen Code Bezug genommen, entfällt die “Prüfung” durch den ersten Code. Soll heißen: Ich entdecke eine PDF-Datei vom unbekannten Autor – und habe Zweifel an der Aussage. Wenn ich mir jedoch PDF-Dateien von Dirk Baeckers Homepage herunterlade, entfallen diese Zweifel – Reputation! Und genau dieser Aspekt ist es ja, der meiner Meinung nach im Zusammenhang von Open Access und Peer-Review eine Rolle spielt.

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  • Daniel :

    Kurzer Nachtrag: Hier vielleicht auch ein interessanter Hinweis auf Habermas, der meiner Meinung nach ähnlich wie Luhmann argumentiert – nur mit anderen theoretischen Grundlagen natürlich.

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  • Marc :

    @amazeman bzw. Stefan:
    Ich gebe Dir vollkommen recht, daß bestimmte Elemente und Praktiken des “Social Web” auch in anderer Hinsicht (Studienorganisation etc.) hilfreich wären. Ich habe da auch schon weiter gedacht und werde möglicherweise in einem zweiten Schritt meine Gedanken hierzu weiter ausführen.

    Wie eine “Wissenschaft 2.0″ (mit Fokus auf die Publikationskultur) aussehen kann/könnte, werde ich hoffentlich in ca. zwei Wochen hier im Blog detaillierter skizzieren. Allerdings ist natürlich nicht an eine 1:1 Übertragung des Web 2.0 und dessen Eigenschaften gedacht. Aber…

    wie sollte wissenschaftliches Web 2.0 aussehen? Web 2.0 lebt doch von der kurzen, knackigen Mitteilung. Vom Aufwerfen einzelner Fragen, der kurzen Meinungskundgebung – dem Teilen von Freuden und Nettigkeiten…

    … ich sehe die Möglichkeiten (wie man wohl auch an der Beitragslänge der Wissenswerkstattartikel ersehen kann) nicht auf “kurze, knackige Comments” beschränkt. Meiner Ansicht nach können durchaus auch komplexere Gedankengänge dokumentiert und diskutiert werden. Abgesehen davon: die für Blogs banale Technik der Trackbacks/Pingbacks würde (übertragen auf wissenschaftliche Artikel/Essays) eine faszinierende Möglichkeit bieten, um jeweils aktuell nachzuverfolgen, wo, welcher Fachartikel bei welchem anderen (wissenschaftlichen) Autor auf welches Feedback gestoßen ist…

    Vielleicht ist diese Andeutung schon hilfreich, um zu erkennen, wie ich mir ggf. die Erhöhung der “Diskurstransparenz” vorstelle?

    Wie gesagt: demnächst gibt es konkretere Ausführungen dazu.

    @Daniel:
    Danke für deine Anmerkungen und die Links (den Habermas-Artikel kannte ich ja bereits).

    Mit dem Hinweis auf den Reputationscode, der ersatzweise und ergänzend dem dominierenden Wahrheitscode zur Seite steht, hast du selbstverständlich recht. Und genau deswegen (wegen seiner zentralen Funktion) habe ich eben diesen ersten Punkt auch angeführt: die Tatsache, daß gewisse Randbedingungen (dazu später mehr) bei Onlinepublikationen wegfallen, wirft Seriösitäts- und Glaubwürdigkeitsfragen auf und führt (neben anderen Faktoren) dazu, daß bislang (mit wenigen Ausnahmen) mit Veröffentlichungen in Onlinejournalen keine nennenswerte Reputation erworben werden kann.

    Will sagen: Du hast mit deinem Dirk Baecker-Beispiel vollkommen recht – aber: Baecker hat mit “konventionellen” Veröffentlichungen über Jahre hinweg seine Reputation erworben. Und die Texte, die er auf seiner Website zugänglich macht, haben ausschließlich aufgrund dieser außerhalb der Internetpublikationen erworbenen Reputation ihren Wert.

    Die “Utopie”, die ich skizzieren möchte, geht in die Richtung, daß eben in gleicher Weise auch durch Onlineartikel Reputation auf dem Konto addiert werden kann. In manchen Disziplinen (Informatik, manche Naturwissenschaften) ist das teilweise bereits möglich. In den Sozial- und Geisteswissenschaften (noch) undenkbar. Um diesen Zustand zu ändern (OpenAccess hin oder her) müssen bestimmte (recht triviale) Randbedingungen geändert werden.

    Ich denke, daß eine “Wissenschaft 2.0″ hierfür den Boden bereiten könnte, da bestimmte Optionen einen Mehrwert bieten und dadurch eine höhere Attraktivität, komfortablere Recherche, einen schnelleren, zuverlässigeren Überblick über den Stand der Fachdiskussion etc. bieten. Alles freilich eine Entwicklung, die sich einige Jahre hinziehen wird… aber heute ist das alles schon problemlos denkbar und wäre umzusetzen. Die Schwierigkeiten/Barrieren auf dem Weg dorthin sind extern und liegen in Traditionen, Beharrungskräften und externen Gründen versteckt.

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  • amazeman (Stefan) :

    Ein Reputations-Code würde Luhmann sicher nicht gefallen haben. Es ist meiner Ansicht nach auch undenkbar, dass es plötzlich ökologisches/unökologisches Geld geben würde – auch wenn der Day after Tomorrow kommt.

    Wahrheit ergibt sich durch plausiblen Inhalt. Reputation ist ja auch kein wirklich schützender Mantel den man nutzen kann um alles zu verbreiten. Wenn Reputation ein Zweitcode ist, wäre Aufmerksamkeit der Primärcode.

    Ich persönlich habe die Erfahrung gemacht, das ich sehr wohl Onlineinhalten mit sehr viel Wert belege, wenn mir der Inhalt zusagt – und ich ihn plausibel weiter transportieren kann. Das liegt daran, das ich quasi mit dem Internet aufgewachsen bin und ihm so vertraue wie einem Buch.

    Wenn man als Wissenschaftler allerdings nur ein grosses, weiss rauschendes Meer namens Internet sieht verstehe ich, dass man sich eben an Journalen und Büchern satt liest – schliesslich sind sie dafür da und reichen ja auch vollkommen aus, haben sie ja immer getan…

    Also – ich denke, es ist eine Generationen-, Gewöhnungs, -Wohlfühlfaktorfrage ob man Internet nutzt oder nicht. Wie bei den Journalisten – die Zeit wird es richten, der einzelne Mensch ist mal wieder aussen vor.

    Wenn jemand unserer Generation (ab Jg. ’70) meint, in 30 Jahren ein Jahr Zeit für ein Buch zu haben, um seine Gedanken zu äussern, wird er ganz schnell abgemeldet sein.

    Dennoch sollte dieser Prozess besser beobachtet werden, als er jetzt beobachtet wird. Vielleicht lässt sich sogar was lenken ;-)

    [Auf diesen Kommentar antworten]

  • Marc :

    @Stefan:
    Mit deinem Hinweis, daß manche (v.a. wohl ältere) Wissenschaftler eben noch in internetfernen Zeiten sozialisiert wurden, hast Du sicher recht. Und insofern ist es die Macht der Gewohnheit und der nicht erprobte Umgang mit dem Medium Internet, der hier für Skepsis sorgt. Allerdings habe ich inzwischen auch von einigen Professoren und Lehrstuhlinhabern gehört, die doch tatsächlich eigenhändig Mails schreiben. ;-)

    Deiner Anmerkung, daß Luhmann der “Reputations-Code nicht gefallen würde”, kann ich allerdings nicht zustimmen. Zwar ist selbstverständlich die Orientierung am Code wahr|nicht-wahr zentral, aber Luhmann führt vollkommen zurecht an mehreren Stellen selbst aus, daß die zusätzliche Orientierung am Wert “Reputation” innerhalb eines differenzierten Wissenschaftssystems unabdingbar (geworden) ist.

    Dies läßt sich meines Erachtens auch recht plausibel begründen: denn die Vielzahl an (Neu-)Erscheinungen, ständig aktuellen Artikeln und wissenschaftlichen Wortmeldungen, hat schon längst die Leistungsfähigkeit des Wissenschaftssystems erreicht, was dessen Fähigkeit zur fortwährenden Beobachtung und Bewertung/Überprüfung all der potentiellen Diskussionsbeiträge anlangt. Hier wird Reputation (die ja einmal erworben wurde) als Selektionsmechanismus und freilich auch als Vertrauensvorschuß vorgeschaltet. Ohne den Zweit- bzw. Ergänzungscode, könnte Wissenschaft nicht mehr zwischen beobachtungswürdigen und beobachtungsunwürdigen Publikationen unterscheiden.

    Als Beleg eine Stelle aus “Die Wissenschaft der Gesellschaft” (S. 352):

    [Reputation]…stattet das System mit einer zweiten selektiven Codierung aus. (…) Auf dieser Ebene der Reputationsausteilung gewinnt das Wissenschaftssystem bedeutende kombinatorische Vorteile: Das System kann, bei immensem Reichtum an Informationen mit relativ geringen Informationslasten arbeiten, weil nur durch Reputation ausgezeichnete Kommunikationen beachtet werden.”

    Mit anderen Worten: Es ist der Aufmerksamkeitsökonomie geschuldet, daß Reputation als Selektionskriterium herangezogen wird, welche wissenschaftl. Kommunikationen beobachtet werden und welche mit höherer Wahrscheinlichkeit unter den Tisch fallen.

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  • amazeman (Stefan) :

    Ja, das Luhmannzitat ist natürlich plausibel. Aber meiner Ansicht nach verwässert diese höchstpersönliche ‘Aufmerksamkeitsökonomie’ das Wissenschaftssystem – bzw. hat Reputation als Sekundärdifferenzierung einen zu grossen Einfluss auf die Wahrheit.

    Die Aggregatoren des Web 2.0 sind doch ein ganz entscheidender Schritt gegen diese Art des (notwendigerweise notwendigen) Vertrauensvorschusses – was diesen sagenhaften Longtail ermöglicht…

    Man stelle sich ein, auf diese Art funktionierendes System in der Wissenschaft vor… Da ist es mit einer so mächtigen Zweitcodierung vorbei – dann zählt nur noch Plausibilität bzw. Wahrheit.

    Das ist zwar etwas utopisch, aber ja längst nicht mehr unddenkbar. Und dann könnte man Luhmanns Reputationszitat hier als Zugeständnis an eine prämoderne Gesellschaft ansehen. ;-)

    [Auf diesen Kommentar antworten]

  • Marc :

    @Stefan:
    Puh! Da bin ich ja froh, wenn ich wenigstens mit einem Zitat des Bielefelder Meisters ein wenig mehr argumentatives Gewicht auf meine Seite verschieben konnte. Aber: ist das nicht genauso ein Effekt der Reputation (die auf seiten Niklas Luhmanns besteht, auf meiner eben nicht…)? ;-)

    Ansonsten: Vermutlich kann ich Dir zustimmen, wenn Du darauf anspielst, daß der Reputationscode auch fragwürdige Effekte hat. Es fängt damit an, daß auch hier natürlich das Matthäusprinzip wirkt (“Wer hat, dem wird gegeben…”). Und natürlich werden auf diese Weise spannende Thesen/Ideen übersehen, da deren Autor eben nicht über hinreichend Reputationswährung verfügte.

    Innerhalb einer Wissenschaft 2.0 würde allerdings – wenigstens meinem Verdacht nach – eine Orientierung an Prestige von Autoren und Institutionen (die gibt es ja auch noch), dennoch nicht ganz entfallen. Jedoch sehe ich beispielsweise einen Vorteil darin, daß an die Stelle des bislang üblichen Peer-Review-Verfahrens (das eben den Zugang zu reputationsträchtigen Journalen beschränkt) ein sog. Open-Peer-Review tritt. Will sagen: statt privilegierter 1-2 Gutachter, treten eine Vielzahl von Peers, die einen Artikel lesen und bewerten… aber auch auf diese Weise wird Reputation zugewiesen… ;-)

    [Auf diesen Kommentar antworten]

  • Erik :

    Will sagen: statt privilegierter 1-2 Gutachter, treten eine Vielzahl von Peers, die einen Artikel lesen und bewerten… aber auch auf diese Weise wird Reputation zugewiesen…

    Wenn man die angesprochenen Bewertungen per Trackback realisieren würde, dann bestünde die Möglichkeit auch über die Bewertungen Bewertungen abzugeben. Letztere könnten dann über die Qualität der Bewertung entscheiden und in den ursprünglichen Beitrag einfliessen.
    Nur so ein Gedanke ;)

    Was die Einführung eines derartigen Systems behindern dürfte, ist gerade der Verlust bestimmter Autoritätsstrukturen, egal ob künstlich geschaffen oder “organisch” gewachsen. Es bestünde sogar die Möglichkeit, dass “Autorität” im Zusammenhang mit jeder Publikation / Bewertung neu erarbeitet werden müsste. Von einer derartigen Aussicht werden nicht alle vorbehaltlos begeistert sein, sie böte aber auch die Chance sich mit neuen Ansichten auseinandersetzen zu müssen.

    BTW: Dass Web 2.0 nur aus kurzen Ausbrüchen besteht, halte ich für ein Gerücht, welches schreibfaule Zeitgenossen(innen) in die Welt gesetzt haben.

    [Auf diesen Kommentar antworten]

  • amazeman (Stefan) :

    @Marc – Reputation bleibt als Codierung bestehen, wird aber ungleich dynamischer – da stimmen wir überein.

    Der Vergleich hinkt etwas, aber vielleicht wird es in der Wissenschaft wie in der Politik. Wenn man da die Zustände der Reputationsbildung von heute mit denen vor 50 Jahren vergleicht, bekommt man vielleicht einen Vorgeschmack. Jedes einzelne Wort ist zugänglich und wird auf die Goldwaage gelegt. Während man früher 2 Tage zum re(a)gieren hatte, verliert ein heutiger Politiker allein durch Bedenkzeit und Nichtreaktion an Reputation…

    @Erik: Schreibfaule Zeigenossen? Ich hab noch keinen 80000 Zeichen langen Blogeintrag gesehen (ausser vielleicht die Engadget iPhone Preview ;-))… Und ich hab auch noch keinen wissenschaftlichen Beitrag gefunden, der sich in 3 Sätzen erschöpft. Allein diese quantitative Einschätzung reicht mir als Beleg für meine Aussage.

    [Auf diesen Kommentar antworten]

  • Erik :

    @Stefan (amazeman?) 80.000 Zeichen wären für Blogs aufgrund der Ladezeit des Beitrags auch etwas viel verlangt; man teilt sowas in mehrere Beiträge auf. ;-) Es ist allerdings so, dass – im Gegensatz zur allgemeinen Meinung – durchaus Blogs existieren, die längere Texte veröffentlichen. Es wird aber meist kolportiert (vor allem an Neulinge beim Bloggen), dass längere Texte von der Leserschaft nicht gewünscht werden; diese greifen den “Ratschlag” meist auch dankbar auf. Ein Beispiel für einen wissenschaftlich angelehnten Blog mit teilweise längeren Beiträgen wäre http://cosmicvariance.com/ . (Ich weiss nicht, ob es OK ist hier in den Beiträgen Links zu posten, daher nur Text.)

    Ich bekomme auf längere Beiträge in meinen beiden Blogs auch sehr unterschiedliche Reaktionen, aber Vielfalt ist die Würze bei der Sache, oder? Worauf ich hinaus will, und ich bitte mir meine Ausschweifungen zu entschuldigen, ist die Tatsache, dass man “Blogs” als solche nicht über einen Kamm scheren sollte. ;-)

    [Auf diesen Kommentar antworten]

  • Benedikt :

    @Marc: Was sagst du eigentlich zu dem “Scheitern” des Open-Peer-Reviews bei Nature? Die Sache zeigt eine doppelte Schwierigkeit: 1) nur 5% der Autoren wollten ihren Beitrag überhaupt einem offenen Reviewprozess aussetzen und 2) knapp die Hälfte der Papiere bekamen keinen einzigen Kommentar (insgesamt kamen in den vier Monaten auf etwa 90.000 Page Views 92 Kommentare). Trotzdem fand die Initiative selbst breite Zustimmung. Insofern gilt also: Wissenschaft 2.0 ist eine prima Sache, aber es sollen zunächst die Kollegen damit anfangen.

    [Auf diesen Kommentar antworten]

  • Marc :

    @Benedikt:
    Die Resonanz auf die letztjährige Testreihe bei Nature den Open-Peer-Review-Prozeß zu etablieren, war tatsächlich mehr als bescheiden. Wie Du ja richtig schreibst, waren von all den Autoren, die Artikel bei Nature einreichten nur 5% (nämlich 71 von ca. 1.300) bereit, sich der offenen Kritik/Diskussion zu stellen. Und dann wurden die jeweiligen Artikel nur mit wenigen (und offenbar nicht unbedingt allesamt wissenschaftlichen) Comments bedacht. [Das Scheitern war auch hier bei Telepolis nachzulesen.]

    Deiner Schlußfolgerung kann man wenig hinzufügen: sowohl die Nature-Redaktion, als auch viele Wissenschaftler finden diese Option spannend. Allerdings ist die Bereitschaft sich zu beteiligen bislang mehr als gering. Soweit kann ich nicht viel entgegenhalten; und ich habe ehrlicherweise einige Artikel eben aus der Nature-Debatte gelesen und folglich ist mein Artikel ja nicht umsonst mit “Der schwierige Weg zur Wissenschaft 2.0″ überschrieben…

    Allerdings halte ich diesen Weg durchaus noch für zukunftsträchtig, denn

    1. Es war – wie gesagt – ein Versuchsballon: es war für die Natureautoren etwas Neues und ich behaupte mal, daß unter den 95%, die nicht zustimmten, dennoch viele drunter waren, die prinzipiell ein Open-Peer-Review-System gutheißen. Das Problem freilich: man will sich nicht unbedingt hier vorwagen und dann Prügel einstecken, die dann jeder nachlesen kann. Die Feigheit ist doch zu groß. Und: es hat auch (dazu an anderer Stelle mehr) mit der gefährdeten Grenzziehung zwischen Herstellung und Darstellung zu tun.

    2. Die bedauerlich geringe Resonanz in den Comments führe ich auf zwei Faktoren zurück: einerseits ist es bei 71 Artikeln unter vielen Hunderten anderen, wo man nicht kommentieren darf, doch etwas Ungewohntes. Und: es gibt innerhalb der Wissenschaft 1.0 kein Pendant dazu; andererseits scheint eben ein Anreizsystem zu fehlen. Und daran könnte man arbeiten. Denn wer tatsächlich eine Stellungnahme zu einem Natureartikel parat hat, der veröffentlicht die bislang eben gewinnbringender an irgendeiner anderen Stelle. Der Zeitaufwand für den Comment (und es handelt sich ja eben um naturwissenschaftliche und medizinische Fachartikel) scheint in manchen Disziplinen anderswo effizienter und karriereförderlicher eingesetzt werden zu können, aber ich sehe hier tatsächlich einen Ansatzpunkt. Und innerhalb eines umfassenderen “Systems Wissenschaft 2.0″ ließen sich solche Anreizsysteme durchaus schaffen… ;-)

    Ansonsten sind auch viele andere Beiträge aus dem einschlägigen Nature-Blog interessant… hier geht es lang…

    [Auf diesen Kommentar antworten]

  • stefanM. :

    Hallo,

    ich muss mich mal kurz einschalten. Zunächst finde ich eine Diskussion über Wissenschaft 2.0 sehr interessant, jedoch finde ich die Art und Weise der hier geführten Diskussion sehr symptomatisch.
    Ich denke, dass sich eine Wissenschaft 2.0 sehr viel vergibt – nämlich Reflexionsgewinn und -freiheit aufgrund von Handlungsentlastung.

    Selbst in einer noch weit vom Web 2.0 entfernten Wissenschaft ist der Publikationsdruck von – seien wir ehrlich – oft noch nicht ganz durchdachten Dingen sehr hoch (schließe mich da mit ein). Ich denke, dass die Organisation Universität hier schon sehr viel getan hat, dass wissenschaftliche Karrieren in einer bestimmten Art und Weise stattfinden müssen, um überhaupt akzeptabel zu werden.
    Sprich (systemth. gesprochen) das soziale Sinndimension wird gegenüber der sachlichen immer stärker.
    Durch eine Wissenschaft 2.0 befördert man diesen Prozess weiterhin – wer anschlussfähig schreibt, wer viel schreibt, wer interessant schreibt, der wird weiterkommen.
    Aber, was ist mit dem Inhalt – können Texte wie die von Michel Foucault und Niklas Luhmann (um meine Lieblingsautoren zu nennen) wirklich in einer Situation geschrieben werden, in der mann via RSS-Feed die neuesten Artikel zum Thema bekommt, via WIKI am nächsten und übernächsten Aufsatz oder Drittmittelantragstext schreibt? In einer Zeit in der man die – oft noch schneller geschriebenen und oft unreflektierteren – Blogbeiträge den Artikeln wissenschaftlicher Zeitschriften vorziehen muss – nur weil sie aktueller sind. In einer Zeit, in der Monographien nicht mehr hoch im Kurs stehen – und eigentlich fast nur aus Diss- oder Habilprojekten stammen.
    Ich glaube man sollte die Euphorie etwas zurückstellen, den Handlungsdruck nun die Wissenschaft zeitgemäßer nämlich webzwonulliger zu machen zurückstellen.
    Wissenschaft – egal welche – besteht vorrangig immer noch darin, dass möglichst kontraintuitive Perspektiven auf einen Gegenstand gelegt werden, woraus Erkenntnisgewinn wächst. Es “kömmt” nicht immer auf anschlussfähigkeit und attraktivität an – manchmal auch auf die Mühe sich durch ein Buch wie “GdG” oder “Ordnung der Dinge” zu quälen.
    Nochmals – ich habe keine Angst vor dem Web 2.0 oder einer Wissenschaft 2.0, aber die Verluste sollten mitreflektiert werden…

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  • amazeman (Stefan) :

    Ich glaube, dass ist keine berechtigte Angst. Es geht vielmehr darum, wie hier, z.b. Einblick in eine wissenschaftliche Arbeit zu bekommen, die noch nicht fertig ist. Die Vorteile liegen auf der Hand. Die Hoheit bleibt beim Autor.

    Ausserdem: Es gibt meiner Meinung nach Gedanken (anderer Menschen), die kleiner sind als ein Buchinhalt. Die möchte ich in meinem Alltagsleben nicht mehr missen. Bisher versorgt mich mein Feedreader mit wenigen wissenschaftlichen Kurznotizen – es sind eher alltägliche, künstlerische, lustige oder einfach unterhaltsame… Da könnten ruhig auch ein paar mehr wissenschaftliche dabei sein.

    Meiner Ansicht nach geht’s im Kern darum, wie das wissenschaftliche Prozedere mittels aktueller Technik ergänzt und nicht umgemodelt werden kann. Kleine Ummodeleien sind da sicher dabei – aber das Buch wird nie aussterben – auch wenn es bald nicht mehr auf Papier gedruckt wird.

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