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Kritik der ironiefreien Vernunft » Zum Tod des empfindsamen Philosophen Richard Rorty

11. Juni 2007 | 16:35 Gelesen: 11964 · heute: 5 · zuletzt: 27. August 2014 5 Reaktionen

Alle Theorie, alle Praxis ist großartig, wenn sie Schattierungen zuläßt, integriert oder sichtbar macht. Das sklavisch-strikte Festhalten an Kategorien, an schwarz|weiß, an entweder|oder erlaubt zwar Orientierung, verkennt in seiner Ängstlichkeit aber die Vielfalt der tatsächlichen Sachverhalte. Ein Philosoph, in dessen Leben und Werk sichtbar wurde, daß Philosophie nicht praxis- und lebensfern und daß praktisches Handeln nicht denkfeindlich sein muß, war Richard Rorty. Der amerikanische Philosoph und Literaturwissenschaftler verstarb am vergangenen Freitag, den 8. Juni 2007.

Wenn die Rede von einem Querdenker berechtigt ist, dann bei Richard Rorty. Rorty erregte Widerspruch und widersprach selbst mit Leidenschaft. Stets getrieben vom Interesse, den kontingenten, zufälligen Grund vermeintlicher Gewißheiten aufzuzeigen. Und immer beseelt vom Wunsch, davon überzeugen zu können, daß nicht die nüchtern, kalkulierende Rationalität die Blüte der zivilisatorischen Kulturentwicklung darstellt, sondern daß es die Steigerung der Mitleidsfähigkeit ist, die uns vor anderen Zeiten oder Kulturen auszeichnet oder zumindest auszeichnen könnte. 

Rorty betätigte sich als Wegbereiter, als Wegweiser für eine "Gemeinschaft liberaler Ironikerinnen", deren Ziel nicht die Erlangung absoluter Wahrheit, sondern die "Vermeidung von Grausamkeit" ist. Darin, so Rortys utopische Überzeugung, erwiese sich ein tatsächlicher Fortschritt. Die zutiefst menschliche Fähigkeit zur Mitleidsempfindung war Rorty Anlaß und Auftrag, um zeitlebens darauf zu insistieren, 

[daß] moralischer Fortschritt im Sinne zunehmender Sensibilität und wachsender Empfänglichkeit für die Bedürfnisse einer immer größeren Vielfalt der Menschen und der Dinge [anzusehen ist].1

Rorty durchlief in seinem Denk- und Lebensweg, wie sollte es anders sein, verschiedene Etappen: ausgehend und gründend in der US-amerikanischen analytischen Philosophie, emanzipierte er sich durch die Rezeption von Nietzsche, Wittgenstein, Heidegger oder Dewey. Er war mitverantwortlich für den Erfolg und die Reichweite des ‘linguistic turn‘ und vollzog später selbst einen zusätzlichen ‘pragmatic turn‘, weswegen er wohl nicht zu Unrecht als Neo-Pragmatiker bezeichnet wird.

Seine Kritik der vorherrschenden Erkenntnistheorie gründete in der Einsicht, daß Denken immer in sprachliche Kontexte eingelassen ist. Wahrheitsansprüche sind für Rorty – hier wird der Einfluß Wittgensteins deutlich – nichts anderes als ein Metaphernheer, ein Sprachspiel eben, das mehr oder weniger Überzeugungskraft hat. Und so stellte er fest: "Sprache hat die Macht, neue und andere Dinge möglich und wichtig zu machen."2

Folgerichtig entdeckte Rorty in den Erzähltraditionen und namentlich im Roman die Möglichkeit, zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, sowie zwischen unterschiedlichen Menschen und Kulturen zu vermitteln. In der Literatur (ganz egal ob in trivialer oder anspruchsvoller Spielart) werde Sensibilität und Empathie geschärft, so seine These. Und – so konsequent war Rorty – nachdem für ihn die akademische Philosophie immer mehr fragwürdig geworden war, gab er 1982 seinen Lehrstuhl für Philosophie in Princeton auf und wechselte als Professor für Altphilologie nach Virginia bevor er schließlich Vergleichende Literaturwissenschaften in Stanford lehrte.

Mit seiner Skizze eines Lebensentwurfs für das postmoderne Zeitalter der Unübersichtlichkeit erntete Rorty viel Zuspruch und Sympathie, aber auch heftige Kritik. Die Figur der ‘liberalen Ironikerin’ kennzeichnete er selbst folgenderweise:

 "Ironikerin" nenne ich eine Person, die der Tatsache ins Gesicht sieht, daß ihre zentralen Überzeugungen und Bedürfnisse kontingent sind. "Ironikerin" nenne ich jemanden, der so nominalistisch und historistisch ist, daß er die Vorstellung aufgegeben hat, seine zentralen Überzeugungen und Bedürfnisse bezögen sich zurück auf eine Instanz jenseits des raum-zeitlichen Bereiches. Liberale Ironiker sind Menschen, die zu diesen nicht auf tiefste Gründe rückführbaren Bedürfnissen auch ihre eigenen Hoffnungen rechnen, die Hoffnungen, daß Leiden geringer wird, daß die Demütigung von Menschen durch Menschen vielleicht aufhört.3

Richard Rorty, dem das Streben nach absoluten Wahrheiten stets suspekt blieb, ist mir persönlich vor allem durch seine Kritik am (szientistischen) Erkenntnismodell und dessen Wahrheitspostulat, sowie durch seinen Verweis auf die Kontingenz all unserer Anschauungen und ihrer sprachlichen Kontextualität sehr sympathisch. Aus diesem Grund wird es in wenigen Tagen in der Wissenswerkstatt eine ausführlichere Skizze des Denkens von Richard Rorty geben. Für heute nur diese kurze, schlaglichtartige Einführung und folgende Link- und Literaturhinweise:4

 

Linktipps:

Literaturtipps:

 


  1. Rorty, Richard (1994): Hoffnung statt Erkenntnis. Eine Einführung in die pragmatische Philosophie. S. 79. []
  2. Rorty, Richard (1992): Kontingenz, Ironie und Solidarität. Frankfurt, S. 147. []
  3. Rorty, Richard (1992): Kontingenz, Ironie und Solidarität. S. 14 []
  4. Das selbsternannte Online-Leitmedium Spiegel-Online hat bis jetzt nicht einmal einen kurzen Verweis auf den Tod Rortys eingestellt; immerhin einen der wichtigsten Philosophen der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Auch die Blogsphäre nimmt diese Nachricht nur zurückhaltend zur Kenntnis; Jörg Lau schreibt etwas im Zeit-Blog, hier findet man die Notiz auch und diesem Schweizer Blog verdanke ich den Hinweis auf den NYT-Artikel. []
Marc Scheloske
Marc Scheloske
Ich bin Sozialwissenschaftler und freier Journalist. Ich schreibe (Fach-)Artikel, blogge und führe Workshops und Schulungen zum Thema 'Wissenschaftskommunikation und Social Media' durch. → weitere Infos
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Kommentare

5 Reaktionen »

  • Balbina Laye :

    “Rorty betätigte sich als Wegbereiter, als Wegweiser für eine “Gemeinschaft liberaler Ironikerinnen”, deren Ziel nicht die Erlangung absoluter Wahrheit, sondern die “Vermeidung von Grausamkeit” ist. Darin, so Rortys utopische Überzeugung, erwiese sich ein tatsächlicher Fortschritt. Die zutiefst menschliche Fähigkeit zur Mitleidsempfindung war Rorty Anlaß und Auftrag, um zeitlebens darauf zu insistieren”.

    Ich würde statt “Mit-leid” eher “Mit-gefühl” sagen, denn auch Rorty will ja gerade das Leid verhindern und sicher nicht mitleiden. Ob allerdings eine Vermeidungsstrategie ausreicht, wage ich zu bezweifeln. Ich denke eher, dass nur “die Flucht nach vorne” hilft, die Grausamkeit, die Angst, eigentlich die Ignoranz, zu überwinden.

    Buddha, Jesus und einige mehr haben doch schon Wege aufgezeigt, wie das geht. Allerdings haben die Menschen daraus Kirchen gemacht, in denen blind “geglaubt” wird, was diese Menschen sagten, anstatt herauszufinden, wie es geht. Aber das müsste man ja selbst tun und sein und auch die volle Verantwortung für das eigene Leben übernehmen. Das ist wahrscheinlich der Pferdefuß an der Geschichte. Inzwischen bin ich der Meinung, dass z.B. selbst der Papst nicht versteht, was Jesus gemeint hat, sonst müsste er ja seine Autorität über Andere aufgeben.

    Auch halte ich “Hoffnung” nicht für ein adäquates mentales Werkzeug. Jemand, der hofft, projiziert immer in die Zukunft, anstatt in der Gegenwart – im Augenblick – zu bleiben. Aber die Zukunft gibt es nicht und so verpufft gewissermaßen die Energie ins Leere. Außerdem ist Hoffnung immer mit Ängsten verseucht. Sinnvoller wäre, im Jetzt zu bleiben und zu erkennen, was tue ich wirklich, was glaube ich wirklich und das ergibt dann Klarheit und die Möglichkeit der Umorientierung.

    [Auf diesen Kommentar antworten]

    Dr. H. O. Leng

    [07. Dezember 2012 | 20:44 | # 3 ]

    Nahezu volle Zustimmung. “Mitleid” signalisiert zu sehr ein allgemeines Gejammer.

    Ob allerdings Buddha und Jesus (die?) “Wege” aufgezeigt haben, lasse ich einmal dahin gestellt. Es gibt keinen Weg, nur Gehen. – Sagte mal ein ZEN-Meister, ist wohl auch im Sinne Rortys so …

    [Auf diesen Kommentar antworten]

    Balbina Laye

    [08. Dezember 2012 | 11:54 | # 4 ]

    “Ob allerdings Buddha und Jesus (die?) “Wege” aufgezeigt haben…”

    Ja, sie haben wichtige Hinweise gegeben, wie man es machen könnte und nein, es sind nicht “die” Wege. Jeder kann seinen eigenen Weg gehen, aber gehen muss er ihn schon, wie der Zen-Meister ganz richtig bemerkte. Oder so (ich glaube von Rumi)

    Wanderer, es gibt keinen Weg. Der Weg entsteht beim gehen.

    [Auf diesen Kommentar antworten]

    Dr. H.O. Leng

    [17. Dezember 2012 | 23:25 | # 5 ]

    “Der Weg entsteht beim Gehen” Schön! Und natürlich sind Buddha und Jesus Orientierungshilfen. Und für mich Montaigne.

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