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Jung, gebildet, sucht… » Über Sackgassen, Holzwege und fehlende Perspektiven für den akademischen Nachwuchs

17. Mai 2007 | 23:09 Gelesen: 11541 · heute: 3 · zuletzt: 22. August 2017 5 Reaktionen

Vielleicht hätte man etwas Vernünftiges lernen sollen. Bankkaufmann möglicherweise, immerhin würde man dann verstehen, wieso eine Überweisung von einem Bankkonto auf das andere wie zu Großmutters Zeiten immer noch 2-3 Tage in Anspruch nimmt. Immobilienbranche wäre auch nicht verkehrt: wohnen, schlafen, essen, kochen, dafür wird der gemeine Mitteleuropäer auch in einigen Jahren mit Sicherheit noch Räumlichkeiten anmieten oder kaufen, die beheizbar sind und gleichzeitig gewährleisten, daß es einem nicht in die Suppe regnet.

Aber wie man eben so ist, so schlägt man alle Zweifel in den Wind und macht einen "in Wissenschaft". Nicht genug, daß man sämtlichen Paten-, Erb- und Großtanten seit Jahren rechtfertigenderweise erklären muß, wieso man zwar irgendwann mal Abitur gemacht, das Studium begonnen und sogar abgeschlossen hat, heute aber immer noch nicht einen festen und damit "richtigen" Beruf ausübt. Sowas wie Immobilienmakler zum Beispiel. Nein, so einfach macht man es sich nicht, wenn man einmal aufs Pferd Wissenschaft gesetzt hat.

Multitalent Nachwuchswissenschaftler

Da man sich ja offenbar als einigermaßen beratungsresistent und enttäuschungsfest erwiesen hat, ist es letztlich gar nicht so schlimm, wenn man feststellen muß, daß man bei diesem seltsamen Spiel die Aufgaben von Jockey, Stallbursche und Manager gleichzeitig zu erfüllen hat. Und wer setzt auf mich?, fragt sich so mancher junge Wissenschaftler während oder nach der Promotion. Kein Problem, man kratzt die letzten Groschen aus dem Portemonnaie und finanziert sich selbst. Schließlich hat man doch jahrelange Übung darin, sich mit übersichtlich-studentischem Budget über Wasser zu halten. So groß sind die Ansprüche der meisten Nachwuchswissenschaftler nicht.

Was ist aber, wenn man keine Lust mehr darauf hat, es sportlich zu sehen? Wenn man feststellt, daß allerorten großspurig Investitionen in die Schulen und Universitäten verkündet werden, jedoch bei einem selbst nichts von all den Geldströmen ankommt? Wie kann es sein, daß die Rede von der zentralen Bedeutung von Wissen und Bildung für unsere Zukunft so omnipräsent ist1 und gleichzeitig der akademische Nachwuchs seine Zukunftschancen so pessimistisch wie nie zuvor einschätzt?

Beschwörungsformeln: Bildung=Zukunft

Nochmal: die Beteuerungen von Administration und Politik, daß der Aus- und Umbau der Hochschulen ein zentraler Baustein sei, um die Bundesrepublik im internationalen Wettbewerb konkurrenz- und zukunftsfähig zu halten, will und kann ich gar nicht anzweifeln. Allein die Umstrukturierung der Studiengänge im Zuge des Bologna-Prozesses und die Angleichung an internationale Gepflogenheiten ist und war mit erheblichen finanziellen Bemühungen verknüpft. Ebenso werden – das kann ich ebensowenig bestreiten – im Kontext der aktuellen Diskussionen um die Herausbildung von Eliteuniversitäten, die sich innerhalb von Exzellenzwettbewerben2 beweisen müssen, ansehnliche Summen an die Hochschulen ausgeschüttet. Und doch beurteilt der akademische Nachwuchs, also diejenige Wissenschaftlergeneration, die heute zwischen 30-40 Jahre alt ist, seine Perspektiven mehr als skeptisch.

Kann es also sein, daß die übliche Diskussion mindestens in diesem Punkt, also im Bezug auf die Rahmenbedingungen für den universitären Nachwuchs, von falschen Vorannahmen ausgeht? Daß vielleicht sogar eine partielle Blindheit vorliegt, die die Bedingungen, unter denen heute junge Menschen während oder nach ihrer Promotion arbeiten und leben, nicht sehen kann oder will? Oder ist es schlicht Zynismus, der verhindert, anzuerkennen, daß es in einer Lebensphase, in der sich viele andere Altersgenossen um Hausbau und Familienplanung kümmern, manchmal wenig ersprießlich ist, sich von einem befristeten Job zum nächsten zu hangeln? Es gibt, soviel steht fest, so etwas wie ein gebildetes Prekariat.

Akademisches Prekariat

Dabei, wohlgemerkt: die Rede ist von jungen Erwachsenen, die meist das 30. Lebensjahr hinter sich gelassen haben und genau die Forderungen, die allenthalben in den Sonntagsreden gestellt werden, längst im Übermaße erfüllt haben. Das beginnt mit einer umfassenden Allgemeinbildung, dem zügigen Studium, den absolvierten Auslandssemestern und Praktika und endet vorläufig mit dem Nachweis wissenschaftlicher Exzellenz: eben durch die erfolgreiche Promotion. Währenddessen haben sich die allermeisten Nachwuchswissenschaftler noch in verschiedenen anderen Bereichen "fit gemacht", haben sich sozial, politisch, ökologisch engagiert und haben auf diese Weise jede Menge sog. "soft skills" erworben. Und doch, gefragt nach ihren beruflichen Perspektiven innerhalb von Wissenschaft und Forschung, werden die allermeisten ihre Stirn in Falten legen. Sorgenfalten!

Um ehrlich zu sein, verwundert es mich kaum, daß die heutige Studentengeneration, außer mit eher halbherzigen Versuchen gegen Studiengebühren aufzubegehren, kaum in Erscheinung tritt. Viel mehr Grund zu Protest und Reklamation hätten diejenigen, die die akademischen Qualifizierungsmühlen erfolgreich durchlaufen, ihre Fähigkeit und Bereitschaft wissenschaftlich zu arbeiten bewiesen haben und doch feststellen müssen, daß für sie innerhalb von Hochschulen und Instituten kein Platz ist. Wobei – halt!, Platz und Verwendung gibt es natürlich durchaus, das allerdings eben nur mit schlecht finanzierten, ungesicherten, befristeten Verträgen. Und eines ist ohnehin klar: wer bis vierzig oder allerspätestens fünfundvierzig keine Professur ergattert, für den ist in der Hochschule endgültig kein Platz mehr.3

Von der Untauglichkeit zum Barrikadenkampf

Was mich nicht verwunderte, wäre eine Protestbewegung des akademischen Mittelbaus. Wo sind all die wissenschaftlichen Mitarbeiter, Assistenten, Hilfskräfte, wo all diejenigen, die sich vertrösten lassen und weiter fleißig arbeiten und lehren und hoffen, daß die 2/3-Stelle auch weiterhin von der DFG bezahlt werden möge? Werden die Barrikaden nur deshalb nicht erklommen, weil man in diesem meist doch etwas fortgeschrittenen Alter fürchtet, sich bei derlei Turnübungen den Ischias einzuklemmen?

Oder ist die Erklärung dann doch wieder ganz trivial? Nämlich, daß diese Unsicherheitserfahrung des wissenschaftlichen Emanzipationsprozesses zwar massenhaft gemacht wird, allerdings je individuell, jeweils an anderen Instituten, in anderen Disziplinen, Fachbereichen, so daß jeder, der sich in dieser unerfreulichen Situation befindet, zwar abstrakt weiß, daß er damit nicht allein ist, die anderen Leidensgenossen jedoch nicht sieht und somit eine Solidarisierung auch nicht zu befürchten oder auch: zu erhoffen ist?

Einer, der genau die skizzierten bitter-frustrierenden biographischen Hängepartien schon mehrmals durchlebt hat, ist Björn. Seinem wachsenden Unmut darüber, macht er ganz aktuell in seinem Blog ‚tiefes leben‘ Luft. Als Paläontologe hat er zwar, wie er schreibt, seit Ende seines Studiums 1996 bereits eine sechsstellige Summe an Drittmitteln eingeworben, musste sich nun aber bereits zum fünften Mal vorübergehend arbeitslos melden und nach einer neuen Stelle umsehen. Diesmal verschlägt es ihn nach Frankreich….

(…), da hab ich inzwischen schon eine sechsstellige Summe an Drittmitteln eingeworben. (…) Aber Perspektive, Perspektive gibt es keine. Klar, mal wieder für einen Appel und ein Ei nach Frankreich, ab dem Winter. Diesmal wieder ohne soziale Abfederung, aber Fellowship an einem bekannten Institut hört sich doch gut an. Das heisst kurzfristig denken, paper im Vierteljahrestakt schreiben und die venia legendi nach hinten verschieben. Hab ja noch ein paar Jährchen bis zur magischen Vierzig. Ok. (…)

Es gibt keine Struktur mehr an den deutschen Unis, die für ihre jungen Wissenschaftler und Dozenten irgendeine Art von Verantwortung übernimmt. Wir Deutschen sind Einzelkämpfer. Haben unsere fellowships hart erkämpft. Ein Institut, das uns unterstützt, so etwas kennen die Wenigsten von uns aus Deutschland. Es liegt an uns, auf dem Wissenschaftsmarkt zu bestehen und die Regeln zu erkennen, an der richtigen Stelle wissenschaftliche Arbeit zu investieren und das Handwerk zu erlernen. Viele meiner bekannten post-doc Paläontologen leben von dem Segen der “Eigenen Stelle” der DFG. Das ist auch etwas Tolles, da kann man drei Jahre forschen. Aber danach? (…)

Was fehlt, ist das Danach. Ich habe das Gefühl diese ganzen Grants sind Mittel zu Ausbeutung junger akademischer Arbeitskraft. Wenn du über 40 bist und es noch nicht zum Professor geschafft hast, dann suchst du dir besser einen Job als Taxifahrer, weil: die Quellen für diese Mittel versiegen dann ganz schnell und Stellen im Mittelbau …naja. (…) die deutschen Unis leben vom Karrierekampf der jungen Akademiker, und davon, dass es ein paar Prozent bis in die C3-Sphären schaffen.

Man würde sich wünschen, Björns Artikel wäre Pflichtlektüre bei der nächsten Sitzung der Deutschen Kultusminister, Rektorenkonferenz, etc. Aber welche Lehren zieht man aus der oben geschilderten Misere? Ist zu erwarten, daß in naher oder wenigstens mittelfristiger Zukunft diese mißliche Situation erkannt und daraufhin verändert wird?

Denkt man an die 2002 mit großem Aufwand gestartete Initiative zur Etablierung der "Juniorprofessur", muß man wohl auch für die Zukunft mehr als skeptisch sein. Denn was als Pendant zum viel gerühmten ‚tenure track‘ des angelsächsischen Raumes geplant war, hat sich inzwischen vielerorts als Rohrkrepierer erwiesen: die Eigenständigkeit und Forschungsfreiheit der Juniorprofessoren wurde an den einzelnen Universitäten und Instituten offenbar sehr unterschiedlich interpretiert und neben einigen wenigen positiven Rückmeldungen, sind leider auch hier die negativen Stimmen in der Überzahl.4

Ursprünglich war man im Bundesbildungs- und Forschungsministerium davon ausgegangen, bis zum Jahr 2010 ca. 6.000 Juniorprofessurstellen installiert zu haben. Der Zwischenstand 2006 weist allerdings gerade ca. 1.000 solche Positionen aus. Und auch für die Juniorprofs gilt: wer nach drei oder sechs Jahren keine Erfolge vorzuweisen hat (also eine eindrucksvolle Publikationsliste und die nötigen innerdisziplinären Netzwerke), wird sich wohl oder übel wieder in die Reihe der befristet beschäftigten akademischen Tagelöhner einreihen müssen. Das Hauptproblem des akademischen Mittelbaus liegt sicher darin, daß die Betreuung der momentan ca. 2 Millionen Studenten von den festangestellten Universitätsmitarbeitern längst nicht mehr bewältigt werden könnte. Inzwischen werden die habilitierten Privatdozenten und Lehrbeauftragte5 sogar von akademischen Lehrkräften unterstützt, die auf der Basis von 1-Euro-Jobs Seminare abhalten! Kann man noch eindringlicher signalisieren, daß einem die tatsächliche Realität an deutschen Hochschulen und die Arbeitsbedingungen des Personals gleichgültig sind?

Mißverständnisse: Kompetenzmultiplikation und Know-How-Erwirtschaftung

Eines wird deutlich: die einseitige Fokussierung auf die Elite- und Exzellenzdiskussion hat den Blick auf den universitären Alltag verstellt. Die Universität wird zumeist auf folgende zwei Funktionen reduziert: erstens auf ihre Aufgabe, in möglichst effizienter Weise junge Menschen mit hochkomplexen Fertigkeitsprofilen auszustatten, die schließlich nach Durchlaufen ihrer universitären Ausbildung (so die Hoffnung) in den Unternehmen nachgefragt werden. Die Universität wird hier als Kompetenzmultiplikationsmaschine (miß-)verstanden: das spezialisierte Fachwissen des Lehrpersonals, wird an die zukünftigen Arbeitskräfte weitervermittelt6. Entscheidend ist hier also die Input-/Output-Rate. Indiz dafür ist das ständige Schielen auf das Alter der Absolventen im internationalen Vergleich. Je schneller die Studenten ihr Studium abschließen, als desto erfolgreicher und effizienter wird das Hochschulsystem angesehen.

Das zweite Leistungskriterium sind die Resultate der universitären Forschung, die sich idealerweise in marktgängige Anwendungen übersetzen lassen. Es ist kein Zufall, daß Karlheinz Brandenburg als einer der herausragenden Wissenschaftler der vergangenen Jahre gilt. Brandenburg hat maßgeblich an der Entwicklung des MP3-Formates zur Datenkompression mitgewirkt und wurde u.a. dafür mit dem "Deutschen Zukunftspreis" und 2006 auch mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet. Brandenburg ist sicherlich ein ausgezeichneter Wissenschaftler, doch seine Anerkennung wurde ihm zuteil, da sich seine wissenschaftlichen Erkenntnisse in greifbare Produkte der Unterhaltungsindustrie umsetzen ließen. Für den Großteil der Wissenschaftler an deutschen Universitäten scheidet eine solche Anwendung ihres Wissens ohnehin aus. Deutlich wird, daß Universität hier als Know-How-Lieferant angesprochen und eben darauf reduziert wird.7

Genau das sind die hintergründigen Motive dafür, daß deutsche Politiker davon träumen, mit 1-2 Eliteuniversitäten zu den großen "Marken" der Wissenschaftswelt aufzuschließen.8 Die Art und Weise, wie die Studenten zu ihren Abschlüssen kommen, interessiert nur noch peripher. Geleistet wird dies zu einem Großteil von den genannten Lehrbeauftragten, Privatdozenten und Promovierten. Deren Arbeitsbedingungen, Bezahlung und Karrierechancen sind allerdings geradezu obszön. Der einzige nachvollziehbare Grund, weshalb dieses System der Ausbeutung funktioniert, ist das große Faszinosum, das wissenschaftliche Arbeit nichtsdestotrotz darstellt. Denn ja, für die Vielzahl dieser prekär Beschäftigten im Alter von 30-40 Jahren ist die Möglichkeit wissenschaftlich zu arbeiten ein Traum. Und für diesen Traum werden Unsicherheiten und finanzielle Durststrecken fast immer akzeptiert. Und, das ist der entscheidende zweite Faktor: die Konkurrenz selbst um die schlechtbezahlten, befristeten Stellen ist riesengroß. 

Interessant ist, wie die Politik darauf reagieren wird, wenn (wie angekündigt und nach ihrem eigenen Wunsch) innerhalb der nächsten Jahre die Studentenzahlen von derzeit 2 Millionen auf 2,7 Millionen ansteigen. Die Spirale des Lohn- und Statusdumpings für das wissenschaftliche Fußvolk lässt sich im Grunde kaum mehr weiter drehen. Wobei – vielleicht sollte man sich dessen nicht so sicher sein…
 

Literatur- und Linktipps:

Hochschulpolitik / Bildungspolitik allgemein:

  • Dahrendorf, Ralf (1984): Leitstern Qualität. Zur Diskussion über Eliten, Universitäten und technischen Fortschritt. DIE ZEIT.  
  • Welzer, Harald (2007): Schluss mit nutzlos!, DIE ZEIT, 25.01.2007
  • Nida-Rümelin, Julian (2006): "Die hochschulpolitische Lage und die Zukunft der Geisteswissenschaften in Deutschland". Beitrag zum Sonderheft Hochschulpolitik "Aus Politik und Zeitgeschehen", Beilage zu: Das Parlament, Heft 48/2006 [PDF-Download]
  • Wintermantel, Margret (2006): Hochschulreform aus Sicht der Hochschulen. Beitrag zum Sonderheft Hochschulpolitik "Aus Politik und Zeitgeschehen", Beilage zu: Das Parlament, Heft 48/2006 

Prekäre Beschäftigungsverhältnisse und Karrierehindernisse für Nachwuchswissenschaftler:

Zur Kritik am Exzellenzwettbewerb der Bundesregierung:

 

  1. Und selbstverständlich – wie beteuert wird – genieße die finanzielle Ausstattung von Universitäten allerhöchste Priorität. []
  2. Der Exzellenzwettbewerb wurde ja an anderer Stelle (besonders wegen der Bevorzugung großer naturwissenschaftlicher Forschungsverbünde) hinlänglich kritisiert; v.a. der Umstand, daß bei den Bewertungskriterien die Faktoren Drittmitteleinwerbung und Veröffentlichungen in int. Journalen mit möglichst hohem Impact-Factor die dominante Rolle spielten, wurde seitens der Sozial- und Geisteswissenschaften bemängelt. Für die zweite Runde der Begutachtung versprachen DFG und Wissenschaftsrat Korrekturen. []
  3. Zumindest keiner, der den Lebensunterhalt sichern könnte; habilitierte Tagelöhner und Privatdozenten, die von der Hand in den Mund leben, gibt es zu Tausenden. Der Umstand, daß sie exzellente Forschungs- und Lehrbilanzen aufweisen können, ändert nichts an ihrem bedauernswerten Status. []
  4. Denn genauso wie die früheren Assistentenstellen sind die Juniorprofessurpositionen meist auf drei (nach erfolgreicher Evaluation: auf sechs) Jahre begrenzt. Außerdem hat die prinzipiell begrüßenswerte Juniorprofessur mit einigen Geburtsfehlern zu kämpfen: u.a. ist der Status des/der Juniorprofessor/in nicht klar geregelt, so daß häufig von Autoritäts- und Hierarchiegerangel berichtet wird, außerdem wurde halbherzigerweise vergessen, die Juniorprofessur als verbindlichen Zugang zur Professur vorzuschreiben. Deshalb haben nach einer gewissen Übergangsfrist doch sehr viele Juniorprofessoren begonnen, parallel eine Habilitationsschrift anzufertigen, um später keine Nachteile bei den Bewerbungen erleiden zu müssen. Diese Zusatzbelastung ist kaum mit engagierter Lehre und reger Publikationspraxis zu vereinbaren. vgl. Die Welt, Juniorprofessur ist noch nicht etabliert, 2.11.2006 []
  5. Die selbst zumeist von ihren Einkünften aus diesen Lehrverpflichtungen nicht leben könnten und für ihren Existenzunterhalt außeruniversitär arbeiten müssen. []
  6. dies v.a. in den Ingenieursdisziplinen, aber auch in den wirtschaftsorientierten Fächern oder der Medizin []
  7. Der Umstand, daß Universität auch andere Aufgaben erfüllen könnte und müßte, wird aktuell allzu oft übersehen. Immer noch lesenswert der Beitrag von Lord R. Dahrendorf in der ZEIT, s. Linktipps. []
  8. Zumindest die finanz- und forschungsstarke ETH Zürich ist hier das Maß der Dinge; insgeheim orientiert man sich freilich am noch prestigeträchtigeren MIT/Cambridge. []
Marc Scheloske
Marc Scheloske
Ich bin Sozialwissenschaftler und freier Journalist. Ich schreibe (Fach-)Artikel, blogge und führe Workshops und Schulungen zum Thema 'Wissenschaftskommunikation und Social Media' durch. → weitere Infos
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Kommentare

5 Reaktionen »

  • soeren onez :

    Was für ein Artikel. Ich bin beeindruckt, wie so oft von deiner Schreibe. Lese jetzt schon einige Zeit hier mit, seit deinem ersten kommentar bei mir, aber die Artikel sind so umfassend, dass mir nichts einfällt, was ich dann noch kommentieren könnte.
    Wollte aber jetzt dennoch mal kommentieren, weil sonst schreibt man so ins Leere hinein. Du machst hier großartige Arbeit

    [twort T]

  • Björn :

    Danke für deinen ausführlichen Text. Die Literaturhinweise finde ich auch sehr spannend. Die Frage ist ja: wie kann diese Situation verändert werden?
    Ich glaube nicht, dass wir mit dem akademischen Prekariat ein revolutionäres Subjekt hätten. Sicher eine Interessenvertretung junger Wissenschaftler mit Zeitverträgen, oder ohne, ist dringend nötig, aber das zu erreichen ist in etwa so utopisch wie eine funktionierende Gewerkschaft der Leiharbeiter, weil wir uns ja alle permanent auf dem Sprungbrett fühlen und denken, das ist nix für uns.

    Wen, außer den Betroffenen selbst, die sich ja nicht als Betroffene begreifen, stört die Situation noch?

    Was mir dazu als Erstes einfällt: Das Ganze ist auch ein wissenschaftspolitisches Problem. So, wie derzeit in Deutschland Wissenschaft gefördert wird geht Breite und Universalität verloren. Wir müssen kurzfristig arbeiten und extrem Zitate-orientiert. Das heisst in Fachbereichen mit vielen Forschern wird natürlich viel gegenseitig zitiert. Diese Bereiche werden immer stärker überdurchschnittlich bewertet. Ich kann es mir kaum noch leisten eine Arbeit zu schreiben, die nicht innerhalb der ersten zwei Jahre mehrmals zitiert wird. Ich kann es mir auch nicht leisten an einen Projekt zwei Jahre zu arbeiten ohne schon etwas darüber zu veröffentlichen bevor es abgeschlossen ist. Alles wird extrem beschleunigt, wenn ich beim Beginn eines Projektes schon an die credits denken muss um das Nächste zu bekommen. Forschung wird weniger risikofreudig und heiße Themen werden superschnell extrem hochgekocht während der long tail beinahe verschwindet. Es wird deutlich ungemütlicher.

    Noch eine Frage: Ich kenne noch die Situation Anfang der 1990iger, damals gab es an meiner Uni nocht den Mittelbau. Da waren aber viele totale Schnarchtassen dabei, ihre Lehre war veraltet, sie haben seit ihrer Doktorarbeit nichts mehr veröffentlicht. – Wie kann also eine sichere, nachaltige Karriereperspektive für mittlere Akademiker geschaffen werden, die sie auf Trab hält und Anreize verschafft Qualität und Quantität zu erbringen?

    Ich kenne mich wenig aus, in Modellen anderer Länder.> Ich weiß das es an den US Hochschulen viele Dozenten gibt die schon Jahrzehnte an derselben Uni sind ohne Professor zu sein. Und in Frankreich gibt es ja das riesige CNRS..Ich kann mir vorstellen, dass der verschwindende Mittelbau sich an den deutschen Unis einen neuen Platz erkämpfen muss. Dazu müsste aber erstmal zusammengetragen werden, welchen Vorteil, ausser dem individuell sozialen der Betroffenen, daraus für die Unis erwachsen würde.. Wenn ich das jetzt alles hier aufschreibe wird das ein ellenlanger Text. Aber ich denke, wir haben zum Thema noch nicht das letzte Wort gesprochen ;-)

    [twort T]

  • Geroslav G. :

    Jetzt haben wir 2013 und das Thema ist aktueller als 2007.

    [twort T]

  • Geroslav G. :

    Sogar 2014… wie die Zeit vergeht!

    [twort T]

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