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Die vergessene Krankheit, die übersehene Kampagne: James Nachtwey und die grausame Aktualität der Tuberkulose | Werkstattnotiz 118

4. Oktober 2008 | 08:30 Gelesen: 14763 · heute: 2 · zuletzt: 15. December 2017 Noch keine Kommentare

Im Frühjahr 1882 entdeckte der Berliner Arzt Robert Koch den Erreger der gefürchteten Lungentuberkulose. 1905 wurde er dafür mit dem Nobelpreis ausgezeichnet. Heute, über 100 Jahre später, erscheinen uns Meldungen über Tuberkulosefälle wie Nachrichten aus einer längst vergangenen Zeit.

Dabei ist die Infektionskrankheit keineswegs – wie wir im zivilisierten Westen manchmal den Eindruck haben – unter Kontrolle. Ganz im Gegenteil: die Tuberkulose ist weltweit der Killer No.1. Der renommierte Dokumentarphotograph James Nachtwey macht jetzt mit einer aufwendigen Photoreportage auf diese vergessene, verdrängte Krankheit aufmerksam.

Es ist – weltweit – die tödlichste Krankheit. Uns ist Tuberkulose kaum mehr ein Begriff.

Wenn seltsam-exotische Krankheitserreger auftauchen und bspw. auf den Namen H5N1 hören, dann fehlt nicht viel und es entstünde eine handfeste Hysterie. Erinnern Sie sich noch, als – der Vogelgrippe-Panik sei Dank – die Tamiflu-Bestände ausverkauft waren?
Nun tun wir gut daran, das Aufkeimen von Infektionskrankheiten1 sehr genau zu beobachten. Allerdings steht die Medienaufmerksamkeit für bestimmte Krankheiten in seltsamem Mißverhältnis zu den tatsächlichen Opferzahlen. Von AIDS ist – vollkommen zu Recht – bis heute die Rede, aber manche Krankheiten sind (fast) aus dem Fokus unserer Medienöffentlichkeit verschwunden.

Eine Story, von der die Welt wissen muß
James Nachtwey, der altgediente und ebenso renommierte Kriegs- und Krisenphotograph, hat vergangenes Jahr den TED-Award gewonnen. Bei der hochkarätigen Veranstaltung in Monterey erhielt der Journalist ein Preisgeld von 100.000 US-Dollar.

Der preisgekrönte Photograph, der die Weltöffentlichkeit mit seinen Aufnahmen aus dem Irak, dem Kosovo, Nicaragua, Ruanda oder auch von den Anschlägen des 11. September informiert und aufgerüttelt hat, kündigte an, das Geld für ein besonderes Projekt zu nutzen.

Die Tuberkulose fordert jährlich fast 2 Millionen Menschenleben. Tendenz steigend.

Dieses Projekt ist nun beendet. Die letzten 5 Monate hatte sich Nachtwey in 7 Ländern auf die Spuren einer Krankheit begeben, der allein im Jahr 2005 fast 2 Millionen Menschen zum Opfer fielen. Die Tuberkulose, die für uns wie eine Krankheit aus dem 19. jahrhundert klingt, ist aktueller denn je: die WHO schätzt, daß ihr in den nächsten zehn Jahren rund 30 Millionen Menschen zum Opfer fallen werden.

Resistente Erreger verschärfen das Problem

Einer der Gründe für diese erschreckene Zahl ist sicherlich die Tatsache, daß mittlerweile gehäuft multiresitente Tuberkulose-Erreger auftreten.2 Die vorhandenen Medikamente sind hier nutzlos. Die Investition in Entwicklung geeigneter Therapien ist allerdings bescheiden – die Schwellen- und Drittweltländern, in denen die Tuberkulose grassiert, sind schlicht kein spannender Markt.

Insofern ist die Kampagne von Nachtwey unbedingt zu begrüßen – Christian Reinboth hat mich vor 3 Tagen darauf aufmerksam gemacht und heute bin ich verwundert, daß die deutschsprachigen Medien diese bemerkenswerte Photo-Dokumentation (Nachtwey publizierte die Photos gestern, am 3.10.) zu diesem wichtigen Thema, nun ja – totschweigen? Oder sind diese Photos den Lesern von Spiegel, SZ und Co. nicht zumutbar?

Tuberkulose-Patient

TBC

TBC

Und auch die hiesige Blogosphäre hält sich vornehm zurück. Dabei hat Nachtwey genau darauf gehofft – daß nämlich die Blogs seine Botschaft weitertragen.
Etwa durch dieses Video:

Vielleicht kann ja dieser Blogpost dazu beitragen, daß Nachtweys Konzept doch noch ins Rollen kommt? Bislang ist die Unterstützung gering – ich folge allerdings sehr gerne seiner Aufforderung: “Sign. Share. Support.” – Wer macht mit?


  1. Und wenn es sich um Varianten des Grippevirus handelt umso mehr! []
  2. Und das Bewußtsein dafür herzustellen, daß nämlich inzwischen diese Resistenzen immer bedrohlicher werden, ist Nachtweys Hauptanliegen. []
Marc Scheloske
Marc Scheloske
Ich bin Sozialwissenschaftler und freier Journalist. Ich schreibe (Fach-)Artikel, blogge und führe Workshops und Schulungen zum Thema 'Wissenschaftskommunikation und Social Media' durch. → weitere Infos
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