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Die wunderbare Schärfe der Chilis » Capsaicin als Antwort auf die konzertierten Attacken von Insekten und Pilzen | Werkstattnotiz 111

20. August 2008 | 16:20 Gelesen: 21126 · heute: 2 · zuletzt: 23. October 2017 15 Reaktionen

Chilis, eigene ZuchtWer es gerne scharf mag, wer sein Essen gerne mit Jalapeños, Habaneros oder anderen scharfen Chilis aufpeppt, muß sich bei kleinen, pflanzensaugenden Insekten und einem besonderen Schimmelpilz bedanken.

Denn just das Zusammenspiel von Insekten und Pilz ist – wie eine neue Studie zeigt – ganz offensichtlich Ursache für die Schärfe der Chilischoten. Das Capsaicin, das scharfe Alkaloid der Chilis, ist gewissermaßen die Antwort auf die gemeinsame Attacke von Insekten und Pilz.

Aber der Reihe nach: die Tatsache, daß Capsaicin der Stoff ist, der den Chilis die Schärfe gibt und die asiatische und lateinamerikanische Küche bereichert, ist allgemein bekannt. Die Capsaicinoide der Chilis, die vor allen in den weißen Scheidewänden konzentriert sind, reizen bei Menschen und anderen Säugern bestimmte Nozizeptoren der Schleimhäute und führen auf diese Weise zur bekannten Hitze- oder Schmerzempfindung.

Seltsam: Erst lockt die rote Farbe der Früchte, dann wird man durch die Schärfe abgeschreckt…

Warum sind Chilis überhaupt scharf?

Im Grunde ist die Bildung von Capsaicin also eine höchst erklärungsbedürftige Angelegenheit: denn wieso bildet eine Pflanze erst aufsehenerregende Früchte, um dann die naschfreudigen Lebewesen, die die Samen der Pflanze weiterverbreiten könnten, durch die Schärfe wieder abzuschrecken? Denn klar: die Chili ist zur Weiterverbreitung der Samen durchaus darauf angewiesen, daß ihre Früchte samt Samen von potentiellen Saatguttransporteuren aufgenommen und dann an anderer Stelle verteilt werden.

Zum Glück, das ist auch bekannt, besitzen Vögel keine Rezeptoren, die auf Capsaicin reagieren. Die Vermehrungsstrategie von Chilis (also Nachtschattengewächsen der Gattung Capsicum anuum) basiert also auf der Abschreckung von Säugetieren und dem Anlocken von Vögeln, die die Früchte fressen und die Samen mit ihrem Kot1 wieder ausscheiden.

Welchen Nutzen hat die Bildung von Capsaicin für die Pflanze?

Die offene Frage, weshalb manche Sorten wirklich höllisch scharf sind, andere nur eine geringe Capsaicin-Konzentration aufweisen und weshalb überhaupt dieses Alkaloid gebildet wird, ist dennoch nicht zufriedenstellend beantwortet. Eine vielversprechende Erklärung liefert jetzt Joshua Tewksbury mit seinen Kollegen von der Uni Washington.

Sie haben sich die Verbreitung von Chilis in Bolivien2 genauer angesehen, die Früchte untersucht und analysiert, in welchen Gegenden die besonders scharfen Sorten wachsen. Ihr Ergebnis: je feuchter, heißer und vor allen Dingen je größer das Pilzbefallrisiko ist, desto schärfer sind die Chilischoten.

Je mehr Pflanzensauger, desto schärfer die Chilis

Und Joshua Tewksbury hat eine weitere interessante Entdeckung gemacht: die Regionen, in denen besonders viele Insekten der Gattung Hemiptera zu finden sind, zeichnen sich durch besonders scharfe Chilis aus.

Dem Teamwork von Hemiptera und Fusarium sei Dank!

Die Erklärung: Hemiptera werden auch als Schnabelkerfen bezeichnet und sind saugend-stechende Kleininsekten. Unter anderem zählen Pflanzenläuse zu dieser Gattung. Und Tewksbury entdeckte, daß diese Pflanzensauger bevorzugt die Chilischoten perforieren – und diese winzigen Kanäle sind ein ideales Einfallstor für Bakterien und Schimmelpilze.

Capsaicin als Verteidigung gegen Pilzbefall

Und genau dagegen schützen sich Chilis durch ihr Capsaicin! Denn das Alkaloid wirkt antibakteriell und fungizid. Besonders lästig ist in den Chiliregionen der Pilz Fusarium semitectum, ein Schimmelpilz der nicht nur parasitär ist, sondern auch dazu neigt, seinen Wirt zu töten – und genau gegen Fusarium schützt Capsacain.3

Wie im Abstract zu der Studie zu lesen ist:

We find that Fusarium fungus is the primary cause of predispersal chili seed mortality, and we experimentally demonstrate that capsaicinoids protect cili seeds from Fusarium.

Und Joshua Tewksbury erklärt:

“Capsaicin steht der Verbreitung der Samen nicht im Wege, denn Vögel spüren den Schmerz nicht und essen die Schoten weiter. Aber der Pilz, der die Samen tötet ist ziemlich empfindlich gegenüber dem Wirkstoff Capsaicin.”

Das Fazit: je mehr saugend-stechende Insekten und je höher das Risiko eines Fusarium-Befalls, desto mehr Capsaicin in den Schoten.4

Wie nett, daß das Zusammenspiel von Insekten und Pilzen erst dazu führt, daß solch ein Abwehrmechanismus entwickelt wird, der dann auf unseren Tellern schöne Variationen ermöglicht – da fällt mir ein, daß mal wieder Zeit für ein scharfes, asiatisches Süppchen ist. Mit Chilis aus eigenem (Balkon-)Anbau. (Das Photo oben zeigt übrigens einige unserer wirklich scharfer Schoten.)

[Update 21.8.2008 | 14 Uhr]

Und Capsaicin findet offenbar nicht nur in der Küche seine Anwendung. Wie heute bekannt wurde, kommt Capsaicin auch beim Sport zum Einsatz – im Reitsport nämlich. Der Springreiter Christian Ahlmann wurde heute vom Olympischen Reitfinale suspendiert, nachdem bei seinem Wallach “Cöster” die verbotene Substanz Capsaicin gefunden wurde…

Mehr dazu in meinem Beitrag bei Scienceblogs:



  1. Der übrigens gleich als toller Dünger nützlich ist. []
  2. Das als Stammland der Chilis gilt. []
  3. Die antibakterielle und pilztötende Wirkung ist ja auch der Grund, weswegen in Asien oder Südamerika so viele Speisen mit Chilis zubereitet werden. []
  4. Die Schärfe ist also ein mittelbarer Nebeneffekt, nicht die Folge der Insektenstiche. Die Kollegen bei ORF-Science schreiben hier haarsträubenden Unsinn: “Fans von scharfem Essen verdanken kleinen Insekten den feurigen Geschmack. Die Pflanzensauger durchstechen die Außenschale der Chilischoten, wodurch sich der Inhaltsstoff Capsaicin löst, der die Chilis scharf macht.” Das ist schlicht und einfach falsch. []
Marc Scheloske
Marc Scheloske
Ich bin Sozialwissenschaftler und freier Journalist. Ich schreibe (Fach-)Artikel, blogge und führe Workshops und Schulungen zum Thema 'Wissenschaftskommunikation und Social Media' durch. → weitere Infos
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Kommentare

15 Reaktionen »

  • Fischer :

    Verdammt, jetzt hab ich Hunger…

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  • Markus :

    Sehr interessant. Jetzt wissen wir auch, warum die Dinger so scharf sind. Meinen Respekt für die Balkonzucht.

    Interessant auch, dass im Wikipedia-Artikel zu Capsaicin empfohlen wird, bei Reizung der Geschlechtsteile durch Chilis Speiseöl zur Linderung einzusetzen. Die Frage, wie es dazu kommen kann, dass Geschlechtsteile durch Chilischoten gereizt werden, lassen wir mal dahingestellt. ;-)

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  • Sprachspielerin :

    @Markus: Schonmal Chilis geschnitten und Dir dann aus Versehen ins Auge gefasst? Und dafür sind dann Männer prädestiniert: schonmal Chilis geschnitten und dann aufs Klo gemusst (und vorher keine Hände gewaschen)?

    Andere möglichen Erklärungen lassen wir dann mal besser ungenannt… Aber die Neugier des Menschen kennt ja keine Grenzen…

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  • Markus :

    @Sprachspielerin: Chili-Augenkontakt hatte ich schon mal. Sehr schmerzlich. Ist mir passiert, obwohl ich mal in Mexiko gelebt habe und es hätte wissen müssen.

    Die andere(n) Variante(n) blieben mir zum Glück durch Befolgen von Hygieneempfehlungen und Auslassen riskanter Spielereien erspart. ;-)

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  • Marc :

    @Fischer:

    Ja, ich habe gestern während des Schreibens auch immer mehr Lust auf ein scharfes Süppchen bekommen, das dann auch tatsächlich gekocht wurde. Leider kann ich davon nichts mehr abgeben…

    @Markus:

    Es gibt sicherlich grundsätzlich zwei Möglichkeiten, wie Capsaicin an besonders sensible Stellen gelangen kann.

    Einerseits ist es denkbar, daß man sich gezielt die durchblutungssteigernde Wirkung zu Nutze machen will… naja, da sollte man genauso vorsichtig sein, wie mit Rheumasalbe.

    Andererseits sind auch Konstellationen vorstellbar, in denen unbeabsichtigt ein Chili- bzw. Capsaicinauftrag an Geschlechtsteilen passiert, dessen Wirkung man dann mit Speiseöl rückgängig machen will.

    Ich stelle mir nur gerade vor, wie jemand dem ein solches Malheur passiert ist, sich vor den PC setzt und dann bei Wikipedia nach Capsaicin sucht… :-)

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  • Markus :

    @Marc: Zu deinem letzten Satz: Es gibt ja Dinge, die mag man sich lieber gar nicht erst vorstellen. ;-)

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  • Fischer :

    Tjaja, Chili. Ich weiß noch, wie wir auf Sansibar ne Toristenfahrt durch die Plantagen da gemacht haben. Wir durften jeder mal an einer frischen Schote riechte. Ein Italiener konnt’s nicht lassen, der hat reingebissen… Sehr unterhaltsam.

    @ Sprachspielerin: Kennst du die Definition eines Chemikers? Das ist jemand, der sich vorm Pinkeln die Hände wäscht.
    Das ist ein gar nicht so unübliches Problem bei Leuten, die mit aggressiven Substanzen arbeiten. ;-)

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  • Sprachspielerin :

    @Fischer: Na, da muss ich mit einem Zitat von Markus (s.o.) antworten: “Es gibt ja Dinge, die mag man sich lieber gar nicht erst vorstellen. ;-)”.

    Ja denn, immer brav Hände waschen, ihr Chemiker und Köche dieser Welt!

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  • ali :

    Im Grunde ist die Bildung von Capsaicin also eine höchst erklärungsbedürftige Angelegenheit: denn wieso bildet eine Pflanze erst aufsehenerregende Früchte, um dann die naschfreudigen Lebewesen, die die Samen der Pflanze weiterverbreiten könnten, durch die Schärfe wieder abzuschrecken?

    Abschrecken? Also ich wäre als Weitervberbreiter prädestiniert. Wo ‘scharf’ (oder noch besser ‘extra scharf’) draufsteht, davon muss ich kosten.

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  • Marc :

    @ali:

    Mir geht es da ganz ähnlich. Deswegen ja auch die kleine private Chili-Balkon-Zucht. :-)

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  • @Werkstatt :

    @Karli Wenn’s um Capsaicin geht, so empfehle ich bescheidenerweise meinen Artikel zu diesem Thema von letztem August: http://is.gd/1LUl

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