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Automatisierte Risikoabschätzung für die Nanotechnologie ::: Michael Sandels “Plädoyer gegen die Perfektion” | Werkstatt-Ticker 40

25. Juni 2008 | 14:13 Gelesen: 5068 · heute: 2 · zuletzt: 19. September 2017 Noch keine Kommentare

Ticker.jpg» Nano-Partikel-Screening

Nanomaterialien – Wissenswerkstatt wissen das längst – sind keineswegs per se unverdächtig. Gerade über die gesundheitlichen Effekte von Nanopartikeln in Kosmetikprodukten oder im Bereich der Lebensmittelindustrie, weiß man derzeit recht wenig. Zuletzt sorgte eine Studie für Aufsehen, die für längere Nanoröhren eine ähnliche kanzerogene Wirkung wie für Asbest feststellte.

Bei Technology Review lese ich nun, daß Forscher vom Massachusetts General Hospital, der Harvard University und dem MIT nun ein halbautomatisiertes Verfahren entwickelt haben, mit dem sie die Risikoabschätzung für Nanopartikel stark beschleunigen. Die Wissenschaftler testeten bislang 50 Substanzen:

“Diese 50 Substanzen wurden nun jeweils in vitro an vier verschiedenen Zellarten getestet: Immunzellen von Mäusen, zwei Arten von menschlichen Gewebezellen in Blutgefäßen und menschlichen Leberzellen. Dabei wurden sie jeweils in vier verschiedenen Dosierungen untersucht. Um sämtliche möglichen Kombinationen von Testbedingungen effizient zu bewerkstelligen, wurden die Partikel mit einem Robotersystem, wie es beim Medikamenten-Screening eingesetzt wird, in Hunderten von kleinen Mulden mit den jeweiligen Zellkulturen auf einer Arbeitsplattform deponiert.”

Anschließend wird untersucht, ob die Partikel Änderungen im Stoffwechsel der Zellen auslösen.

Sicher ein spannender Ansatz. Allerdings ist – wie im Artikel auch anklingt – auch hier Vorsicht geboten: denn die Zahl der falsch negativen Befunde1 dürfte nicht unerheblich sein. Allein schon deshalb, weil lediglich vier Zelltypen recht wenig sind. Zellen aus Lungengewebe fehlen beispielsweise. Dennoch sind die Analysen begrüßenswert – das Risikowissen bzgl. der Toxikologie von Nanomaterialien steckt noch in den Kinderschuhen.

» Freiheit oder Perfektion

Für Schiller war der Mensch bekanntlich “nur da ganz Mensch, wo er spielt.”2 Insofern erleben wir derzeit – während der Fußball-Europameisterschaft – in gewissem Sinne die Reinform der menschlichen Existenz. ;-)

Gut, Schiller schwebte freilich weniger das sportliche, eher das ästhetisch-künstlerische Spiel vor. Allerdings: die spielerische Betätigung war für Schiller ein Bereich der Freiheit. Und frei ist für ihn eben der “homo ludens”. Ganz ähnlich argumentiert der Harvard-Philosoph Michael J. Sandel. Sandel war Ende der 80er Jahre durch seine Kritik an der liberalen Theorie von John Rawls bekannt geworden.

Nun hat er – wie ich durch die Rezension in der Frankfurter Rundschau erfahre – ein spannendes Buch über die menschliche Freiheit, die Moral und unser Unbehagen über die Allmachtsphantasien der Genetiker geschrieben. Nach Sandel bestehe die menschliche Freiheit3 gerade in und durch seine Imperfektion. Just unsere Unzulänglichkeiten, unsere Schwächen zeichnen uns aus.

“Optimiert wird mittlerweile alles, unsere Kinder, deren Größe, Geschlecht und Charakter, unsere Launen und Stimmungen, unsere Gesundheit, unser Gedächtnis, unsere Haustiere… Dass eine gentechnologisch beschleunigte TotalEugenisierung des Gesellschaftskörpers zudem besonders einträgliche Geschäfte verspricht, versteht sich von selbst. Die eugenische Zurichtung erscheint heute nicht mehr als Zwang, sondern als verlockendes Angebot, das anzunehmen jedem frei steht.
Was wir hier verlieren, nennt Michael J. Sandel die “Demut für das Leben als Gabe” und die “Wertschätzung der geschenkten Natur menschlicher Fähigkeiten und Erfolge”.”

Spannend und sicher auch kontrovers.


  1. Also der Fälle, in denen das “System” nicht anschlägt, aber dennoch ein hohes toxikologisches Potential gegeben ist. []
  2. So in Schillers Briefen “Über die ästhetische Erziehung des Menschen“ []
  3. Und man könnte Freiheit wohl ohne weiteres durch “Würde” ersetzen. []
Marc Scheloske
Marc Scheloske
Ich bin Sozialwissenschaftler und freier Journalist. Ich schreibe (Fach-)Artikel, blogge und führe Workshops und Schulungen zum Thema 'Wissenschaftskommunikation und Social Media' durch. → weitere Infos
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