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Projektskizze: Wissenschaftsformationen zwischen disziplinärem Autismus und transdisziplinär-lernsensitiver Offenheit? Auf den Spuren von Wissensproduktion, Kommunikation und lernendem Dialog | Werkstattnotiz VI

24. August 2007 | 18:29 Gelesen: 6608 · heute: 4 · zuletzt: 17. December 2017 5 Reaktionen

Wir leben in einer Welt endlicher Ressourcen. Und wir leben in einer Welt fehlbarer Wissenschaft. Diese zwei Grundbedingungen spätindustrieller Gesellschaften sind inzwischen auch ins öffentliche Bewußtsein diffundiert und auch im politischen Diskurs angekommen. Nicht selten lautet die Antwort: wir brauchen Konzepte und Lösungsstrategien, die sich am Prinzip der ‚Nachhaltigkeit‘ orientieren.

Der Förderschwerpunkt "Sozial-ökologische Forschung" (SÖF) des Bundesministeriums für Bildung und Forschung widmet sich genau dieser Thematik. Im Zentrum steht dabei der

"ökologisch tragfähige Umgang mit natürlichen Ressourcen, die Sicherung von sozialer Gerechtigkeit, Lebensqualität und Sozialkapital, sowie der Erhalt der wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit auch im weltweiten Wettbewerb."

Grundsätzlich ist der Förderschwerpunkt dadurch gekennzeichnet, daß es sich bei den "zu bearbeitenden Problemen (…) um komplexe lebensweltliche Phänomene und nicht um spezifische innerwissenschaftlich definierte Fragestellungen [handelt]."

Innerhalb dieses BMBF-Programms läuft derzeit eine Ausschreibung zur "Förderung interdisziplinär arbeitender Nachwuchsgruppen". Frist zur Abgabe der Antragsskizzen ist der 30. September 2007 und ich bin gerade dabei – wie ich bereits hier geschrieben hatte – eine mögliche Fragestellung zu präzisieren und v.a. noch einen Mitstreiter bzw. gerne eine Mitstreiterin zu suchen.

Zentral für alle SÖF-Projekte ist: 1.) der Forschungstyp läßt sich als problemorientiert und interdisziplinär beschreiben. 2.) Der Gegenstandsbereich fokussiert auf "Beziehungen der Menschen zu ihrer jeweiligen natürlichen und gesellschaftlichen Umwelt". 3.) Die Forschungsfragen sind inhaltlich an das Nachhaltigkeitskonzept gekoppelt.  

Das Konzept, das mir vorschwebt, hat seinen Ursprung in der folgenden Frage:

Unter welchen Bedingungen sind ‚post-normal-sciences‘ lernfähig und können am Nachhaltigkeitspostulat orientiertes Wissens generieren?

Denn soviel sei vorausgesetzt: viele aktuelle Probleme sind nicht mehr länger im streng disziplinär organisierten Wissenschaftsbetrieb zu lösen. Der disziplinäre Autismus ist längst an seine Grenzen gestoßen. Was verlangt ist, sind – wie ja eben auch das Förderprogramm selbst als Prämisse voraussetzt – transdisziplinäre, problembezogene Vorgehensweisen. Die dahinterliegende Hoffnung lautet dabei: die gezielte Verschränkung und Kopplung verschiedener disziplinärer Sichtweisen ermöglicht Lernprozesse, die am Ende bessere, d.h. lösungstechnisch angemessenere Ergebnisse hervorbringen, als es einer konventionellen, homogenen Forschungsgruppe möglich gewesen wäre.
Noch einmal und etwas pointiert – der Kerngedanke, der dem gesamten Bereich der „sozial-ökologischen Forschung“ zugrundeliegt lautet: die Probleme sind komplex und die schmalspurige Wissensproduktion der Wissenschaft im "Mode 1"1 ist defizitär; wenn aber transdisziplinäre Forschung, die erstens am Nachhaltigkeitspostulat orientiert ist und zweitens eine Sensibilität für die Folgen der Forschung aufweist, etabliert ist, so fördert diese Spielart der Wissenschaft im "Mode 2"2 bessere, nachhaltigere Lösungen zutage. Diese Art der Wissensproduktion setzt darauf, daß sich Blindheiten und Fehleinschätzungen einzelner Disziplinen gegenseitig korrigieren, aufheben und durch konsensuell-diskursive Bearbeitung weniger wahrscheinlich werden. Mit einem Wort: transdisziplinäre Forschungsgruppen profitieren durch interne Lernprozesse.

Die transdisziplinäre Wissensproduktion lebt von der Hoffnung, daß sich Blindheiten und Fehleinschätzungen einzelner Disziplinen gegenseitig korrigieren und im Ergebnis nachhaltigere Lösungen wahrscheinlicher werden. Ist diese Annahme empirisch haltbar?

Ist diese Hoffnung aber überhaupt berechtigt? Unter welchen Bedingungen ist Lernsensibilität und sind Lern- und Erkenntnisfortschritte tatsächlich denkbar und empirisch festzustellen? Welche Strukturen sind hinderlich, welche fördern die fruchtbare Zusammenarbeit? Wo und wie kommt es zu Blockadepositionen und wie werden innerhalb bestimmter Disziplinen und Arbeitsgruppen andere kritische, aber potentiell bedenkenswerte Positionen rezipiert? Wie weit verbreitet sind überhaupt transdisziplinäre Teams? Und sind heterogene Gruppen gegenüber ihren homogenen Pendants in allen Bereichen überlegen? Das sind – auf die Schnelle formuliert – einige Fragen, die sich hier stellen.

Dabei ist klar: der Umstand, daß die (theoretische) Einsicht in die Vorteile von Kooperation und Dialog und die prinzipielle Möglichkeit von Nichtwissen vorhanden ist, bedeutet zunächst recht wenig. In der Praxis zeigt sich, daß sowohl homogen zusammengesetzte Gruppen als auch heterogene Forschungsverbände durchaus innovative Lösungsvorschläge erarbeiten können. Die Frage ist: welche Randfaktoren begünstigen 1. nachhaltige und lernsensitive Wissenschaft und Forschung und 2. einen sensiblen, reflektierten Umgang mit kontingenten Wissensbeständen und riskanten Entscheidungen? Und: auf welche Weise werden externe Positionen (oder gar Gegenargumente) rezipiert, integriert und in Lern- und Erkenntnisfortschritte transformiert?

Denn so selbstverständlich ist Dialog und Lernen keineswegs….

Blindheit und Lagerdenken?

„Denn sie wissen nicht was sie tun.“ So oder so ähnlich lautet seit mindestens 30 Jahren das Lamento der Sozialwissenschaften, wenn sie ihre Sicht auf die Technik- und Naturwissenschaften beschreiben sollen. Und umgekehrt? Fragt man Ingenieure oder Forscher in ihren naturwissenschaftlichen Labors, ob das Bild, das die Sozialwissenschaften von ihnen zeichen, zutreffend ist, so erntet man allzu häufig resigniertes Kopfschütteln. Ist also die Spaltung der zwei wissenschaftlichen Kulturen doch so wirkmächtig, daß die beiden Lager ihre jeweilige Arbeit weiterhin mit trotzigem Stolz verrichten und dabei erst gar nicht auf Verständnis oder gar gegenseitige Verständigung hoffen? Und möglicherweise ist von Dialog und Lernbereitschaft erst ganz zu schweigen?

Sind dies nur Vermutungen oder kennzeichnen sie eine immer noch vorhandene Realität? Eines ist klar: das Bild, das wir von der Natur haben, das Wissen, das unseren Entscheidungen zugrunde liegt, ist immer schon geprägt durch die Informationen und Bilder, die die Wissenschaft produziert und bereitstellt. Und das Verständnis etwa für sozial-ökologische Problemlagen, das Wissen für einen nachhaltigen Umgang mit natürlichen Ressourcen rekurriert notwendigerweise auf den Erkenntnissen, die in den Labors und an den Schreibtischen der Wissenschaftler ihren Ursprung haben.

Transformationen des wissenschaftlichen Arbeitsmodus

Das Selbstverständnis der Wissenschaften ist allerdings – darüber besteht mittlerweile Konsens – brüchig geworden und bestimmten Transformationsprozessen unterworfen. Und die etablierte Wissenschaftsforschung beschreibt diesen Trend als Übergang von einer traditionellen disziplinären Wissenschaft (‚Mode 1‘) zu einem neuen Modus der Wissensproduktion (‚Mode 2‘). Im ‚Mode 2‘ ist Wissenschaft reflexiv geworden; die fraglose Gültigkeit ihrer Aussagen ist dem Versuch gewichen, Natur und Wirklichkeit möglichst angemessen zu beschreiben – dies allerdings ohne Garantieansprüche.

Parallel dazu begann das Konzept der „Nachhaltigkeit“ seine Karriere im kritischen sozial-ökologischen Diskurs und ist spätestens seit dem Umweltgipfel 1992 in Rio als „sustainable development“ etabliert. Aber wie wirkmächtig ist das Schlagwort „Nachhaltigkeit“? Wirkt es nur bis in die Wissenschaftsbürokratie und -politik, wo dementsprechend Förderprogramme wie das SÖF (sozial-ökologische Forschung) aufgelegt werden? Und fand – das eine der Fragen – das Nachhaltigkeitskonzept überhaupt Eingang in die Labors der Naturwissenschaften? Diffundierte der Begriff dorthin erst über den Umweg der Politik und der öffentlich wirksamen Thematisierung, wenn überhaupt?

Die Alternativlosigkeit diskursiv-lernender Wissenschaftsformationen

Wir leben im Horizont des Nichtwissens. Diese Einsicht ist inzwischen fast zu einem Allgemeinplatz geworden. Doch welche Konsequenzen ziehen wir aus dem Wissen, daß unser heutiges Wissen in der Zukunft überholt sein könnte? Wie organisiert sich Gesellschaft, wenn sie kontinuierlich mit Enttäuschungen konfrontiert wird und allmählich lernen muß, daß sich Überraschungen niemals werden ausschließen lassen?

Wissen und Wissenschaft sind seit dem Beginn der Moderne auf Vorläufigkeit gestellt; allein die Kirche hat den Anspruch auf absolute Wahrheit nicht aufgegeben. Wissenschaftliches Wissen – und auf nichts anderes rekurriert gesellschaftliches Handeln, das auf Legitimität hoffen kann – trägt immer schon den Index des Konjunktivischen, ist also Wissen, das auch anders möglich wäre. Wissen ist niemals anderes als die Behauptung, eine angemessene Beschreibung der Wirklichkeit darzustellen. Und diese Behauptung kann immer wieder aufs Neue widerlegt werden.

Allerdings gelang es der Gesellschaft bis mindestens in die 80er Jahre hinein, dieses unhintergehbare Funktionsprinzip (nämlich daß ihr Wissen fehlbar ist) weitgehend auszublenden. Das ist Kennzeichen der Normalwissenschaft ("Mode 1"). Die Reihe der großen Enttäuschungen des szientistisch-technizistischen Kontrollglaubens reicht freilich von Contergan über die Fehleinschätzung des FCKWs bis hin zu BSE oder Vioxx.

Nun aber ist die Gesellschaft  – siehe als Indiz just die Tatsache, daß es das Förderprogramm "SÖF" gibt – augenscheinlich an einem Punkt angelangt, an dem sie nicht länger umhin kommt sich einzugestehen, daß sie zukünftig eine „lernende“ Gesellschaft sein wird oder eben nicht sein wird.

An vielen Stellen sind Indizien zu finden, daß Politik und Wissenschaft durch Nebenfolgen sensibilisiert wurden. Hat die Gesellschaft ingesamt begriffen, daß sie zukünftig eine „lernende“ Gesellschaft sein wird oder eben nicht sein wird?

Und dabei heißt Lernen im Kern: +1. zu wissen, daß das aktuelle Wissen nur jeweils vorläufige Gültigkeit beanspruchen kann und sich unter stetig verändernden Rahmenbedingungen bewähren muß. Und +2. also anzuerkennen, daß es prinzipiell immer besseres (weil angemesseneres) Wissen geben könnte und notwendige Lernprozesse nicht zuletzt durch Impulse, Irritationen von außen initiiert werden müssen. Wissenschaftlicher Diskurs und transdisziplinäre Öffnung sind hier als notwendige Bedingungen anzusehen.

Eine Gesellschaft, die sich des Umstands bewußt ist, daß ihr keine Alternative bleibt, als immer wieder neu zu lernen, ist freilich die einzig denkbare Gesellschaft, die es sich leisten kann, sich überraschen zu lassen. Daß die Zukunft weitere Überraschungen bereithalten wird, steht außer Frage.

Nur wird eine lernsensitive Gesellschaft im Gegensatz zu Gesellschaften, die den szientistischen Fortschrittsglauben weiterträumen, immerhin die Chance haben, sich auf kontinuierlich verändernde Rand- und Existenzbedingungen einzustellen. Eine andere Alternative hat sie nicht. Und die wissenschaftliche Erkenntnisproduktion steht hier in ganz besonderer Pflicht.

Doch wie vollzieht sich die skizzierte Transformation hin zu einer ‚post-normal science‘ ("Mode 2"), die das Nachhaltigkeitspostulat ernst nimmt? Wo sind vielversprechende Ansätze zu verzeichnen, wo verhindern strukturelle Defizite das Eingeständnis, daß die alten Rezepte nicht mehr hinreichen? Wie also könnten lernsensitive Wissenschaftsformationen aussehen, wie müßten sie organisiert sein?

Genau für diese Fragen soll das Forschungsprojekt den übergreifenden Rahmen bilden. Die kleine Forschungsgruppe, für die ich gerne einen Förderungsantrag schreiben würde, könnte sich möglicherweise um folgende zwei Module gruppieren:

Modul 1: Lernende Forschung und transdisziplinäre Kooperation – Blockaden, Synergien, Erfolgsrezepte
(+1. Rekapitulation des Kenntnisstandes der Lernpsychologie in ihren organisations- und sozialpsychologischen Varianten, +2. Adaption und Entwicklung eines Modells, das die Erkenntnisse auf wissenschaftliche Natur- und Umweltforschung überträgt, +3. Entwicklung eines Kriterienkatalogs und Formulierung von Qualitätsmaßstäben für (wissenschaftliches) Lernen in der Risikogesellschaft)

Modul 2: Fallstudien – Wissenschaft "Mode 2" revisited
(+1. Empirische Überprüfung des Anspruchs auf Lernfähigkeit und Reflexivität innerhalb verschiedener Forschungsfelder, +2. Fallstudien u.a. zum Umgang mit Nichtwissen, Kritik, Gegenpositionen in den Feldern a.) Rote Gentechnologie, b.) Grüne Gen-/Biotechnologie, c.) Nanotechnologie, +3. Beantwortung der Frage: Wo, wie, unter welchen Bedingungen und mit welchen Vorteilen stellt Wissenschaft auf reflexive, an Nachhaltigkeit orientierte Wissensproduktion um?)

Der Arbeitstitel der Gruppe könnte lauten: Wissenschaftsformationen zwischen disziplinärem Autismus und transdisziplinär-lernsensitiver Offenheit? Auf den Spuren von Wissensproduktion, Kommunikation und dem lernenden Dialog zwischen den Wissenschaften

Nun also meine abschließende Frage: bis 30.9.2007 soll ein kurzer Förderantrag für eine Vorphase beim BMBF liegen, während dieser Vorphase (8 Monate) soll das Konzept präzisiert und die Forschungsgruppe zusammengestellt werden. Der Antragsteller soll in der Regel (so die Formulierung) promoviert, aber nicht älter als 35 Jahre sein. Hat jemand Interesse, mit mir zusammen dieses oben skizzierte Projekt anzugehen? In Frage kommen wohl v.a. Soziologen und Psychologen (hier mit Schwerpunkt: Lern- und/oder Organisationspsychologie, ggf. Sozialpsychologie), daneben seien auch alle Wissenschaftshistoriker aufgerufen, denn dann könnte man ggf. einen zeitlichen Vergleich mit einbauen.

Räumlich sollte das Projekt in München angesiedelt sein, da eine der Förderbedingungen die Kooperation mit bestehenden universitären und außeruniversitären Forschungseinrichtungen ist. Und thematisch paßt das alles in München ganz gut. Ansonsten weise ich darauf hin, daß die obigen Ausführungen mit ‘heißer Nadel gestrickt’ sind – d.h. nicht alles bis ins letzte Detail durchdacht ist und die Überlegungen mit Sicherheit nochmals präzisiert werden müssen.

Ich würde mich dennoch freuen, wenn ggf. die mitlesenden (Sozial)Wissenschaftler bzw. Wissenschaftsblogger meine kleine Anfrage evtl. weiterverbreiten könnten, vielleicht findet sich ja bis in 1-2 Wochen noch jemand, der die Fragestellung spannend findet. :-)

Mehr Details hier:

 

 

  1. Als ‘Mode 1’ wurde u.a. von Gibbons und Nowotny eine Wissenschaft gekennzeichnet, die von einer unproblematischen, kumulativen Wissensproduktion und Anwendung in unstrittigen Kontexten ausgeht. []
  2. Das Etikett ‘Mode 2’ kann im weiteren Sinne als analog zum Begriff "post-normal science" von Funtowicz/Ravetz gelesen werden. Diese ist ihrer Auffassung nach charakterisiert durch das Zusammentreffen von Unsicherheit und Unwissen auf der Seite der Wissensproduktion, sowie hohen Risiken und Legitimitätszwang auf Seiten der Politik. []
Marc Scheloske
Marc Scheloske
Ich bin Sozialwissenschaftler und freier Journalist. Ich schreibe (Fach-)Artikel, blogge und führe Workshops und Schulungen zum Thema 'Wissenschaftskommunikation und Social Media' durch. → weitere Infos
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Kommentare

5 Reaktionen »

  • Daniel :

    War das jetzt ein “nur so” Beitrag oder beschäftigst du dich länger/intensiver mit Nachhaltigkeit? Bin leider auf dem Sprung, aber werde mir den Beitrag morgen noch mal in Ruhe durchlesen, könnte für mich ja durchaus interessant sein.

    [twort T]

  • Daniel :

    Hallo Marc,
    zwei Anmerkungen, nachdem ich deinen Beitrag nun gelesen habe:
    1.) Du hast offenbar eine konkrete Vorstellung von Nachhaltigkeit resp. dem Nachhaltigkeitspostulat. Ist der Begriff im sozio-ökonomischen Bereich so eindeutig definiert? Mein Kenntnisstand ist der, dass der Begriff generell, nicht nur – wie in meinem Fall relevant – in den Pflege- und Gesundheitswissenschaften, eher eine Worthülse als ein richtiges “Konzept” oder ähnliches darstellt.
    2.) Du schreibst vom wissenschaftlichen Autismus. Hier eine Aussage eines Pflegewissenschaftlers zur Vorstellung meiner Diss. Meine Fragestellung gehe ich ja auch eher interdisziplinär an, weil es meiner Meinung nach in der Pflegewissenschaft noch nicht ausreichend Theorie gibt. Seine Aussage:

    Mir erscheint es allerdings so, dass ein grundsätzliches Problem besteht. Für Interdisziplinarität bedarf es der Disziplinarität. Und die Pflegewissenschaft hat m.E. noch kein ausreichend stabiles Gebäude hinsichtlich des Wissensgegenstandes und der disziplinspezifischen Forschungsmethoden / Methodologien.

    Somit muss wiss. Autismus nicht immer negativ, sondern zu Beginn einer neuen Disziplin vll. sogar erst mal notwendig sein?

    [twort T]

  • Marc :

    Hallo Daniel,

    @ 1.) Falls der Beitrag den Eindruck erweckt haben sollte ich bzw. das Forschungsfeld “sozial-ökologische Forschung” verfüge über einen ganz klar definierten Nachhaltigkeitsbegriff, so ist dies sicher nicht ganz zutreffend. Nach meinem Verständnis ist das Schlagwort “Nachhaltigkeit” innerhalb der wissenschafts-, technik- und umweltsoziologischen Diskussion aber durchaus mit bestimmten Konnotationen verknüpft – zwar nicht in jedem Fall zu 100% konkretisierbar, aber auch nicht völlig beliebig.

    Ich zitiere mal einen kleinen Absatz aus dem BMBF-Programm:

    Um eine nachhaltige, zukunftsfähige Entwicklung zu erreichen, bei der die gegenwärtige Generation nicht auf Kosten künftiger Generationen handelt, ist ein neuer Typ von Problemlösungen erforderlich. Es müssen Ziele miteinander in Einklang gebracht werden, die bislang vor allem in Konkurrenz zueinander gesehen wurden: der ökologisch tragfähige Umgang mit natürlichen Ressourcen, die Sicherung von sozialer Gerechtigkeit, Lebensqualität und Sozialkapital, sowie der Erhalt der wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit auch im weltweiten Wettbewerb. Gerade die Wechselwirkungen und unbeabsichtigten Folgewirkungen von ökonomischen, ökologischen und sozialen Entwicklungen sind dabei zu beachten.

    Hier sind m.E. die wesentlichsten Punkte fast schon genannt: nämlich, daß nachhaltiges Handeln bedeutet, daß zum Zeitpunkt des Entscheidens die Folgewirkungen für zukünftige Generationen unter Berücksichtigung der sozialen und ökologischen Effekte bedacht werden.

    Sicher, das ist alles dehnbar, aber in meinem Kontext reicht das für den Anfang durchaus aus, also zu wissen, daß Handeln nach der Nachhaltigkeitsprämisse sich dadurch auszeichnet, daß es sich bewußt ist, a) daß keines der Felder Ökonomie, Wissenschaft, Politik das alleinige Primat haben darf, b) daß Handeln und das zugrundeliegende Wissen irrtumsbehaftet ist, c) daß es unter Berücksichtigung dessen darum geht, negative Effekte und Lasten zu Ungunsten späterer Generationen zu vermeiden.

    Oder um es an einem Beispiel zu verdeutlichen: die Bemühung eine nachhaltige Problemlösung zu finden, kennzeichnet sich dadurch, daß die Lösung nur dann nachhaltig und akzeptabel ist, wenn durch die Lösung nicht neue Probleme (in anderen Regionen, zu späteren Zeitpunkten) vorprogrammiert sind. Daß dies nicht immer möglich ist, da Entscheidungen immer von Nichtwissen begleitet sind, ist klar. Dennoch zählt das Eingeständnis und das bestmögliche Bemühen, Nebenfolgen zu minimieren.

    @ 2.) Der Einwand des von dir zitierten Pflegewissenschaftlers ist durchaus berechtigt. Trans- und Interdisziplinarität kann niemals Selbstzweck sein. Solange das Profil einer Disziplin nicht hinreichend geschärft ist, kann sinnvollerweise kein Dialog, kein gegenseitiges Lernen stattfinden. Ich sehe das durchaus als notwendige Bedingung, daß Einzeldisziplinen ihre Methoden und ihre (intern erprobten) Lösungen erarbeitet haben, bevor man sich für andere Disziplinen öffnet, um sich von deren variierenden Standpunkten anregen zu lassen.

    Standpunkte, Vorwissen, disziplinär erprobte und geprüfte Vorgehensweisen sind wichtig, auf dieser Basis kann dann Interdisziplinarität gewinnbringend sein.
    In deinem Fall denke ich zwar, daß sicher die Pflegewissenschaft eine eben noch junge (Teil-)Disziplin ist, aber sich ohnehin doch als Querschnittswissenschaft her begreift. Definiert sich die Pflegewissenschaft nicht zentral von ihrem Gegenstand und ihre methodischen Ansätze legitimieren sich dann jeweils, insofern sie (erkenntnis-)Fortschritte liefern, egal ob man die Modelle nun der Soziologie, Psychologie, Medizin oder sonstwoher entleiht?

    [twort T]

  • eraser :

    Das ist alles sehr spannend, nicht mein Fachgebiet. Daher teilweise schwer zu verstehen, wodurch sich die Frage ergibt, ob “wissenschaftlicher Autismus” nicht eine phänomenal treffende Metapher ist, schließlich zeichnet sich Autismus vorrangig durch Kommunikationsbesonderheiten aus.
    Ich bin übrigens auf diese Seite gestoßen, weil ich Autist bin und alles über Autismus lese. Ich finde den Begriff “wissenschaftlicher Autismus” schon ein wenig diskriminierend. Wer hat den geprägt?
    LGE

    [twort T]

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