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Querverweise » Fundstücke, Lesenswertes & Links – 08

11. August 2007 | 22:07 Gelesen: 9030 · heute: 2 · zuletzt: 14. December 2017 2 Reaktionen

Fundstuecke_01c.jpgDie Weltwirtschaft taumelt in eine phänomenale Finanzkrise und der deutsche Sommer bewirbt sich gerade um einen Spitzenplatz im Wettbewerb: naß, kalt und eklig.1

Währenddessen geht die Arbeit in der Wissenswerkstatt weiter. Hilft ja nix. Außerdem gilt es, eine kleine Umstrukturierung vorzunehmen. Hört sich wichtig an, meint aber nur, daß in Zukunft die Artikel der Wissenswerkstatt klarer in drei unterschiedliche Kategorien eingeordnet werden. Ursprünglich war es ja so gedacht, daß alle Themen, die keinen eigenen Beitrag rechtfertigen, hier in der Querverweise & Fundstücke-Rubrik behandelt werden. Alle umfänglicheren Texte bekommen einen eigenen Platz.

Nun hat sich aber gezeigt, daß – entgegen der einstigen Planung – durch kommentierende Darstellung der Fundstücke regelmäßig längere Artikel bzw. Notizen entstanden sind, die längst zu einem eigenständigen Blogbeitrag taugen würden. Diese Texte mittleren Umfangs finden deshalb in Zukunft in der neuen Schublade "Werkstattnotizen" ihren Platz.

Auf diese Weise gibt es also in der Wissenswerkstatt ab sofort drei verschiedene Rubriken:

[1] zunächst die gewohnten, detaillierten Darstellungen zu einem bestimmten Thema. Egal ob gesellschaftliche Entwicklungen aus soziologischer Perspektive kommentiert werden, eine Rockband gewürdigt und hinsichtlich ihrer Bedeutung eingeordnet oder etwa die Dopingproblematik des Spitzensports näher beleuchtet wird: es sind längere Artikel und Abhandlungen, die durch weitere Links und Literaturverweise ergänzt sind und – das ein zusätzliches Kriterium und möglicherweise auch Gütesiegel – diese Texte beanspruchen auch über den Tag hinaus Gültigkeit.  

[2] All die anderen Texte, die eher spontan entstehen und einen Sachverhalt nur kurz und schlaglichtartig thematisieren, sind fortan unter dem Etikett "Werkstattnotiz" versammelt. Hier findet man also aktuelle Anmerkungen und Hinweise, sowie kleine Probestücke aus der Werkstattproduktion.

[3] In der bestehenden Rubrik der "Querverweise" werden zukünftig tatsächlich nur noch Verweise auf spannende Texte in anderen Blogs oder Journalen aufgeführt. Kurze Sidekicks und Hinweise auf interessante Webfunde stehen hier im Mittelpunkt.

Nun aber genug der erklärenden Vorrede – hier die aktuellen Tipps:

 


»1. Der britische Schriftsteller Ian McEwan hat jüngst seinen neuen Roman "Am Strand" veröffentlicht. Offenbar Grund genug für die Neue Zürcher Zeitung ihn zu einem umfangreichen Gespräch einzuladen.2 McEwan gibt unter der Überschrift "Wie viel Freiheit hat der Mensch?" Auskunft zu sich, seiner Art des Schreibens und möglichen biographischen Hintergründen. Alles auch für Leser interessant, die bislang keines der Werke McEwans kennen. Im Interview wird auch deutlich, daß – wie freilich auch in seinen Büchern sichtbar wird – der Brite ein sehr politischer Zeitgenosse ist:

"Nun, meine Generation hat von einer atomwaffenfreien Welt geträumt, und es ist schon sehr traurig, dass wir noch immer weit davon entfernt sind. Die andere Sache ist, dass seit den späten sechziger und frühen siebziger Jahren, als die Umweltbewegung geboren wurde, mehr als dreissig Jahre vergangen sind, in denen kaum etwas geschehen ist. Wir wussten noch nichts vom Klimawandel oder von der Erderwärmung, aber Probleme wie die Umweltverschmutzung, die zunehmende Verunreinigung der Meere und Flüsse (…), wurden lange Zeit nicht ernsthaft diskutiert.

Eine interessante Entwicklung ist, dass unser Wissen inzwischen ohne die Verantwortlichen der Politik umgesetzt wird. Insbesondere die grossen Wirtschaftskonzerne, die davon ausgehen, dass die Politik die Probleme früher oder später nicht mehr ignorieren kann, bereiten sich mittlerweile auf die in naher Zukunft anstehenden Regulierungen vor, um sich vor ihren Konkurrenten an sie angepasst zu haben. Die Politik läuft der Wirtschaft einen Schritt hinterher, und manchmal hat man das Gefühl, sie bedient Hebel, die zu nichts in Verbindung stehen. Das Eis der Arktis schmilzt dreimal schneller, als die schlimmsten Prognosen es vor zwei oder drei Jahren vorhergesagt haben, während sich die Leute in Grossbritannien und anderen westlichen Ländern Flachbildschirme und leistungsfähigere Computer kaufen. In zwei Jahren werden die elektronischen Geräte in Grossbritannien mehr als die Hälfte der Elektrizität verschlingen. Die Technologie, die uns helfen könnte, unsere Probleme zu bewältigen, reitet uns zugleich immer tiefer hinein…"

 Auf die Rolle von Religionen und den Terrorismus angesprochen antwortet McEwan:

"Paradoxerweise haben also die Terroranschläge bei mir dazu geführt, nicht nur über den religiösen Glauben nachzudenken, sondern auch über die Alternative, die wir haben, und das ist in meinen Augen die Rationalität. Die Welt, die wir durch das Hubble-Teleskop oder durch ein Mikroskop betrachten, die Welt, die uns die Wissenschaft erschliesst, ist unendlich schöner als die Welten, die uns das Christentum, der Islam, der Buddhismus oder der Hinduismus zu bieten haben. Wir sollten anfangen, unsere Rationalität und unsere Wissenschaften als die wunderbaren Errungenschaften menschlicher Genialität zu feiern und der Arroganz derer zu misstrauen, die nicht nur behaupten, dass es einen Gott gebe, sondern uns auch noch sagen, was er denkt. Wir können Wunder und Inspiration in den Werken von Goethe und Shakespeare finden; wir können der Literatur eine moralische Orientierung entnehmen, die die Bibel nicht zu bieten hat."

Alles sehr bedenkens- und lesenswert. Genauso übrigens wie die Bücher von Ian McEwan.

 


»2. Von der Literatur wechseln wir zur Musik. Nicht erst seit Olli Schulz wissen wir, daß Mixtapes längst nicht aus der Mode sind.3 Und diese schöne Tradition pflegen seit einiger Zeit auch die Musikkenner von der "Roten Raupe". Ganz aktuell ist Mixtape Vol. 04 erschienen und die Songs stehen zum Download bereit. Darunter sind einige hörenswerte Sachen und viel Gelegenheit zum Rumstöbern. Der erste Song von Delbo ["Schikane"] ist jedenfalls ein sehr guter und vielversprechender Start und sei deshalb auch direkt verlinkt. Weitere Perlen u.a. von Finn, Seidenmatt oder Tom Liwa komplettieren die Sammlung. Unbedingt ansehen & anhören!4

     

     


»3. "Eine kleine wissenschaftshistorische Sensation" – so beginnt Ernst Falzeder seinen Beitrag in der ZEIT – sei die Veröffentlichung von Aufzeichnungen einer Patientin, die 1921 eine viermonatige Psychoanalyse bei Sigmund Freud absolviert hatte. Gleichviel, ob man dieses Dokument als Sensation bewerten mag oder nicht. Es liest sich sehr spannend, denn offenbar liegen – abgesehen von expliziten Lehrprotokollen – über psychoanalytische Sitzungen, die Freud selbst durchgeführt hat, kaum Dokumente vor. Nun aber hat die Enkelin – selbst Psychoanalytikerin – der einstigen Freudpatientin die Tagebücher veröffentlicht. Für Freud-Kenner sicher mehr als spannend.

 


»4. Der deutsche Philosoph, der mit seinen Büchern die höchste Auflagenzahl erzielt und durch seine Medienpräsenz wohl auch der populärste ist, ist im Juni sechzig Jahre alt geworden. Die Rede ist von Peter Sloterdijk, der freilich in der Welt der akademischen Philosophie zumindest in Deutschland wenig Freunde besitzt. Ob zu Recht oder nicht: ich meide meist den nuschelnden Sloterdijk, wenn er im Fernsehen zu sehen ist, schätze aber mitunter seine scharfsichtigen und inspirierenden Analysen und Essays.

In der WELT hat sein Freund Rüdiger Safranski einige persönliche Erinnerungen und Anmerkungen anläßlich des Geburtstages von Sloterdijk verfasst. Dort ist dann u.a. zu lesen:

"Peter Sloterdijk ist ein großer Anfänger, ausgestattet mit existenziellem Eigensinn, einem Überschuss an gedanklicher Spielfreude und der glücklichen Bereitschaft, sich von der Sprache zu Einsichten führen und verführen zu lassen. In diesem Sinne ist er auch ein genuiner Schriftsteller: Er lässt sich von der Sprache beschenken. Ein wirklicher Autor weiß, dass er der Sprache das Meiste verdankt. Wenn er ihr folgt, folgt sie ihm.

Das merkt man auch, wenn man ihm zuhört bei der allmählichen Verfertigung der Gedanken beim Reden. Seine Sprache trägt und treibt, und man wird mitgetragen und mitgetrieben. (…)"

Für seine Sphärentrilogie wurde Sloterdijk ja arg gescholten; seine Fähigkeit bestimmte Phänomene in Sprache zu packen ist aber oftmals unübertroffen – auch wenn ihm dies nicht kontinuierlich gut gelingt und manchmal schwächere Texte dabei herauskommen. Empfehlenswert ist beispielsweise seine Sammlung von Essays im Anschluß an Heidegger: 

 
 


»5. Ebenso schwankend in ihrer Qualität und ebenso abhängig von der Tagesform des Autors wie die Sloterdijk’schen Werke sind die Kolumnen von Axel Hacke in der SZ. Manchmal, aber glücklicherweise nicht zu oft, sind die Geschichten rund um Paula, Luis und Bosch doch arg bemüht und man fürchtet, daß Hacke der Stoff ausgehe. Aber meist ist es unterhaltsam und bisweilen sind höchst amüsante Schilderungen zu finden. Zuletzt erfreute mich eine Erzählung, die auf die Wirrnisse Bezug nahm, die auf allzu exotische Namensgebung zurückzuführen sind. Es soll ja Eltern geben, die ihre Sprößlinge "Pepsi Carola" nennen wollen oder "Hagebutte" – in Hackes Kolumne waren es kaum minderschwere Fälle.

Durch Leserzuschriften erfuhr Hacke,

"dass nämlich ein Junge aus dem Kindergarten heimgekommen sei und begeistert berichtet habe, wie gut er sich mit seinem neuen Freund verstehe.

»Und wie heißt der?«, wurde er gefragt. 

»Püschelbär.«  – »Püschelbär?«

Ich will es kurz machen, der Freund hieß Pierre-Gilbert. (…)

Eine schöne Geschichte schrieb mir übrigens Herr F. aus Herzogenrath. Der hat einen griechischen Arbeitskollegen, der mit Vornamen Stavros heißt und eines Tages nach Amerika reiste. Dort wurde er im Hotel nach seinem Namen gefragt. »Stavros«, sagte er, dazu noch den Nachnamen natürlich. Die Dame an der Rezeption fragte, ohne eine Miene zu verziehen, zurück: »How do you spell Starwars? Like the movie?« 
 
Ich meine, das kommt dabei raus, wenn es zur Gewohnheit wird, Kindern so komplizierte, ungewöhnliche Vornamen zu geben, dann halten Rezeptionisten selbst Starwars für eine Möglichkeit."

Ich persönlich halte ja "Püschelbär" für durchaus vorstellbar – selbst deutsche Standesbeamten scheinen ja neuerdings kaum mehr wirklich rigoros zu sein. Die ganze Kolumne ist hier nachzulesen.

 

 


»6. Abschließend der Hinweis auf ein Interview mit dem US-amerikanischen Mediziner und Sachbuchautor Jerome Groopman. Dieser schildert etliche Beispiele, wie in seiner Berufspraxis viele Fehldiagnosen zustande kamen und berichtet auch über Fälle, in denen er selbst erfahren mußte, wie Kollegen vorschnell einige Symptome zu eben der naheliegenden Diagnose verdichteten. Nur war eben diese Diagnose, wie sich später herausstellte, falsch. 

Groopman führt diese Tendenz auf Schwächen im Ausbildungssystem zurück:

Ganz gleich in welchen Land, überall gibt es einen älteren Doktor als eine Art Meister. Die angehenden Ärzte beobachten, was der tut, und dürfen manchmal mit ihm reden. Doch wie es zu Irrtümern und Trugschlüssen kommt, das ist nicht Teil der Ausbildung.

Und er erhofft sich, daß eine Umsteuerung und veränderte Akzentsetzung in der Medizinerausbildung diese Defizite beheben könnten. Groopman hatte eine Vielzahl Interviews mit Kollegen geführt, die ihm auch bereitwillig Auskunft gaben. Seinen Recherchen und anderen Studien zufolge beläuft sich die Anzahl der Fehldiagnosen auf 15%. Abhilfe verspräche seiner Meinung nach die Berücksichtigung neuer Erkenntnisse der Kognitionsforschung:

Die Kognitionswissenschaften jedoch haben wir bisher ignoriert. Wir Ärzte nehmen Abkürzungen beim Denken, zumal wenn wir unsicher sind und unter Zeitdruck stehen. Wären wir darin ausgebildet, wie diese kognitiven Prozesse ablaufen, könnten wir die Fehldiagnosen verringern. Aber auch Sie als Patient sollten wissen, wie Doktoren ticken. Sie müssen mit mir auf eine Art und Weise in Verbindung treten, die mich davon abhält, in eine Denkfalle zu tappen.

Damit hat Groopman sicher Recht. Die Quote von 15% lässt sich reduzieren. Allerdings sollte man sich nicht zuviel von diesen Maßnahmen versprechen: der ärztliche Leistungsdruck, Zeit- und Ressourcenmangel und letztlich schlicht die menschliche Irrtumsunterworfenheit werden niemals eine absolut gesicherte Diagnoseerstellung zulassen.

 

 


 

 

  1. Und so interessanter- wie naheliegenderweise hat dies Auswirkungen auf so unterschiedliche Professionen wie Musik-Open-Air-Veranstalter und auch verschiedene Winzer. []
  2. Ich selbst bin beim Philoblog über dieses Interview gestolpert. Im Litblog erfährt man, daß McEwan auch für den "Man Booker Prize" 2007 nominiert ist. Und hier und hier fand der Roman "Am Strand" trotz der Harry Potter Hysterie Erwähnung. []
  3. In seinem wunderbaren Debüt "Brichst du mir das Herz, brech’ ich Dir die Beine" sang Olli Schulz: "Nimm mein Mixtape, Babe." Und in der Blogsphäre hat sich inzwischen ein neues Genre – nämlich Mixtapegeschichten – etabliert. []
  4. Dankenswerterweise haben mich die Popnutten auf diese Neuerscheinung aufmerksam gemacht. []
Marc Scheloske
Marc Scheloske
Ich bin Sozialwissenschaftler und freier Journalist. Ich schreibe (Fach-)Artikel, blogge und führe Workshops und Schulungen zum Thema 'Wissenschaftskommunikation und Social Media' durch. → weitere Infos
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