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Bachmannpreis 2007 » Sonneneinfallswinkel und die Schatten der Zwerge – Der 3. Tag

30. Juni 2007 | 08:58 Gelesen: 9723 · heute: 2 · zuletzt: 22. October 2017 3 Reaktionen

Wer sich für den Bachmann-Wettbewerb interessiert, der weiß hoffentlich auch mit dem Namen Karl Kraus etwas anzufangen. Zumal es hier um Literatur geht und die Überschrift gibt ja bereits einen dezenten Hinweis. Aber da auch Leser aus Österreich zu erwarten sind, sollte man vielleicht doch noch ein paar klärende Worte anfügen. Denn allzu leicht könnte Karl Kraus, der 1936 in Wien verstorbene Satiriker, mit einem ebenfalls prominenten Sohn der Alpenrepublik verwechselt werden: mit Hans Krankl nämlich, dem wir zwar schöne Tore in den Fußballstadien dieser Welt verdanken, der aber eher selten solch erinnerungswürdige Sätze formulierte wie: "Wenn die Sonne der Kultur niedrig steht, werfen auch Zwerge einen langen Schatten."

Der stammt nämlich von Karl Kraus. Hier ist nicht der Platz, um Mutmaßungen anzustellen, welches Urteil Kraus über einen Literaturwettbewerb in der Art des Klagenfurter Schau- und Showlesens gefällt hätte. Möglicherweise möchte man es auch nicht wissen, denn sonst würde einem die Begeisterung vollends vergällt. Damit soll nun nicht gesagt sein, daß die vergangenen zwei Wettbewerbstage keine Höhepunkte gehabt hätten, aber dennoch sei die Frage erlaubt, nach welchen Kriterien sich die Rezeption der dargebotenen Texte richten kann.

Oder anders formuliert: wenn wir, wie gestern geschehen, erleben, daß ein auf den ersten Blick behäbig-braver Text, wie derjenige von Kurt Oesterle, bei der Jury schon fast Begeisterung hervorruft, dann stellt sich die alte Frage nach der Vergleichbarkeit von Literatur und v.a. der Verführbarkeit des Urteils. Denn, um nochmal auf Kraus zurückzukommen: wenn die Sonne der Kultur niedrig steht, wenn also – auf Klagenfurt gewendet – einen ganzen Morgen lang ziemlich unsägliche Texte vorgesagt werden, können unter diesen Umständen nicht schon automatisch alle halbwegs gelungenen Texte auf Beifall hoffen? 

Damit soll nicht gesagt sein, daß Oesterles oder Lichts Beiträge nicht auch Qualitäten aufwiesen, aber nachdem am Morgen eher Hausmannskost geboten wurde, konnte man der Jury durchaus nachsehen, daß sie sich bei Kurt Oesterles Nachkriegsskizzen erfreut zeigte und schließlich bei Peter Licht teilweise enthusiasmiert reagierte. Aber handelt es sich bei diesen beiden auch nur um Zwerge, die nur Nutznießer der vorhergehenden Darbietungen waren? Ist das Lob, die positive Kritik der Jury nur auf die Erleichterung von Radisch, Mangold und Co. zurückzuführen, nicht noch ein weiteres Mal gelangweilt worden zu sein?

Egal – der aufsehenerregendste Beitrag des gestrigen Tages war sicher derjenige von PeterLicht. Der öffentlichkeitsscheue Autor und Musiker richtete die Bitte an die Veranstalter, während der Lesung nicht gefilmt zu werden. Ein Novum in Klagenfurt, konsequent wenn man Peter Licht kennt. Alle, die Lichts bisheriges Schaffen verfolgt haben, waren dann vermutlich auch wenig überrascht von den trickreich-raffinierten Assoziationscollagen, die er in süffiger Vortragsweise zum besten gab. Wer sich die Mühe gemacht hat und den Text nochmals gelesen hat, stellt fest, daß Licht hier im weitesten Sinne auf hegel’schen Pfaden wandelt: der These, der Behauptung eines Sachverhalts, folgte – unter sukzessiver Einführung und Verschleierung durch Zwischenschritte – die Antithese, also die Negation des ursprünglich Gesagten. In der Folge wurde quasi-synthetisch das Produkt der Fingerübung in einer neuen Figur analog bearbeitet. Der ungetrübt strahlende Himmel wurde auf diese Weise unvorsehens zu einer "Erdmatsche" und schließlich entführte PeterLicht das Auditorium auf sein Sofa, nicht irgendeines wohlgemerkt, sondern ein "Sofa von hoher Qualität mit einem dementsprechend exzellenten Sitzkomfort." 

Ijoma Mangold stellte dankenswerterweise fest, daß der Text von hier aus als Rutschbahn zu einem vermeintlich katastrophalen Ende führt. Die Juroren, die sich äußern wollten, waren teilweise (wie Klaus Nüchtern, Iris Radisch oder Ijoma Mangold) begeistert; leider enthielten sich andere (wie Karl Corina oder Ursula März) ihrer Stimme. In der Blogsphäre wurde PeterLichts Beitrag noch kontrovers diskutiert und auch die Frage aufgeworfen, ob hier Feigheit oder Ermüdung der Juroren vorgelegen habe.1

Was aber erwartet uns mit hoffentlich ausgeschlafenen Juroren heute?

Mit Jan Böttcher beginnt der Autor, auf den ich persönlich am meisten gespannt bin. Er zählt auch zur Berliner Avantgarde und ist Sänger der Band "Herr Nilsson", die ich leider selbst nie gehört habe. Danach steht Björn Kern auf dem Programm, von dem ich ebenfalls nicht ohne Interesse lese, daß er in Südfrankreich in einer Psychiatrie arbeitet. Und nach Thomas Stangl beschließt den Reigen schließlich Martin Becker, der 1982 geboren, der jüngste Autor des diesjährigen Ingeborg-Bachmann-Wettbewerbs ist.

[Update: 9:25 Uhr]

Der gestrige Lesetag endete mit dem Auftritt von Popmusiker PeterLicht und heute früh beginnt mit Jan Böttcher ein Berliner Sänger und Texter. Rein phänotypisch ein typischer Vertreter der Diskurspoprockcommunity. Da er seinen Wecker heute überhört hat, sitzt er reichlich unrasiert auf der Bühne des ORF-Theaters, aber er liest ausgeschlafen. Jo Brüggemann, der Protagonist und Böttcher-Alter-Ego in der Erzählung "Fremdwärts" fährt mit dem Auto einen Fluß entlang und sucht im Sperrgebiet einen Übergang von West nach Ost. Nun ist er angekommen, das "Stairway to Heaven"-Gitarrensolo ist verklungen, und er sitzt am Bett seines bettlägerigen Großvaters.

Dieser, schwer krank, kultiviert ein innig-zärtliches Verhältnis zu seinem Defibrillator. Ansonsten  vertraut er weder Partei noch Vaterland. Die Kirche ist es, die ihm Halt gibt. Eine Generationen-Männer-Geschichte, die ausgebreitet wird. Inzwischen wird der fehlende Teil der Brüggemann’schen Männer-Riege eingeführt. Nach Großvater Fritz ist nun auch dessen Sohn Hans Brüggemann mit von der Partie. Böttcher erzählt ruhig, liest sympathisch und unaufgeregt. Ähnlich der Text. Er wird es schwer haben, möglicherweise. Es ist ein Abgesang und bitter-melancholischer Blick auf das Ende des real existierenden Sozialismus. Blickwinkel: die bäuerliche Großfamilie und Jo Brüggemann ist der letzte in der Folge und zweifelt, ob er den Hof übernehmen sollte.

Sehr klassisch kommt die Kurzgeschichte daher. Aber wenn die sprachliche Ausführung unspektakulär aber sauber zu nennen ist, so ist die psychologische Plotebene bisher sehr interessant dargestellt. Wir werden mit immer mehr Mosaikstücken ausgestattet, die einen Generationenkonflikt offenbaren und vor allen Dingen die Frustration des heranwachsenden und inzwischen erwachsenen Jo. Zunächst das asymmetrische Verhältnis zu und die wohlmeinende Bevormundung durch seinen Vater, dann die Unterordnung in die Polizeihierarchie in Hamburg.

Böttcher versteht durch genaue Beobachtungen zu gefallen und es gelingt ihm, durch wenige Sätze typische Verhaltensweisen der Protagonisten glaubhaft und plastisch darzustellen. Der Vater Hans hatte sich für die Erstellung eines Vogelatlas und die Dokumentation der Vogelstimmen begeistert und galt fortan erst recht als Sonderling in der Dorfgemeinschaft. Jo fühlt die Familienbande und die Mißachtung seines Vaters schmerzt ihn. Und als Erbe sieht er sich gezwungen, verpflichtet seinen Großvater Fritz zu betreuen. Und dann geht die bittere Nachwendeerzählung ihrem Ende zu. Der verhaltene-kontrollierte Ton gefiel mir sehr gut. 

[Update: 9:55 Uhr] 

Klaus Nüchtern sieht die Qualitäten des Textes genau darin, daß er Nuancen schildert und weder in einer Abrechnung, noch einer Feier dieser Welt mündet. Diese generationenübergreifende Geschichte pointiert nicht um der Effekte willen, sondern wirkt glaubhaft, präzise und sehr authentisch. "Sanfte Hommage an drei sture Hunde", so stellt Nüchtern fest. Und der lakonische Ton ist gewiß eine Stärke. Corino sieht Böttchers Text ebenfalls in "bester Tradition realistischen Erzählens". Er sieht eine plausible Synthese einer Familiengeschichte unter Bedingungen der Deutschen Spaltung, das Auseinanderreißen der Familie und die Wiedervereinigung gibt in Corinos Augen einen "ziemlich makellosen Text".

Ursula März hat auch wenig auszusetzen. Und auch der Gegenwartsbezug gefällt ihr. Dies im Hinblick darauf, daß gewisse Institutionen sich erschöpft haben und die Sorge, Pflege des Großvaters und berufliche Arbeit den jungen Jo beinahe überfordern, er diese Überforderung aber meist klaglos erträgt. Das kommentierende Nacherzählen, diese Zugangs- und Darstellungsweise sei es aber, die dem Text die Spannung raube. Daniela Strigl gesteht, daß sie abgesehen vom bislang genannten dennoch Probleme mit diesem Text habe. Ihre Einwände sind allerdings möglicherweise dem Mißverständnis geschuldet, daß Böttcher ja eben genau darstellen wollte, wie die Bürde der Geschichte die drei Männer immer noch belastet und in ihrem Alltag niederdrückt. Ilma Rakusa sieht mirkoskopische Details, in denen doch Spannungsmomente hervortreten. Iris Radisch erkennt an, daß hier Familien- und Nationalgeschichte ineinander verschränkt sind. Allerdings vermißt sie eine gewisse literarische Spannung. Und die Konstruktion, daß die drei Personen gleichzeitig drei Epochen verkörpern, erachtet sie als zu statisch und zu monumental gearbeitet.

Ijoma Mangold betont nochmals die positiven Elemente an der Erzählung des von ihm eingeladenen Autors und zerstreut Zweifel an der vermeintlich konstruierten und idealtypisch gearbeiteten Generationenfolge. Der lethargische Ton, der als Reaktion auf die Überforderung durch die geschichtlichen Umbrüche zu verstehen ist, ist – so Mangold und meiner Meinung nach ist ihm zuzustimmen – gerade die originäre Leistung dieses Textes.

[Update: 10:25 Uhr]

Gut, wer hätte anderes erwartet von einem, der in der Psychiatrie arbeitet? Björn Kern setzt ein mit der dementen Elsa Lindström. Eine "halbe Stunde noch", so ist seine Erzählung überschrieben und die Perspektive der alten Frau ist vielversprechend. Kern versteht es zu Beginn, deren Wahrnehmungsfokus glaubhaft in Sprache zu verpacken. Die Gerüche, die Erinnerungen, die Schmerzen, der Geschmack, die tastenden Sinnesempfindungen, sehr kleinteilig sind diese Beobachtungen. Endlich einmal eine Thematik, das Bemühen um einen Ton, der sich einem gesellschaftlichen Milieu widmet, der meist keine literarische Relevanz hat. Es ist geriatrische Literatur, die sich in die Bewußtseinsströme der alten Dame hineinzuversetzen sucht.

Die Phantastereien, die Tagträume der Elsa Lindström, die möglicherweise durch Medikamtente hervorgerufenen Halluzinationen: diese Elemente kombiniert Björn Kern zu einem Panorama des dahinsiechenden Lebens. Nun wendet sich der Text dem Pfleger Bruno zu, dessen Altag der Dekubitus der Alten ist. Dessen Alltag die am "Leben erhaltenen Toten" sind. Man merkt: Björn Kern weiß, wovon er spricht. Bruno, der sich zu Elsa Lindström aufmacht, wird an der Tür von "organischem Verwesungsgeruch" überwältigt. Eine halbe Stunde noch? Nun wird man das Ende der sterbenden alten Dame vorgeführt bekommen, oder? Starker Tobak so kurz nach dem Frühstück. Björn Kern schönt nichts. Sein Text, soviel steht jetzt schon fest, sollte allen Gesundheits- und Sozialpolitikern zur Pflichtlektüre gemacht werden. Und angehenden Zivildienstleistenden im Pflegebereich würde dieser Text auch alle Illusionen nehmen.

Kern nähert sich voller Respekt diesem Grenzbereich menschlichen Lebens. Dabei ist sein Blick niemals voyeuristisch. Kern hat eine ungeheure Begabung: die Begabung zur Empathie, die nicht falsche Rührseligkeit ist. Es ist unbestritten der stärkste Text des bisherigen Wettbewerbs, die Frage ist, ob Kern nicht überwältigt und den Respekt, den er seinen Protagonisten gegenüber aufbringt, seinen Lesern gegenüber vermissen läßt? Ist es opportun, die Leser mit der Schilderung dieser Details so zu berühren? Ja, ist es. Ein notwendiger Text. Die Sprache ist kunstvoll, sie spielt sich aber nicht in den Vordergrund, ist aber stark genug, um ihrem Sujet gerecht zu werden. Eine Sprache, die hier weniger kraftvoll und sichtbar wäre, würde sich feige hinter den Schilderungen wegducken und wäre bloße Dokumentation, das macht Kern nicht. Kerns Text ist mutig und sein Duktus erinnert an manchen Stellen immer wieder an den Rhythmus, den etwa ein Paul Celan so meisterlich vorgegeben hatte.

Endlich Literatur, die sich nicht selbstgefällig im Kreise dreht, sondern etwas zu erzählen hat. Und sie ist meisterlich ausgeführt.

[Update: 10:55 Uhr]

Und Ursula März fängt gleich eingangs mit dem erwähnten Punkt an, daß nämlich der Gegenstand, die Thematik den Text auch gleichzeitig unangreifbar mache. Verbietet sich hier Kritik, da der Gegenstand eigentlich jede Krittelei, jedes Nörgeln verbietet? Aber liegt Ursula März hier richtig? Ich habe große Zweifel, ob ihre Zweifel angebracht sind. In meinen Augen hat Frau März einen anderen Text gehört – sie schildert ihre Wahrnehmung und merkt an, daß Frau Lindström gleich eingangs lächerlich gemacht werde. Nun ja, hoffentlich eine Privatmeinung.

Auch Martin Ebel äußert sich überraschend negativ. Er formuliert seine Bedenken, ob die Schilderungen glaubhaft sind, auch die Erzählperspektiven hält er für unglaubwürdig. Nun fällt auch Daniela Strigl in die Kritik ein. Sie hadert mit der Sprache, die dem Gegenstand nicht angemessen sei. Auch die Poetisierung mißfällt ihr. Ijoma Mangold erkennt immerhin an, daß hier handwerklich nichts mißlungen ist. Allerdings formuliert er seine Skrupel, er sieht hier einen "moralischen Erpressungstext" vorliegen, der mit dem Finger auf den Gegenstand zeigt und dem Leser zuruft: "Schau her!" Mangold artikuliert sein Unbehagen an der Brachialität der Mittel.

André Heiz beginnt wieder einmal umständlich zu schwadronieren. Die Sprachkraft erkennt er an, aber auch er zweifelt an der legitimen Gegenstandswahl. Die Schilderung des Sterbens sei "peinlich mißlungen", so Iris Radisch. Woher aber, weiß Frau Radisch, daß die Schilderung des Sterbens, wie Björn Kern es ausführt, nicht glaubhaft ist? Nun aber Klaus Nüchtern: er warnt vor den Manipulationsvorwürfen, auch sieht er keine Koketterie. Er versucht sich an einer kleinen Ehrenrettung. Immerhin. Ursula März begibt sich wieder auf den Holzweg und stellt die mehr als seltsame Frage, weshalb der Text kaum komische Elemente beinhalte. Muß der Text komisch sein? Und sie insistiert darauf, daß hier die Entmündigung der alten Dame im Text verdoppelt würde. Nun ja, heute wird also das hohe Lied der Sprachökonomie gesungen und Kerns Energie und Sprachgewalt wird etwa von Ilma Rakusa als "Überinstrumentierung" gescholten.

Nun hat Karl Corino das Schlußwort: er weist nochmals auf Björn Kerns erfahrungsgesättigten Hintergrund hin; die Akzentsetzung auf die abstoßenden Äußerungsformen des Alterns sieht er aber als Qualität und bedauert, daß es hier von den Kollegen als "Erpressungsversuch" mißverstanden wurde. Nun tritt Corino nach, das muß man mit Iris Radisch feststellen, und reagiert trotzig, da PeterLichts Text am Vortag in seiner Bagatellisierung des Todes hymnisch gefeiert wurde. Die Jurykollegen verteidigen sich und geben zu Protokoll, daß sie am Anliegen des Textes, der Thematisierung des Alters, nichts auszusetzen haben. Nun wird es hitzig, Corino weist nochmals auf den "Affenzirkus" um den gestrigen PeterLicht-Text hin und Frau Radisch kontert ungehalten und versucht sich als Juryvorsitzende zu positionieren. Hier ist Streit vorprogrammiert. Schade, daß der Text von Björn Kern hier so abgebürstet wurde und nun auch noch in den kollegialen Streit hineingezogen wird.

[Update: 11:50 Uhr]

Thomas Stangl hat die schwere Aufgabe nach dieser hitzigen Diskussion seinen Text zu präsentieren. Er liest sehr uninspiriert, böse gesagt: langweilig und einschläfernd. Aber geben wir ihm eine weitere Chance. Vielleicht hat er hypnotische Absichten? Stangl schildert gemächlich, gemächlich wie sein Vortrag. Er reiht Alliterationen aneinander. Leider muß man vermuten, daß Stangls fad-monotone Sprechweise den Text ("Text für Klagenfurt") schlechter erscheinen läßt, als er ist. Sehr brav alles. Wieder einmal unambitionierte Hausmannskost. Ich ahne, daß ich Stangl Unrecht tue, aber seine Motivation will sich mir nicht erschließen. Erstaunlich, daß er auch Kandidat von Iris Radisch ist: wenn PeterLichts Auftritt gestern Jazz war, dann ist Stangl heute der Grabgesang.

Vermutlich hätte man den Text auch im Vorfeld lesen müssen. So dröge kann er nicht sein, wie er nun nach Kerns fulminantem Auftritt erscheint, aber im Moment will sich mir nicht erschließen, was mir Stangl sagen will mit:

er sieht sich für Momente als ein knollenförmiges loses Gebilde aus Drähten, ein kleinerer Auswuchs, sein Bruder, ein knollenförmiges loses Gebilde aus Drähten, ist durch einen einzelnen dünnen Draht mit ihm verbunden; er wird von Menschenhänden gepackt und zusammen mit dem neuen Bruder in eine kleine Kiste gesteckt, deren Deckel schlecht schließt, weil der Auswuchs (sein Bruder, sein Kind), kaum hineingebogen, immer wieder an dem dünnen Draht, wie an einer Sprungfeder, hochschnellt: er spürt es als eine Art von gemeinsamem Lachen, schläft für Sekunden, taucht für Sekunden unter in der vollkommenen Leere.

Ich kann mir gerade aber kein rechtes Urteil anmaßen. Vielleicht später nochmal in Ruhe durchlesen und nun abwarten, was die werten Juroren und Streithähne wissen.

[Update: 12:15 Uhr]

Daniela Strigl stellt fest, was immer mehr klar wurde, daß hier wieder eine solipsistische Position eingenommen wurde. Der Protagonist suche Wege in die äußere Welt, die er sich aber immer  körperlich-leiblich auf Distanz zu halten versucht. Sie betont die Kunstfertigkeit, wie der Text auf die Auflösung und das Nichts zustrebe. Aha, und der Vortrag sei hier adäquat gewesen. Rätselhaft.

Auch Ilma Rakusa verleiht ihrer Bewunderung Ausdruck. Es handele sich um eine Geschichte über Zeit und Raum. Es muß am Vortrag gelegen haben, alles was zu hören war, war unendlich fad und einschläfernd. Martin Ebel stellt fest, daß es sich um einen schwierigen Text handelt. Nun gut, dem war ich nach der Aufregung von vorhin noch nicht gewachsen. Ebel agiert schon die letzten Tage wohltuend nüchtern. Er bemüht sich analytisch den Texten gerecht zu werden, das schätze ich. Insofern hat er sich jedenfalls bei mir einen Vertrauensvorschuß erarbeitet und er schließt: "Er läßt mich auch völlig kalt."

Puh! Ich bin beruhigt. So falsch lag ich nicht. Nun Mangold: er verbeugt sich vor Stangl und dessen Erinnerungsarbeit.  Für ihn handele es sich bei Stangl um einen fleißigen Komponisten, der präzise immer neue Knotenpunkte aneinanderreiht, allerdings habe der Text keine Form, keine Struktur. In diesem Sinne hält er den Text doch für belanglos. Auch Ursula März fehlt die Dynamik und der Text hinterlässt ein Unbehagen bei ihr.

Nüchtern gefällt mir immer besser: er gesteht zwar eine suggestive Kraft zu, aber bemängelt die monotone Gleichförmigkeit. Er sieht aber "grandiose Beschreibungen". Heiz fängt zu philosophieren an. Er verweist auf Emmanuel Levinas, den er aber – wenn ich richtig zugehört habe – als "Lebinas" gesprochen hat. Nun ja, man könnte freilich mit Fritz Teufel feststellen: "Wenn es der Wahrheitsfindung dient."

Iris Radisch lobt die Weltfülle und bestreitet hier, daß der Ich-Erzähler sich in einer solipsistischen Perspektive eingekapselt habe. Immerhin gesteht sie zu, daß sie Unsinn erzähle. Wie war das noch mit der Selbsterkenntnis? Wir dürfen also auf Besserung hoffen. Dennoch: der Stangl-Sound will sich mir nicht erschließen. Und inwiefern dieser Text "beglückend" sein soll, kann ich auch nicht nachvollziehen. Frau Rakusa gibt zu Protokoll, daß sie dem Text zugute halte, daß er "pointenlos" sei: man könnte auch sagen er ist witzlos.

Corino hadert ein wenig und schmollt. Er erkennt wenig Neues, sondern sieht ihn in der hinlänglich bekannten Tradition des "Ich ist ein anderer". Er bemühe sich, das Subjekt in seiner Wahrnehmungswelt zu verstehen. Und er weist auf die, seiner Ansicht nach, fehlende Struktur hin. Er will keine Komposition erkennen, keine gewobene Struktur, sondern eher ein unentwirrbares Knäuel, das durch die Vortragsweise noch unentwirrbarer geworden sei.

[Update: 12:50 Uhr]

Martin Becker beginnt endlich schwungvoller. Er liest über "Dem Schliff sein Tod". Wohltuend lebendig, nicht großartig bislang, aber vielversprechend. Die Schrullen und Marotten des Kleinbürgertums sind sein Gegenstand. Schliff hat sich das ältere Ehepaar Jung als Untermieter ins Haus genommen. Auch der Gesellschaft wegen. Und dann der Wechsel zu einem anderen Ort, der andere Erzählstrang: Schliff hat Handwerker bestellt, sie sollen die verschimmelten Wände der leeren Wohnung beseitigen. Doch Huber und sein Hiwi Gogo sind von einem Kaffeeautomatenlieferdienst. Mit Wohnungssanierung haben sie nichts am Hut.

Nun Rückblende, die verflossene Liebe. Schliff kommt – so wird deutlich – mit seinem Leben nicht zurecht. Er ist chaotisch. Tatsächlich: er hatte die Kaffeeautomatenfirma beauftragt. Sein Fehler. Er ist hilflos, seine verschwundenen Hunde bekommt er auch nicht wieder. Er wird abgezockt: vom Hundefänger, der ihm andere Hunde übergibt, nicht diejenigen, die ihm entlaufen waren. Aber Schliff reklamiert nicht. Und bei allem sucht er, sein Gesicht nicht zu verlieren. Er kann und will seine Fehler nicht eingestehen. Genauso bei der Kaffeemaschine – "dem vollautomatischen Kaffeeautomat für den mittelgroßen Betrieb" – er weist Huber und seinen Gehilfen an, das Gerät zu installieren. Wenn schon untergehen, wenn schon scheitern, dann mit wehenden Fahnen.

Nun rutscht die Story ins Absurde. Lustig zum Teil, aber das wird keine Gnade finden, fürchte ich. Die Situation gerät zunehmend aus den Fugen. Deutlich wird: Schliff braucht Gesellschaft. Egal ob es sich um das ältliche, zunehmend verwirrte Ehepaar oder die Handwerker handelt. Oder eben die Hunde, deren Fehlen als wunder Punkt in Schliffs Leben die dominierende Rolle spielt. Insgesamt gefällig, aber es wird Kritik hageln.

 [Update: 13:10 Uhr]

Ursula März konstatiert eine Munterkeit, die der Text ausstrahle, fühlt sich an Loriot erinnert, bedauert aber, daß hier lediglich eine Drehbuchvorlage für eine Slapstickkomödie vorliege. Daniela Strigl bemüht sich um eine versöhnliche Kritik und ihr ist es "too much". Die Vielzahl der durchgeknallten Charaktere, die in der Geschichte sich abwechseln, seien doch zuviel des Guten. Irirs Radisch, man staunt, findet die Erzählung komisch, fühlt sich seltsamerweise an Frischs "Biedermann und die Brandstifter" erinnert. 

Martin Ebel fühlte sich gut amüsiert, kann aber dennoch keine große Begeisterung für den Text aufbringen. Ijoma Mangold äußert den Verdacht, daß die Komik doch nur Selbstzweck ist und keinem anderen Zeck dienlich ist. Heiz wird gegen Ende der Diskussionen immer kritischer. Allerdings bemängelt er zu Recht, daß es unverständlich bleibt, weshalb die sentimentale Ebene (das Verlassenwerden durch die Frau) überhaupt eingeführt wurde. Klaus Nüchtern reklamiert die "Genußbestrafungsmanie" der Kollegen und erkennt in der Überpointierung eine gewisse "Metakomik" und fühlt sich schlicht gut unterhalten. 3sat folgt sklavisch dem Sendezeitprotokoll und blendet sich leider aus. Schade, aber nun ist es auch gut. 18 Autoren, 18 Texte und 18 anschließende Diskussionen sind genug.

Nun aber gilt es, etwas Abstand zu gewinnen, das Gehörte sich setzen zu lassen. Ab 13.30 Uhr ist es für alle Interessierten möglich, auf der Seite "www.bachmannpreis.at" eine Stimme für den Publikumspreis abzugeben. Dies soll wohl durch ein Mailvoting geschehen. Bislang ist dort noch nichts eingestellt, all diejenigen, die aber am heutigen Vormittag den Text von Björn Kern besser gefunden haben als die Jury, haben dort die Möglichkeit ihr Urteil mit in die Preisfindung einfließen zu lassen.  

[Update: 13:15 Uhr] 

 So, nun ist, soweit ich sehe, hier die Seite für die Abstimmung zum Publikumspreis online.

 


 

Wie bereits gestern und vorgestern wird auch heute in der Wissenswerkstatt das Wettlesen um den Ingeborg-Bachmann-Preis 2007 bloggenderweise live begleitet. Die Beobachtungen der Vorgänge in Klagenfurt werden unmittelbar festgehalten und niedergeschrieben, es ist der Versuch die spontanen Eindrücke zu dokumentieren, auch auf die Gefahr hin, daß sich erste Urteile als falsch erweisen.

Wer zu den Zeitgenossen zählt, die sich keine Fernsehkiste leisten wollen oder wer sich einzelne Beiträge nochmals ansehen will, der sei auf die ausgezeichneten Audio- und Videomitschnitte hier verwiesen.


 

Die heutige Lesereihenfolge:

15 (09.00 – 10.00 Uhr) Jan Böttcher
16 (10.00 – 11.00 Uhr) Björn Kern
17 (11.00 – 12.00 Uhr) Thomas Stangl
18 (12.00 – 13.00 Uhr) Martin Becker

 


Literaturempfehlungen zu den heutigen Autoren:

Jan Böttcher » 2003: Lina oder: Das kalte Moor | 2004: Der Krepierer | 2006: Geld oder Leben

Björn Kern » 2001: KIPPpunkt | 2006: Einmal noch Marseille | 2007: Die Erlöser AG

Thomas Stangl » 2004: Der einzige Ort | 2006: Ihre Musik

Martin Becker » 2007: Ein schönes Leben


 

Literaturempfehlungen zu den Autoren von gestern:

Silke Scheuermann » 2001: Der Tag an dem die Möwen zweistimmig sangen | 2004: Der zärtlichste Punkt im All | 2005: Reiche Mädchen | 2007: Die Stunde zwischen Hund und Wolf | 2007: Über Nacht ist es Winter

Ronald Reng » 2002: Der Traumhüter | 2003: Mein Leben als Engländer | 2004: Gebrauchsanweisung für London | 2005: Fremdgänger

Dieter Zwicky » 2002: Der Schwan, die Ratte in mir | 2006: Reizkers Entdeckung

Michael Stavaric » 2005: Europa – eine Litanei | 2006: Stillborn | 2006: Gaggalagu. (Kinderbuch) | 2007: Terminifera

Milena Oda » 2007: Der Briefschreiber

Kurt Oesterle » 2002: Der Fernsehgast oder Wie ich lernte die Welt zu sehen | 2003: Stammheim. Der Vollzugsbeamte Horst Bubeck und die RAF-Häftlinge

PeterLicht » 2006: Wir werden siegen – Buch vom Ende des Kapitalismus | 2003: Stratosphärenlieder (CD) | 2006: Lieder vom Ende des Kapitalismus (CD)

  1. Kritische Stimmen erhoben sich hier, hier und hier. []
Marc Scheloske
Marc Scheloske
Ich bin Sozialwissenschaftler und freier Journalist. Ich schreibe (Fach-)Artikel, blogge und führe Workshops und Schulungen zum Thema 'Wissenschaftskommunikation und Social Media' durch. → weitere Infos
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