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Unter ferner liefen… » Über die fortschreitende Invisibilisierung der Leichtathletik im Sportjournalismus

27. Juni 2007 | 13:14 Gelesen: 8987 · heute: 2 · zuletzt: 16. December 2017 2 Reaktionen

Die Leichtathletik ist auf den Hund gekommen. Dabei haben sich die Leichtathleten und vor allem ihre offiziellen Repräsentanten in den Verbänden lange dagegen gewehrt anzuerkennen, daß die Leichtathletik längst nur noch als Marginalie im Feld der Sportberichterstattung abgehandelt wird. Aber an dieser Einsicht führt kein Weg vorbei, es ist zu offensichtlich. Diese einstmals so stolze Sportart, die als selbstverständlicher Referenzpunkt für alle athletische Betätigung galt, kauert eingeschüchtert und gedemütigt als graues Aschenputtel in irgendeinem Eck der Sportredaktionen. Aufmerksamkeit und Beachtung – und das heißt nichts anderes als Sendezeit und Zeitungsspalten – ist für andere Disziplinen reserviert. Die Leichtathletik, die immer noch gerne als olympische Kernsportart bezeichnet wird, steht kurz vor ihrer Invisibilisierung: sie wird unsichtbar.

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Während die Sieger anderer Sportarten – ganz egal, ob sie in Langlaufloipen durch verschneite Winterlandschaften oder in rasender Fahrt auf zwei Rädern hintereinander herjagen – sich nach Zielankunft im Blitzlichtgewitter der Photographenmeute sonnen, trotten die Leichtathleten des Jahres 2007 unbeachtet und gesenkten Hauptes in die schützenden Katakomben der Stadien. Das Interesse der Medien an den Nachfolgern von Armin Hary, Klaus Wolfermann, Ulrike Meyfarth, Dieter Baumann oder Heike Drechsler könnte geringer kaum sein. Aber woher rührt dieser Bedeutungsverlust? Ist es das vermeintlich spröde leichtathletische Repertoire, sind es möglicherweise antiquiert anmutende Disziplinen, die dem Anspruch eines modernen Sportjournalismus nicht mehr genügen? Oder fehlen die Typen, die charismatischen Sportler, die als Idole taugen und Wiedererkennung sowie Einschaltquoten garantieren? Ist – so ließe sich der Verdacht auf den Punkt bringen – die Leichtathletik zu wenig sexy?

Sexappeal und patriotische Gefühlswallungen 

Anders formuliert: was haben andere Sportarten, was die Leichtathletik nicht hat? Denn sowohl die spiel- und ballzentrierten Übungen, als auch etwa die individualistischen nordischen Sportarten genießen eher mehr denn weniger Aufmerksamkeit. Denn Sport und auch dessen Berichterstattung liegt im Trend. Und das nicht erst seitdem die Nation im Fußball-WM-Taumel ihren sanften Patriotismus entdeckte und lieben lernte. Und ganz egal, ob die deutsche Hymne bei den Siegerehrungen Boris Beckers, Steffi Grafs, Michael Schumachers oder beim in Ungnade gefallenen Jan Ullrich gespielt wurde: dem Selbstwertgefühl der Sportnation waren und sind solche Erfolge seit jeher zuträglich. Und den siegreichen Athleten wird es gedankt. Mit Werbeverträgen und – was zugegebenerweise einander bedingt – mit einer Ausweitung der Berichterstattung und gesteigerter Medienpräsenz.

Es handelt sich also, in ökonomischer Terminologie, um klassische Win-Win-Situationen: der Sieger und mit ihm seine Sportart profitieren genauso wie der Sportjournalismus (dessen Leserzahlen steigen) und die Werbeindustrie. Großflächige Werbeaufdrucke auf Leichtathletiktrikots sucht man freilich vergebens. Produziert also zumindest die deutsche Leichtathletik keine Sieger? Ist das der Knackpunkt?

Bemühungen des Sisyphos 

Wer die Szene beobachtet, erkennt sehr schnell, daß es daran nicht liegen kann. Nehmen wir nur etwa Lars Riedel, den Olympiasieger von Atlanta und fünfmaligen Weltmeister im Diskurswerfen. Er dominierte seine Disziplin weit über 10 Jahre, er ließ seinen muskelbepackten Körper goldbemalt in griechisch-antiker Pose für Magazine ablichten und als Typ knuddelig-gemütlicher Bär stand er durchaus authentisch allen Reporterfragen und Interviewwünschen zur Verfügung. Wieso blieb Riedel aber dennoch nur eingefleischten Leichtathletikfans ein Begriff? An seinem markanten Kinn kann es nicht gelegen haben, da befindet er sich in bester Gesellschaft zu Michael Schumacher.

Oder war Riedel schlicht nicht blond genug? Dann nehmen wir eben Christina Obergföll, um uns der aktiven Athletengeneration zuzuwenden. Christina Obergfö… – wer? Genau! Die lustig, lebhafte Lehramtsstudentin aus dem badischen Offenburg wurde zwar 2005 – gerade mal 23-jährig – Vizeweltmeisterin im Speerwerfen, aber ihrem Bekanntheitsgrad war auch dieser sensationelle Erfolg nur unwesentlich zuträglich. Von Popularität ganz zu schweigen. Aber genau diese Christina Obergföll warf ihren Speer am vergangenen Samstag im Münchner Olympiastadion 70,20 m weit. Europarekord! Und ihre Freudentänze sind – das sei allen gesagt, die ihren Jubel nicht gesehen haben – genauso sehenswert, wie ihr kraftvoller Wurfstil. Aber, die Wette gehe ich hiermit ein, binnen Wochenfrist, wird der Name von Christina Obergföll auch sportinteressierten Zeitgenossen nicht mehr fehlerfrei über die Lippen kommen.

Sendezeit: Gnadenerweis des Sportjournalismus  

Und überhaupt: die Berichterstattung über das zurückliegende Europacup-Wochenende ist nur noch ein weiterer Beleg für die These, daß die Leichtathletik bei den Sportjournalisten in Ungnade gefallen ist. Daß es an den Leistungen der Athleten – zumal der deutschen – und an der Spannung der Wettkämpfe nicht gelegen haben kann, steht außer Zweifel. Die Sonne über dem wunderschönen Münchner Stadion strahlte aus einem fürstlich weiß-blauen bayerischen Himmel: mutig stürmende Youngsters verblüfften mit harten Schlußspurts genauso, wie man sich über die souveränen Erfolge der Routiniers freuen konnte. Aber wer nahm es zur Kenntnis? Während die Fernsehübertragung am Samstag noch leidlich war, wurden die Entscheidungen am Sonntag auf eine knappe Stunde gedrängt und verstümmelt. Für die Bekanntgabe des spannenden Endergebnisses der Männergesamtwertung blieb erst überhaupt keine Zeit. Es wurde bezeichnenderweise ausgeblendet.

Nun kann man lange lamentieren, daß der Reiz der Leichtathletik nicht zuletzt darin begründet liegt, daß ein Wettbewerb sich in seinem Verlauf „entwickelt“; wie oft haben wir es erlebt, daß in technischen Disziplinen der sicher geglaubte Sieger im letzten Versuch noch von einem Konkurrenten übertrumpft wurde. Der komprimierte Fernsehmitschnitt ist aber das Fast-Food des Journalismus. Die Häppchen sind möglicherweise leicht verdaulich, aber die Vielfalt, der Reichtum an Eindrücken geht verloren. Kein Wunder also, daß sich dem eher versehentlich mit Leichtathletik konfrontierten Zuschauer, der am Sonntagnachmittag ins Sportprogramm schaltete, der Reiz dieser Sportart nicht erschließen mag.

Vom Randphänomen zur vollständigen Negierung

Kaum anders und erfreulicher übrigens die Berichterstattung in den Printmedien. Gut, die Süddeutsche Zeitung, immerhin in München vor Ort, ragt hier wohltuend heraus. Eine ganze Seite räumt sie am Montag [25.6.2007] der Nachbetrachtung ein. Aber die Medienlandschaft hat sich verändert – die Onlineportale sind ein immer mächtigerer Faktor. Und hier, man kann es kaum anders sagen, fand Leichtathletik überhaupt nicht statt! Der Blick der Online-Sport-Leser fand schlagzeilenträchtige Informationen zum allgegenwärtigen Motorsport, zu American Football, dem Erfolg Bamberger Basketballer oder einem ebenfalls in München stattfindenden Golfturnier. Aber Leichtathletik? Fehlanzeige! Stattdessen nahmen die Berichte über die Segelwettfahrt zwischen einer Schweizer Yacht und dem Team Neuseelands breiten Raum ein. Und daß die Fußballwechselmeldungen kein Ende nehmen, versteht sich von selbst. Im selbsternannten und durchaus ambitionierten Berliner-Hauptstadtblatt „Tagesspiegel“ findet sich online bis heute nicht eine versteckte Notiz zum Abschneiden der deutschen Europacupmannschaften.

Doch welche Gründe sind für dieses ostentative Desinteresse der Sportredaktionen denkbar? Eine innere Gesetzmäßigkeit, derzufolge die Leichtathletik an die Ränder abgedrängt wird, erschließt sich auf den ersten Blick nicht. In den Journalistenschulen der Republik versucht man sich in solchen Fällen mit Konzepten der Nachrichtenwert-Theorie zu behelfen: denn über welche Themen mit welchem Umfang berichtet wird, ist schließlich – so auch das Selbstverständnis der Sportjournalisten – keineswegs beliebig. Nähe zu den Rezipienten, Relevanz, Dramatik, Kontinuität, Anschlußfähigkeit oder Personalisierung, auf solche Schlagworte hören diese Faktoren, die den Stellenwert einer Meldung beziffern. Wer mir erklären kann, wieso aber beispielsweise eine Wettfahrt um den Americas Cup zwischen der Yacht eines sicher nur Insidern bekannten schweizerischen Biotech-Unternehmers gegen das Neuseeländische Team, auf der Skala des Nachrichtenwerts um ein vielfaches höher eingestuft wird, als das vor der Haustür stattfindende Leichtathletikgroßereignis mit vielen bekannten und einigen hoffnungsvollen jungen Gesichtern, soll sich bitte bei mir melden.

Denn ich würde es gerne verstehen, wieso die Leichtathletik zum häßlichen Entlein mutiert ist und ihre Ergebnisse lediglich noch in der Fußzeile auftauchen und zwar unter der Überschrift „Unter ferner liefen: …“

 

 


Berichterstattung der Süddeutschen Zeitung:

 

Weiterführende Literatur:

 


 

 

Marc Scheloske
Marc Scheloske
Ich bin Sozialwissenschaftler und freier Journalist. Ich schreibe (Fach-)Artikel, blogge und führe Workshops und Schulungen zum Thema 'Wissenschaftskommunikation und Social Media' durch. → weitere Infos
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