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Abmahnwelle in Sachen Doping? – Wie schnell man unbeabsichtigt Persönlichkeitsrechte verletzt? Welche Rechercheverpflichtungen habe ich als Blogger?

4. Juni 2007 | 19:20 Gelesen: 19175 · heute: 3 · zuletzt: 20. August 2018 36 Reaktionen

Wie vielleicht manch einer hier mitverfolgt und mitgelesen hat, habe ich die letzten 10 Tage einige ausführliche Artikel im Bezug auf die Dopingproblematik vor allem im Radsport verfasst. Am vergangenen Mittwoch, den 31. Mai habe ich einen sehr umfangreichen Beitrag [hier!] eingestellt, der sich mit der Vergangenheit einiger Freiburger Sportmediziner beschäftigt. Meine Informationen habe ich selbstverständlich gründlich recherchiert.

Nun erreicht mich beim Abrufen meiner Mails vor ca. 40 Minuten ein Schreiben eines Rechtsanwalts, der einen in Freiburg beschäftigten Mediziner vertritt. Das Schreiben datiert von heute, 12:24 Uhr – darin wird mir vorgeworfen, ich hätte den Eindruck erweckt, der besagte Mediziner sei für Dopingvergehen (mit-)verantwortlich. Das sei – so die Ausführungen des Anwalts – nicht zutreffend.

In der Anlage wurde mir eine Unterlassungsverpflichtungserklärung zugesandt, um diese Behauptung zurückzunehmen. Diese Erklärung hätte ich bis ebenfalls heute, 18.00 Uhr zurücksenden sollen. Außerdem kommt offenbar die Übernahme des Anwaltshonorars in Höhe von 891,31€ auf mich zu.

Wie Ihr Euch denken könnt, bin ich im Moment sehr überrascht, frustriert und entsetzt. Schließlich bemühe ich mich hier in der Wissenswerkstatt seriös recherchierte Artikel und solide Informationen einzustellen. Finanzielle Interessen verfolge ich damit keine. Obwohl ich als Doktorand der Sozialwissenschaften (ohne Stelle an der Uni!) keineswegs auf Rosen gebettet bin, leiste ich mir hier diesen idealistischen Luxus eines Blogs und dann sowas.

Zur Klarstellung: bei dem fraglichen Arzt handelt es sich nicht um einen der Herren Klümper, Kindermann oder Huber. Das Anwaltsschreiben wurde im Auftrag eines Mandanten erstellt, dessen Name genau einmal im Text vorkommt. Ohne nähere Details, ohne Vornamen, ohne Titel. Ich habe von der angeblichen Verstrickung – die möglicherweise, was ich gerne glaube, nicht zutrifft – in der Süddeutschen Zeitung vom 29.5.2007 gelesen.

Deshalb meine Fragen an Euch:

1. Kann es mir zugemutet werden, eine Information, die in einer seriösen Tageszeitung verbreitet wird, nochmals meinerseits zu überprüfen?

2. Wie sieht es mit den Fristen aus? Ich finde es recht knapp bemessen, auf eine Aufforderung, die mir um 12:24Uhr zugesandt wird, binnen 5 1/2 Stunden reagieren zu müssen. Zumal die Mail in meinem Spampostfach gelandet ist und ich ohnehin erst um 18:30Uhr (also nach Verstreichen der Frist) die Mails abgerufen habe.

3. Die Anwaltskosten in Höhe von knapp 900,- Euro finde ich auch durchaus großzügig bemessen. Sind solche Sätze üblich?

4. Für mein Gefühl hätte es längst ausgereicht, mich freundlich aber bestimmt auf diese in Frage stehende Persönlichkeitsverletzung hinzuweisen. Ich hätte den Namen sofort gelöscht – ich bin ehrlicherweise erstaunt über dieses Vorgehen.

5. Ich bin zweifellos der Ansicht, daß es nicht im mindesten statthaft ist, Personen in Verbindung mit unlauteren Praktiken zu bringen, wenn dies nicht zutrifft. Ich hatte zu keinem Zeitpunkt die Absicht, den Namen bzw. die Person des Arztes hier zu diffamieren.
Was mich ein klein wenig stutzig macht: der Artikel ist (auf Din A4-Seiten gerechnet) ca. 15 Seiten lang. Der Name des Mandanten spielt nicht einmal eine Nebenrolle, sondern wird lediglich1 in einer Aufzählung genannt. Mehr nicht! D.h. aber auch, daß hier offensichtlich nach Fällen der Persönlichkeitsverletzung aktiv gesucht wurde. Dann in meinem Falle gleich so massiv (kurze Frist+hohe Anwaltskosten) aufzutreten, halte ich hinsichtlich der Wahl der Mittel für nicht unbedingt fair.

Was meint Ihr?

Es gibt doch Erfahrungen in der Blogcommunity mit Abmahnungen. Wer weiß, wie ich hier vorgehen soll?

Wurde jemand anders auch im Kontext der Dopingberichterstattung mit einer Unterlassungserklärung konfrontiert?

 

 


 
Update – 4. Juni | 23:40 Uhr:

Besten Dank für eure vielen hilfreichen Ratschläge und die informativen Links, sowie den seelisch-moralischen Beistand.  Ich habe meinen Fall inzwischen auch noch im Abmahnblog eingestellt und dort nochmals meinen Standpunkt dargelegt.

Inzwischen habe ich gelernt, daß offenbar im Zivilrecht die Zustellung einer Abmahnung per Mail durchaus legitim ist, die wahnwitzig kurze Frist allerdings nicht unbedingt den Regeln entspricht. [Danke für den Hinweis, RA Dominik Boecker]

Ich bin gerade dabei, Udo Vetters Einschätzung in der Sache einzuholen und werde auch noch versuchen, Kontakt zu den Journalisten herzustellen, die über den Vorwurf an die Adresse des Arztes berichtet haben. Außerdem werde ich – so es mir gelingt – die ehem. BDR-Präsidentin Sylvia Schenk kontaktieren, auf deren Darstellung die Vorwürfe basieren.

Noch ein kurzer klärender Hinweis:

In meinem Beitrag ging es mir darum, die über viele Jahrzehnte hinweg bestehende Verbindung zwischen dopenden Sportlern und verschiedenen Ärzten der "Freiburger Schule" darzustellen. Ich habe dabei auch versucht zu zeigen, daß sich die Ärzte sicherlich selbst oftmals in einem Konflikt befinden und teilweise sogar das Motiv der Schadensbegrenzung2 gegeben ist. 

Worauf es mir ankam war, daß die nun geständigen Dopingärzte Schmid, Heinrich und Huber innerhalb einer Traditionslinie stehen, die auf die ebenfalls in Dopingfälle verstrickten Koryphäen der westdeutschen Sportmedizin Keul, Klümper und Co. zurückreicht. Der Arzt, dessen Anwalt mich nun verklagt, hat mich in diesem Kontext im Grunde überhaupt nicht interessiert. Es war eher ein Zufall, daß ich von den Vorwürfen gegen ihn gelesen habe. Deswegen habe ich in einer Aufzählung seinen Namen genannt und einen Link auf einen Zeitungsartikel gesetzt, wo dann auch zu lesen war, daß er selbst die Vorwürfe abstreitet.

Die strittige Passage aus meinem Artikel lautete so:

"Was man in den letzten Tagen zumindest lernen konnte: die für Dopingvergehen (mit-)verantwortlichen Ärzte hören nicht nur auf beruhigend fremdländische Namen wie beispielsweise Eufemiano Fuentes. Im Gegenteil: es sind – gerade in Sportkreisen wohlklingende – Namen wie Heinrich, Schmid, Huber oder XXXXXXX. Und sie stehen oder standen interessanterweise alle in Diensten der Freiburger Universitätsklinik für Sportmedizin. Kann das ein Zufall sein?"

Dort, wo jetzt das "XXXXX…" steht, stand ehemals der Name des fraglichen Arztes. Dazu eben der Link auf den Artikel, in dem weiterführende Informationen vorhanden waren. Mehr habe ich nicht gemacht. Ich selbst habe nicht einmal in einem Halbsatz eine Aussage über den besagten Arzt getroffen.

Und, wenn ich mir die Formulierung nochmal genau ansehe: ich schreibe von "…(mit-)verantwortlichen Ärzten…" – ich würde ja beinahe behaupten wollen (und hoffe, daß dies nicht justiziabel ist), daß die Ärzte, die im Team der Freiburger Uniklinik für Sportmedizin tätig sind und waren, alle eine gewisse Mitverantwortung tragen. Denn immerhin waren einige ihrer unmittelbaren Kollegen – wie die Geständnisse zeigen – offenbar in Sachen Doping aktiv.

Was ich mir gewünscht hätte: einen Anruf oder eine Mail des Anwalts mit dem Hinweis auf eine mögliche Verletzung von Persönlichkeitsrechten. Ich hätte postwendend den Namen aus dem Beitrag gelöscht. Dies habe ich nun freilich auch getan, allerdings eingeschüchtert durch den Mahnbescheid und sowohl durch Fristsetzung und die Streitsumme ziemlich überrumpelt. 

Schade, daß hier der Anwalt nicht soviel Fingerspitzengefühl besaß und würdigen konnte bzw. wollte, daß sein Mandant in meinem Artikel nur innerhalb eines winziges Satzes Erwähnung fand. Eine Gegendarstellung hätte ich durchaus auch in fettgedruckter Schrift ergänzt. Schließlich will ich in keinem Fall den Namen von Personen in den Zusammenhang mit unlauteren Praktiken bringen. Weder bewußt, noch unbewußt.

Nun hoffe ich, daß mein Standpunkt3 vielleicht doch Gehör finden kann und ich einigermaßen glimpflich aus der Sache herauskomme. Kann ja selbst nur mit dem Kopf schütteln, wie ich wirklich ohne böse Hintergedanken in diese Sache reingeschlittert bin….

Vermutlich hätte ich doch einen Blick in die etwas spröde daherkommenden Fachbücher wie "Medienrecht" (von F. Fechner) oder "Grundwissen Internetrecht" (von V. Haug) werfen sollen?; mit der "Macht der Blogs" (P. Wolff) scheint es ja nicht allzu weit her zu sein. Oder doch? ;-)

  1. Der Arzt, der mich nun per Anwalt zur kostenpflichtigen Unterlassungserklärung auffordert, ist innerhalb des gesamten Artikels vollkommen irrelevant. Nur bin ich eben in der SZ in einem Artikel von Andreas Burkert und Thomas Kistner über diesen Namen gestolpert und habe möglicherweise irrtümlich seinen Namen im Zusammenhang mit anderen des Dopings Verdächtigen aufgeführt. Sollte das nicht korrekt sein, tut mir das natürlich ausgesprochen leid. []
  2. Die Erfahrung lehrt, daß ehrgeizige Sportler auf eigene Faust Dopingsubstanzen einnehmen. In solchen Fällen erscheint die kontrollierte Einnahme unter medizinischer Betreuung – im Athletenwohl – als kleineres Übel. Allerdings zeichnete sich – so meine Meinung – ein moralisch handelnder Arzt dadurch aus, daß er einem solchen Athleten die (gesundheitlichen) Konsequenzen seines Fehlverhaltens klarmacht. []
  3. Zusammen mit der Tatsache, daß dieser Blog eine nur sehr geringe Leserzahl aufweist. Außerdem ist das Betreiben des Blogs für mich ohnehin ein Zuschußgeschäft – das verpflichtet zwar sicherlich genauso zu sorgfältiger Recherche, aber sollte ggf. im Hinblick auf die Streitsumme dennoch gewürdigt werden? []
Marc Scheloske
Marc Scheloske
Ich bin Sozialwissenschaftler und freier Journalist. Ich schreibe (Fach-)Artikel, blogge und führe Workshops und Schulungen zum Thema 'Wissenschaftskommunikation und Social Media' durch. → weitere Infos
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