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Science 2.0: Wissenschaftler probieren online

» Die vorsichtige Annäherung der akademischen Welt an das Web 2.0

20. März 2014 | 09:30 Gelesen: 24704 · heute: 2 · zuletzt: 28. September 2016 4 Reaktionen

Das Internet„Immer mehr Forscher nutzen Onlinetools und Soziale Medien im Rahmen ihrer wissenschaftlichen Arbeit.“ Das ist das Ergebnis einer aktuellen Befragung und klingt (wir haben das Jahr 2014!) in etwa so aufregend wie die Meldung, daß neuerdings immer mehr Bundesbürger auch Online-Banking nutzen. Aber für die (zumindest teilweise) verschnarcht-übervorsichtige Wissenschaftskultur in Deutschland kann ja die Studie nicht wirklich was. Und die Studie selbst – da soll gar nicht großartig gemeckert werden – ist v.a. in ihren Einzelergebnissen wirklich interessant.

Endlich: Forscher geben zu, daß sie Wikipedia nutzen!Bundesweit wurden im letzten Herbst knapp 800 Wissenschaftler befragt, welche Online- und Social-Media-Tools sie denn nutzen. Insgesamt wurden 17 verschiedene Bereiche (von Wikis über Social Networks bis zu Cloud-Anwendungen) aufgeschlüsselt. Die Antworten zeigen ein gemischtes Bild: immerhin 98,9% der befragten Wissenschaftler geben an, daß sie Wikipedia nutzen (und 95% gestehen sogar eine dezidiert berufliche Nutzung ein!). Das ist immerhin erfreulich, nachdem ja Wikipedia noch vor 4-5 Jahren häufig sehr abschätzig beurteilt wurde. Ebenfalls erstaunlich populär sind m.E. Video- und Fotoportale (i.e. YouTube + Flickr) mit 80% Nutzung unter den Akademikern. Dahinter rangieren Social Networks mit 58% und dann kommen irgendwann auch noch die Blogs mit 30%.

Enorme Popularität von YouTube, Flickr & Co.?!

Die Ergebnisse, die der Leibniz-Forschungsverbund Science 2.0 zusammengetragen hat, sind ziemlich interessant – unten ist der rund 50 Seiten starke Report verlinkt (ab Seite 14 geht es um Social Media). Ich habe ein wenig gestöbert und einige interessante Aspekte entdeckt. Spannend (und fast ein wenig irritierend) finde ich beispielsweise, daß von den 80% der Wissenschaftler, die sich als YouTube- und Flickr-Nutzer outen, nur knapp 1/3 angibt, diese Portale lediglich privat zu nutzen (vgl. S. 18). Schließlich bedeutet das im Umkehrschluß, daß satte 2/3 der befragten Post-Docs, wissenschaftlichen Mitarbeiter und Profs bei YouTube zu Recherchezwecken (knapp 39%) oder zur Lehre (58%) unterwegs sind. Echt? Wie und wo passiert das? Habe ich was verpasst und MOOCS sind bereits ein Massenphänomen? Oder wurde Inverted-Classroom-Guru Christian Spannagel geklont und hat gleich dutzendfach an der Befragung teilgenommen?

Ich habe ehrlicherweise keine triftigen Gegenargumente, lediglich mein Bauchgefühl – und über die angeblich weitverbreitete Nutzung von Video- und Fotoplattformen in Forschung+Lehre wundere ich mich einfach ein bißchen. ;-)

Meßbar mehr Akzeptanz von Wissenschaftsblogs

Ziemlich erwartbar dagegen ist das Ergebnis bzgl. Blogs und Twitter. 29,9% der Befragten nutzen nach eigenen Angaben Blogs und 15,1% sind in irgendeiner Weise bei Twitter aktiv (als Abonnenten und ’stille‘ Leser und/oder als aktive Nutzer). Die Zahlen finde ich durchaus plausibel. Die Werte sind nicht berauschend, aber es ist irgendwie ein Aufwärtstrend erkennbar. Die letzten Zahlen aus dem deutschsprachigen Raum stammen von der Gießener Forschergruppe aus dem Jahr 2011, wo magere 8% der befragten Wissenschaftler die Nutzung von Weblogs bejahte.1

Ich persönlich habe die 8% immer für etwas zu niedrig empfunden, allerdings muß man auch konstatieren, daß die Zahlen aus Gießen und die aktuellen aus Dresden nicht ganz vergleichbar sind. Die Fragen nach der Nutzung waren ziemlich unterschiedlich, mal mehr, mal weniger konkret etc. Dennoch: Man darf durchaus schlußfolgern – wie es auch Mareike König tut – , daß die Akzeptanz und Nutzung von Wissenschaftsblogs in den letzten 2-3 Jahren deutlich angestiegen ist. :-)

Und doch: Wissenschaftsblogs werden unterschätzt

Auch wenn es immer noch zu wenige wissen: Blogs sind ein Instrument zur Steigerung der Reputation!Es gäbe noch viele weitere Punkte, die man diskutieren könnte – aber wie gesagt, bei Interesse lohnt ein Blick in die komplette Auswertung. Ein Detail will ich aber noch herausgreifen: auf Seite 24 werden die Motive zur Nutzung einzelner Dienste dargestellt. Dort liest man, daß 28% der Wissenschaftler Blogs schätzen, weil sie irgendwie ‚praktisch‘ sind, 16,6% sagen, daß Blogs ihre Kommunikation erleichtern bzw. beschleunigen (Twitter finden übrigens 15% praktisch und 19,9% finden die erleichterte Kommunikation toll). Dann gibt es aber u.a. noch den Aspekt ‚Reputation‘. Und gerade mal 1,8% haben angekreuzt, daß sie Blogs nutzen, „um meine eigene Reputation zu steigern“.

Sowas? Sind die wissenschaftlichen Blogfans wirklich so idealistisch? Oder doch begriffsstutzig? Denn im Vergleich dazu geben immerhin 11,8% bei Twitter an, daß das Motiv Reputationssteigerung für sie ein Argument für das Microblogging ist. Und bei Blogs gerade mal 1,8%… ?

Verstehen muß ich das nicht, oder? Denn ganz, ganz ehrlich: unter allen Web-2.0-Tools sind Blogs das beste Instrument, um Profilbildung zu betreiben und seine (auch dezidiert akademische!) Reputation zu stärken!2 Blogs werden offensichtlich immer noch mißverstanden und unterschätzt.3

Abschlußnörgelei: Äpfel und Birnen

Ich habe die Befragung und Auswertung (hoffe ich?) ausreichend gelobt. ;-) Nicht glücklich finde ich allerdings, wie die Ergebnisse aktuell in der Kurzform samt Pressemitteilung ‚verkauft‘ werden. Da steht dann in der Überschrift ‚Social Media ist in der Wissenschaft angekommen‚ und zwei Zeilen später liest man, daß Twitter keine Rolle spielt, aber Dropbox intensiv genutzt wird. Häh?

Klar: Die Befragung zielt auf zwei Bereiche. Einerseits Social Media, andererseits alle (weiteren) onlinebasierten Tools. Aber das sind natürlich irgendwie Äpfel und Birnen. Ich hätte mir gewünscht, daß Anwendungen wie Skype, Literaturverwaltungen oder Cloud-Dienste von den spezifischen Web-2.0-Tools klarer getrennt wären. Auch in den Zusammenfassungen und Pressemitteilungen. Aber das ist – anbetrachts der spannenden Ergebnisse – Meckern auf hohem Niveau. Danke jedenfalls für die Befragung und die schnell und übersichtlich präsentierten Ergebnisse! :-)

Studie:

Bild-Quelle: stock.xchng, User: ante3

  1. Vgl. Bader, Anita/Fritz, Gerd/Gloning, Thomas (2012): Digitale Wissenschaftskommunikation 2010-2011 – Eine Online-Befragung. Unter Mitarbeit von Jurgita Baranauskaite, Kerstin Engel und Sarah Rögl. Linguistische Untersuchungen 4. Gießen: Gießener Elektronische Bibliothek. S. 68 []
  2. Ich bin nach wie vor großer Fan der Schmidt’schen Definition sozialer Onlinemedien, als derjenigen Tools, die zum „Informations-, Identitäts- & Beziehungsmanagement“ genutzt werden – und wenn man das eben anständig macht, kommt am Ende mehr Reputation raus! So einfach ist das! []
  3. Kleiner Hinweis + Disclaimer: Ich selbst führe (u.a. unter dem Dach des NaWik) Seminare und Workshops zur wissenschaftlichen Nutzung von Social Media durch. Wie Wissenschaftler die verschiedenen Tools u.a. zur Vernetzung, Profilbildung und Reputationsmehrung einsetzen können, wird in Tagesseminaren des NaWik vermittelt. Mehr Infos dort auf der Website oder auf Anfrage. []
Marc Scheloske
Marc Scheloske
Ich bin Sozialwissenschaftler und freier Journalist. Ich schreibe (Fach-)Artikel, blogge und führe Workshops und Schulungen zum Thema 'Wissenschaftskommunikation und Social Media' durch. → weitere Infos
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Kommentare

4 Reaktionen »

  • Chemieblogger :

    Ich denke die niedrigen 1,8% der Blogger, die damit u.a. ihre Reputation steigern wollen, resultieren daraus, dass die meisten es schlicht für nicht möglich halten. Also nicht möglich, dass man durch einen Blog als Wissenschaftler ernster genommen wird.
    Wenn die Wissenschaftler erkennen würden, welche Chancen in einem eigenen Blog stecken, hätte jeder einen.

    [twort T]

  • Michael Müller :

    @Chemieblogger … oder mal aufhören würden, immer bloß auf den Reputationsprofit zu schielen. Im Social Web kommt man mit einer verkniffen zweckrationalen Haltungen nicht weiter. Blogs sind zwar nur bedingt social, aber auch da haben alle mehr davon, wenn man mal etwas lockerer rangeht. Im Endergebnis stimme ich allerdings zu: in einem Blog stecken große Chancen, gerade auch für WissenschaftlerInnen.

    [twort T]

  • Mehmed Gül :

    Dieser Trend ist nicht neu, zugegeben tun sich einige Wissenschaftler immernoch schwer, von Büchern auf online Angebote zu wechseln. Zwei Sachen dürfen wir nicht vergessen: Die Wissenschaftler verkehren auf Seiten, die über Suchmaschinen nicht gefunden werden, da sie entweder per Zugangskontrolle erreichbar sind oder so katalogisiert, dass die Crawler sie nicht finden. Insofern ist Wikipedia sicherlich ein Medium, aber unter „Nutzung des Internets“ versteht diese „Berufsgruppe“ was anderes.

    [twort T]

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