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Roboterjournalismus und der Streit um „Tamiflu“

» Aussicht auf einen Journalismus, der aus Algorithmen emergiert

17. November 2012 | 13:15 Gelesen: 7109 · heute: 4 · zuletzt: 5. December 2016 3 Reaktionen

Roboterjournalismus-PharmaindustrieViel ist von Qualitätsjournalismus die Rede in den letzten Tagen. Davon, daß bei der Frankfurter Rundschau diese Qualität nicht mehr vorhanden gewesen sei, beispielsweise. Und davon, daß bei fehlender Qualität und/oder Originalität die Leserzahlen (rein quantitativ) abnehmen. Was sich natürlich negativ auf die Anzeigenerlöse (ebenfalls quantitativ!) auswirkt.

Am Ende läutet dann halt das Totenglöcklein für die erste renommierte deutsche Tageszeitung. (Und ein FAZ-Aristokrat ängstigt sich vor dem „Geschwätz“ und der Kostenloswelle aus diesem bösen Internet.)

Stellt sich die Frage: welche Schlußfolgerungen ziehen aus dieser Geschichte die deutschen Zeitungsverleger? Schauen die sich vielleicht schon nach billigen indischen Schreibcomputern um, die die Kosten weiter senken können? Meine Frage: wer sorgt für den Journalismus, wenn die Berichte geschrieben sind? In diesem Sinne meine Lese-Empfehlungen der Woche:

Roboterjournalismus

Sind Algorithmen die besseren Journalisten? Die Antwort auf diese Frage lautet (zumindest für das Jahr 2012): „Nein!“ Sicher ist aber: mittels Algorithmen macht man billigeren Journalismus. Und das auch schon im Jahr 2012.

Algorithmen machen vielleicht nicht den besseren Journalismus. Aber der Roboterjournalismus ist Realität.In der Wissenswerkstatt schreibe immer noch ich. Ganz klassisch, am Schreibtisch sitzend und Buchstabe für Buchstabe in die Tastatur eintippend. Tatsache ist aber, daß autonome Schreibsoftware heute schon für journalistisch daherkommende Texte sorgt. Und das ist auch gar kein Geheimnis: das Wirtschaftsmagazin Forbes arbeitet beispielsweise mit der Firma „Narrrative Science“ zusammen, die mit ihren Schreibautomaten offenbar seit längerem Texte für das Magazin liefert.

Ja, richtig gehört: Texte für Forbes werden automatisiert von Computern erstellt! Die greifen auf die immensen Datenbestände, Börsenberichte, Agenturticker etc. zurück und basteln daraus lesbare und informative Nachrichten. Auch für die Sportberichterstattung funktioniert das Modell. Stellt sich freilich die Frage (wenn wir ein klein wenig vorausdenken, vielleicht ins Jahr 2020 oder so?), wo dann noch der Bedarf an humanoiden Textmachern bzw. Journalisten besteht.

Wir leben in spannenden Zeiten. ;-)

Mehr zum maschinengenerierten Journalismus erfährt man im FAZ-Text (schon aus dem April) von Evgeny Morozov. Und aktuell macht sich Boris Hänßler Gedanken über den Roboterjournalismus. Und Boris schreibt (und hier muß ich ihm zu 100% zustimmen):

Dabei finde ich es schön, eine Reportage über ein Thema zu lesen, von dem ich nicht einmal selbst vorher wusste, dass es mich interessiert.

Ob und wann Computer wohl dazu in der Lage sind?

Was taugt das Grippemittel „Tamiflu“?

Um Ausreden ist man bei Roche nicht verlegen. Zumindest wenn es um den Topseller „Tamiflu“ geht. Um das Grippemittel ist längst eine heftige Kontroverse im Gange. Einige Forschergruppen haben mittlerweile Zweifel an der Wirksamkeit des antiviralen Medikaments.1 Es besteht zumindest der Verdacht im Raum, daß die Studienergebnisse zu „Tamiflu“ etwas aufgehübscht wurden. Bietet „Tamiflu“ wirklich den versprochenen Mehrwert? Ist es gerechtfertigt, daß viele Nationen gleich millionenfach das Medikament bunkern?

Bei Roche weigert man sich bislang die Daten zur Überprüfung rauszurücken. Mit fadenscheinigen Argumenten, was einen nicht wirklich wundert. Interessant ist, daß die Chefin des British Medical Journal (BMJ) vor wenigen Tagen schrieb, daß ab 2013 Studien nur unter der Bedingungen im BMJ publiziert werden, daß die Daten frei zugänglich sind. Das zielt offensichtlich eindeutig auf Roche & Co.

Nicola Kuhrt hat den Fall (inkl. des aktuellen Boykottaufrufs von Wissenschaftlern) nochmal für Spiegel Online zusammengefasst:

 
Symbolfoto für den Beitrag: stock.xchng, User: julosstock

  1. Um genau zu sein gibt es sowohl offene Fragen die Wirksamkeit, die Überlegenheit – schließlich gäbe es prinzipiell auch andere Präparate – und die Unbedenklichkeit betreffend. []
Marc Scheloske
Marc Scheloske
Ich bin Sozialwissenschaftler und freier Journalist. Ich schreibe (Fach-)Artikel, blogge und führe Workshops und Schulungen zum Thema 'Wissenschaftskommunikation und Social Media' durch. → weitere Infos
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