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Der Tamiflu-Skandal und der Vertrauensverlust der Wissenschaft

» Wie eine knappe Ressource von der Pharmaindustrie immer weiter beschädigt wird

27. Januar 2012 | 12:30 Gelesen: 10029 · heute: 4 · zuletzt: 5. December 2016 6 Reaktionen

Tamiflu - OseltamivirDie Geschichte des Grippemedikaments Tamiflu taugt für einen Roman. Es geht um große Hoffnungen und um das große Geld. Um Politik, Macht, Lobbyarbeit und die Wissenschaft. Und es ist ein Lehrstück über die meist unbeachteten Nebenfolgen solcher Politik-, Macht- und Geldspiele. Denn am Ende ist aus dem einst gefeierten Hoffnungsträger ein mediales Schmuddelkind geworden. Zurück bleibt – und das wird häufig vergessen – immer auch ein Verlierer: die Wissenschaft und alle diejenigen, die mit wissenschaftlichen Argumenten überzeugen wollen.

Richtig populär wurde Tamiflu 2005 und 2006, als der Vogelgrippe-Virus A/H5N1 von Asien über Osteuropa bis nach Westeuropa eingeschleppt wurde. Wie schnell die Ausbreitung voranschreiten würde, war vollkommen unklar. Genauso ungeklärt war, ob und wie schnell der Influenzavirus mutieren und dann eventuell massenhaft vom Tier auf den Menschen überspringen könnte. Mit den Folgen einer verheerenden Pandemie. Ein Impfstoff war (anders als 2009 beim Schweinegrippe-Virus H1N1) nicht in Sicht.

Tamiflu: Strohhalm angesichts einer drohenden Pandemie

Man möchte in solchen Situationen nicht mit Gesundheitspolitikern tauschen, die die Entscheidungen treffen müssen, wie im Fall der Fälle gehandelt werden soll.1 Große Hoffnungen richteten sich auf Medikamente mit dem Wirkstoff Oseltamivir. Es handelt sich dabei um einen „Neuraminidaseinhibitor“. Eine Wirkstoffgruppe, die in den 90er Jahren entwickelt wurde und (zumindest im Labor) die Vermehrung von Influenzaviren hemmen kann, indem ein für deren Ausbreitung essenzielles Enzym – die Neuraminidase – blockiert wird. Oseltamivir wurde und wird unter dem Markennamen „Tamiflu“2 von der Pharmafirma Roche vertrieben.

Ende 2005 breitet sich die Vogelgrippe immer weiter aus, die Medienberichte über eine mögliche Pandemie häuften sich. Und die Weltgesundheitsorganisation (WHO) empfahl den nationalen Gesundheitsbehörden, sich mit antiviralen Medikamenten einzudecken. Dem Tamiflu-Produzenten bescherte das Einnahmen von mehreren Milliarden Euro. Eigentlich alle europäischen Staaten bestellten jeweils mehrere Millionen Einheiten – sieben Jahre ist Tamiflu haltbar. Demnächst wird man also die gut gefüllten Tamiflu-Vorratslager räumen müssen.

Hält Tamiflu, was Roche verspricht?

Nachbestellungen gibt es (hoffentlich) keine. Denn seit spätestens 2009 gibt es immer mehr Zweifel, ob Tamiflu im Ernstfall wirklich hält, was es verspricht. Denn inzwischen wurde publik, daß die Datenlage zur Wirksamkeit von Tamiflu sowohl dünn, als auch aus anderen Gründen fragwürdig ist. Für die Empfehlung der WHO spielte offenbar eine Studie aus dem Jahr 2003 die entscheidende Rolle. Der Virologe Laurent Kaiser von der Uniklinik in Genf kam nach Analyse der vorliegenden Patientendaten zum Schluß, daß Tamiflu den Verlauf einer Grippe deutlich abmildere, sowie der Antibiotikaeinsatz und die Zahl der Komplikationen (v.a. Lungenentzündungen) verringert werde.3 Grundlage für Kaisers Arbeit waren 10 Studien mit insgesamt etwas mehr als 3500 Patienten.

Eigentlich sollten in einem solchen Fall alle Alarmglocken klingeln. Aber vielleicht hört man die nicht, wenn sich die Einschläge einer drohenden Seuche nähern?

Das Problem – oder meinetwegen gerne auch: der Skandal – an der Sache: von den insgesamt sechs Studienautoren waren vier Mitarbeiter der Firma Hoffman-La Roche und einer der Autoren war als bezahlter Berater für Roche tätig. Nur Erstautor Kaiser stand in keiner direkten Verbindung zum Tamiflu-Hersteller. Aber damit nicht genug. Von den erwähnten 10 Studien, auf die sich das positive Urteil für Tamiflu bezog, waren nur zwei in Fachjournals publiziert wurden. Die anderen acht Arbeiten waren nicht oder nur in kleinen Auszügen publiziert (und just in diesen Studien schnitt Tamiflu besser als das Placebo ab).

Eigentlich sollten bei einer solchen Datenlage alle Alarmglocken klingeln. Aber vielleicht hört man die nicht, wenn sich die Einschläge einer drohenden Seuche nähern und das hysterische Mediengeschrei immer lauter wird? Die WHO störte sich offenbar kaum daran. Erst 2009 drängelte die Cochrane-Collaboration4 auf eine Überprüfung der angeblichen Wirksamkeitsnachweise. Die Cochrane-Forscher hatten einen Tipp des japanischen Kinderarztes Keiji Hayashi bekommen.

Tamiflu

Informationsblockade und Interessen der Pharmaindustrie

Sind die Ergebnisse zur Wirksamkeit von Tamiflu & Co. etwa manipuliert? Wie steht es mit Nebenwirkungen? Wie konnte es passieren, daß Institutionen wie die WHO und die nationalen Behörden so unkritisch agieren und vom Hersteller nicht auf Herausgabe der Daten bzw. wenigstens Einsichtnahme bestehen? Seit zwei Jahren recherchieren nun also die Cochrane-Mitarbeiter unter ihrem Chef Tom Jefferson. Vor 10 Tagen haben sie nun den aktuellen Stand ihrer Ermittlungen veröffentlicht.5 Sie stellten dabei fest, daß Tamiflu die Dauer von Grippesymptomen (durchschnittlich 160 Stunden) um immerhin 21 Stunden reduziert. Das ist ja wenigstens positiv.

Ansonsten ist das Recherche-Ergebnis aber ernüchternd. Roche hat sich beharrlich geweigert, den Forschern die Originalstudien vorzulegen. Tom Jefferson hat sich dann teilweise mit den Unterlagen beholfen, die bei den Arzneimittelzulassungsbehörden6 vorliegen. Dennoch bleibt festzuhalten, daß rund 2/3 aller durchgeführten Untersuchungen im Zusammenhang mit Tamiflu nicht veröffentlicht sind.

Für Gerd Antes (Chef des deutschen Cochrane-Zentrums) steht fest:7

„Die unterbleibende Veröffentlichung von Studien ist ein chronischer Skandal im Medizin- und Forschungssystem.“

Und genau das ist das eigentliche Problem. Denn es ist ja nicht so, daß Tamiflu wirkungslos wäre. Es handelt sich ja um ein spannendes, pharmakologisches Instrument. Doch wie effizient es ist, wie es (im Fall einer drohenden Pandemie) wirklich sinnvoll einzusetzen wäre, das kann eben nur beurteilt werden, wenn die beteiligten Akteure mit offenen Karten spielen. Also die Wissenschaftler, die (Zulassungs-)Behörden und vor allem eben die Hersteller. Und genau das passiert nicht. Und sowas hat eben auch Folgen.

Wobei es mir gar nicht nur um den Publikationsbias geht, also die Schieflage in der Beurteilung von wissenschaftlichen Sachverhalten durch die Tendenz dazu, daß vorwiegend Studien mit positiven Ergebnissen publiziert werden und die Fehlschläge in der Schublade verschwinden. Der Publikationsbias ist ein Problem. Mindestens genauso groß aber sind die Kollateralschäden in der öffentlichen Wahrnehmung, die solche Fälle erzeugen.

Vertrauensbrüche: Mehr als nur ein Kollateralschäden

Denn was bleibt beim Zeitungsleser hängen? Daß es da möglicherweise eine politisch-administrative Fehlentscheidung gab? Vielleicht hunderte Millionen für den Kauf eines Medikaments verschwendet wurden, das im Ernstfall eventuell gar nicht so schlagkräftig gewesen wäre? Und was noch?

Im öffentlichen Gedächtnis bildet der Tamiflu-Skandal ein weiteres Puzzlestück innerhalb eines verheerenden Gesamtbildes. Und dieses Bild – ich teile es nicht, aber es ist der Eindruck, den viel zu viele Menschen haben – zeigt eine Gesellschaft, die vornehmlich aus Unfähigkeit, Machtspielen, Eigeninteressen, Geld, Gier, Korruption und Lügen besteht. Und die Wissenschaft steckt mittendrin. Unter einer Decke mit der verlogenen Politik und den Geschäftemachern der Industrie.

Vertrauensverlust und die Folgen

Geld, Macht, Intrigen. Und die Wissenschaft steckt mittendrin?! Unter einer Decke mit der verlogenen Politik und den Geschäftemachern der Industrie?

Das ist das Bild, das verfestigt wird. Und wie tief sich ein solches Welt- und Gesellschaftsbild bereits in die Köpfe eingegraben hat, merkt man eigentlich jeden Tag. Nämlich jedesmal dann, wenn man versucht auf rationale Argumente, wissenschaftliche Studien und Logik zu rekurrieren. Das nützt nämlich kein bißchen, wenn man Diskussionspartner hat, die für sich entschieden haben, daß sie dem netten Heilpraktiker (und seinen lächerlichen Bachblüten oder kinesiologischen Zaubertricks) oder dem Homöopathieguru (mit seinen Zuckerpillen) vertrauen. Es geht dabei nämlich nicht um Mathematik, sondern um soziale Prozesse und somit um Vertrauen.

Akteuren und Institutionen, die tricksen und täuschen (der Politik,8 der Industrie9 und eben auch der Wissenschaft) vertraut man eben nicht. Das ist das, was mich mehr und mehr frustriert.

Ob man bei Roche & Co. weiß, daß man auf diese Weise zwar die Chance auf Milliardenumsätze erhöht, aber gleichzeitig Mißtrauen produziert?

Ob man bei Roche weiß, daß man mit Intransparenz und geschickter Lobbyarbeit zwar die Chance auf Milliardenumsätze erhöht, aber gleichzeitig Mißtrauen produziert? Ein Mißtrauen, das dazu führt, daß sich erwachsene Menschen (solche mit Abitur und Studium gar) etwa Voodoo-Praktiken zuwenden und sich ihr privat-esoterisches Weltbild zusammenbasteln. Und in diesem Weltbild sind Menschen wie ich (die im Zweifel dann eben doch eher auf Studien, als auf Privatmeinung setzen) dann eben wahlweise naiv10 oder gekauft.11

  1. Wichtig ist, das ist ein grundsätzliches Dilemma, daß irgendwie gehandelt werden muß. Nichtstun (obwohl das gelegentlich sinnvoller wäre) steht nicht zur Debatte. Aber das ist ein anderes Thema. []
  2. Es gibt auch noch das Konkurrenzprodukt „Relenza“ von Glaxo Smith Kline, dessen Wirkstoff heißt Zanamivir. []
  3. Unter Tamiflugabe brauchten nur 14% zusätzlich Antibiotika, bei Placebogabe waren es 19,1%. Komplikationen traten bei 12,2% der Tamiflugruppe auf, ohne Tamiflu gab es in 18,5% der Fälle eine Komplikation im Grippeverlauf. []
  4. Die unabhängige Organisation erstellt v.a. medizinische Überblicksarbeiten, für die sich saubere Studien sichtet und in der Zusammenschau bewertet. []
  5. hier verfügbar: Neuraminidase inhibitors for preventing and treating influenza in healthy adults and children von Jefferson T, Jones MA, Doshi P, Del Mar CB, Heneghan CJ, Hama R und Thompson MJ. []
  6. Die US-Behörde FDA und die europäische EMA. []
  7. Wie in diesem Artikel der ZEIT zu lesen ist: Das Tamiflu-Geheimnis, Die ZEIT, 25.1.2012 []
  8. Man erinnere sich nur an den lächerlichen Wulff. []
  9. Da ist Roche und die Nichtherausgabe von Studien zu Tamiflu nur ein winziges Beispiel. []
  10. Weil ich den Lügen der Industrie auf den Leim gehe und deren Praktiken nicht durchschaue. []
  11. Da ich doch offenbar – zumal in einem Blog – Lobbyarbeit für die Pharmaindustrie und gegen die nette, sanfte Homoöpathie oder die Vitamintablettenhersteller mache. []
Marc Scheloske
Marc Scheloske
Ich bin Sozialwissenschaftler und freier Journalist. Ich schreibe (Fach-)Artikel, blogge und führe Workshops und Schulungen zum Thema 'Wissenschaftskommunikation und Social Media' durch. → weitere Infos
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Kommentare

6 Reaktionen »

  • (@eyesfeld) (@eyesfeld) :

    Der Tamiflu-Skandal und der Vertrauensverlust der Wissenschaft – Wie eine knappe Ressource von der Pharmaindu… http://t.co/7BwYeXt6 ^w

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  • pulegon (@pulegon) :

    Der Tamiflu-Skandal und der Vertrauensverlust der Wissenschaft. http://t.co/wHGthxOG

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  • Roswitha (@roselidt) :

    RT @pulegon: Der Tamiflu-Skandal und der Vertrauensverlust der Wissenschaft. http://t.co/4u0ngCZP

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  • DrNI :

    Ich habe zum Vertrauensverlust noch eine andere Vermutung. Aufgrund gesundheitlicher Probleme war ich im letzten Jahr bei einigen Ärzten mehr als man sonst so sieht. Keiner dieser Ärzte hat sich ernsthaft für mich interessiert. Es wollte mir keiner wirklich mal zuhören und wissen, wie es mir geht. Bis auf meinen alten Hausarzt, ein Arzt aus Leidenschaft im zarten Alter von 65. Hier setzt der Heilpraktiker an. Ob seine Praktiken heilen oder nicht, er gibt seinen Kunden das Gefühl, aufgehoben und erwünscht zu sein. Wer mal vier Stunden in einer Klinik gewartet hat, um vier Minuten mit einem Oberarzt zu sprechen, der sich einem nicht mal mit Namen vorstellt und einem nicht in die Augen schaut, der fühlt sich alles andere als aufgehoben.

    Die im Artikel genannten Argumente möchte ich nicht anzweifeln. Ich kann mir aber vorstellen, dass der Vertrauensverlust noch weitere, möglicherweise gewichtigere Ursachen haben kann.

    Auch einsichtsresistente Plagiatoren wie unser allseits unbeliebter Guttenberg tun so einiges dazu, dass man der Wissenschaft nicht mehr vertrauen mag.

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  • Marc Scheloske :

    @DrNi:

    Ganz klar, wenn es um das eher konkrete (oder gar personenbezogene) Vertrauen geht, dann sind andere Faktoren und eben auch persönliche Erfahrungen wichtiger. Die von Dir beschriebene und ja offenbar in den letzten Monaten selbst erlebte Tatsache, daß man sich als Patient häufig in Kliniken oder bei klassischen Schulmedizinern kaum ernstgenommen fühlt, ist hier natürlich enorm wichtig. Gerade wenn es um Zuwendung und Aufmerksamkeit geht, könnte man sich von Heilpraktikern, Homoöpathen etc. einiges abschauen.

    Mir ging es oben allerdings um einen anderen Aspekt. Eher um so eine Art generelles Mißtrauen bzw. Argwohn gegenüber Wissenschaft (in all ihren Aggregatszuständen) ganz allgemein. Und ich habe den Eindruck, daß sich dieses von mir skizzierte Systemmißtrauen immer weiter ausbreitet. Das äußert sich dann z.B. in Statements wie: „Traue keiner Statistik, die du nicht selbst gefälscht hast.“ Oder: „Wer weiß, welche Firma diese Studie wieder bezahlt hat…“

    Viele Leute (und leider auch ziemlich viele Jugendliche) haben den Eindruck, die Gesellschaft bestehe hauptsächlich aus Korruption, Verrat und Lügen. Und selbstverständlich sind Wirtschaft, Politik und Wissenschaft die treibenden (und miteinander kooperierenden) Kräfte. Man könnte jetzt sagen, daß die zuviel Agententhriller schauen, aber ich behaupte eben, daß so Sachen wie die Tamiflu-Geschichte da ganz verhängnisvoll sind.

    Das Ergebnis sind dann Diskussionen, in denen man mit dem Hinweis auf den anscheinend eindeutigen wissenschaftlichen Kenntnisstand nicht mehr punkten kann. Denn (so das Gegenargument) es sei doch bekannt, daß die Studien bezahlt seien, alle Gegenmeinungen würden unterdrückt etc. pp.

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  • Tom Levold (@systemagazin) :

    Der Tamiflu-Skandal und der Vertrauensverlust der Wissenschaft – Wie eine knappe Ressource von der P http://t.co/qpL24clm

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