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Riskante Vitamine: Neue Zweifel am Nutzen von Vitaminpräparaten

» Eine kleine Lektion über die Produktion von Enttäuschungen durch Wissenschaft

12. Januar 2012 | 20:30 Gelesen: 9129 · heute: 3 · zuletzt: 5. May 2016 8 Reaktionen

Was können Vitaminpräparate leisten?Nehmen wir genügend Vitamine und Mineralstoffe über die Nahrung auf? Welche und wieviele der Vitamine brauchen wir überhaupt, um gesund zu bleiben? Und eignen sich bestimmte Vitaminpräparate, um gezielt Krankheiten vorzubeugen?

Diese Fragen werden seit Jahrzehnten gestellt. Doch zufriedenstellende Antworten lassen auf sich warten. Mehr noch: je mehr Studien ausgewertet werden, desto größer werden die Fragezeichen, wenn es um die segensreiche Wirkung einer Nahrungsergänzung mit Vitaminen geht. Manche Vitamine scheinen mehr Schaden anzurichten, als sie nutzen. Jüngst hat es die Vitamine A und E erwischt. Für die Vitaminpillen-Fans ist das natürlich ärgerlich. Für mich mal wieder ein wunderbares Beispiel für das ambivalente Wesen von Wissenschaft.

Neue Studien und neue Enttäuschungen

Neu ist das alles – gerade wenn es um Vitamine geht – natürlich nicht. Das einstige Star-Vitamin C ist längst entzaubert. Vitamine sind kein Allheilmittel, keine Wunderwaffe gegen Krebs, Arthrose oder welche Krankheiten auch immer. Soviel ist im Grunde bekannt. Aber wenn es um Volkskrankheiten wie die koronaren Krankheiten geht, wäre es ja auch schon ein Erfolg, wenn das Risiko um einige Prozentpunkte gesenkt werden könnte. Deshalb wird hier zu Recht geforscht. Zuletzt standen etwa in Sachen Schlaganfallprophylaxe die Vitamine A und E hoch im Kurs.
Vitamine sind kein Allheilmittel. Neue Studien sorgen für Enttäuschungen.
Doch mehrere aktuelle Studien sorgen auch hier für Ernüchterung. Der australische Neurologe Graeme Hankey hat sich innerhalb einer Metaanalyse die einschlägigen Studien vorgenommen.1 Eigentlich sollten – so die Erwartung – die Radikalfänger Vitamin A und E den oxidativen Stress in den Gefäßen minimieren und so positiv wirken. Aber danach sieht es eben gar nicht aus.

Vitamin A und E und die Schlaganfallprävention

Wenn es um Schlaganfälle geht, so zeigten – wie Grame Hankey aufführt – drei große Studien mit Vitamin A (mit mehr als 80.000 Teilnehmern) keinen Unterschied zwischen der Gruppe, die zusätzlich mit Vitamin A versorgt wurde und der Kontrollgruppe.

Im Gegenteil: es gab sogar negative Effekte. In acht kontrollierten Studien (n=140.000) erhöhte sich die Sterberate um 7 Prozent. Weitere sechs große Studien verblüfften mit einer um 10 Prozent erhöhten Sterbehäufigkeit der Vitamin-A-Gruppe an kardiovaskulären Erkrankungen.

Nicht viel besser sieht es bei Vitamin E aus: in einer Zusammenschau von neun Studien (n>118.000) aus dem Jahr 2010 erhöhte sich die Rate für hämorrhagische Infarkte (z.B. Lungeninfarkte) unter Zusatzgabe von Vitamin E um 22 Prozent; dafür sank die Rate für einen klassischen Hirninfarkt immerhin um 10 Prozent.2 Weitere 13 Studien (n>166.000) zeigten – das ist das Ergebnis der Meta-Analyse chinesischer Forscher – ebenfalls mehr hämorrhagische Schlaganfälle, und auch keinen Nutzen bei ischämischen Ereignissen, also dem Schlaganfall des Gehirns.3

Zusammengefasst: Bei Personen, die keine Unterversorgung mit den genannten Vitaminen aufweisen4 hat die Einnahme von Vitamin A oder E keine nennenswerten positiven Effekte im Hinblick auf die Schlaganfallprophylaxe. Negative Auswirkungen gibt es aber eben sehr wohl.

Mehr Studien = mehr Zweifel

Diese ziemlich ernüchternden Ergebnissen passen zu anderen Studien, die in den letzten Jahren publiziert wurden. So wurde bspw. die großangelegte SELECT-Studie (n>35.000) im Jahr 2008 abgebrochen, nachdem man feststellte, daß die Gabe von Vitamin E und Selen (die eigentlich die Prostatakrebsrate um 25% senken sollte) mehr Schaden als Nutzen hervorrief.5

Somit gehen diese Ergebnisse in eine ganz ähnliche Richtung wie andere Meta-Studien. Hier fällt natürlich v.a. die vieldiskutierte Bjelakovic-Studie von 2007 ein. Damals hatte Goran Bjelakovic zusammen mit Kollegen eine Meta-Analyse vorgenommen, für die mehr als 60 Studien gesichtet wurden, die den Effekt von Nahrungssupplementierung mit Antioxidantien zum Gegenstand hatten. In 26 Studien (n>105.000) ging es dabei um die Gabe von Vitamin E (allein oder in Kombination mit Beta-Carotin oder Vitamin A). In der Gesamtschau stellte Bjelakovic hier eine erhöte Sterblichkeit bei denjenigen fest, die Vitamine eingenommen hatten.

Was lernen wir daraus?

Die Schlußfolgerung, daß Vitamine krank machen, wäre sicher überzogen. Schließlich – das steht fest – braucht unser Körper Vitamine für viele, viele lebensnotwendige Vorgänge. Und bei Personen, die (aus welchen Gründen auch immer) eine eindeutige Unterversorgung mit einzelnen Vitaminen, Mineralstoffen oder Spurenelementen haben, ist auch eine Supplementierung sinnvoll und erforderlich. Alle anderen sollten sich aber an Paracelsus erinnern: „Dosis sola facit venenum.“ Das gilt für Vitamine, wie auch für alles andere.

Wissenschaft besteht nicht aus der Produktion von Erfolgsmeldungen!

Und was lernen wir noch? Daß Wissenschaft nicht darin besteht Jubelmeldungen zu produzieren? Genau! Darauf kam es mir eigentlich an.

Die Vorstellung, das Wesen von Wissenschaft und Forschung sei die kontinuierliche Anhäufung von Erfolgen ist einfach naiv. Zur Wissenschaft gehört es einfach zwangsläufig dazu, daß man zunächst mal Wissen generiert, daraus weitere Vermutungen (durchaus hoffnungsvolle im Fall der Vitamine) ableitet und dann nachprüft, ob man richtig liegt. Und wie man sehen kann, ist das Geschäft der Nachprüfung enorm schwierig. Da reicht dann eine einzelne Studie (zumal im medizinischen Bereich) fast nie aus.

Erst der Überblick über mehrere Studien lichtet ein wenig den Nebel. Und öffnet den Blick. Auch wenn das, was man dann sieht, manchmal ziemlich enttäuschend sein kann.

  1. vgl. Graeme J Hankey: Nutrition and the risk of stroke, in: The Lancet Neurology, 1 January 2012 ( Vol. 11, Issue 1, Pages 66-81 ), DOI: 10.1016/S1474-4422(11)70265-4 []
  2. vgl.: Markus Schürks et al.: Effects of vitamin E on stroke subtypes: metaanalysis of randomised controlled trials. BMJ 2010; 341:c5702. []
  3. vgl. Q Bin et al.: The role of vitamin E (tocopherol) supplementation in the prevention of stroke: a meta-analysis of 13 randomised controlled trials. Thromb Haemost 2011; 105:579. []
  4. Also grundsätzlich alle Personen, die sich halbwegs vernünftig ernähren. []
  5. Die Auswertung von SELECT zeigte, daß sich die Prostatakrebsrate um 17 Prozent erhöhte, wenn die Teilnehmer täglich 400 Einheiten Vitamin E erhielten. Diese Menge liegt übrigens unter der Marge, die etwa die EFSA (Europ. Behörde für Lebensmittelsicherheit) als unbedenklich einstuft. vgl.: EA Klein et al.: Vitamin E and the risk of prostate cancer; the Selenium and Vitamin E Cancer Prevention Trial (SELECT). JAMA 2011; 306:1549. []
Marc Scheloske
Marc Scheloske
Ich bin Sozialwissenschaftler und freier Journalist. Ich schreibe (Fach-)Artikel, blogge und führe Workshops und Schulungen zum Thema 'Wissenschaftskommunikation und Social Media' durch. → weitere Infos
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Kommentare

8 Reaktionen »

  • Marius Eyesfeld (@eyesfeld) :

    Riskante Vitamine: Neue Zweifel am Nutzen von Vitaminpräparaten – Eine kleine Lektion über die Produktion von… http://t.co/IRN7Re72 ^w

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  • Bernd Weiss (@berndweiss) :

    In der @Werkstatt werden wieder systematische Reviews verbloggt http://t.co/VKCKCvwV („Riskante Vitamine: Neue Zweifel am Nutzen…“).

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  • @doppelhorn :

    Hier gibts die Spiegel-Vitaminstory in seriös, ohne Polemik, mit vernünftigen Quellenangaben. Essenz: Pillen weglassen! http://t.co/0PrXgWC7

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  • @amy_mueller :

    »Wissenschaft besteht nicht aus der Produktion von Erfolgsmeldungen!« @Werkstatt ueber den Nutzen von Vitaminpräparaten http://t.co/6P4LgV7w

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