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Berechenbarer Erfolg: Wie schreibe ich den optimalen Fachartikel?

30. April 2010 | 17:00 Gelesen: 15337 · heute: 4 · zuletzt: 5. May 2016 8 Reaktionen

Lesestoff; Bildquelle: stock.xchng, User: picabellIm Kern gilt dieser Grundsatz für alle Formen der Wissenschaftskommunikation: Wer schreibt, der will gelesen werden. Und zwar von einem möglichst großen Publikum. Darum geht es bei der Popularisierung von Wissenschaft und Forschung (wie sie klassisch im Wissenschaftsjournalismus, neuerdings u.a. in Blogs stattfindet) und darum geht es auch bei der Kommunikation innerhalb der (Fach-)Wissenschaften. Deshalb ist es für jeden Forscher wichtig, daß seine Fachartikel in den richtigen Journals publiziert werden. Denn wer in den renommierten Zeitschriften veröffentlicht, dessen Artikel werden – höchstwahrscheinlich – häufiger gelesen und häufiger zitiert. Das ist jedenfalls die Hoffnung. Und welche Artikel besonders häufig zitiert werden, kann man sogar berechnen.

Wer eine wissenschaftliche Karriere anstrebt, der muß v.a. mit seiner Publikationsliste punkten. Ausreichend lang muß sie sein. Und es sollten ausreichend Artikel in renommierten Fachjournals enthalten sein. Der Impact Factor spielt hier zumindest in den Naturwissenschaften und der Medizin die Richtschnur. Aber auch in den Sozial- und Geisteswissenschaften1 gilt die Regel: je mehr Prestige das Journal hat, desto größer sind die Chancen darauf, daß der eigene Artikel von den Fachkollegen rezipiert wird. Und das schlägt sich idealerweise darin nieder, daß man in den Folgejahren selbst zitiert wird.

Nach welchen Kriterien werden Fachartikel in Fachzeitschriften akzeptiert?

Und die Zitationsrate schlägt sich ja eben dann wieder als aktualisierter Impact Factor für die jeweilige Zeitschrift nieder. Insofern kann es durchaus passieren, daß ein fachlich tadelloser Artikel von den Gutachtern und/oder den Herausgebern eines Journals abgelehnt wird, weil diese mit eher wenig Zitaten für diesen Artikel rechnen.2 Hier entscheidet meist die Erfahrung bzw. das Bauchgefühl. Ein Paper, das kleine Mängel hat, aber voraussichtlich ziemlich viele Zitate generiert, hat sicher größere Chancen auf Veröffentlichung, als eine absolut unanfechtbare Arbeit, die aber weniger sexy erscheint.

Vorhersage der Zitationshäufigkeit: Der Algorithmus kann es besser

Eine interessante Studie zeigt, daß man künftig vielleicht gar nicht mehr so sehr auf das Bauchgefühl, sondern auf harte Zahlen zurückgreifen kann, wenn man die Zitationsrate prognostizieren möchte. Alfonso Ibanez, Pedro Larranaga and Concha Bielza haben sich die Artikel der Jahre 2005-2007 vorgenommen, die im Fachjournal Bioinformatics erschienen sind.

Und sie haben herausgefunden, daß es ausreicht bestimmte Informationen aus dem Abstract zu berücksichtigen und in ein geeignetes Abschätzungsmodell zu übertragen. So konnten die Autoren mit einer Treffergenauigkeit von etwa 90% vorhersagen, wie häufig ein Artikel in den Jahren nach seiner Veröffentlichung zitiert werden wird. Sie schreiben:

We found that the appearance of certain words in the paper abstracts can influence the number of citations received.

Einerseits eine faszinierende Möglichkeit, andererseits irgendwie ernüchternd. Wenn bloße Algorithmen ausreichen, um sofort (und das auf der Basis des Abstracts!) beziffern zu können, welche Resonanz ein bestimmter Artikel in der Fachcommunity hervorrufen wird.

Wie lange wird es dauern, daß sich hier ein neues Berufsbild etabliert? Lange kann es nicht mehr dauern, bis es den diplomierten Fachjournal-Optimierer gibt, der das Abstract auf das maximale Zitationspotential hin ausrichtet und natürlich auch mit den üblichen SEO-Methoden dafür sorgt, daß der Artikel bei den wissenschaftlichen Suchmaschinen ganz oben landet.

  1. Wo der Impact Factor meist eine nur untergeordnete Rolle spielt. []
  2. Dafür kann u.a. schon ausreichen, daß die Thematik voraussichtlich nur für eine kleine Gruppe von Forschern spannend ist, so daß die Anzahl der zu erwartenden Zitate minimal bleiben wird. []
Marc Scheloske
Marc Scheloske
Ich bin Sozialwissenschaftler und freier Journalist. Ich schreibe (Fach-)Artikel, blogge und führe Workshops und Schulungen zum Thema 'Wissenschaftskommunikation und Social Media' durch. → weitere Infos
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Kommentare

8 Reaktionen »

  • DrNI@AM :

    Die Analyse der Abstracts mag durchaus funktionieren. Das Verfahren könnte aber schnell ad absurdum geführt werden, wenn alle Autoren das spitz kriegen und ihre Abstracts dementsprechend anpassen. Wie bei Lesbarkeitsformeln auch geht es hier um die Beobachtung, nicht um die Generierung von Text.

    Wie oft man zitiert wird hängt übrigens ganz natürlich nicht nur von der Qualität des Papers und dem Journal ab… sondern auch ganz einfach von der Größe des wissenschaftlichen Fachgebiets. Ein geniales Paper kann in einem kleinen Fachgebiet einschlagen und dennoch insgesamt weniger zitiert werden als ein mittelgeniales in einem großen Fachgebiet.

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  • Marc :

    @DrNI:

    Ja, klar. Sehe ich genauso. Furchtbare Vorstellung, wenn am Ende noch mehr Energie in die Optimierung des Abstracts gesteckt wird.

    Und die Chancenungleichheit in Abhängigkeit vom jeweiligen Themengebiet gibt es natürlich. Ich habe oben davon geschrieben, daß man mit einem tollen Paper letztlich doch Pech haben kann (und eben abgelehnt wird), weil es eben nicht „sexy“ genug ist. Dafür kann es schon ausreichen, wie Du ja schreibst, daß der Artikel eben voraussehbar nur einen kleineren Personenkreis interessieren wird (für diesen aber einen hohen Wert hätte).

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  • Christian :

    Spannend wäre es, würde man nun noch die Wirkrichtung kennen. Wird ein Artikel deshalb häufiger zitiert, weil Formulierung und Keywords des Abstracts für eine große Leserschaft und damit höhere Chancen auf ein Zitat sorgen, oder hängt der Erfolg doch vom Inhalt ab, der sich lediglich im Abstract wiederspiegelt? Auch eine Interdependenz wäre ja durchaus vorstellbar – gut formulierte Artikel haben erwartungsgemäß meist auch gut formulierte Abstracts und vice versa. Klarheit könnte hier wohl nur ein Versuch (beispielsweise die Publikation inhaltsgleicher Artikel mit unterschiedlichen Abstracts) schaffen, für den sich natürlich keine Zeitschrift hergeben würde (oder könnte).

    Sollte der Erfolg eines Artikels tatsächlich primär vom Abstract abhängen, eröffnet dies natürlich ungeahnte Möglichkeiten der Manipulation, zumal der “Erfolgsalgorithmus” ja bereits – zumindest teilweise – entschlüsselt zu sein scheint…

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  • Marc :

    @Christian:

    Spannend wäre es, würde man nun noch die Wirkrichtung kennen. Wird ein Artikel deshalb häufiger zitiert, weil Formulierung und Keywords des Abstracts für eine große Leserschaft und damit höhere Chancen auf ein Zitat sorgen, oder hängt der Erfolg doch vom Inhalt ab, der sich lediglich im Abstract wiederspiegelt?

    Ja, das ist natürlich der springende Punkt. Allerdings ist natürlich genau eine solche Untersuchung (wie Du sie skizzierst) allein aus forschungsethischen und -methodischen Gründen nicht durchführbar. Dafür müßte man ja Artikel faken und hinsichtlich des Inhalts und/oder Abstracts variieren und in reguläre Journals einschleusen…

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  • Tom :

    Ich finde, dass es immer ankommt, worüber man einen Artikel schreibt. Bei manchen Themengebieten kann man sicherlich ein paar Sachen unterbringen die bei einem anderen Thema in dieser Art völlig daneben wären.

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  • Thomas :

    Dass nur der Abstract für die Beurteilung ausschlaggebend ist, glaube ich sofort. Die wissenschaftlich schönen, aber inhaltlich irrelevanten Zahlen im Inneren des Textes gucken sich weder die Leser noch die potentiellen Zitierer an. Von daher machen es die Reviewer genau richtig. Sie entscheiden über einen Artikel anhand von den Aspekten, die beachtet werden und daher von Bedeutung sind.

    Das Augenmerk auf Buzzwords mag man beurteilen wie man will, aber es ist notwendig. Ein Artikel mit langweiligen Formulierungen und faden Überschriften guckt sich doch keiner an.

    Von daher finde ich den Beruf der Fachjournal-Optimierer dringend angebracht. Man kann sie auch Lektor oder Redakteur nennen, und die von ihnen ausgeübte Tätigkeit hat auch schon einen Namen: Redigieren. Es bleibt die Frage, warum sich die Journals nicht selbst die Zeit nehmen und genau das tun. Sie könnten manches inhaltliche Kleinod sprachlich retten und so dem Publikum doch noch schmackhaft machen.

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