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Über den Nutzen von Babyphotos im Geldbeutel

13. August 2009 | 13:00 Gelesen: 11112 · heute: 4 · zuletzt: 29. April 2017 3 Reaktionen

GeldbeutelWer kein Kind hat, der sollte sich eines zulegen. Oder wenigstens einen Hund. Und wer weder über ein Kleinkind aus eigener Produktion, noch über einen Hund verfügt, der sollte sich überlegen, ob er sich – je nach Präferenz – Kind oder Hund vom Nachbarn ausleiht. Wozu das alles gut sein soll? – Um ein Photo zu machen und das in den Geldbeutel zu stecken. Damit erhöht man nämlich die Wahrscheinlichkeit, daß einem das Portemonnaie im Verlustfall wieder zurückgeschickt wird…

Der Hintergrund zu dieser – vielleicht etwas eigenwilligen Geschichte – ist schnell erzählt. Richard Wisemann1 hat eine kleine Studie durchgeführt, die sich mit der Frage beschäftigte, welche „Beigaben“ im Geldbeutel die Chance erhöhen, daß ein verlorener Geldbeutel dem Besitzer zurückgebracht wird.

Dazu haben Wiseman und sein Team 240 Geldbeutel in Edinburgh „verloren“. In jeweils 40 Geldbeuteln steckte einmal ein Babyphoto, in weiteren 40 jeweils ein Photo von einem jungen Hund, dann eines von einem Seniorenpaar, ein Familienphoto oder ein Hinweis, daß der Geldbeutelinhaber kürzlich Geld oder Blut gespendet hatte. Geld war in keinem der Geldbeutel enthalten, was vermutlich dem knappen Forschungsbudget geschuldet ist. Insofern muß man natürlich gewisse Abstriche hinsichtlich der Praxisrelevanz der Ergebnisse machen.

Ein Babyphoto steigert die Wahrscheinlichkeit, daß ein verlorener Geldbeutel zurückgebracht wird.

Die sind dennoch interessant: denn von den 40 verlorenen Geldbörsen mit dem Babyphoto wurden 35 Stück zurückgegeben. Das sind 88% und somit doch eine stattliche Quote. Die Hundephotos konnten immerhion noch 21 Finder zur Rückgabe motivieren, die Familienaufnahmen nur noch 19. Der Effekt der Spendenausweise (8 Rückgaben) ist vernachlässigbar; von den Geldbeuteln, die gar keine Zusatzinfos bereithielten, fanden sechs Stück den Weg zurück zu ihrem Besitzer.

Wiseman selbst deutet das Ergebnis als Beleg dafür, daß Kleinkinder an die fürsorgliche Seite in uns appellieren und wir uns insofern verpflichtet fühlen, den Geldbeutel dem Inhaber zurückzugeben.

Im Blog zu Wisemans neuem Buch liest man dann auch zusammenfassend:

Whatever the explanation, the practical message is clear. If you want to up the chances of your wallet being returned if lost, obtain a photograph of the cutest, happiest, baby you can find, and make sure that it is prominently displayed in your wallet.

Wenn sich das Ergebnis rumspricht, dann sollte man freilich – etwa an der Supermarktkasse – nicht vorschnell aus einem kurzen Blick in einen fremden Geldbeutel schließen, daß man es mit einer jungen Mutter oder einem jungen Vater zu tun hat. Vielleicht begreift der Besitzer das Kinderphoto auch schlicht als eingebaute Rückgabeversicherung…

  1. Dessen Blog immer einen Besuch wert ist und der die Freiheit der Forschung netterweise dazu nutzt, immer wieder sehr originelle Studien durchzuführen. []
Marc Scheloske
Marc Scheloske
Ich bin Sozialwissenschaftler und freier Journalist. Ich schreibe (Fach-)Artikel, blogge und führe Workshops und Schulungen zum Thema 'Wissenschaftskommunikation und Social Media' durch. → weitere Infos
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Kommentare

3 Reaktionen »

  • DrNI@AM :

    Spätestens wenn der Großteil der Geldbeutelfinder diesen „Trick“ selbst prophylaktisch anwendet und daher auf Kinderfotos nicht mehr anspringt ist der Effekt dahin.

    [twort T]

  • DrNI@AM :

    Wenn man diesem Blog hier eine URL ohne www drin serviert, dann wirft es komische Fehlermeldungen.

    [twort T]

  • wölkschen :

    Pretty cool. Den homo oeconomicus gibt es einfach nicht…

    [twort T]

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