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»Far« – Regina Spektor mit neuen Existenz- und Klangexperimenten

23. Juni 2009 | 23:00 Gelesen: 12263 · heute: 2 · zuletzt: 26. July 2017 1 Reaktion

regina_spektor_01Drei Jahre lang hat Regina Spektor ihre Fans auf eine neue Platte warten lassen. Jetzt legt die 29-jährige ihr fünftes Studio-Album vor. Auf „Far“ kann man die russisch-amerikanische Ausnahmekünstlerin begleiten, wie sie in insgesamt fünfzehn Songs immer neue Pfade in ihrem verzauberten Folk- und Popkosmos beschreitet.

Ihren einstigen Status als Geheimtipp hat Regina Spektor längst verloren. Zurückgewonnen1 hat sie ihre überschwengliche Lust und den Mut an musikalischen Experimenten.

New Adventures in Hi-Fi

Und so ist ihre außergewöhnliche, winterklare Stimme das einigende Band, das die fünfzehn Songs letztlich irgendwie doch zusammenhält. Denn es ist ein rechter Gemischtwarenladen, den Regina Spektor dieses Mal ausbreitet. Wobei das nicht als Kritik verstanden werden muß. Denn wer stöbert nicht gerne im bunten Sortiment, zumal wenn die Verkäuferin so charmant ist.

Wer stöbert nicht gerne im Gemischtwarenladen, wenn die Verkäuferin so charmant ist?

Und als Verkäuferin schlüpft Regina Spektor in immer neue Gewänder. Da hüpft sie kindlich-verträumt durch manche Songs,2 um im folgenden Stück nachdenklich die Unergründbarkeit des Daseins zu besingen.

Du nennst es Pathos, ich nenn‘ es Leben

In solchen Songs dominiert die wohltemperierte und -dosierte Melancholie, die man von Regina Spektor kennt. Und wenn das alles noch durch eine kleine Prise Pathos und einen bedenkenswerten Text ergänzt wird, dann erhält man beispielsweise einen großartig-überwältigenden Popsong wie „Laughing with“.3

Aber diese erste Single-Auskopplung ist sicher nicht das einzige Highlight. Wie gesagt: „Far“ ist kein Album aus einem Guß. Es versammelt grundverschiedene Songs, die innerhalb der letzten Jahre entstanden sind. Es sind insgesamt fünfzehn Einladungen an die Hörer, um Regina Spektor immer wieder neu zu entdecken. Mal kraftvoll, mal verträumt und dann wieder – stark an Tori Amos erinnernd – voller Experimentierlust, wie etwa in „Machine“.

Genauso hübsch, aber doch ganz anders kommt „Eet“ daher, wo es rhythmisch deutlich dynamischer zugeht.4 Und bei „Blue Lips“ – ebenfalls einer der älteren Songs, der es nun auf das Album geschafft hat – demonstriert Regina Spektor wieder ihre ganze Könnerschaft: es bleibt einfach Rockmusik.

  1. Dem letzten Album „Begin to hope“ war – durchaus zu Recht – vorgeworfen worden – , daß es zu glatt und zu mutlos dem vermeintlichen Popmainstream nahezukommen versuchte. []
  2. Wie beispielsweise im vergnügt-heiteren „Folding Chair“. []
  3. Und Regina Spektor hat sehr recht mit ihrer Beobachtung, daß („No one laughs at God in a hospital“) es so viele Situationen gibt, in der uns nur noch ein Gott retten kann. []
  4. Und das Video von „Eet“ ist auch mal wieder sehr sehenswert. []
Marc Scheloske
Marc Scheloske
Ich bin Sozialwissenschaftler und freier Journalist. Ich schreibe (Fach-)Artikel, blogge und führe Workshops und Schulungen zum Thema 'Wissenschaftskommunikation und Social Media' durch. → weitere Infos
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Kommentare

Eine Reaktion »

  • wf :

    Ja, hübsch, da wird nicht mal die alte Jazznase gerümpft, weil die Lady nicht so epigonal daherseichtet wie das Gros der Funktionsharmonieschrauber.
    Nur bei deiner Klassifizierung ihrer Stimme als „winterklar“ hätt ich eine andere Klangvorstellung, weil sie doch etwas viel, durchaus angenehmen Lagerfeuerrauch leicht lasziv aus der Kehle haucht ;-)

    [twort T]

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