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Schnapsidee: Reform der Semesterzeiten | kurz&knapp 49

28. Oktober 2008 | 11:00 Gelesen: 6847 · heute: 3 · zuletzt: 30. April 2017 2 Reaktionen

Seit rund 10 Jahren sind die deutschen Hochschulen ein Schauplatz wildesten Reformeifers. Da wird vorgeschrieben, wieviele Jahre wissenschaftliche Mitarbeiter vor und nach ihrer Promotion an Unis beschäftigt bleiben dürfen (anstatt solche Fragen doch bitte den Instituten selbst zu überlassen), da wird der Bologna-Prozeß bejubelt und in der Begeisterung vergessen, daß möglicherweise auch das bisherige System einige bewahrenswerte Eigenschaften hatte oder es werden sog. Lecturer-Stellen eingeführt, die in vielen Fällen die betroffenen Dozenten über das Limit ihrer Leistungsfähigkeit hinaus belasten und somit weder dem wissenschaftlichen Nachwuchs, noch den Studenten wirklich nutzen.

Semesterstart ab 2011 im September?

Welchen Nutzen, welchen Schaden hat eine Vorverlegung des Semesterstarts in den September?

Ein weiteres Reformvorhaben betrifft die Semesterzeiten. Es ist ja so, daß Deutschland relativ spät, nämlich erst Mitte Oktober den Hochschullehrbetrieb aufnimmt – das soll sich nach dem Beschluß der Hochschulrektorenkonferenz vom 4.7.2007 ändern. Ab 2011, so der Plan, soll der Semesterstart dann schon Anfang September stattfinden.

Das Problem: nach dem jetzigen Modus gibt es zwischen den deutschen und den meisten internationalen Hochschulsystemen einige überschneidungsfreie Wochen oder gar Monate. Konkret heißt das: derzeit kommen viele Gastprofessoren etwa aus den USA im späten Juni oder Juli nach Deutschland, umgekehrt reisen viele deutsche Dozenten im März oder September ins Ausland, um dort Lehrveranstaltungen zu übernehmen. In Zukunft wird das nicht mehr möglich sein.

Internationaler Austausch erschwert, Abitur entwertet

Und noch ein zweites Problem schafft die angestrebte Reformlösung: der Zeitraum zwischen Abitur und der Bewerbung an einer Hochschule wird zu knapp. Das wird dazu führen, daß die Abiturienten sich bereits mit ihren Halbjahreszeugnissen um die Studienplätze bewerben müßten, was zwingenderweise zu einer Entwertung des eigentlichen Abiturs führen würde.

Albrecht Koschorke, Literaturwissenschaftler an der Uni Konstanz, hat nun – wie ich bei Sciencegarden lese – eine Unterschriftenaktion gestartet, die den Protest von Hochschullehrern und Dozenten sichtbar machen soll. Im dazugehörigen Aufruf ist zu lesen:

Als Forschungsstandort würde Deutschland durch die von der HRK geforderte Änderung Schaden erleiden. Die Mobilität von Hochschullehrern und Nachwuchswissenschaftlern würde empfindlich vermindert, erfolgreiche Austauschprogramme würden behindert oder unmöglich ge­macht.


Marc Scheloske
Marc Scheloske
Ich bin Sozialwissenschaftler und freier Journalist. Ich schreibe (Fach-)Artikel, blogge und führe Workshops und Schulungen zum Thema 'Wissenschaftskommunikation und Social Media' durch. → weitere Infos
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Kommentare

2 Reaktionen »

  • DrNI :

    Nun, viele Bachelor-Studenten erhalten ihre Zulassung jetzt schon erst im November – es wird aber von ihnen Erwartet, dass sie nur 2x pro Seminar und Semester fehlen, d.h. wenn sie erst nach Erhalt der Zulassung anfangen, ist das erste Semester schon kaputt, denn die Veranstaltungen beginnen ja Mitte Oktober. Wie soll das dann sein, wenn das Semester im September beginnt? Man könnte natürlich das Abitur vorverlegen. Das ist sowieso nicht in allen Bundesländern gleich spät.

    Die Begründung der HRK für diese Deform („deutsche Reform“) lautet übrigens genau gleich wie das hier genannte Problem: Der internationale Austausche sei behindert. Hm ja was denn nun?

    [twort T]

  • Marc :

    @DrNI: Ja, das ist wirklich das ulkige, daß von beiden Seiten (den Reformbefürwortern und den Gegnern) ähnliche Argumente angeführt werden, nämlich die Internationalisierung.

    Der Unterschied: wenn die Semestertaktung identisch wäre (gleicher Start/Ende an deutschen Unis und anderswo), dann ließen sich Auslandssemester für die Studenten meist problemloser gestalten. Das Gegenargument zielt auf die Dozenten: hier führt die aktuelle Regelung zum positiven Nebeneffekt, daß wir viele Gastprofs bekommen, die dann eben 5-6 Wochen hier Seminare geben, die sonst nicht stattfinden würden.

    Und mit Deiner Anmerkung zur grundsätzlichen Problematik der Anmeldung/Zulassung für Studiengänge: ja, ich höre auch immer wieder haarsträubende Geschichten. Die Hochschulbürokratie ist nicht unbedingt schnell – wie das erst gehen soll, wenn der Semesterstart weitere 6 Wochen früher ist, ist mir ein Rätsel…

    [twort T]

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