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Nicht besser, anders! » Weshalb wissenschaftliche Blogs ein wichtiges Korrektiv zum konventionellen Journalismus sind | Werkstattnotiz 103

17. Juli 2008 | 13:26 Gelesen: 7950 · heute: 2 · zuletzt: 27. June 2017 6 Reaktionen

Boxhandschuhe, Quelle: stock.xchng, User: verdrieIn 10 Jahren werden wir rückblickend darüber schmunzeln, daß einst Blogs und der konventionelle Redaktionsjournalismus als Gegensatz und Konkurrenz angesehen wurden. Die publizistischen Scharmützel zwischen den wilden, aufbegehrenden Bloggern und den Besitzstandswahrern des selbsternannten Qualitätsjournalismus werden uns lächerlich erscheinen.

Beim Tag des Wissenschaftsjournalismus in Dieburg,1 habe ich einen Versuch unternommen, den Konkurrenzgedanken durch das Konzept einer gegenseitigen Bereicherung zu ersetzen.

Vortrag beim „Tag des Wissenschaftsjournalismus“

Es ist schon zwei Wochen her, daß ich der netten Einladung der Studenten des Studiengangs Wissenschaftjournalismus der Hochschule Darmstadt gefolgt bin. Aber wenn ich versuchen soll, die Hauptthesen meiner Präsentation zusammenzufassen, die ich unter die Überschrift „Einladungen zum Denken. Wissenschaftliche Blogs und der Weg in eine “wissenschaftsmündige” Gesellschaft. Über Chancen und Zumutungen der Wissenschaftskommunikation 2.0″ gestellt habe, dann sind es wohl die beiden folgenden Grundgedanken, die ich den Zuhörern vermitteln wollte.

  1. Wissenschaft ist schon immer ein riesengroßes Gespräch. Sie lebt vom argumentativen Dialog. Und Wissenschaft und Wissenschaftler tun gut daran, die Möglichkeit der bloggenden Wissenschaftskommunikation zu erproben, einzuüben und herauszufinden, ob Blogs nicht ein ideales Instrument des wissenschaftlichen Informations-, Identitäts- und Beziehungsmanagements sein können.
  2. Der Wissenschaftsjournalismus tut gut daran, die wissenschaftliche Blogszene ernstzunehmen. Nicht weil ihm von dort derzeit ernsthaft Konkurrenz drohte – noch ist die Zahl der Wissenschaftsblogger zu gering, noch sind die Kräfteverhältnisse zu asymmetrisch. Journalisten sollten (wissenschaftliche) Blogs ernstnehmen, weil dort teilweise illustriert wird, wie spannende, authentische Wissenschaftskommunikation aussehen könnte. Und weil wissenschaftliche Blogger regelmäßig die Schwächen des behäbigen und recherchefaulen Journalismus entlarven. Insofern dienen (wissenschaftliche) Blogs als Korrektiv zur satten journalistischen Alltagsroutine.

Und alle, die sich nochmal durch meine Präsentation klicken wollen, die können es nun hier tun:

Lars Fischer hatte übrigens in wunderbarer Weise meinen Vortrag live-bloggend begleitet (Einstiege u.a. hier und hier und auch an dieser Stelle wurde sehr gut live über meinen Vortrag gebloggt!).

Lars schrieb:

„Nun stellt Marc seine zentrale These vor, die auch Wissenschaftsjournalisten freuen wird: Blogs existieren komplementär zu anderen Medien und erweitern sie, statt sie einzuschränken oder gar zu ersetzen. Blogs sind direkt, aktuell und authentisch. Im Zweifel können Blogs nicht nur schneller sein als der Online-Jounalismus, sondern eben vor allem auch die Stimmen von Experten zu Gehör bringen und Feinheiten von Themen präsentieren, die dem Wissenschaftsjournalisten als Generalisten nicht in dem Maße zugänglich sind.“

Danke! Besser hätte ich es auch nicht sagen können. ;-)

Worauf es mir ankommt:

Die Behauptung, daß wissenschaftliche Blogs derzeit eine Alternative zum etablierten Wissenschaftsjournalismus darstellen, ist vermessen. So schlecht sind die „gelernten“ Wissenschaftsredakteure überhaupt nicht und: die Ressourcen (Zeit, Geld, Recherchetools), die den Profis zur Verfügung stehen, sind einfach auch etwas wert und schlagen sich (meist) in der Qualität der Artikel nieder.

Stachel im Fleisch des behäbigen Wissenschaftsjournalismus

Wissenschaftsblogs sind keine bessere, sondern eine „andere“ Form der Wissenschaftskommunikation!

Aber: wissenschaftliche Blogs führen immer wieder vor Augen, daß die konventionelle „Berichterstattung“ über wissenschaftliche Themen teilweise zu behäbig, zu brav und manchmal auch zu schlecht informiert ist. Das können manche Wissenschaftler besser.

Insofern sollten die journalistischen Profis die neuen, frechen Akteure auf dem Spielfeld der Wissenschaftskommunikation nicht als Konkurrenz ansehen, sondern als Motivation. Jetzt gilt es, zu beweisen, daß Ihr die Vermittlung wissenschaftlicher Themen doch besser beherrscht! Jetzt gilt es, die Herausforderung durch die Blogger anzunehmen!

Wäre es nicht ein toller Erfolg, wenn wir – da sich die Jungs und Mädels in den Redaktionen mehr anstrengen! – in Zukunft seltener mißlungene und schlecht informierte Artikel in SZ, FAZ, Welt oder Spiegel lesen müssten? ;-)



  1. Der übrigens sehr, sehr gut vorbereitet und organisiert war! Großes Lob und vielen Dank nochmal an das Team rund um Annette Leßmöllmann und Thomas Pleil. []
Marc Scheloske
Marc Scheloske
Ich bin Sozialwissenschaftler und freier Journalist. Ich schreibe (Fach-)Artikel, blogge und führe Workshops und Schulungen zum Thema 'Wissenschaftskommunikation und Social Media' durch. → weitere Infos
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Kommentare

6 Reaktionen »

  • Markus Trapp :

    Hervorragende Präsentation. Hab mich gerade durchgeklickt und war froh, dass ich mich nicht von der Anzahl von 122 Folien habe abschrecken lassen. Man ist ja doch recht schnell durch. Sehr ansprechend gestaltet und – auch ohne den Vortrag gehört zu haben – ist alles gut nachvollziehbar. Danke fürs Onlinestellen.

    [twort T]

  • gut :

    Leider kein Korrektiv zu Wikipedia.
    Im Wirtschaftsbereich werden auch gut belegte Tatsachen aus ideologischen Gründen gelöscht.
    Das machen Personen aus der ehemaligen DDR.
    Stasimethoden in 3. Generation ?

    [twort T]

  • freddy :

    Was bitte ist ein „wissenschaftlicher Blog“ und warum, meinen Sie, durchschlägt das antiwissenschaftliche Machwerk „wikipedia“ gerade in Deutschland so stark ?

    Gruß Freddy

    [twort T]

  • Marc :

    @Markus:

    Vielen Dank und freut mich, daß Du dich nicht hast abschrecken lassen und den 122-Folien-Marathon auf Dich genommen hast. :-)

    @gut:

    Ja, wissenschaftliche Blogs haben zunächst mal nichts mit Wikipedia zu tun. Ist es ein Gegenargument gegen Wissenschaftsblogs, daß manche Themenfelder in der Wikipedia umstritten und teilweise von unlauteren Praktiken beeinträchtigt sind?

    @freddy:

    An wen richtet sich die Frage? Eine Antwort darauf, was ein wissenschaftlicher Blog ist, gäbe u.a. sogar die oben verlinkte Präsentation. Ansonsten empfehle ich eine Lektüre vieler Beiträge hier in der Werkstatt.

    Bei Interesse empfehle ich folgenden Einstieg: Die Wissenschaft und die Blogosphäre

    [twort T]

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