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Die Gene und die Politik » Bestimmt unsere genetische Disposition unser Wahlverhalten? | Werkstattnotiz 101

3. Juli 2008 | 13:42 Gelesen: 7954 · heute: 2 · zuletzt: 27. July 2017 3 Reaktionen

WahlSind wir für unsere politischen Präferenzen und Handlungen wirklich verantwortlich? Entscheiden wir an der Wahlurne frei oder vollziehen wir den Wahlakt gemäß einer Prädisposition, die durch unsere genetische Ausstattung vorbestimmt ist?

Als Politikwissenschaftler muß ich natürlich konstatieren, daß die Basis unserer demokratischen Kultur die Idee eines autonomen, mit freiem Willen ausgestatteten Subjekts ist. Der Bürger ist als Akteur so konzipiert, daß er einen Prozeß der politischen Willensbildung durchläuft, sich informiert, idealerweise am politischen Prozeß aktiv partizipiert und letztlich im Wahlakt seinem Willen Ausdruck verleiht.

Sind wir in unseren politischen Entscheidungen frei?

Unbestreitbar ist, daß wir ständig unterschiedlichen Einflußfaktoren ausgesetzt sind. Die Entscheidungen der Wahlbürger werden auf mehr oder minder subtile Weise zu beeinflußen versucht – dies gelingt bisweilen, zum Glück nicht immer.

In aktuellen Studien, die Jürgen Schönstein aufgestöbert hat, glauben Forscher nun zeigen zu können, daß bestimmte genetische Faktoren einen nicht zu unterschätzenden Einfluß auf unser politisches Verhalten haben.

Im Artikel von James H. Fowler, Laura A. Baker und Christopher T. Dawes von der University of California ist zu lesen:

„The decision to vote has puzzled scholars for decades. Theoretical models predict little or no variation in participation in large population elections and empirical models have typically accounted for only a relatively small portion of individual-level variance in turnout behavior.However, these models have not considered the hypothesis that part of the variation in voting behavior can be attributed to genetic effects.“

Sollten Wahlforscher demnächst vielleicht genetische Screenings beim Wahlvolk durchführen? Werden demnächst die Politiker gezielt ihre Botschaften an bestimmte, genetisch definierte Wählergruppen adressieren?

In einem weiteren Artikel zeigen die Forscher, daß etwa Wähler mit einer bestimmten Variante des sog. MOAO-Gens deutlich häufiger an der Präsidentschaftswahl 2004 teilgenommen hatten. Und auch eine Polymorphie des 5HTT-Gens scheint das Wahlverhalten zu beeinflußen:

„We also find evidence that an association between a polymorphism of the 5HTT gene and voter turnout is moderated by religious attendance. These are the first results ever to link specific genes to political behavior.“

Bestimmen am Ende unsere Gene, welche Parteien, welche Politiker wir wählen?

Wie Fowler et. al. das herausgefunden haben wollen? – Durch Zwillingsstudien. Hier werden also die Biographien und im speziellen Fall das Wahlverhalten von Menschen untersucht, die als Zwillingskinder auf die Welt kamen, danach aber in unterschiedlichen Familien und Milieus aufwuchsen.

Sozialisation, Erziehung, Umfeld und andere Faktoren sind hier also recht unterschiedlich und können nicht als Erklärung für ähnliche oder identische Verhaltensweisen herangezogen werden. Und dennoch fanden die Forscher auffällige Ähnlichkeiten zwischen den „getrennten“ Zwillingen.

Ich bin dennoch skeptisch. Habe gerade aber leider keine Zeit, mir die Studien noch genauer anzusehen. Spannend sind die Befunde aber allemal.


Marc Scheloske
Marc Scheloske
Ich bin Sozialwissenschaftler und freier Journalist. Ich schreibe (Fach-)Artikel, blogge und führe Workshops und Schulungen zum Thema 'Wissenschaftskommunikation und Social Media' durch. → weitere Infos
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Kommentare

3 Reaktionen »

  • Jörg Djuren :

    Sehr witzig. Ich würde mich freuen, wenn auch GenetikerInnen mal wieder ernst zu nehmende seriöse Wissenschaft betreiben würden statt solcher Spökenkikerei. Z.B. wählen in den USA weitaus mehr Weiße als Farbige auf Grund der sozialen Lage, daß somit auch bestimmte Genvarianten (eben die, die überproportional in dieser Bevölkerungsgruppe (Weiße angloamerikanischer Herkunft) zu finden sind) in der Gruppe der WählerInnen überproportional vertreten sind ist z.B. trivial. GentikerInnen betreiben heute ihre Forschungen häufig auf einem Niveau mit dem jede/jeder in der Zwischenprüfung Sozialwissenschaften durchfallen würde (Na ja, vieleicht gibts noch eine Mitleids-4). Genetik wird so (vergleichbar der Rassenbiologie früher) vor allem zur Ideologieproduktion.
    Siehe dazu: http://www.ak-anna.org/naturwissenschaftskritik_alternativen/genetik_rassismus.html

    [twort T]

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