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Bloggen auf Rezept? » Über die gesundheitsfördernden Aspekte des Schreibens | Werkstattnotiz LXXXX

26. Mai 2008 | 11:40 Gelesen: 6588 · heute: 2 · zuletzt: 29. June 2017 12 Reaktionen

SchreibenJetzt ist es amtlich: Bloggen fördert die Gesundheit! Zum Teufel mit rechts- oder sonstwie-drehenden Milchsäuren und Fitneßprogrammen: eine Stunde tägliches Wellness-Blogging und wir Stärken unser physisches und psychisches Wohlbefinden. Das legen zumindest neue Studien nahe, die – man höre und staune – bei Krebspatienten durchgeführt wurden.

Fühlen Sie sich manchmal abgespannt, müde und frustriert? Wieso legen Sie sich keinen Blog zu? Regelmäßiges Bloggen stärkt das Immunsystem, verbessert die Gedächtnisleistungen, normalisiert den Schlafrhythmus, führt zu einer allgemein höheren psychischen Zufriedenheit und verkürzt sogar die Heilungsdauer nach Operationen!

Sie wundern sich, daß Ihnen Ihr Arzt dieses Geheimrezept bislang verschwiegen hat? Kein Wunder: es kommt aus den USA und die positiven Effekte wurden bis dato v.a. im Zusammenhang mit kreativen Schreibtrainings beobachtet. Aber, psssst!, die selben Wirkungen können auch durch Bloggen herbeigeführt werden. Und das vielleicht sogar in noch stärkerem Maße…

Schreiben kann heilen. Heilung durch Schreiben.

Auch wenn diese Passagen ein wenig nach den Prospekten der Pharmaindustrie klingen – es handelt sich nicht um PR-Geschnatter, sondern um die Schlußfolgerungen aus seriösen wissenschaftlichen Studien. Diese sind in den letzten Jahren vornehmlich in den USA entstanden und versuchten zu klären, welche Effekte expressiv-kreatives Schreiben auf die Gesundheitsentwicklung hat. Und gerade wenn es um die begleitende Therapie von Patienten mit chronischen Krankheiten geht, so hat sich längst gezeigt, daß der kreative Ausdruck in Form des Schreibens günstige Wirkungen zeigt.

Kreatives Schreiben stärkt das Immunsystem, verbessert Schlaf und Gedächtnis und hat günstige Effekte auf den Krankheitsverlauf von Krebspatienten.

In der jüngsten Ausgabe des „Scientific American“ ist nun über eine aktuelle Studie im Zusammenhang mit Leukämiepatienten zu lesen und auch über die therapeutische Wirkung von Blogs. Auf den ersten Blick steht diese Meldung im Widerspruch zu den vor wenigen Wochen diskutierten Todesfällen von US-Top-Bloggern, allerdings geht es hier ja auch nicht um die rastlose, adrenalin- und testosterongesteuerte Newsjagd, sondern um die eher kontemplativen Formen des Bloggens.

Lars Fischer ist mir – nachdem ich den Artikel aufgeschoben hatte – bereits zuvorgekommen und hat auch einige Anmerkungen notiert. Er reklamiert zu Recht, daß die Wirkmechanismen bislang nur unzureichend verstanden seien – bis auf vage Annahmen, welche Hirnregionen1 involviert sind, sei die wissenschaftliche Faktenlage noch etwas dünn.

Damit hat Lars sicher recht, wenn man die im Artikel zitierten Ausführungen der Harvard-Neurologin Alice Flaherty hernimmt, die mit bildgebebenden Verfahren dem Geheimnis des Schreibens bzw. des Bloggens – auf die Spur kommen will. Die inzwischen gut belegten positiven Effekte des Schreibens – u.a. in schwierigen Lebensphasen – sprechen aber für sich.

Whatever the underlying causes may be, people coping with cancer diagnoses and other serious conditions are increasingly seeking—and finding—solace in the blogosphere. “Blogging undoubtedly affords similar benefits” to expressive writing, says Morgan, who wants to incorporate writing programs into supportive care for cancer patients.

Von der Selbstauskunft zum Tagebuch zum Blog zur Community

Und es ist, wenn man es sich recht überlegt, auch kaum verwunderlich, daß die Schreib- bzw. Blogtätigkeit sich eben günstig auf das Wohlbefinden auswirkt. Denn was anderes sind wir Menschenwesen als denkende und (schrift-)sprachliche kommunizierende Akteure. Die konzentrierte Form der Auseinandersetzung mit Welt und Wirklichkeit im Schreibprozeß ist als Kulturtechnik jahrhundertealt – Tagebücher und Briefwechsel aus vergangenen Zeiten geben noch heute Auskunft darüber.

Der Mensch ist ein schreibendes Wesen. Kein Wunder, daß auch die „Kulturtechnik“ Bloggen sogar in der Therapie zum Einsatz kommt.

Und die Tätigkeit des Schreibens hat eben – wie nun Nancy P. Morgan von der Georgetown University in Washington belegen konnte – sogar auf das Befinden von Krebspatienten positive Effekte. Die Steigerung der Lebensqualität der Patienten spricht für sich. Diese Effekte sind unbestritten.

Und noch günstiger als das bloße, „klassische“ Schreiben könnte sich das Bloggen auswirken, so die Vermutungen einiger Wissenschaftler. Alice Flaherty, die sich in der Vergangenheit mit den neuronalen Grundlagen verschiedenster Schreibverhaltensmuster – von Schreibblockaden bis hin zur „Hypergraphie“, dem krankhaften Schreibzwang – beschäftigt hatte, will sich nun eingehender der bloggenden Kommunikationsform annehmen:

“You know that drives are involved [in blogging] because a lot of people do it compulsively,” Flaherty notes. Also, blogging might trigger dopamine release, similar to stimulants like music, running and looking at art. [Quelle: SciAm]

Wunderbar: Bloggen führt vermutlich zu einer vermehrten Ausschüttung von Dopamin. Und das „Glückshormon“ sorgt für den „Blog-Flow“…

Man darf als gespannt sein, ob tatsächlich eine erhöhte Dopaminausschüttung2 experimentell nachgewiesen werden kann. Dann wäre zumindest bewiesen, daß es zu einem Blog-Flow, dem Hochgefühl im und durch das Bloggen kommen kann.

Wobei ein Aspekt sicher nicht zu vernachlässigen ist: die Community. Denn im Gegensatz zur Reinform des Tagebuchschreibens3 werden Blogtexte an ein Gegenüber adressiert. Und die Resonanz, die man auf das eigene Schreiben in Blogs erhält, ist – was gerade die psychischen Effekte angeht – sicher ebenfalls von Bedeutung.

Wann gibt es Bloggen als Kassenleistung?

Warten wir also ab, ob und wann uns die Neurowissenschaftler und Psychologen erklären können, ab welcher Blog-Dosis es zum Blog-Flow kommt, ab welcher Postingfrequenz man von einer zwanghaften Blogsucht reden muß und wann Blogentzug angesagt ist…

Bis dahin trösten wir uns: Bloggen macht vielleicht nicht schön, aber gesund!



  1. Die Frontal- und Temporallappen der Großhirnrinde sind offenbar beteiligt, sowie Bereiche des limbischen Systems, wo die Schreibaktivität bzw. die Schreibmotivation lokalisiert scheint. []
  2. Dopamin ist ein wichtiger Neurotransmitter und spielt ebenfalls eine wichtige Rolle bei der Regulation des Hormonhaushalts. Landläufig wird Dopamin auch als „Glückshormon“ bezeichnet. []
  3. Beim Tagebuchschreiben steht die Selbstreflektion im Vordergrund. Wobei allerdings auch kein direkter Gesprächspartner, damit aber auch kein (positives) Feedback gegeben ist. []
Marc Scheloske
Marc Scheloske
Ich bin Sozialwissenschaftler und freier Journalist. Ich schreibe (Fach-)Artikel, blogge und führe Workshops und Schulungen zum Thema 'Wissenschaftskommunikation und Social Media' durch. → weitere Infos
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Kommentare

12 Reaktionen »

  • Fischer :

    Fehlt im Grunde nur noch eine Studie über die Auswirkungen von Statistiktools und zwanghaftem Verfolgen selbiger…

    [twort T]

  • Bernd W. :

    @Fischer: Die Trias „Studie“, „Statistiktools“ und „Verfolgen“ interessiert mich grundsätzlich. Bei Deinem Statement verstehe ich nur noch nicht die Verknüpfung :-)

    [twort T]

  • Marc :

    @Fischer:

    Genau! Und ich fürchte, daß bei den Statistikjunkies das zwanghafte Schielen auf die Tools die an für sich positiven Aspekte wieder zunichte macht.

    Also, Einschränkung: Bloggen ist gesund – solange man sich von Google Analytics und Co. fernhält! ;-)

    @Bernd:

    Bei Deinem Schwerpunkt frage ich mich ja tatsächlich, ob Du nicht manchmal im Traum schweißgebadet aufwachst, weil Dich die bösen SPSS-Jungs verfolgt haben… ;-)

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  • Stefan :

    Die Gesundheitsthese erscheint mir ebenso zweifelhaft wie die Behauptung des genauen Gegenteils, die erst vor Wochen durchs Web waberte (wenn auch nicht von Wissenschaftlern verbreitet), siehe etwa hier oder hier.
    In den verlinkten Geschichten geht es um den angeblichen Stress, der „Profi-Bloggern“ durch Erfolgsdruck droht. Aber ist nicht auch das Gegenteil, nämlich die Erfolglosigkeit von Blogs, die so mancher Hobby-Schreiber schon erfahren haben dürfte, ebenso stressig?

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  • Bernd W. :

    @ Marc: Ah, jetzt verstehe ich das. Lustigerweise (oder traurigerweise, bei meinen Zugriffszahlen…) betrachte ich das Quanti|Soz|Blog statistische gesehen (meistens zumindest[1]) völlig unbelastet.

    Ansonsten gilt ja: Statistik = Möglichkeit, Anerkennung (teilw. auch finanzieller Gewinn bzw. Option darauf) zu messen.

    Du schreibst: „Bei Deinem Schwerpunkt frage ich mich ja tatsächlich, ob Du nicht manchmal im Traum schweißgebadet aufwachst, weil Dich die bösen SPSS-Jungs verfolgt haben… ;-)“.

    Mir fällt keine gewitzte Erwiderung ein, außer zu lachen und mein Image zu überdenken :-) Außerdem heißt der „Feind“ nicht SPSS, sondern mangelnder Sachverstand[2], (manchmal bewusst) fehlerhafte Interpretation und das Fehlen jeglicher Skepsis den eigenen Ergebnissen gegenüber.

    [1] Die Ereignisanalyse meiner Kommentare fand ich gut.

    [2] Wobei ich mich gar nicht ausnehmen möchte. Ich lerne auch noch immer dazu, siehe etwa meine psychometrischen Überlegungen zu den Motiven des Bloggens. Früher hätte ich eine simple und falsche Hauptkomponentenanalyse gerechnet… ja, das waren noch Zeiten.

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  • Fischer :

    Also, wenn mein Statcounter gesundheitsschädlich wäre, wär ich längst unter der Erde… ;)

    Ich berausche mich ja besonders gerne an der MPI-Quote meiner Leserschaft.

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  • Bernd W. :

    @Stefan: Wer sagt, dass das Leben (und die Wissenschaft) monokausal ist? Ich befasse mich (fast) ausschließlich mit sozialen Phänomemen, denen mehrere, teilweise sich widersprechende (Erklärungs-)Mechanismen zugrunde liegen (bzw. theoretisch zugrunde gelegt werden).

    [twort T]

  • Christiane :

    Gegenprobe: Warum sind Journalisten anfälliger für Suchtkrankheiten wie die Durchschnittsbevölkerung? Ich leite daraus ab: Kreatives Schreiben ist okay, professionelles Schreiben nicht. Es lebe also das unprofessionelle Bloggen. ;)

    [twort T]

  • Marc :

    @Stefan:

    Klar, ich stimme Dir zu, daß solche Befunde nicht verallgemeinert werden können und auch generell nicht als pauschales Indiz für die Behauptung taugen, „Bloggen ist gesund“.

    Das wäre definitiv zu einfach und der Eindruck sollte hier auch nicht erweckt werden. Insofern sei nochmals gesagt: Schreiben und Bloggen ist eine Tätigkeit, die auch positive (psychische, wie physiologische) Effekte hat – allerdings kommt es auf die individuellen Rand- und Rahmenbedingungen und dutzende andere Faktoren an.

    @Fischer:

    Ich berausche mich ja besonders gerne an der MPI-Quote meiner Leserschaft.

    Kann ich mir vorstellen. Ich mache immer Strichlisten, in denen ich die Uniserver zusammenzähle. Ministerien, große Verlage oder Pharmakonzerne sind aber auch nett.

    @Christiane:

    Du hast natürlich recht: wie bei allem gilt, daß die Dosis das Gift macht bzw. dafür zuständig ist, ob eine Tätigkeit positive oder negative Auswirkungen hat.

    Das gilt doch auch ähnlich für andere Phänomene: Bewegung oder Lauftraining ist der Gesundheit allgemein zuträglich. Wenn ich aber beginne jede Woche einen Marathon zu laufen, dann ist das Raubbau am Körper.

    Also: immer schön langsam und genüßlich bloggen. Bei mehr als 5 Posts/Tag fragen Sie Ihren Arzt oder Blog-Psychotherapeuten. ;-)

    [twort T]

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