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Verrate mir, wen Du wählst und… » Politische Präferenzen und die Einstellung zum Klimawandel | Werkstattnotiz LIXXXX

20. Mai 2008 | 14:54 Gelesen: 7112 · heute: 3 · zuletzt: 1. August 2014 2 Reaktionen

Die Tatsache, daß die Wähler konservativer Parteien häufiger den sonntäglichen Gottesdienst besuchen, die Wähler der Grünen dagegen mit höherer Wahrscheinlichkeit zu den Kunden des Biomarktes gehören, ist bekannt und nicht weiter verwunderlich. Unsere politischen Präferenzen verraten mitunter aber noch mehr über uns: vielleicht sogar, was wir über den Klimawandel denken…

Wenn wir in der Wahlkabine unser Kreuzchen machen, dann ist das zunächst lediglich Ausdruck unserer ganz individuellen politischen Präferenz in diesem Augenblick. Klar aber ist: unsere Entscheidung in der Wahlkabine ist Ergebnis eines hochkomplexen Prozesses der politischen Willensbildung, in den weltanschauliche Standpunkte, Sozialisationserfahrungen, Werthaltungen, Milieuzugehörigkeiten und vieles andere einfließen.

Wir teilen mit den Angehörigen unseres (sozialen) Milieus möglicherweise mehr Eigenschaften, als uns lieb ist…

Und diese verschiedenen Einflußfaktoren weisen für jeden Wähler zwar ein spezifisches Profil auf, insgesamt lassen sich aber aus der politischen Präferenz spannende Rückschlüsse auf andere Lebensbereiche ziehen. Und auch wenn in den letzten 20 Jahren die klassischen1 sozialen Milieus an Bindungskraft verloren haben, so haben sich neue, ergänzende Milieus gebildet, die zwar weniger eindeutig und viel bunter als früher sind, dennoch den Demoskopen interessante Einsichten erlauben, wie denn die Angehörigen der einzelnen Gruppen “ticken”.

Wobei, keine Angst: nur weil man möglicherweise viele typische Eigenschaften des “hedonistischen Milieus” aufweist, so lassen sich aufgrund dessen natürlich keine Rückschlüsse auf die bevorzugten Sexualpraktiken ziehen. Und selbst in der Zusammenstellung unserer Speisekarte können wir davon ausgehen, daß genug Freiheitsspielräume vorliegen, die uns nicht zu gleichgeschalteten Speisezubereitungssoldaten machen, nur weil wir zufälligerweise die CSU wählen.

Was man nicht sagen kann: welche Lieblingsgerichte die Parteianhänger haben

Wo bleibt die Studie, die anhand der Eßgewohnheiten die politische Einstellung feststellt?

Es wäre zwar durchaus mal spannend, sich Gedanken darüber zu machen, wie die Ernährungsgewohnheiten mit den Parteipräferenzen korrelieren, aber vermutlich fielen die Ergebnisse ziemlich langweilig aus. Als Arbeitshypothese würde ich ja dem CDU-Wähler eine Vorliebe für Eintöpfe und dem SPD-Genossen einen Hang zu Mettwurstbrötchen attestieren.

Der liberale FDP-Sympathisant findet vermutlich in der italienischen Küche seine Erfüllung und für den Freund der Bündnisgrünen bleibt der Dinkelbratling. Ach ja, die Linke gibt es noch, deren Klientel typischerweise an der Fritten- bzw. Currywurstbude anzutreffen wäre. Und die CSU-Anhänger brauchen zur Leberkäs-Semmel nur ein anständiges Weißbier, dann sind sie zufrieden.

So, damit aber genug in der Vorurteilskiste gewühlt, denn – das nochmal zur Klarstellung – einer empirischen Untersuchung hielten meine “Tipps” garantiert nicht stand. Obwohl, wenn ich’s mir recht bedenke…? ;-)

Was man sagen kann: welche Meinung zum Klimawandel die Parteianhänger haben

Spannender sind möglicherweise ohnehin andere Zusammenhänge – und bei Thilo Kuessner bin ich auf eine Umfrage des Pew-Research-Centers gestoßen, die sich die US-Bevölkerung vorgeknöpft hat, um deren Einstellungen und Einschätzungen zum globalen Klimawandel herauszufinden. Und, das bemerkenswerteste Ergebnis gleich vorweg: die Beurteilung, ob der Klimawandel anthropogene Ursachen hat, hängt sehr stark von der politischen Einstellung ab und (das ist das erstaunliche) je höher der Bildungsgrad, desto stärker der Effekt!

Parteien und Klimawandel, Quelle: PEWIn Zahlen: 75% der demokratischen Anhänger mit College-Abschluß glauben, daß die Klimaerwärmung menschliche Ursachen hat (allerdings teilen nur 52% der Demokraten mit geringeren Bildungsabschlüssen diese Ansicht). Die höhere formale Bildung korreliert also mit einer höheren Bewertung der anthropogenen Effekte.2

Bei den Republikanern zeigt sich allerdings genau das gegenteilige Bild: dort glauben nur 31% derjenigen (ohne!) Collegeabschluß, daß der Mensch zur Erwärmung beiträgt. Bei den höher gebildeten Republikaner nsind es dann aber nur noch 19%!3 Das heißt also: je höher gebildet, desto häufiger wird der anthropogene Einfluß geleugnet!

Ich kann diesen Befund nur irritiert zur Kenntnis nehmen. Hat irgendjemand eine gute Erklärung dafür? Denn naheliegender wäre, daß generell eine höhere Bildung damit einhergeht, daß die derzeit anerkannte wissenschaftliche Position geteilt würde – also die Anerkennung des anthropogenen Anteils. Bei den Republikanern zeigt sich aber der umgekehrte Effekt.

Umdenken in den Staaten: Klimawandel findet statt

Wenn man den Aspekt der Verursachung4 außer Acht lässt, so ergeben sich folgende Werte: 49% der Republikaner akzeptieren, daß sich das Klima derzeit in einer Erwärmungsphase befindet. Bei den Demokraten teilen stolze 84% diese Meinung. Insofern ist es nicht verwunderlich, daß Barack Obama letzte Woche gegen die spritfressenden SUVs und allgemein den Energiehunger seiner Landsleute Stellung bezogen hat.5

Ein weiterer interessanter Aspekt der Umfrage, die sich auf Daten von Ende April bezieht: die Einschätzung bzgl. des Klimawandels weist keine geschlechtsspezifischen Unterschiede auf. Das ist tatsächlich bemerkenswert, denn was ökologische Themen angeht, so sind Frauen zumeist “sensibler” und kritischer gegenüber (negativen) Veränderungen. Männer weisen häufig eine gelassenere Position auf, die u.a. mit einem höheren Vertrauen in die (technische) Kontrollier- und Steuerbarkeit solcher Effekte zu tun hat.

Wo befindet sich Klimapolitik auf der politischen Agenda?

Und noch eine letzte informative Tabelle ist im PEW-Bericht zu finden: dort ist gelistet, welche Themen welche Priorität genießen. Für die republikanischen Anhänger steht auf Position 1 unangefochten der Kampf gegen den Terrorismus (86%), ganz zuletzt (12%) rangiert der Klimawandel. Bei den Demokraten hat die Klimapolitik immerhin einen Mittelfeldplatz (47%), ganz oben steht die Gesundheitspolitik (81%).

Hier diese Tabelle (die allerdings aus einer anderen Umfrage vom Januar 2008 stammt):

Politische Agenda 2008, Quelle: PEW




  1. Noch in den 60er und 70er Jahren konnte man einigermaßen trennscharf zwischen (klein-)bürgerlichem, konservativ-gehobenem oder dem klassischen Arbeitermilieu unterscheiden. Diese waren vorrangig industriegesellschaftlich geprägt. []
  2. Vgl. das Schaubild. Beide Darstellungen sind der Pew-Pressemitteilung bzw. dem PDF entnommen. []
  3. Im Wortlaut der Studie: “Only 19% of Republican college graduates say that there is solid evidence that the earth is warming and it is caused by human activity, while 31% of Republicans with less education say the same.” []
  4. Ob durch menschlichen Einfluß oder nicht. []
  5. Christian Reinboth kommentierte: “Moment mal…. Keine dicken Geländewagen mehr? Keine Verschwendung von Lebensmitteln? Keine Tag und Nacht laufende Klimaanlage mehr in jedem Zimmer? Und das in den USA?” []
Marc Scheloske
Marc Scheloske
Ich bin Sozialwissenschaftler und freier Journalist. Ich schreibe (Fach-)Artikel, blogge und führe Workshops und Schulungen zum Thema 'Wissenschaftskommunikation und Social Media' durch. → weitere Infos
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Kommentare

2 Reaktionen »

  • Stefan :

    Was Essen und Klima angeht, so empfehlen US-Forscher ihren Landsleuten gerade, gelegentlich von Schwein und Rind auf Fisch, Huhn und Gemüse umzusteigen:
    http://www.eurekalert.org/pub_releases/2008-05/acs-acs042908.php
    Wenn Du Meinungsäußerungen aus dieser Diskussion mit Deinen anderen Daten mixt, kommst Du ja vielleicht doch noch zu einer Liste von Lieblingsgerichten nach Parteizugehörigkeit…

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  • Marc :

    @Stefan:

    Danke für den Link. Wirklich interessant, daß (was auch plausibel ist, wenn man sich es überlegt) allein die Zusammenstellung unseres Speiseplans was die Eiweißkomponente angeht, eine Klimalenkungsfunktion hat. (Naja, man weiß das ja ohnehin, aber mit wissenschaftlicher Unterfütterung liest man sowas ja selten…)

    Oder konkret: die ökologisch bewußten Konsumenten zeigen dem argentinischen Steak die rote Karte und angeln sich stattdessen aus dem heimischen Flüßchen ne Forelle.

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