Einstein hätte geflucht » Bienensterben, Insektizid-Lobbyismus und die Ignoranz deutscher Behörden
Nun ist es wieder soweit: dicke Schlagzeilen über rätselhaftes Bienensterben sorgen bei der morgendlichen Zeitungslektüre für Mißstimmung. Werden sich die Honigfreunde bald an steigende Preise gewöhnen müssen, wenn die Nektarproduzenten millionenfach dahingerafft werden?
Aber kommen uns solche Meldungen nicht allzu bekannt vor? War nicht unlängst sogar von Bienen-AIDS die Rede? Und was ist schon der Verlust von 7000 Bienenvölkern, der derzeit von Imkern im Rheintal beklagt wird, wenn wir uns an die Horrormeldungen vom Vorjahr erinnern? Der aktuelle Fall ist sicher kein Grund zur Beunruhigung, aber wieder ein hochinteressantes Lehrstück über die Kollision wirtschaftlicher und ökologischer Interessen und die uneindeutig-unglückliche Rolle hiesiger Umwelt- und Risikoregulierungsinstanzen.
Im Rheintal beklagen Imker den Verlust tausender Bienenvölker
Aber der Reihe nach: während vergangenes Jahr v.a. Imker aus den USA über den Verlust von bis zu 80% ihrer Bienenvölker berichtet haben, befindet sich das Zentrum des aktuellen Bienen-Massensterbens direkt vor unserer Haustür. Im Rheintal und vereinzelt auch in bayerischen Gegenden (etwa rund um Passau) sind in den letzten Wochen massenhaft tote Bienen vorgefunden worden.
Anders als in den USA, wo die Bienen 2007 einfach spurlos verschwanden und man dieses Phänomen auf den Namen “Colony Collapse Disorder (CCD)” taufte1, sind dieses Mal die “Opfer” immerhin verfügbar und können analysiert werden.
Was steckt dahinter?
Die möglichen Ursachen, die für das Kollabieren der Völker in Frage kommen, sind vielfältig: Bakterien, Viren, Pilze. Oder war es doch die berüchtigte Varroa-Milbe, die einst aus Asien eingeschleppt wurde?2 Der obligatorische Völkerverlust über den Winter hatte allerdings nur rund 10% betragen. Diese Verlustquote gilt als Standard.
Weshalb aber nun der massenhafte Exitus, der zudem regional begrenzt auftritt? Und wieso ausgerechnet Ende April? Nun könnte man es - rein hypothetisch - mit einer neuen Seuche zu tun haben, für die bislang niemand eine Erklärung hat, aber gleichzeitig auch niemand eine Verantwortung trägt.
Nach allem, was man heute über das jüngste Bienensterben in Baden-Württemberg weiß, ist aber genau das Gegenteil der Fall: denn erstens hat man - mit großer Wahrscheinlichkeit - die Ursache identifiziert und zweitens hätte man das alles durchaus vorher wissen können. Die große Frage ist nur: weshalb hat man Warnhinweise nicht rechtzeitig ernstgenommen, weshalb hat man die Erfahrungen aus anderen Ländern ignoriert?
Konnte oder wollte man es nicht früher wissen?
Zur Erklärung: in den Proben verendeter Bienen wurden Rückstände des Insektengifts Clothianidin gefunden. Clothianidin ist ein systemisch wirkendes Insektizid, das u.a. auch zur Behandlung von Saatgut eingesetzt wird. Und nachdem 2007 in Teilen Baden-Württembergs und Bayerns erstmals das Auftreten des Maiswurzelbohrers festgestellt wurde, wurde dieses Jahr “gebeiztes” Mais-Saatgut ausgebracht. Nun muß man möglicherweise nur noch 1+1 zusammenzählen, wenn man weiß, daß das Bienensterben kurz nach Ausbringen der Maissaat begann, oder?
Am gestrigen Freitag war es dann auch soweit, daß das Bundesamt für Verbraucherschutz (BVL) in Berlin die Zulassung von allen Saatgut-Behandlungsmitteln, die diesen Wirkstoff enthalten, auf Eis legte. Die Stellungnahmen der Forscher des Julius-Kühn-Instituts in Braunschweig, die die Bienen untersucht hatten, waren eindeutig. Dabei war man sich offenbar bis dato recht sicher:
“Weil es als Beizmittel eingesetzt und nicht großflächig versprüht wird, galt das Insektengift als unschädlich für Bienen.” [SZ, 16.5.2008]
Nun ist man angeblich schlauer: bei der maschinellen Ausbringung des gebeizten Saatguts könne eine feine Clothianidin-Wolke entstehen, die auf benachbarte Wiesen und Blüten abdrifte und dort von den Bienen aufgenommen werde. So die vorläufige Erklärung.
Der Übeltäter steht fest: des Insektizid Clothiandin landete bei der Mais-Aussaat nicht nur im Boden, sondern auch in der Luft
Aber kam das Bienensterben wirklich überraschend? Tatsache ist, daß Umweltverbände und hochrangige Imker seit Jahren das Verbot genau dieser Insektizide fordern.3 Clothianidin ist - seiner Bestimmung nach - ein hochtoxisches Fraß- und Kontaktgift und zählt ebenso, wie das Insektizid Imidacloprid zur Gruppe der Neonicotinoide.
Seit Jahren wird gewarnt
Sowohl Clothianidin (Handelsname “Poncho Pro”), als auch Imidacloprid (erhältlich als “Goncho”) werden von Bayer CropScience hergestellt und vertrieben. Und sie gehören, wen wundert’s, zu deren Top-Produkten. Imidacloprid zählte 2004 mit einem Umsatz von mehr als einer halben Millarde Euro jährlich (!) zu den wichtigsten Bayer-Produkten, seit 2004 ist das Nachfolgeprodukt mit dem Wirkstoff Clothianidin am Markt positioniert.
Die Insektizide bringen Bayer CropScience fetten Umsatz. Und nun negative Schlagzeilen…
Hinweise aus Frankreich oder Italien interessierten nicht
In Frankreich wurde interessanterweise bereits im Mai 2004 die Zulassung von Imidacloprid als Saatgutbeizmittel aufgehoben.4 Und auch eine Warnung der französischen Veterinärämter zu Frühjahrsbeginn 2008, interessierte die deutschen Behörden offensichtlich nicht: die Franzosen warnten ihre Imker eindringlich, mit ihren Bienenvölkern die Gebiete, in welchen das Gift eingesetzt werde, zu meiden.
Aber im BVL in Berlin scheint man nicht nur blind zu sein, was die Expertise der französischen Fachleute angeht. Auch für den Fall, daß aus Italien irritierende Stellungnahmen zu vernehmen sind, hat man offenbar Scheuklappen oder Ohrstöpsel bereitgelegt.
Denn das auffällige Bienensterben entlang des Rheins kam für Insider mit einer Vorankündigung: in Italien waren vor einigen Wochen ebenfalls massenhaft Völker gestorben. Ebenfalls im direkten Zusammenhang mit der Ausbringung von Mais-Saatgut5 - und die italienischen Behörden hatten ebenfalls Clothianidin in den Bienen gefunden.
In Frankreich wurde die Zulassung zurückgezogen und erst vor wenigen Wochen fand in Italien ebenfalls ein Massensterben von Bienen statt - Ursache damals: Rückstände von Clothianidin
Weshalb aber wartet man in Deutschland erstmal ab, bevor man hier die Zulassung aussetzt? Gab es eine Güterabwägung, ob man lieber ein Bienensterben in Kauf nehmen wollte oder die Ausbreitung des Maiswurzelbohrers bekämpfen? Oder war einfach die Lobbyarbeit und Beschwichtigung seitens Bayer CropScience so effektiv?6
Wie gesagt: mit den Insektiziden verdient Bayer viel Geld. Allein mit den beiden nun ins Schußfeld geratenen Wirkstoffen kommt man derzeit ca. auf 800 Millionen Euro Umsatz.
Da kann man Warnhinweise durchaus einmal ignorieren. Erst recht, wenn die Kritik von Dauernörglern wie Greenpeace kommt7 - diese hatten übrigens Anfang Februar Clothianidin auf ihre “Schwarze Liste der Pestizide” gesetzt. Und dort steht es offensichtlich vollkommen zu Recht.8
- Charisius, Hanno: Tod im Maisfeld, SZ, 16.5.2008
- Jacobasch, Stefan: Honigsammler unter Druck, Mahlzeit-Blog, 15.5.2008
Weitere Links:
- Greenpeace: Die Schwarze Liste der Pestizide, 7.2.2008
- Schuh, Hans: Die Biene, das Geld und der Tod, Die ZEIT, 24.5.2007
- Steinberger, Petra: Das spurlose Sterben, Süddt. Zeitung, 12.03.2007
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- Und über die Hintergründe besteht immer noch keine Klarheit. Denn die Bienenvölker hatten ihre Stöcke zurückgelassen, obwohl ihre Brut und Pollen dort eingelagert waren. In Frage kommen verschiedene Krankheitserreger, etwa die Varroa-Milbe, aber auch Pestizide und andere Umweltgifte. Experten gehen von einer multifaktoriellen Verursachung aus. Insofern könnte man den “Bienenvolk-Kollaps” auch als Stressymptom lesen. [↩]
- Übrigens waren es vermutlich deutsche Forscher (des Bieneninstituts Oberursel), die zu Untersuchungszwecken asiatische Bienen eingeführt hatten und die Milbe nach Europa brachten. Während asiatische Bienen allerdings die Schäden durch die Varroamilbe begrenzen können, haben ihre europäischen Verwandten keinen geeigneten Mechanismus entwickelt, um mit diesem Parasiten umzugehen. [↩]
- Manfred Hederer, Präsident des Deutschen Berufs- und Erwerbsimkerbunds, beklagte: “In allen 15 bisher untersuchten Proben verendeter Bienen ist Clothianidin gefunden worden.” Schon im Juli 2006 hatte Hederer in einem Brief an das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit scharfe Kritik an der Zulassung des Pestizids geäußert und vorausgesagt, “dass Clothianidin für unsere Bienen zu einer großen Gefahr werden wird”. Quelle: Presseerklärung des cbgnetwork [↩]
- Und ebenfalls 2004 forderte die französische Umweltministerin Roselyne Bachelot die deutschen Behörden dazu auf, das Bayer-Insektizid “Gaucho” zu verbieten. Hintergrund: das staatliche Forschungsinstitut “Comité Scientifique et Technique” hatte die Saatgutbehandlung als “signifikantes Risiko für Bienen” bezeichnet. [↩]
- Die Aussaat findet in Italien aber eben einige Wochen früher statt. [↩]
- Befremdlich ist etwa, daß Bayer auf seiner Website eine Halbwertzeit von Clothianidin von 120 Tagen angibt - die US-Behörden gehen aber bspw. von ca. 3 Jahren aus. Ebenso seltsam mutet es allen Bienenkennern an, daß Bayer zum Nachweis der Unbedenklichkeit lediglich eine Studie über 3 Wochen durchführte und das nicht zur Hauptblütezeit, sondern erst im späteren Sommer. Die Imkerverbände nennen weitere Indizien, wie sich Bayer u.a. Ausnahmeregelungen erstritten hat, um die Zulassung zu erhalten. [↩]
- Wie mich Eric Zeissloff per Mail informiert, so waren die deutschen Imker-Spitzenverbände auch lange Zeit zurückhaltend, was die Kritik anging. Hier scheint es innerhalb der Fachorganisation unterschiedliche Standpunkte gegeben zu haben. Nun haben freilich die Kritiker - Eric Zeissloff gehört dazu - Recht bekommen. Ergänzender Link: Zeissloff, E. (2003): Schadet Imidacloprid den Bienen?, in: beekeeping.com [↩]
- Zur Aufklärung bzgl. der Überschrift - gelegentlich wird Albert Einstein folgendes Zitat zugeschrieben: »Wenn die Bienen verschwinden, hat der Mensch nur noch vier Jahre zu leben; keine Bienen mehr, keine Pflanzen, keine Tiere, keine Menschen mehr.« Belege für diesen Ausspruch liegen allerdings nicht vor, dennoch ist die These einigermaßen bedenkenswert. [↩]
Über diesen Artikel
Sie lesen gerade »Einstein hätte geflucht » Bienensterben, Insektizid-Lobbyismus und die Ignoranz deutscher Behörden«, einen Artikel der Wissenswerkstatt.
- Veröffentlicht am
- 17. Mai 2008 | 18:22
- Autor:
- Marc
- Abgelegt unter:
- Gesellschaft
- Schlagworte:
-
Ökologie, Risiko, Risikogesellschaft, Umwelt, Wissen
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- Gelesen: 1408 · heute: 8 · zuletzt: 29. August 2008, 17:41
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