Stammgäste, Passanten und die Wissenswerkstatt » Ein Interview über Sinn und Zweck wissenschaftlicher Blogs

WerkstattWissenschaftliche Blogs haben in den letzten Monaten einen deutlichen Aufmerksamkeitszuwachs erzielt. Das ist einerseits am Anstieg der Besucherzahlen, andererseits an der stetig steigenden Anzahl wissenschaftlicher Blogs abzulesen. Die Zeiten, in denen Wissenschaftsblogger in der Blogosphäre als Exoten galten, sind vorbei. 1

Und auch der Wissenschaftsjournalismus entdeckt allmählich, daß sich Wissenschaftskommunikation in und durch das Web 2.0 verändert. Von einem eher konventionellen (wissenschafts-)journalistischen Standpunkt aus, ist es sicher gewöhnungsbedürftig, daß Wissenschaftler u.a. in ihren Blogs direkt und offensiv den Kontakt zum interessierten Publikum suchen. Allerdings wird auch erkannt, daß hier sowohl für den Journalismus, als auch für die Wissenschaftler spannende Chancen verborgen sind.

Am 2. Juli 2008 findet in Darmstadt ein “Tag des Wissenschaftsjournalismus” statt. Derzeit laufen die Vorbereitungen und Themensuche für die Podiumsdiskussionen und Vorträge. In diesem Zusammenhang haben mir die Studenten des Studiengangs Wissenschaftsjournalismus einige spannende Fragen gestellt.

Hier also das “Interview” mit meinen Antworten rund um wissenschaftliches Bloggen, die Motivation und die anvisierte Zielgruppe. Außerdem geht es um die Klärung, ob möglicherweise die journalistische Ressortaufteilung antiquiert ist, weshalb Wissenschaftsblogs eine Zumutung sind, aber dennoch immer noch besser als ein Wissenschaftsjournalismus, der am Agenturtropf hängt:

» Wer sind die Nutzer Ihrer Internetseiten, bzw. von Blogs im Allgemeinen?

Gute Frage, wenn ich das nur wüßte. ;-) Die bloßen Statistiken über die Anzahl der Besucher, die angeklickten Seiten etc. geben ja keine Auskunft darüber, wer das eigentlich ist. Ich kann nur indirekt aus den Statistiken ableiten, daß es (zum Glück) einen festen Kern an Besuchern gibt, die fast täglich oder wenigstens 2-3x pro Woche vorbeikommen und somit vermutlich (fast) alle Artikel lesen bzw. davon Kenntnis nehmen.

Das sind für die Wissenswerkstatt derzeit schätzungsweise rund 300-400 Personen. Dazu zählen einerseits die Feedabonnenten und zusätzlich einige Stammgäste, die eigentlich täglich “persönlich” vorbeikommen. Daneben gibt es natürlich das Publikum, das über Suchmaschinen (hauptsächlich Google) vorbeigeschwemmt wird. Das sind rund 1/3 aller Besucher. Die meisten Besucher, die über Google bei mir landen, interessieren sich offenbar für wissenschaftspolitische Fragen, Besoldungsstufen, Bildungspolitik und die Sorgen und Nöte des wissenschaftlichen Nachwuchses.

Was suchen Google-Nutzer hier? Hauptsächlich Wissenschafts- und Bildungspolitik. Genauso werden Gesundheitsthemen stark nachgefragt.

Außerdem kommen auch täglich Besucher, die Fragen zu Nahrungs- und Lebensmittelrisiken haben oder sich bzgl. der Gesundheitsrisiken von bestimmten Medikamenten oder bspw. dem Risiko von Röntgenuntersuchungen informieren wollen.

Wie gesagt: das sind meine Rückschlüsse aus den Suchanfragen und den Besucherstatistiken. Generell kann ich sagen, daß ich durchaus sehr zufrieden bin, was die Besucher meiner Werkstatt angeht. Sie sind höflich, kommunikativ und argumentieren meist kritisch, aber immer fair.

Wenn ich - frei nach Max Weber - einige “idealtypische” Besucher skizzieren müßte, sähe das so aus:

Als Stammgäste:

  1. Andere Wissenschaftsblogger und Wissenschaftsjournalisten mit Web-2.0-Affinität. Unabhängig von der jeweiligen thematischen, disziplinären Ausrichtung.
  2. Studenten, Doktoranden und einzelne Wissenschaftler, die den Themenmix2 hier offenbar lesenswert finden. Darunter sind wohl, wie ich aus Kommentaren und Zuschriften weiß, recht viele Sozial- und Medienwissenschaftler.
  3. Internetnutzer, die eher zufällig auf meine Werkstatt aufmerksam geworden sind, aber sich dennoch den RSS-Feed abonniert und ein Lesezeichen erstellt haben.

Als Passanten:

  1. Blogger und Blogleser, die bei ihren Streifzügen durch das Web 2.0 auf einen Link stoßen, der in die Werkstatt führt oder auf anderen verschlungenen Pfaden hierher finden. Wenn diesen mein Stil oder die thematische Ausrichtung nicht gefällt, kommen die auch nicht wieder.
  2. Die oben erwähnten Gäste, die durch Suchmaschinen hierher gespült werden. Hier gibt es ja eine konkrete Frage und möglicherweise wird diese durch meine Artikel beantwortet oder vielleicht ist auch ein weiterführender Link dabei. Aber auch hier werden wohl die wenigsten ein weiteres Mal meine Werkstatt beehren.

» Wen sprechen Sie mit Ihren Seiten an, wen möchten Sie erreichen?

Wie oben erwähnt, bin ich im Grunde recht zufrieden. Wenn andere Blogger mit wissenschaftlichem Schwerpunkt hier mitlesen, ist das klasse. Ebenso toll ist es, wenn sich hier im Anschluß an manche Artikel sehr gute, ertragreiche Diskussionen entfalten. Das ist natürlich ein wesentlicher Aspekt, der das Blogdasein ausmacht.

Wer seine Kommentatoren nicht als Bereicherung betrachtet, kann das bloggen auch bleiben lassen.

Wer Kommentare nicht erst nimmt, kann das bloggen bleiben lassen. Meine Kommentatoren tragen sehr viel zur Wissenswerkstatt bei, denn oftmals weisen Kommentatoren auf einen zusätzlichen Aspekt hin, den ich im Artikel selbst vergessen habe oder ergänzen den Artikel durch zusätzliche Links. Und ich schalte mich ja selbst meistens wieder im Kommentarverlauf ein und nehme darauf Bezug. Das ist natürlich spannend, lehrreich und bietet m.E. auch für die Leser einen handfesten Mehrwert.

Aber nochmal zurück zur Frage, denn mein “Zielpublikum” besteht natürlich keineswegs ausschließlich aus anderen Bloggern oder Kommentatoren. Denn grundsätzlich möchte ich allen Interessierten solche Informationen und Artikel bieten, die sie eben andernorts eher nicht finden. Das Alleinstellungsmerkmal (das gilt generell ja eben wieder für alle Wissenschaftsblogs) kann der individuelle Stil sein3 oder eben der Luxus, daß man in Blogs die Themen nur kurz anreißen kann und später ausbauen oder gleich sehr umfassend, mit vielen informativen Links arbeitet etc.

Ein Alleinstellungsmerkmal wissenschaftlicher Blogs sind die Kommentare: dort findet man oft weitere Infos, Links und spannende Diskussionen.

Und ein anderes Pfund, mit dem wissenschaftliche Blogger wuchern können, ergibt sich aus dem Web2.0-Kontext. Es sind schlicht die Kommentare und Trackbacks. Denn wer bei mir mitliest, der kann sofort nachfragen oder findet evtl. bereits durch andere Kommentatoren die Fragen beantwortet, die er noch hatte. Ebenso laden eben Trackbacks zum weitersurfen ein. All das findet man in dieser engen Kopplung in klassischen Online-Medien nicht.

Also ganz kurz beantwortet: mein Publikum sind alle Leser, die sich für meine Themen interessieren und eben den Web2.0-Mehrwert zu schätzen wissen.

» Die Wissenswerkstatt schafft ja auch eine Verbindung zwischen Sozial- und Naturwissenschaften. Kann man dieses Zusammenführen als einen neuen Trend betrachten?

Das ist natürlich eine hochspannende Frage, wobei ich in der Hinsicht denke, daß ich hier nicht als Vorbild bzw. Trendsetter zu gebrauchen bin. Es ist ja schlicht so, daß ich Sozialwissenschaftler bin, aber mich seit Jahren schwerpunktmäßig mit wissenschafts- und techniksoziologischen Fragen befasse. D.h. also, daß ich eben aus diesem Grund ein Grenzgänger bin.

Ich habe kein naturwissenschaftliches Fach studiert und bin hier also letztlich auch nur interessierter Laie. Zwar war Biologie zu Schulzeiten eines meiner besseren Fächer, aber andere Blogger oder Journalisten sind mir natürlich was Physik, Chemie u.ä. angeht, weit überlegen. Wenn ich doch über naturwissenschaftliche oder medizinische Themen schreibe, dann versuche ich das so gut wie möglich zu recherchieren. Man hat ja dann einen gewissen Erfahrungsschatz, aber fachlich kann ich die Qualität von naturwissenschaftlicher Forschung natürlich nicht beurteilen.

Bei mir steht nur ein sozialwissenschaftliches Studium im Hintergrund, auch wenn ich mich mit Technik und Wissenschaft befasse.

Insofern liegt bei meinen Artikeln meist der Schwerpunkt auf den gesellschaftlichen Facetten und Effekten (natur-)wissenschaftlicher Forschung. Denn einerseits findet man natürlich unter den Forschern selbst eine gewisse Betriebsblindheit, die ich als Außenstehender thematisieren kann, andererseits gibt es ja fast immer Konsumenten, Anwohner, Verbraucher, die möglicherweise betroffen sind und deren Perspektive ich dann stärker betone. Das ist aber tatsächlich meiner Herkunft als Soziologe geschuldet, der sich als Gegenstand u.a. die Wissenschaft (die ja eben Teil der Gesellschaft ist) herausgesucht hat.

Verallgemeinern kann man den Brückenschlag zwischen Natur- und Sozialwissenschaften vermutlich also nicht, wenn man das an einzelnen Bloggern festmacht. Allerdings ist es so, daß Blogs insgesamt dazu beitragen, daß die Scheuklappen der einzelnen Blogger bzw. Wissenschaftler minimiert werden. Ich erlaube mir etwa in Blogs von Molekularbiologen oder von Chemikern zu kommentieren - und diese müssen sich in bestimmter Weise zu meinem Kommentar verhalten. Sie können irritiert sein, sie können sich ärgern oder den Kommentar als Anregung nehmen. Ignorieren können sie ihn nicht.

Bloggen steigert die Sensibilität für die eigene disziplinäre Beschränktheit. Blogs sind Medizin gegen disziplinäre Scheuklappen und gegen die Verabsolutierung des eigenen Standpunkts.

Was ich damit illustrieren will: durch das Bloggen wächst die Sensibilität für die eigene disziplinäre Beschränktheit und gleichzeitig nimmt man wahr, wie andere Wissenschaftler “ticken”, die nicht Fachkollegen sind.

Man entdeckt Gemeinsamkeiten und Unterschiede. Und im Ergebnis lernt man durchaus voneinander, das ist zumindest meine Erfahrung. Wissenschaftliche Blogs fördern also interdisziplinäres Denken und sind ein Instrument gegen die Verabsolutierung des eigenen Standpunkts.

Für wissenschaftliche Blogger könnte man also vermutlich durchaus konstatieren, daß sie eher wahrnehmen, was außerhalb ihres eigenen Fachgebiets passiert.

» Ist gar die konventionelle journalistische Unterteilung in Ressorts antiquiert?

Für die Einteilung in die klassischen Ressorts wie Politik, Sport, Kultur oder eben Wissenschaft, sprechen natürlich gute Gründe. Ich persönlich lege bspw. den Sportteil fast immer beiseite, Ressorts dienen eben der Orientierung und erleichtern die Mediennutzung angesichts knapper Zeitressourcen. Wenn man - auch online - diese Einteilung aufweicht, so muß man sich andere Orientierungsmarkierungen überlegen, wie die Leser schnell zu den Informationen navigieren können.

Welche Orientierungsmarken füllen das Vakuum, wenn man die Ressorts aufgibt?

Gleichzeitig ist - neben der Rezipientenseite - natürlich auch die Redaktionsstruktur an den Ressorts aufgehängt. Daß der Sportjournalist einen Kommentar zur neuen Gentechnikgesetzgebung schreibt, sollte man in der Regel weder ihm, noch den Lesern zumuten. Ich halte also Ressorts für sinnvoll, wenngleich deren Bedeutung sinken wird. Blogs tragen durch ihre Personalisierung dazu bei. Ich schreibe hier ja auch zu Politik, zu Wissenschaft, zu kulturellen Themen und manchmal bespreche ich auch Rockbands. Wer hier also regelmäßig mitliest, muß da durch oder klickt eben die Texte, die ihn nicht interessieren wieder weg.

Wissenschaftliche Blogs sind insofern durchaus eine Zumutung: sie verlangen von ihrem Publikum, daß es sich auch auf Texte einläßt, die nicht so glatt und gefällig sind, wie man es von den journalistischen Profis gewohnt ist und der Leser muß auch die Irritation aushalten, daß er direkt im Anschluß an einen Artikel über neue Entwicklungen der Hirnforschung etwas über das schlechte Abschneiden des Hamburger Sportclubs beim letzten Spieltag findet.

Wissenschaftliche Blogs sind nicht perfekt, nicht glatt, meist etwas eigenwillig. Aber sie haben Profil und Charakter. Qualitäten, die der Online-Wissenschaftsjournalismus nie besessen hat.

Wenn der Blogger eben Fußballfan ist, zumal unglückseligerweise HSV-Anhänger, so ist die Wahrscheinlichkeit recht hoch, daß man plötzlich die Sportberichterstattung mitgeliefert bekommt. Dafür sind Blogs in der Regel eben deutlich authentischer und haben immerhin ein eigenes Profil, was man vom Online-Wissenschaftsjournalismus nicht behaupten kann.

Das Wiederkäuertum, die Aufbereitung der immergleichen Agenturmeldungen ist in meinen Augen das Hauptärgernis an einem solchen Wissenschaftsjournalismus. Weshalb finde ich täglich auf allen deutschen Online-Wissenschafts-Kanälen fast immer die identischen Themen? In Blogs lese ich stattdessen auch Neuigkeiten und Kommentare zu Meldungen, die spannend sind, aber sonst durchs Raster gefallen wären. Hier liegt eindeutig die Stärke bei Blogs. Die sind indivdueller, haben ein klareres Profil und sind eben glücklicherweise nicht so stark an Tickermeldungen orientiert.

- fin -

So, abschließend muß ich mich bei Dorothee Schulte bedanken, die mir diese Fragen im Auftrag ihrer Kommilitonen gestellt hat. Ich wünsche eine erfolgreiche Vorbereitung und bin natürlich gespannt, was in ziemlich genau zwei Monaten (genau am 2.7.2008) in Darmstadt bei den Podiumsdiskussionen besprochen und diskutiert wird.




  1. Was sicher auch damit zu tun hat, daß mit den beiden Blogportalen Scilogs und Scienceblogs, sowie dem Wissenschafts-Café inzwischen drei zentrale Anlaufstellen bzw. Gravitationszentren entstanden sind. Und auch die steigende Technorati-Werte - vgl. die aktuellen Charts - sind ein Indiz hierfür. []
  2. Gelegentliche Notizen zu Neuigkeiten aus Wissenschaft und Forschung, dazu Anmerkungen zu neuen Entwicklungen der Wissenschaftskommunikation, abgeschmeckt mit ein wenig Medienkritik und Blogosphären-Small-Talk. []
  3. Das führt bspw. Lars Fischer wunderbar vor, denn solide recherchierte Texte zu (natur-)wissenschaftlichen Themen, die mit einer Prise Humor gewürzt sind, findet man ja sonst (fast?) nirgendwo. []



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